Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 251 (8.7.1932)
- Date
- 1932-07-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nf. 251 DIE NEUE WELT Srfii L in Preußen wohnenden jüdisch-polnischen Bürger unternommen hat, auch weiterhin wachsam sein und nicht zulassen wird, daß an diesen Bürgern irgendwelche Gewalttaten begangen werden. Die Repräsentanz der Warschauer Jüdischen Gemeinde, der größten jüdischen Gemeinde in Europa, spricht allen jüdischen Gemeinden in Deutschland ihr Mitgefühl und ihre Sympathie aus. Die konterrevolutionären Fische Jeder Dichter, der eine heitere Geschichte erzählen will, wird die Pointe so wählen, daß sie nur die Lachmuskeln reizt und nicht etwa einen tragischen oder problematischen Nachgeschmack behält. Die Geschichte, die ich hier erzählen will, ist nicht in der Phantasie irgendeines Menschen entstanden, sondern sie hat sich tatsächlich so zugetragen. In Berlin gibt es einen „Jüdischen Arbeiter- und Kulturverei n". Hinter diesem — so jüdischklingenden — Namen steht eine kommunistische Organisation. In dem Heim dieses Bundes gibt es für einen Teil der Mitglieder jeden Abend für billiges Geld ein w a r m e s Essen. Eine zu diesem Zwecke angestellte Frau hat die Aufgabe, jeden Tag für das Essen zu sorgen. Eines Tages — es war an einem Freitag — kommt diese Frau nun auf den gar nicht ungewöhnlichen Gedanken, einmal Fische zu kaufen. Nun hat sie doch endlich einmal etwas Abwechslung, denkt die brave Frau, heute abend werden die ausgehungerten jungen Menschen, wenn sie von der Arbeit kommen, ein Gericht Fische essen, wie sie es wahrscheinlich lange nicht gehabt haben. Nach der Arbeit kommen die Mitglieder in dem Bundesraum zusammen; dort gibt es Bücher und Zeitungen zum Lesen, man debattiert — meistens recht lebhaft. Jetzt setzt sich jeder an seinen Platz am langen Holztische. Einige — Arbeitslose — haben der Frau beim Zubereiten des Essens geholfen und bringen nun die Teller herein. Einzelne beginnen nervös mit den Bestecken zu spielen, sie haben mächtigen Hunger und warten sehnsüchtig auf das Essen. Als endlich aus der dampfenden Schüssel die Fische verteilt sind, erhebt sich ein „G en o s s e", er steigt auf die Holzbank und schwingt einen Löffel : „Genossen! ... Genossen! Ihr wißt doch, daß heute Freitag abend ist, und da bekommen wir Fische vorgesetzt ... Genossen! Fische am Freitag abend! das ist ein bürgerliches Essen. Das ist konterrevolutionär, heute werden wir keine Fische essen! ..." -Alle waren sich plötzlich einig, daß Fische am Freitag abend konterrevolutionär sind und daß ein überzeugter. Klassenkämpfer sie nicht essen darf, ohne mit dem Gewissen und der Parteidoktrin in Konflikt zu kommen. Im Augenblick wurden die Fische herausgetragen; ob die „konterrevolutionären Fische" später von einigen doch unter dem Druck des Hungers gegessen wurden, vermag ich leider nicht zu berichten. Heinzwerner Goldstein. Profest gegen den ZertifikateiuRaub Die revisionistische Jugendgruppe „Herzliah", Frankfurt a. MV, ersucht um Verötffeutliohung nachstehenden Schreibens, das sie an die Verwaltung des Jüdischen Nationalfonds (K. K. L) in Frankfurt gerichtet hat: „An den Keren Kajemeth Lejisrael, Frankfurt am Main. Wir erhielten Ihre Einladung zur K. K. L.-Feier. