Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 250 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 die Angeklagten durchaus verdient haben, hätte abschreckender auf diejenigen Kreise gemeiner Verbrecher gewirkt, die ihre Opfer vornehmlich unter dföt Juden suchen. Man nimmt an, daß Staatsanwalt Goltitlölf gegen dfcs allzu milde Urteil Berufüftg einlege* wird« Als Kalpaktschieff aus defn G^flehtssaäi in das Oefängnis zurückgeführt wurde, wurde ihm selten« seiner antisemitischen Freunde eine OvAtion bereitet; er wurde mit Blumen beworfen. Öle neue, tontet dem Titel „Prozeß" herausgegebene antisemitische Zeitung bringt an der Spitze ein HuIdigungsgedieht für Kaipaktschieff, sowie sein Bild und die Bildet seiner Verteidiger. Fexner druckt die Zeitung die Reden der Verteidiger Kaipaktschief fs, die voller Verleumdungen der Juden sind, im Wortlaut ab. , Jüdisches vom Matuska-ProzeB; Budapest, 26. Juni. (J. T. A.) Nach dem Eisenbahnstten-tat bei Bia-Torbagy fand man am Tatort oinen — wie sich später herausstellte, tön M atnskä geschriebenen — Zettel folgende» Inhalts: „Die Kapitalisten geben uns keine Arbeit. Wif Werden uns welche verschaffen! Wir werden es jeden Monat Wiederholen!" Der Sachverständige Emil Szontagh fand, daß die Handschrift des im Auslande weilenden Jüdischen Kommunisten Martin Leipnik mit der Schrift auf dem Zettel identisch sei. Dieses Gutachten war das Signal für die antisemitische Presse in 'der ganzen Welt, die Nazi-Presse in Deutschland inbegriffen, eine blutrünstige Judenhetze zu beginnen. Als dann der Sachverständige Julius Fischhoff erklärte, die Zettelschrift sei nicht mit der Leipniks identisch, behauptete Szontagh, „der Jude Fischhpff Wolle seinen Judengejnossen Leipnik retten und einen Aufbruch der Entrüstung gegen das Judentum verhüten". Wegen Beleidigung Fischhoffs hatte sich nun Szontagh vor Gericht zu verantworten. Szontagh tuchte sich darauf hinauszureden, daß er von den Journalisten, die ihn interviewten, mißverstanden worden sei. Der Anwalt Fischhof fs beantragte die Einvernehmung der Journalisten, die bekunden werden, daß sich ' Szontagh in viel heftigeren antisemitischen 'Ausfällen ergangen habe, als dies in den Zeitungen reproduziert wurde. Szontagh habe den Journalisten auch seine Photographie zur Reproduktion übergeben. Zur Ladung von Zeugen wurde die Verhandlung vertagt. Der Skandal um die Palästina »Zertifikate Opfer bringen und weiterarbeiten Wie die „Neue Welt'fknfchrfacfc>berichtet hat, haben' die Ziönisten-Revisionisten Polens" als Protest gegen diei willkürliche Zuteilung fast aller Palästina- Zertifikate an sozialdemokratische Bewerber und Aus- •ehlußder anderen Bewerber von der Einwanderung nach Palästina, eine zeitweise Einstellung der Arbeit für die zionistischen Fonds proklamiert. Die Leitung der Welt-Union der Zionisten-: Revisionisten gibt hiezu folgenden Erlaß heraus: London, 23. Juni 1932. Die Berechtigung der scharfen Protestaktion des polnischen revisionistischen Zentralkomitees gegen das unerhörte und unverantwortliche Vorgehen des illegalen Palästina-Amtes in Polen anerkennend und sich mit der Stellung des polnischen Zentralkomitees im Kampf gegen das Revisionisten, Betaristen und anderen jüdischen Palästina-Immigranten ' angetane Unrecht vollständig solidarisch erklärend; die Umstände begreifend, die zu dem Beschluß des polnischen revisionistischen Zentralkomitees fährten, als Mittel zur Verteidigung der Rechte der revisionistischen Massen die Arbeit zugunsten des Keren Kajemeth und Keren Haje ssod bis zur gesetzlichen Konstituierung der Palästina- Aemter einzustellen, hat das Exekutiv-Komitee der Union der Ziönisten-Revisionisten in seiner letzten Sitzung beschlossen: 1. Die Zionistische Exekutive beim Kongreßgericht wegen des absichtlichen Und offenen Bruchs der Beschlüsse des siebzehnten Kongresses und wegen der im Interesse der herrschenden Parteien betriebenen Sabotage zu verklagen. 