Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 252 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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' Nr, 252 Juden im Jahre 1926 und bloß 17 Prozent im Jahr 1931 ist kein Grund zur Freude. Und wenn man sich auch daran erinnert, daß die beste Volkszählung eine falsche ist und wir heute nicht weit von einem Fünftel der Bevölkerung halten, so heißt das doch fünf Jahre verloren haben. Stolz auf den Jischuw? Ja. Aber der zionistische Rechnungsabschluß? Schlecht. * Noch eines Unterschiedes muß man ständig gedenken. Zwischen einem Regime und einem Oberkommissär. Sogar die primitiven Dorfbauern verstehen heute dieses „Ma nischtana". Der Gouverneur mag der feinste Mensch sein — das hat mit dem Regime, mit der politischen Lage nichts zu tun. Einwanderung verboten; Landkauf behindert;Transjordanien verboten; Selbstschutz verboten; eigene Polizei verboten. Aber der Oberkommissär scheint ein umgänglicher Herr zu sein. Wann hat man gesehen, daß solche persönliche „Eigenschaften" eine Rolle gespielt haben — in der politischen Organisation eines Volkes? Aus der jüdischen Weif Der jüdische Gesandte Amerikas verläßt Prag. Der Gesandte und bevollmächtigte Minister der Vereinigten Staaten von Amerika, Abraham T. Ratshesky, hat dieser Tage seinen Posten verlassen. Ratshesky ist Jude und einer der Wirtschaftsführer Amerikas. Er gehört zu den aktiven Führern der Baron Hirsch Foundation. Das Motiv seines Rücktritts sind wirtschaftliche Interessen, die seine ständige Anwesenheit in "U. S. A. notwendig machen. * Die Juden in Siam. Im Zusammenhang mit der soeben in Siam durchgeführten unblutigen Revolution ist es interessant zu wissen, daß in der Hauptstadt von Siam, Bangkok, etwa 5 0 j ü d ische Familien leben. Die Juden in Bangkok sind im Bekleidungsfach, als Juweliere, Angestellte in Exportfirmen, als Fabrikanten usw. tätig. Die auswärtigen diplomatischen Vertretungen und Konsulate bevorzugen Juden als Beamte. Die alteingesessenen Juden von. Bangkok stammen aus Bagdad, die neu eingewanderten aus Rußland. Die Bagdad-Juden sind führend im Export und Import des Landes. Die Rückgabe der historischen Synagoge in Cordova an die Juden. In der Sitzung des spanischen Parlaments stellte der Deputierte Antonia Jean den Antrag, die historisch bedeutsame Sy na go g e in Cordova der sephardisch-jüdischen- Organisation zurückzugeben. Das Parlament beschloß, den Antrag der Kommission für öffentlichen Unterricht zur Erledigung zu _ überweisen. — Cordova .beherbergte zu verschiedenen Zeiten bedeutende jüdische Gemeinden. Große jüdische Gelehrte, unter ihnen Maimonides, entstammten der jüdischen Gemeinde in Cordova, die in der Märtyrergeschichte der spanischen Juden eine große Rolle spielt und zweimal vernichtet worden war. Im Jahre 1884 wurde in Cordova unter dem Ueberbau einer Kirche eine gut erhaltene Synagoge aufgedeckt," die nach einer aus dem Jahre 1315 stammenden hebräischen Inschrift von Jizchak Moheb erbaut worden war. Diese Synagoge soll nun den Juden zurückgegeben werden. * 6000 jüdische Kinder marschieren am Washington- Tag durch New York. 6000 jüdische Kinder nahmen an einem vom George-Washington-Wald-Komitee des Jüdischen Nationalfonds arrangierten Marsch durch New York teil. Jedes der Kinder verpflichtete sich/ je einen Baum für den