Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 252 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite i 0m / 1dm DIB NEUE WELT Nr. 254 F a r t i n a^i^^,^ Ä Beziehungen zwischen Persien und Detttscfofcmd wurde» s e h r k ü h 1 und jetzt wurde ein gram $a!liiaiuftrag in Persien, ein Ofejekt (ton 400 M i 11 i o n en M<e rk, der betreffenden deutschen Firma abgenommen und nach Schweden gegeben. So ist, schließt „Der Angriff", aus jüdischem Haß gegen einen ttidhÜg'en Heersche* dem deutschen Volk wieder Scbadea getan worden, dazu ein Herrscher, der U VhÄ seto Land tapfer gegen Juden verteidigt hat, t&*g&& worden. den Auslassungen des „Angriff" ist zu bemerken« daß man bis jetzt nichts davon gehört hat, daß ein ».Jüdischer Rabbiner aus Hamadan" an einer Verschwörung gegen den Schah beteiligt (wie die «Neue Welt" ausführlich berichtete) gewesen und gehängt worden wäre; wohl aber wurde vor einigen Monaten der einstige jüdische Abgeordnete im persischen Parlament Josef Levy nach fast zehnjähriger qualvoller Haft gehängt, weil man ihn beschuldigte, daß er vor zehn Jahren an einer Verschwörung gegen den Schah teilgenommen hat. In Wirklichkeit besteht gegen Levy nicht der Schatten eines Sohuldtbe weises, im ganzen Lande herrscht die Ueberaeugung vor, daß man ihn darum in den Prozeß verwickelte, der mit einem Todesurteil endete, weil er im Parlament offen gegen der jüdischen Bevölkerung angetanes Unrecht auftrat und darum den Machthabern unbequem wurde. Ueber den Fall Levy hat aber die Presse, die „Der Angriff" als „Judenpresse" tituliert, nicht ein Wort gebracht. Eine männliche/ würdige Antwort lieber die Tendenz des Zionismus'Revifiomsmrif Das beliebte Mittel — vielleicht das einzige Mittel t ry» um den Zionismus- Revisionismus und seine taftflte Jugendorganisation, den Brit Trumpeldor (Bätarj, 5BU bekämpfen, besteht darin, den Revisionismus $1$ Kopie antidemokratischer, fremdnationalistijscher Bewegungen (Faschisten, Hakenkreuzler etc.) mit f reVif hörender Tendenz zu denunzieren. Mit Beharrlichkeit, die aber in diesem Falle nur das Resultat des Mangel« an wirklichen Argumenten gegenüber der revisionistischen Auffassung und Kritik ist, wurde immer nnd immer wieder von den revisionistischen „Nazis", ^asohisten" etc. etc. gesprochen. Das folgende Schreiben, welches der Führer des Revisionismus und oberste Leiter des Betar, V. J ab o ti ns ky< an den!Führer des palästinensischen Betar, Dr. J. Fröhlich, gerichtet hat, gibt 4it offener und rückhaltloser Form die Tendenzen bekannt, welche die verantwortlichen Stellen der revisionistischen Bewegung vertreten. Der Brief lautet: Wie ich aus Ihrem Bericht sowie aus anderen Quellen erfahren habe, wird in manchen Kreisen des palästinensischen Betar eine Diskussion darüber geführt, ob das Programm des Betar. notwendig und nützlich sei. Es wird die Frage behandelt: „Wäre es nicht angebrachter, das' Progr.amni aufzugeben und die Kräfte des Betar .i 1,1 egalen Formen der politischen Arbeit zuzuführen?'* In diesem Zusammenhang habe ich die Ehre, Ihnen folgende' Richtlinien bekanntzugeben: '.f-.;'i;- ■•. -. :}. ,■->. < l.'