2. Den Kongreß-An Walt aufzufordern, daß er die Auflösung der alten» illegalen Palästina-Aemter, deren Amtsperiode Dezember 1931 zu Ende ging, anordne und die von diesen alten Aemtern vorgenommene Verteilung der Zertifikate als nichtig erkläre; die Zertifikate dürfen vor der Konstituierung der neuen Palästina-Aemter nicht verteilt werden. 3. Es soll in Anbetracht der obenerwähnten Aktionen und der Tatsache, daß die revisionistische Organisation ihrem gerechten Unwillen schon unzwei» deutigen Ausdruck verliehen hat, dem Zentralkomitee der revisionistischen Union in Polen vorgeschrieben werden, seinen Beschluß bezüglich der Einstellung der Arbeit zugunsten der zionistischen Fonds zurückzuziehen. Alle Revisionisten werden ersucht, ihre Arbeit für die Fonds bis zum Abschluß der obenerwähnten, vom Exekutiv* komitee durchzuführenden Aktionen wie- #** aufzunehmen. DIE NEUE WELT - . I ,_! I! »■ U........ ..... Tel'Haj'Fonds Die Streichholzschachtel als Sammelmittel Ans geleerten Streichholzschachteln stellt die Jugend ein schönes, herrliches Sammelmittel für den Tel-Hnj-Fonds her. Bewahret Streichholzschachteln normaler Größe auf und liefert sie all das Tel-Haj-Bttro im Heim, II., Untere Augartenstraße 38, ab. Größere Quenti täten werden auf Verlangen abgeholt. Anruf 10 bis 2 Uhr, TeL- Nr. A-45-6-34. Liefert leere Streichholzschachteln ab! Das Exekutivkomitee der revisionistischen Weltunion lenkt die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit auf die systematische Willkür der Exekutive, wodurch sogar jene Zweige der Auf bauarbeit in Erez Israel, die bisher außerhalb des Parteikampfes standen, gefährdet werden. Der Versuch, Zehntausende von: Zionisten, die die Fonds mitaufbauen halfen, zu benachteiligen, hat die jetzigen traurigen Folgen nach sich gezogen. Das Exekutivkomitee legt die ganze Verantwortung für die Geschehnisse auf die Zionistische Exekutive. Eine neutrale Stimme V Das Warschauer. Tagblatt.;,Hajnt" schreibt i . „Um ein Zertifikat zu bekommen, muß man eine] Hachschara (Vorbereitungsschule) durchgemacht haben, Hachschara-Stellen sind aber (natürlich mit bürgerlichem Geld) für den „Hechaluz" geschaffen worden, und der „Hechaluz" ist, wie bekannt, auf „Klassenkampf" und1 seine Ideologie eingestellt. Und wirklich, alle oder fast alle Zertifikate werden dem linken Lager zugeteilt. Es muß und es wird "eine gründliche Revision dieses" Systems durchgeführt werden. Hachschara ist eine ganz gute Sache, aber nicht ein solches „sine qua non", daß es der Maßstab sei für Einwanderungsmöglichkeit einer Kategorie Zionisten auf Rechnung einer zweiten Kategorie. Wir glauben, daß dieses Monopol auf Zertifikatseinwanderung, welches sich der „pro 1 e tar is ch e" Zionismus angeeignet hat, ein Ende nehmen muß, zumal es nicht im Warschauer zentralen Palästina-Amt liegt, wo ja nur Beamte sitzen, die die Verordnungen der Leitung auszuführen haben." Aktuelle Palästina» Politik Der FrenduBeridif — eine Bagatelle —• Sokolow kontra Arlosoroff Der palästinensische Korrespondent des Warschauer „Hajnt" holte sich beim Exekutivmitglied Dr. Arlosoroff Informationen über die durch den French- Bericht