George-Washington-Wald in Palästina aus Anlaß des 200. Geburtstages des amerikanischen Befreiers zu spenden. Die Kinder marschierten durch die 28th Street und die Fifth Avenue zum Bryant-Park, wo unter der Leitung des Vizepolizeikommissars. Nelson Rudenberg, Präsidenten des Jüdischen Nationalfonds in Amerika und des George-Washingtoh-Wald-Komitees, ein Festakt stattfand. Die Kinder wurden im Namen des New Yorker David Pin§ki Vor vierzig Jahren kam aus Rußland ein zwanzigjähriger Jüngling nach Wien, der damals die ersten Flügelschläge der jüdischnationalen Renaissance tat. Dieser Jüngling, David P i n s k i, fand eine Atmosphäre vor, die ihren Ozon aus den Niederschlägen der russischen und deutsehen, „Ch.owewe Zipn" genannten Bestrebungen zur Wiedererweckung jüdischen Seine und Lebens bezog. Leo Rinskers geniale Schrift „Autoemanzipa tion" war herübergekommen. Der frühe tapfere Nathan Birnbaum (der spätere Matthias Acher), damals enthusiastischer Vorahner des großen Neuerwachens jüdischer Kultur, war Mittelpunkt eines Kreises geworden, welcher in seiner Zeitschrift „Autoemanzjaption" den Boden für die künftigen Früchte solcher Bestrebungen bereitete, während parallel in den jüdischen M^ssensiedlungen des Ostens im zaristischen Rußland Kulturkräte am Werk waren; der singulare: Mendele Macher Sforim, der geniale Schalom Alejchem, de* inj»£.ti«Jo Jwfa Leib Perez. _DIE NEUE WELT Eine große Erbschaft der Wiener Judengemeinde Wird die Gemeinde den Willen des Erblassers respektieren? — Die Erbschaft in Gefahr Wie wir erfahren, hat der vor wenigen Monaten verstorbene Großgrundbesitzer und Großindustrielle Jacques Weiner in Pernhofen ein Testament hinterlassen, in dem er seinen Sohn Paul Weiner zum Erben seines Millioiienvcrmögens einsetzte. Das Testament enthält die Bestimmung, daß der Erbteil dieses Sohnes zu zwei Dritteln an die Kultusgemcinde für das Versorgungshaus und zu einem Drittel an die Chewra Kadischa fällt, wenn der Erbe eine bestimmte Dame ehelicht oder wenn eine andere Ehe kinderlos bleißt. Der Sohn, Herr Paul Weiner, hat sich an die Kultusgemeinde mit dem Ansinnen gewendet, diese möge auf ihr durch den Erblasser festgesetztes Nach-Erbrecht verzichten und hiefür sich mit 100.000 Schilling abfertigen lassen. Wie wir hören, sind Bestrebungen im Gange, den Kultusvorstand zu veranlassen, gegen den Willen des Erblassers und zum Schaden der Gemeinde auf diesen unwürdigen Handel einzugehen: Wenn es je eine Frage gibt, welche vor der Oelfentlichkeit ausgetragen werden muß, ist es diese* Washington Comittee von Konteradmiral Bradley A. Fiske und im Namen des Bürgermeisters Walker von Polizeikommissar Edward P. Mulrooney begrüßt. Der älteste Mann der Welt — ein Jude. Wie die Zeitungen in Paris melden, liegt endlich eine amtlich verbürgte Meldung über den ältesten Mann der Gegenwart vor. Es ist dies der in Saint-Denis, unweit Oran in Nordafrika lebende Davi.d Salamon Dayan, der sich bester Gesundheit und unverminderter geistiger Frische erfreut. Er ist ein im Jahre 1820 —- das Geburtsdatum wurde behördlich überprüft — in Sousse geborener marokkanischer Jude, Vater von fünf Kindern, Großvater und Urgroßvater einer achtunddreißigköpfigen Nachkommenschaft. Er wird von der mohammedanischen, christlichen und jüdischen Bevölkerung seiner Heimat gleichermaßen verehrt. Drei jüdische Soldaten in Saloniki wegen kommunistischer Propaganda .