.i ■ ,-. {•,;<. i. Es steht außer Zweifel, daß in. gewissen Momenten ünd unter gewisse» ^BedihguTtfeöH "die illegalen Formen des politischen Kampfes unvermeidlich und notwendig sein können. Diese Formen dürfen selbstverständlich nicht zu den Forderungen der Ethik, insbesondere zum Gesetz der Unantastbarkeit 'd'Cs menschlichen Lebens (mit Ausnahme der Notwehr) im Gegensatz stehen. Unter der Voraussetzung der Wahrung dieser Bedingungen verdient eine solche^Tätigkeit im entsprechenden histdrisehen Augenblick die öffentliche Anerkennung. Und die Leute, die in dieser Tätigkeit leiden mußten, verdienen geachtet zu werden. Mehr als das; es ist denkbar, daß der Fall eintreten kann, daß eine Organisation, die selbst auf legalem Boden steht, gezwungen oder sogar moralisch verpflichtet sein wird, ihrer Sympahtie für Handlungen illegaler Natur öffentlich Ausdruck zu verleihen. Jedenfalls kann keine Organisation, die auf Würde Wert legt, ein Mitglied nur deshalb aus ihren Reihen weisen, weil es als Einzelperson an einem ehrlichen illegalen Kampf für ein ehrliches Ziel teilnimmt. 2. Jedoch der Brit Trumpeldor in Erez- Israelundin der Gajuth ist eine Organisation, die sich ausschließlich legale Ziele stellt. Und zwar diejenigen, die in ihrem Programm enthalten sind. Weder der Brit Trumpeldor noch Teile der Organisation als solche besitzen das Recht, an Handlungen teilzunehmen, die in diesem Programm nicht vorgesehen sind. 3. Dieses Programm des Brit Trumpeldor, das in der Tradition geschaffen und von der Konferenz in Danzig bestätigt wurde, ist ein umfassender Erziehungsplan, sowohl in sittlichem und kulturellem Sinne als auch im Sinne der staatsbürgerlichen und Wehrhaften Ausbildung. Es nmfaßt nicht nur die Aneignung der hebräischen Sprache, einer nationalen Staatsgesinnung, der Fähigkeit zur Arbeit und zum Selbstschutz, sondern anch diePflegeritterlicherFormen, das Streben zum inneren nnd äußeren;,Hadar" und die Achtung vor den Grundlagen des demokratischen öffentlichen Lebens. Dieser vornehme nnd würdige Charakter der betarischen Ideologie wird keinerlei Aenderungen unterzogen werden. Die Entwicklung des Brit Trumpeldor wird unter allen Umständen diesen noch nicht erreichten, aber unbedingt zu erreichenden Idealen zugeführt werden. Die Ablehnung dieser Ideologie ist mit einer Teilnahme am Brit Trumpeldor unvereinbar. Tel-Chaj! Ihr V. Jabotinsky, Rosch-Betar. Was die Ziönisten Hollands sagen Herbe Kritik und Warnung Die Organisation der Ziönisten Hollands, eine der ältesten und bewährtesten in' der Bewegung, hat aus Anlaß der bevorstehenden Sitzung des Aktionskomitees an die zionistische Exekutive ein Memorandum gerichtet, in welchem die Zustände in der zionistischen Organisation und in ihrer Leitung einer scharfen Kritik unterzogen werden. Es ist von Männern unterzeichnet, welche zu den allerbesten Köpfen im Zionismus zählen, so von Neheraia de Lime, F. Bernstein u. a. Es ist interessant, festzustellen, daß diese zionistischen Führer, welche mit denr Z i o n i s m u s - R e v is i.o n ia.m u s organisatorischen a c h t s gemein haben, sich in ihrer Kritik '■< Urid'^'ifb'" ihren Schlußfolgerungen absolut mit der revisionistischen Opposition identifizieren. Charakteristisch ist die Feststellung, daß, obz.war der letzte Kongreß die von Professor Weizmann. und seinen Freunden vertretene Politik energisch' abgelehnt und Professor Weizmann nicht wiedergewählt hat,, in der neuen Exekutive Männer der abgelehnten Politik (Arlbsoroff, Berl-Locker u. a.) den Einfluß an sich ge? rissen haben und die abgelehnte Politik weiterführen'. Das Memorandum befaßt sich ausführlich mit politischen und wirtschaftlichen Fragen,. Dem. politischen Teile seien