aufgerollten Probleme und Aufgaben. Er bekam vielerlei zu hören, in erster Linie Dinge, Prognosen, Einstellungen, deren Ton uns seit einem Jahrzehnt im Ohr klingt. So heifit es nach einer allgemeinen Betrachtung: „Ein großes Plus für die Juden", meint Arlosoroff, „besteht darin, daß England daran interessiert ist, jüdische Sympathien und eine jüdische Stütze im Osten zu besitzen, und das ist viel wichtiger als bloße Senti- ■.ments. Kurzum, mit dem O b e r k o m m i s s ä r und seiner Stellung zum Zionismus können wir zufrieden sein." Ein sonderbarer Trost „Was den French-Bericht anlangt, bin ich überzeugt, daß seine praktischen Resultate für uns wichtig sind. Jedenfalls werden noch ungefähr fünf Monate vergehen, bis der Bericht veröffentlicht werden wird. Zieht man vom French-Bericht seine theoretischen Ausführungen ab, bleibt das wichtigste darin der Vorschlag, den Juden den Kauf von Boden in Beth Schau (Beisah) und am Meeresufer zu verwehren. Das wird niemals zustande kommen. Die letzte Entscheidung darüber liegt beim Oberkommissär, und, es lie^ft zweifellos eine schriftliche Versicherung seinerseits vor, daß er diesem Vorschlag niemals sein Einverständnis geben wird. Aber auch London wird seine Einwilligung nicht geben." w m> ... „ISur nicht überschätzen" „/Ganz anders liegt die Sache, wenn man sie von der psychologischen Seite betrachtet. .Natürlich wird die psychologische Wirkung auf die Juden sehr stark sein, sobald sie den praktischen Wert des Berichtes Überschätzen. Aber ein guter Zionist sein heißt, nicht den Kopf yerlieren vor vorübergehenden Erscheinungen und sieh einfür allemal einprägen, daß die politische Lage von unserer Kraft abhängt..." usw. .Wjekojnte überhaupt der French-Bericht zuitiMPWIMnitr und weshalb hat die zionistische Exekutive das zulasse#kb%rien?'■! * „Man muß > verstehen, daß Ffeach lohlleßlichlitt* Südjioh ein Beamter ist, und daß ein Beamter, ein eng-, lischer Beamter, nicht neue Wege zu gehen gewohnt ist, sondern die Arbaji ijine| Vo||Mn||ir.^^i |$ F$nch seine Arbeit begann, hatte er die Berichte von Shaw und Simpson vor sich und mußte schon psychologisch deren Wege gehen. Das Unglück besteht darin, daß die Frage der .armen Fellachen* zum Zentralproblem _ Nr. 250 geworden fst und der Oberkommissär der Ansicht ist, man müsse etwas für diese armen Fellachen tun. Auch wir haben ein Interesse daran, daß den Fellachen geholfen wird und daß nicht hinter unserem Rücken ständig eine arme, hungrige und unruhige Bevölkerung steht." Was geht uns der French-Bericht an? „Was die Beziehung der offiziellen zionistischen Kreise zu French anlangt, ist dies eine Frage der Taktik. Vielleicht wäre es gut gewesen, ihn zu .bearbeiten' und ihn durch Ratschläge und Erklärungen zu beeinflussen. Aber ich bin der Ansicht, daß die bessere Taktik darin besteht, beiseite zu stehen und einfach die ganz« Angelegenheit zu bagetellisieren. Wir ziehen French nicht ins Kalkül..." Der offizielle Kurs „Es ist notwendig, daß auch die zionistische Oeffentlichkeit die ganze French-Sache bagatellisiert und darüber zur Tagesordnung übergeht. Eine besonders verantwortliche Aufgabe obliegt hier der jüdischen Presse, welche, anstatt das Volk aufzuregen und an dessen Gefühle zu appellieren, es darüber aufklären soll, daß die praktischen Resultate des French- Berichtes und aller ähnlichen Berichte bedeutungslos sind. Der offizielle Kurs bleibt: Mäßiger Optimismus, ruhige Arbeit und die Lehre von der Kunst des Schweigens." Sokolow spricht anders Die leichtsinnige, wenig verantwortungsvolle