^verurteilt. Das Kriegsgericht in Saloniki verhandelte gegen elf wegen kommunistischer Propaganda in der Armee angeklagte Soldaten, unter ihnen drei Juden: Leon Saltiel, Sabetay Sion und Samuel Nehamia. Sabetay Sion und Samuel Nehama erklärten, sie seien arme Arbeiter und. hätten die Pflicht, zu begreifen, welcher Klasse sie angehören. Sie fühlen sich als Angehörige der unterdrückten Arbeiterpartei. Leon Saltiel erklärte, tr sei nicht Kommunist und habe auch keine kommunistische Propaganda gemacht. Seine Aussage wurde, durch Zeugen bestätigt. Das Gericht verurteilte Sion und Nehama gleich den angeklagten nichtjüdischen Soldaten zu je vier Jahren Gefängnis und zwei Jahren Deportation. Saltiel erhielt zwei Jahre Gefängnis. Goodwill Society in Shanghai. — Trebitsch Lincoln als Referent. Unter der Aegide des englischen Vereins christlicher junger Männer wurde in Shanghai eine Goodwill Society gegründet mit dem Ziele, freundschaftliche Beziehungen zwischen Christen, Juden, Mohammedanern und Buddhisten zu schaffen. Von jüdischer Seite sprach auf der Gründungsversammlung Charles Gabai. Mit einem .Referat trat auch der bekannten buddhistische Geistliche und Gelehrte Tzao Kung hervor, der früher Trebitsch- Lincoln hieß, als Kind frommer jüdischer Eltern in Seite 3 1 Ungarn geboren wurde, später Mitglied des englischen Unterhauses und nach der Revolution in Deutschland einer der Führer der Konterrevolution war und in der dreitägigen Regierung des Putschisten Kapp das Amt eines Pressechefs innehatte. Es lebe Sdiah Riza Khan! Weil er Juden hängt! ,; . Vor kurzem fand in Berlin ein politischer Prozeß gegen einige persische Emigranten statt; die hier eine Zeitung „Peykar" herausgegeben hatten, in der das Regime des gegenwärtigen Perser- Schahs Riza Khan kritisiert wurde. Bei "dem Prozeß kam zur Sprache, wie sehr jeder freie Gedanke in Persien unterdrückt wird und wie politische Gegner des Schah in Massen hingerichtet - werden. Sogar fünf Brief träger in Teheran, die mit der Post eingetroffene Exemplare des „Peykar" ohne Kenntnis des Inhalts derselben ausgetragen hatten, wurden gehängt. Die Berliner demokratische Presse fand in der Tatsache, daß man in Berlin auf Wunsch des Schah von Persien Prozesse gegen dessen Gegner macht, sowie an der Art, wie dieser Prozeß geführt würde, mancherlei auszusetzen.. Mit dieser Kritik befaßt sich „Der Angriff" vom 4. Juli unter der Ueberschrift: „JüdischeHe^ze ster,t deutsche Äuslandsbeziehunge n". Das nationalsozialistische Organ nennt Riza Khan eine „bedeutende Herrscherpersönlichkeit", die aus der nordpersischen Provinz Mazenderan, „wo noch heute das nordische Blut der alten Perser, unserer Rasseverwandten, stark ist", stammt. Im vorigen Jahre, erzählt „Der Angriff", erfolgte gegen Riza Khan ein Attentat, das ein Gardeoffizier Pulardin „auf Anstiften eines jüdischen Rabbiners aus Haraadan" angezettelt hatte. Das Attentat mißglückte, Pulardin wurde erschossen, der „Jude verdientermaßen ohne 1 an g e s, F e d e r le s e n a u f g e k nüp f t". Seitdem, schreibt"" ,iDer Angriff" weiter, entfaltete die Judenpresse eine niederträchtige Hetzkampagne gegen den Schah und warf dem tüchtigen und ernsten Herrscher Tyrannei vor, bloß weil er sich vor den Anschlägen eines verbrecherischen Juden geschützt