folgende Stellen entnommen: „Was die Organisation (betrifft» geht der A u f- 1 ö s u n g s p r o z e ß in immer, rascherem Tempo vor sich. In politischer Beziehung isf keine' eindeutig gewählte Richtung zu erkennen, unsere Politik schwankt zwischen zwei Richtungen hin und her und hat längst den toten Punkt erreicht. Gegen jede Verkleinerung des zionistischen Zieles Die Exekutive hat sich zwischen. zwei Stühle gesetzt. Sie ist, was die Politik betrifft, ein Produkt der auf dem Kongreß ausgeübten Kritik und trotzdem versucht sie, die auf dem Kongreß abgelehnte Politik in vorsichtigen Dosierungen weiterzuführen. Finanziell und wirtschaftlich ist einerseits ein Zustand latenten Bankrotts eingetreten i; anderseits ist von produktiver Arbeit keine Rede mehr und die auf diesem Gebiete vorhandene Impo- . tenz ist noch immer nicht überwunden. laicht wenig ist. das Prestige der Leitung.durch ihr Verhalten den jR. e v i s. i.q.p.i s t.e n^. gegßnüber untergraben worden. ... Einerseits hat man prinzipielle Gegen-, sätze vertuschen wollen, indem man die Revisionisten im offiziellen Organ der zionistischen . Organisation in unwürdiger Weise bekämpfte, wie man überhaupt prinzipielle Ziönisten , in diesem Organ und außerhalb diffa- . mierte, indem man sie als Extremisten brandmarkte. , Man hat sich in dieser Beziehung sogar keine Reserve auferlegt, als sich in Palästina so folgenschwere Ereignisse (Pogrome) abspielten, wie es im Jahre 1929 der Fall gewesen ist, und man die Revisionisten und die sogenannten Extremisten in die Schuldfrage einbezögen hat. Man hat dabei vergessen, daß* der erste derartige, ziemlich durchsichtige' Versuch, Zionisten ads Extremisten zu disqualifizieren, soweit uns be- Jahrzeit in der Krise Von Aron Beresinsky Mit dem ersten Sonnenstrahl schlichen allerlei bettelanme Menschen, Männer und Weiber, gesunde und kranke, wie Schatten von allen Ecken der Stadt zum ehrwürdig kleinen Beth Hamidraech, das kaum noch durch die ringsum liegenden kahlen Bäume durchschimmern konnte: Geschenkte, zerlöcherte Schuhe schleppten sich unbarmherzig, wie zu Trotz, über den klarglänzenden Sohnee, mit dem die Nacht voller Sorgfalt die stillträumenden Gäßchen bedeckt hatte. Sie zeichneten hier die ersten Fußtritte, die ersten Spuren. .. Ein Zuspätgekommener kam dahergelaufen, atemlos, ein verwachsener, bleicher Bettler mit verfaulter (Nase, ihm zur Seite ein kleines, hinkendes Weib, welches daherwackelte wie ein zerwühltes Padc Fetzen, und seine krächzende Stimme zitterte fast vor Freude: ^Naoh alldem heb' ich noch glücklich abgeschnitten . , . Ich hab' doch wirklich ganz vergessen, auf wann die Jahrzeit des Reichen fällt, einen Irrtum gemacht an der Rechnung . . .! Erst heute Nacht hat es mich gepackt, wie ich gelegen bin: ,Waa schläfst du, Uliglückskind, du? Heut ißt doch die Jahr zeit und der Reiche teilt doch Gaben aus . . .' Da hab* ich mich aufgerissen, wie mit heißem Wasser angegossen, und hab' begonnen zu laufen. Und eo lauf ich noch . . ." I „Aj, von Gott verlassene Menschen, die ihr seid", erwiderte ihm die Begleiterin, während sie sich ihre traurigen Augen mit einem Stück Fetzen auswischte,' „solche Sachen darf man nicht vergessen . . . man muß sie fürsorglich' hüten . . , wie seine eigene Jahrzeit . . . vielleicht noch mehr . . . Vielleicht eine Kleinigkeit in heutigen Zeiten ein Guldent Wieviele Häuser muß man abgaben, feto map. eine» Gdbde» »mmmenbrto^ti