Auffassung des politischen Referenten in Jerusalem vom fatalen French-Bericht erfährt, gleichfalls im „Hajnt" eine gesunde Abfuhr. Und zwar durch eine Aeußerung des Präsidenten Sokolow, welcher dem Pariser Korrespondenten des Blattes sagte: „Soeben habe ich den French-Bericht erhalten. Ich* habe ihn gleich durchgesehen und mir meine Bemerkungen gemacht. Der Bericht ist schlecht, sehr schlecht und ungünstig für uns. Wir müssen in London in dieser Richtung eine entsprechende Aktion führen." Hoffentlich bleibt die Auffassung Sokolows maßgebend und nicht die des Herrn Arlosoroff. Rabbi'nersdiulen in Not New York. Dr. Julian Morgenstern, Präsident des Hebrew Union College in New York, teilte bei der Diplomverteilung mit, daß das Lehrerseminar nunmehr wegen Mangels an finanziellen Mitteln geschlossen wird. Obwohl, führte, Dr. Morgenstern weiter aus, das Hebrew Union College umd die Union of American Hebrew Congregations zur Erhaltung des Seminars mehr beigetragen haben, als sie sich anfänglich verpflichtet hatten, war es unmöglich geworden, das Seminar, das neun Jahre in Betrieb war, weiterzuführen. Im vorigen Jahre hatte noch der Herausgeber der „N e w York Times", Herr Adolph S. Ochs, durch Hergabe einer Summe von 20.000 Dollar das Bestehen des Seminars für ein Jahr sichern können. Heute verfügt das Seminar über keine Mittel mehr. An dem Seminar studierten 2000 Hörer, l?6 erhielten bei demselben den akademischen Grad. * Berlin. Die drei Rabbiner-Hochschulen in Deutschland, die Hochschule in Berlin und die Seminare in Berlin und Breslau sind durch das finanzielle Versagen der Gemeindeverbände und der Einzelgemeinden wirtschaftlich in ihrem Lebensnerv getroffen. Diese An* stalten, deren Zöglinge überall in der Welt hohe geistige Positionen einnehmen, sahen sich infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse genötigt, ihre letzten finanziellen Reserven zu verbrauchen, und sie stehen nun vor dem Nichts. Wenn nicht die jüdische Oeffentlichkeit und Freunde der jüdischen Gelehrsamkeit helfend eingreifen, ist der Fortbestand der Insti*» tüte ih Frage gestellt. Das Kuratorium des von Esriel Hildesheimer gegründeten Rabbiner-Seminars zu Berlin hat sich an die Freunde und ehemaligen Schüler dieser Anstalt mit einem Sehreiben gewandt, in welchem aus* geführt wird, daß der Fortbestand des Instituts an einem Zeitpunkt in Frage gestellt ist, an dem der Besuch durch deutsche und außerdeutsdhe BSrer in einer Weise blüht wie kaum je zuvor. Das Berliner ftejbbiner-Seminar zählt heute 89 Hörer. Das Institut hat durch 59 Jahre seine ideellen und materiellen Pflichten erfüllt; aber in den letzten 10 Monaten wurde es der Verwaltung unmöglich, die erforderlichen Summen zur Erhaltung des Instituts herbeizuschaffen^ Das Rückgrat der Einnahmen des Instituts waren Subventionen deÄ Preußischen Landesverbandes und der übrigen Landesverbände jüdischer Gemeinden. Während wir, heißt es in dem Schreiben weiter, von diesen Seiten noch vor drei Jahren 65.000 bis 70.000 Mark Jährlich bekommen haben, werden es im laufenden Jahre keine 82.000 Mark sein. Während uns die größeren Jüdischen Gemeinden Deutschlands nooh im Vorjahre mit 8000 bis 10.000 Mark unterstützten, werden es im Jahre 1953 kaum 2000 bis 3000 Mark werden. Auch die von privater Seite einfließenden Beiträge sind auf ein Minimum gesunken. Der Ausgaben-Etat, der 1930 noch 150.000 Mark betrug» wurde in diesem Jahre auf 70,000 Mark vermindert. Gehälter und Witwengelder wurden erheblich herabgesetzt, Stipendien wurden ganz eingestellt.