hatte. Wegen dieser Hetzkampagne wurde der deutschfreundliche Gesandte So wurde die Verbindung zwischen Ost und West, zwischen dem in sich ruhenden, allmählich schöpferisch werdenden Ostjudentum und dem sehnsüchtigen, neue Lebens- und Kulturformen suchenden Westjudentum geschaffen. Das neue hebräische und jungjiddische Schrifttum sah sich als Produkt dieser Spannungen. In jenem ließ sich der Name David Pinski als Wegbereiter des jiddischen Dramas vernehmen. Sein „E i s i k S c h e f t c 1", das jüdische Arbeiterdrama, gleichzeitig Symbol und Dokument des Ringens einer ostjüdischen Seele im für eie Unbesiegbaren, war Ankündigung der Bewältigung jüdischen Lebens durch dramatische Form. Was an jüdischem Drama, an jüdischem Theater künftighin gestaltet und geformt wurde, knüpft nicht zuletzt an Pinskis dramatische Erstlinge an. Eine Reihe von Bühnenwerken, „Familie Zwi", „Jeckel, der Schmied" u. a., charakterisiert die naturalistische Epoche des Dichters, über die hinaus er, die letzten 36 Jahre im jüdischen New York lebend, in seinen weiteren Werken die umfassende Deutung jüdischen Schicksals anstrebt. Pinski, der Dichter, erweiterte als Mensch der Feder seinen Lebensbereich zum Erzieher der jüdischen Massen, nahm als Publizist und jüdische Persönlichkeit teil an allem, was das jüdische Volkstum bewegt. So kam er auch zur epischen Form, die er in einer Reihe Erzählungen von bleibendem Wert anwandte. Pinski, der Freund der zionistischen Arbeiterschaft, trug in Amerika nicht wenig zur positiven Einstellung der jüdischen Arbeitermassen bei. Zum erstenmal seit 40 Jahren weilt David Pinski wieder in Wien, wo er die ersten literarischen Schritt« gegangen war. Seit der ersten deutschen Aufführung des „Ejs.ik Schelte*" (Intimei Theater in Wien im Jänner 1909 durch den Verein „Jüdische Bühne") blieb der Name Pinski in Wien populär. Aufführungen von seinem „Schatz" mit Rudolf Schildkraut, ungezählte Wiedergaben mehrerer Einakter in deutscher Sprache schufen dem Dichter Anerkennung. Die „Freie jüdische Volksbühne", der erste Versuch, in Mitteleuropa ein repräsentatives jüdisches Theater zu schaffen, hatte so manches Bühnenwerk Pinskis in ihrem Repertoire. Zuletzt war es die hebräische „Habima", die in den Jahren 1926 und 1928 Pinskis ' „Ewigen Juden" in der ihr gemäßen Umformung der an Theaterkultur reichen Stadt Wien vorführte. Pinski kommt aus Erez Israel. Der Besuch des jüdischen Landes hat nach des Dichters eigenem Bekenntnis auf seine Seele revolutionierend gewirkt. Mit innerlich keuschester Beziehung erzählt der aus dem Hexenkessel New York kommende Dichter . vom wundersamen Werk jüdischer Menschen. Neue Perspektiven haben sich seinem Schaffen eröffnet. Ein neues Drama, „H o r r a", der Habima gewidmet, soll das tiefe Erlebnis Palästinas dokumentieren. o. r. David Pinski war Gast des jüdischen Wien. Lr erzählte der Wiener Presse von seinem Besuch in Erz Israel, sprach im Rahmen des „Arbeitenden Palästina" über das neu jüdische Land, las aus eigenen Schriften in einem Kreis von Freunden, die ihn in einem intimen Beisammensein ehrten. Von Wien begibt sich Pinski für längere Zeit na^oh Polen, um über England die Rückreise nach* Amerika anutreten. €Ue10eüufä/,s£eSeH erfüllt von, allen . „Kleinen" die Funktionen der „Großen" am besten! 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