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, daß die revisionistische Jugendgruppe „Herzliah" an dieser Feier nicht teilnehmen wird. Der letzte Kongreß hat feierlich beschlossen, die Palästina-Aeinter nach der Stärke der Kongreßparteien zu besetzen. Die Poale-Zion hat unter Duldung der „Allgemeinen Zionisten" und Sabotierung dieses Kongreßbeschlusses aus Palästina und dem Fonds ein Monopol für sich gemacht. Allen Zionisten, die keine orgaindsieriten Sozialisten sind, wird mit brutaler Gewalt das Recht geraubt, mit Hilfe von Zertifikaten nach Palästina zu gehen. Die Union der Zionisten-Revisionisten, die als. zweitstärkete Kongreßpartei 25 Prozent der Kongreßwähler ausmachen und also Anspruch auf 25 Prozent der von der englischen Regierung der Zionistischen Organisation bewilligten 2000 Zertifikate haben, bekamen im ganzen 4 Prozent, während die „Poale-Zion", die kaum stärker ist, als die Revisionistische Partei, 84 Prozent der Zertifikate erhielt. Dieses ist ein Zustand, der von anständigen Zionisten unmöglich ertragen werden kann. Es ist jetzt die Zeit gekommen, die Zionistische Organisation aus den Händen einer Parteibürokratie zu nehmen und sie zu einer wahren demokratischen Bewegung zu machen. Da es mit friedlichen Mitteln nicht geht, diese „Intereseenzionisten" zur Vernunft zu bringen, sehen wir uns gezwungen, zu erklären, daß wir so lange nicht an der Arbeit der Fonds, die heute fast nur diesen Parteizion igten dienen, teilnehmen werden, bis die himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die an den Revisionisten begangen werden, wieder gutgemaoht sind. Wir sind uns bewußt, daß unser Beschluß «ehr folgenschwer ist, aber die Schuld fällt nicht auf uns, die wir immer getreu unsere zionistischen Pflichten erfüllt haben, sondern auf diejenigen, die uns zu diesem Verzweiflungsschritt treiben. Wir hoffen, daß die Leitung der Zionistischen Organisation ihre Fehler bald einsieht und den Revisionisten ihr Recht zuteil werden läßt, 60 daß wir mit dem Bewußtsein, einer gerechten Sache zu dienen, alle unsere Kräfte dem K. K. L. wieder widmen können." * An in. d, Red.: Dieses Söhreiben ist zu einem Zeitpunkte verfaßt worden, als die Parole der revisionistischen Exekutive auf Aufhebung des Boykotts des Fonds noch nicht ausgegeben war. Es charakterisiert die Stimmung, welche die schmähliche Parteiwirtschaft bei Verteilung der Zertifikate und Verwendung der zionistischen Fonds in der besten zionistischen Juigend hervorgerufen hat. Herzl-Feier der Jugend. Die Revisionistische Jugendgruppe „Herzliah" und der „Brith Trump eldor" in Frankfurt a. M. veranstalteten eine Nachtfahrt nach dem . Taunus, wo eine HerzlrGedächtnisfeier stattfand. Nach einem langem Marsch in der pechschwarzen Nacht kamen wir auf eine große Wiese in der Nähe von Oberursel. Bald wurde ein großes Lagerfeuer entfacht, um das die Jugend sich aufstellte. Nach dem Telchaj-Lied Sprachen Dr. Markus Schimmel, Jehuda Karpf, Oskar Dzialowsky und D. Teitler über Herzl und Bad Gaslem Kurhotel Bristol Thermalbäder, fließendes V/«ier/ beste streng koschere Küche III Auskünfte bereitwilligst II sein Werk. Bis in den hellen Tag dauerten dann die Tänze und Gesänge. Alle Teilnehmer nahmen den Eindruck mit, daß hier eine zionistische Jugend heranwächst, die die Verneinung des Ghettos ist. Trotz der unsicheren politischen Lage und der wirtschaftlichen Depression ließen es sich diese Jungens und Mädels