Vielleicht zweihundert Häuser! Nicht. jeder gibt doch heute. Aber, jet^t sind, wir.,am heiligen. Ort." . Es war noch vor dem ersten Minjan und der Beth Hamidiasch war schon voll gespickt mit armen Leuten, nicht durchzukommen — eine lebendige Ausstellung von Bettlerfiguren; eine Luft , zum Ersticken. Geruch von feuchten, durchgeschwitzten Fetzen und seit langem nicht gewaschenen Körpern. Die feingekleideten Juden von Stand, welche , sich nach und nach zum Beten sammelten, verzogen mit, einer gewissen Verachtung die Nase, und Nissen, der Unterscharames, ein kleines, unscheinbares Männchen, gab wirklich fast die Lunge her, als .er sich durch die Menge mit heiserem Geschrei stieß: „Seht nur, wie diese .Frömmler' sich da hergeschlumpert haben I . . . Der Reiche kommt erst zum dritten Mdnjan und sie haben keine Zeit mehr . ... Nach vorne, Schnorrerbande, nach vorne." Die Schnorrerbande aber hörte auf ihn wie auf die „Katz". Mit ängstlichem Scharren und Gepolter rückten sie näher zum Vorbeterpult, rauchten ihre schäbigen Zigaretten, hatten irgend geschäftliche Auseinandersetzungen einer mit dem anderen und klimperten mit den Kupferlingen. Aber da zeigte eich endlich der Reiche, ein hoher, schwarzbärtiger Jude, mit einem Paar schwermütiger, feuchter Augen und es wurde plötzlich stiUt In die Winkel gedrückt, blickten die Bettler voll stumpfsinniger Ehrerbietung auf jede Gebärde dieses Reichen. Irgendwie sieht er heute schiebt aus, der, Reiche! . . . Es faltet »ich sein Gesicht! . . . Und sein Vorbeteri ist heute auch irgendwie anders als . sonst allemal. Die Stimme scheint' stiller, gedämpft . . . „Amen, sag Amen, hol dich der Teufer, sagte 1 efaesv den ander*« anttofieod ,,, vu eich btixa Reichen einzuschmeicheln . . . raselt wird man die Begegnung haben mit dem Gulden! . . , Und vielleicht fällt, es^ihm heute ein, mehr auszuteilen . . . es haben sich schon einigemal solche Fälle ereignet . . .. Kein Zweifel, er kann es sich erlauben, er kann! . Aber was geschieht da? Wirklich nicht zu begreifen! Zu Ende mit dem Beten, schreitet der Reiche, wie gewöhnlich, zwischen den zwei Reihen ausgestreckter, fiebernder Hände, greift aber nicht, wie immer, in die vollgespickte Brieftasche, sondern gibt den ausgestreckten Bettlerhänden sonderbar abgehackte Worte. „Bisher ist es, kommt es mir vor, niemals so gewesen, ha? . . . Aber Schluß . . man wird es schon aufs nächste Jahr verschieben müssen . . . Glaubt mir, daß ich keinen Groschen im Sack habe . . . Ja, schwere, bittere Zeiten sind gekommen, man geht zugrunde, ohne Ende ..." So redete der Reiche still, mit gesenkten Augen, zu den ausgestreckten Händen. Er bemerkte nicht, wie sie sich allmählich erregten, sich drehend erhoben und ihm schließlich im Wirrwarr den steifen Hut vom Kopf herunterschlugen, undwie ein verwachsener Jude mit bösen Augenbauen den Reichen, kochend vor Wut, anschrie: ... „Was hältst du Menschen zum: Narren, Hallodri einer? Nächstes Jähr — schwächstes Jähr! Wir'kennen schon diese groben Ausreden! Bist ein Hungersack, wie wir alle, und bind' uns keinen Bären auf!" . . „Hinaus, Schnorrerbande, hinaus", wehrte Nissen, der Unterscharames, mit seiner ganzen Kraft die empörten „UnterwUrflinge" ab. Abseits Betende halfen ihm hiebei. Der ganze Beth Hamidrasch war in Bewegung. Nur der Reiche blieb neben dem Fenster stehen und seine Augen starrten in den schmutzigen, zertretenen Sohnee ,