nicht nehmen, ihr Judesein frei und stolz zu bekennen. J. AUS PALÄSTINA Ein- und Auswanderung im Mai Im Monat Mai 1932 waren in Palästdna 549 Personen, uniter ihnen 3 63 J üd en, eingewandert. Unter den eingewanderten Juden waren 212, die als Touristen ins Land gekommen sind und nachher die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt erhalten haben. Im gleichen Monat waren 64 Personen, darunter 2 4 Juden, aus Palästina ausgewandert. Wirtschaftliche Lage in Palästina S. H o f i e n, der Direktor der Anglo.-Palästina- Baoik und Obmann der H a n d e 1 s k a m an e r von Jaffa, erstattete vor w-enig-en Taigen einen Bericht über die wirtschaftliche Lage Palästinas, dem wir folgendes entnehmen. Die Orangensaison war eine sehr gute. Es wurden 3,632.000 Kisten Orangen verkauft, gegen 2,470.000 im Jahre 1930/31. Trotz der Krise war auch heuer England das größte Konsumiland. 7 0 P r ozent des Exports ging nach E/ngland. Der Reingewinn betrug S 6 per Kiste. Die Landwirtschaft macht wohl eine Krise durch, die' Lage ist jedoch weitaus besser als man erwartete. Die Regierungseinnahmen aus Zöllen waren Pf. 1470.000 gegenüber Pf. 1,234.000 im Vorjahr. Die Ursache des Rückganges liegt zum Teil im Fallen der Weltpreise. Der Import im letzten Jahre beitrug Pf. 5.940.000 gegenüber 6,985.000 im vorletzten Jahre. Das im Lande investierte Kapital wurde größtenteils in Orangerien und H ä u s e rib a >u t e n angelegt. Die Industrie profitierte nur wenig vom Kapital, das ins Land kam. Die Wasserversorgung Jerusalems für die Zukunft gesichert Der High Cammassioner Generali Sir Artur Wauchope empfing die Mitglieder des Jerusalemer Wasseranschlusses und erklärte ihnen, daß die noch in der Zeit der Türkenherrschaft erteilte Konzession zur Wasserversorgung Jerusalems, die bisher der Regierung wie dem Stadtrat in ihrem Bestreben, eine ausreichende Versorgung Jerusalems mit Wasser durchzuführen, hindernd im Wege stand, nunmehr a.ls beendet gilt. Die legalen Schwierigkeiten, die der Aufnahme einer Anleihe zwecks Barnes einer modernen Wasserleitung für Jerusalem entgegenstanden, seien nun behoben. Zollerhöliung für ausländische Schuhe in Palästina Im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Einfuhr von Bata-Schuhen nach Palästina hat die Palästina-Regierung beschlossen, den Zoll für ausländische Schuhe um 30 Prozent zu erhöhen. Zusammengehen arabischer und jüdischer Landwirte in Palästina Araibisolne und jüdische Landwirte in Ostgaliläa hielten gemeinsam eine Konferenz ab und entsandten eine gemeinschaftliche Delegation zum High Commissioner, die diesen um Aufschiebung der Schuldentilgung der Landwirte, Reduzierung des Zehen/t, Erfassung der Steuern für 1932 und Bewilligung neuer Darlehen für die Landwirte ersuchen soll. Eine Filmgesellschaft in Palästina In Tel-Awiw wurde eine Filmgesellschaft gegründet. Der erste Versuch, der unternommen wiurde, brachte einen vollen künstlerischen und materiellen Eifolg. Der erste Film heißt ,/Es war in den Tagen...". Antwort an die arabischen Baumfrevler Im Zusammenhange mit den sich »häufenden Fällen von Baumentwurzelungen in jüdischen Plantagen haben viele jüdische Kolonisten ihre arabischen Arbeiter und alle arabischen Wächter entlassen und Juden eingestellt. Der Haifaer Stadtrat lehnt jüdische Arbeit ab Der Stadtrat von Haifa befaßte sich in einer Sitzung mit einem Schreiben der Regierung Palästinas, in welchem der Stadtrat dringend ersucht wird, ein Drititel des Budgets für öffentliche Arbeiten für jüdische Arbeit zu verwenden, bzw. jüdische Arbeiter ziu einem dritten Teil zu beschäftigen. Der stellvertretende Distriktskominissar wohnte persönlich der Sitzung bei und unterstützte das Ersuchen der Regierung. Trotzdem lehnite der Stadtrat dieses Ersuchen ab. Der jüdische Rechtsanspruch auf 7000 Ehinam Palästina-Boden nicht verjährt Nachdem Palästina-Gerichte die Klage jüdischer Bodenkäufer gegen Abdullah Samara, der ihnen vor dem Kriege 7000 Dunam Boden in der Nähe des Wadi Bavarith verkauft hatte, sich später aber weigerte,, den Boden herzugeben, wegein Verjährung abgewiesen hatten, hat nun das Oberste Gericht Palästinas entschieden, daß die jüdischen Käufer ein Recht haben, gegen die eretrichterüfcihen Urteile Berufung einzulegen, da der RechtsfaJl nicht verjährt sei. Poel-Misrachi-Protest gegen die Schließung der Sheikh-Abrek-Siedlung Das Boiro der Weltoiigainisaition des Hapoel Harn i s r a c h i protestiert in einer soeben veröffentlichtem Erklärung sehr scharf dagegen, daß die Exekutive der Jewish Apgency den vomletzten Zionisitenkorngireß angenommenen Beschluß, 2000 Pfund zur Stützung der Sheikh-Abrek-Siedlung des Hapoel, Hamisrachd zur Verfügung zu stellen, nicht ausgeführt hat, weswegen die Siedlung au existieren aufhören müßt«. In der Erklärung wird daran erinnert, daß in diesem Jahre bereits eine Poel-Misrachd-Siedlung, Kfar Chitin, wegen Entziehung der Unterstützung seitens der Jewish Agency geschlossen werden mußte. Sabbatruhe Die Exekutive der Zionistischen Organisation in Palästinas beschloß, auf der nächsten Sitzung des A.-K. den Antrag zu stellen, alle Siedler auf dem Boden des Nationalfonds zur Einhaltung des Sabbats zu verpflichten. Konferenz der jüdischen Rechtsanwälte Palästinas In Tel-Awiw fand eine Konferenz der jüdischen Rechtsanwälte Palästinas statt. Die Konferenz beschloß, Protest gegen die Verlegung des Tel-Awiwer Gerichts nach Jaffa einzulegen. Sie forderte ferner die Einsetzung eines jüdischen Richters im Distrikt von Haifa. Gegen die jüdische Polizei von Tel-Awiw Jerusalem, 1. Juli. (J. T. A.) Es steht nun fest daß Ende Juni 1932 die ausschließlich au» Judem zusammengesetzte Polizei der jüdischen Stadit Tel-Aiwiw aufhören wird, als autonome Polizeigruppe au existieren; sie wird — ebenso wie die Polizeieinheiten der übrigen Städte Palästinas — mit der palästinensischen Landespolizei verschmolzen und dem Landespol izeikominando u n t e r s t eilt werden. Die jüdisohe Stadt Tel-Awiw, unterstützt von der gesamten Judeniheit Palästinas, hat einen zähen Kampf um die Erhaltung des jüdischen Sondercharakters der Polizei von Tel-Awiw geführt, weil sie der Ansicht ist, daß in einer rein jüdischen Stadt nur eine aus Juden zusammengesetzte Polizei am Platze ist. Diese These konnte sich aber gegenüber den Regienungsautoritäten nicht durchsetzen. Keine Amnestie für die Aufrührer von 1929 Der High Commissioner für Palästina, General Sir Artur Wauchope, hat das Ersuchen arabischer Kreise, den Aufrührern von 1929, die wegen des Ueberfalles auf die jüdische Bevölkerung und Auflehnung gegen die Staatsgewalt in den Monaten August und September i929 verurteilt worden waren, Amnestie zu gewähren, zurückgewiesen.