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Die neue Welt · 1932-07-01 · Heft 250 (1.7.1932) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 250 (1.7.1932)
Date
1932-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Se|ite,9 DIE NEUE WELT Entartung auf beiden Seiten Voff R0f«MbIum (LoimIoh) n, Sdiluß. fn der Entstehung und dem verhältol§mHßigen Erfolg des judi$chen Kommunismus, der sich gegenwärtig mit de* Vorbereitung neuer Judenpogrome beschäftigt, Ut größtenteils das krankhafte Ncrven«yitcm dleies Teile« der Judenschaft «chuldtmgend. Marl muß schließlich einsehen, daß hier die vferhüngnisv&He Folge einer gewjsse» geistigen Entartung, dje wir de* Ghetto* luft 'zrf Verdanken' haben,' am-' WerW 1#t. V.u J a b ot i n s k y hatte bereits vor dem Krieg, anläßlich des Beilis^Prozesses in Rußland, bemerkt, daß "dauernde nationale Verfolgungen oft die Entstehung von -ernsten Geisteskrankheiten zur Folge haben, die darin bestehen, daß eine Anzahl der Verfolgten, sich ohne jeden Grund die Argumente der Verfolger „zu eigen macht" und gegen die eigenen Stammesgenoseen als „Zeuge" auftritt. „Es wundert mich", schrieb damals Jabotinsky, „wieso die Jahrtausende währende Verfolgung der Juden »och keine. Irrsinnigen auf jüdischer. Seite aufkommen : ließ, die alle Anschuldigungen der Antisemiten unter Schwur bezeugt hätten". Vor dem : Krieg konnte noch niemand wissen, daß. in den Jahren 1930. bis 1932. solche Irrsinnige in der . Person sogenannter, jüdischer Kommunisten aufstehen werden: es ist eine, Zeit gekommen, wo wir vor uns jüdische Menschen sehen, die sich das Hauptargument des kämpfenden Judenhasses angeeignet haben, demzufolga Juden als Gemeinschaft keinen positiven Eigenwert besäßen, und fiir die „Allgemeinheit" aufgeopfert werden sollten. Die Auswirkungen des Judenhasses sind an der Entstehung des jüdischen Kommunismus schuld. An der Entstehung, nicht aber an seiner ungestörten Entfaltung und Aktionsfreiheit. Dafür ist einzig und allein die moralische Schlamperei der organisierten, jüdischen Oeffentlichkeit verantwortlich. Personen* die das geistige Gleichgewicht unglücklicherweise verloren haben, werden gewöhnlich in eine Nervenanstalt unter entsprechender Aufsicht verwiesen, Dies gilt insbesondere für stürmische Geisteskranke, die dem Leben und der Gesundheit der Mitmenschen bedrohlich sein können. Ein dieser Regel zuwiderlaufendes Handeln ist weder Freisinn noch Liberalismus, sondern strafrechtliche-Fahrlässigkeit. Was nun bezüglich Einzeln personen gilt, hat in beziig auf eine ganze Geraeinschaft erhöhte' Gültigkeit.-: "^Wenn «inM-'.iaue.flialh.: eines Volkes' eine Gruppe ausbildet; die es sich unglücklicherweise in den ICppf gepetzt hat, das ganze Volk in ein^m Blutbad zu ertränken, und die' dieses Bfufliad 'selbst vorbereitet, so ist es die erste und heiligste Aufgabe der Gesamtheit des Volkes, die erwähnte Gruppe mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu isolieren und mit eiserner Hand unschädlich zu machen. Anders zu handeln heißt selbst Merkmale gewisser geistiger „Eigentümlichkeiten" besitzen. Vor dem Krieg haben es die jüdischen nationalen Kreise begriffen: Keine der nationalen Bewegungen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts war so viel und so gründlich mit dem eigenen Sozialismus, wie wir mit unserem ,;Bu n d", der uns das Rezept „nationaler Selbstaufopferung" vorlegte, beschäftigt. Denn wir haben es instinktiv gefühlt: Keine Pogrome, keine „Ansiedlungsrayone", keine „roten Pässe" sind für unsere Zukunft so verhängnisvoll wie jüdische Predigt jüdischer nationaler Selbstaufopferung; das ist ein Gjft, welches, wenn einmal ordentlich eingeimpft, unreparablen Schaden bringen kann. Wir haben unsere gesamte Propaganda gegen den „Bund" und dessen tdeengenossett aus dem bürgerlieben AssimilationiUfer gerichtet und sahen unsere Hauptaufgabe in der Nidder ringung dieser pathologischen Auswirkung des Antisemitismus, Nun sollte man glauben, daß dieser Krieg gegen den noch radikaleren Erben des seligen „Bundes" unsererseits mit aller Kraft fortgesetzt werden wird. Weit gefehlt! Die jüdisch- [i.natlonale und zionistische;ÖeffentUcbkcit zog sich j schweigend und zitternd vom Kampffeld zurück, während unsere Selbstmordpropagandistcn fortwährend und dauernd an Boden gewinnen. Die Ursachen dieser sonderbaren Erscheinung liegen auf der Hand: sie stecken in denselben defaitistischen Instinkten, die uns zur unglückseligen VVeizmännschen J e w i g h A g e h c # gef ü hr'f haben. Kampf» mildlgkelt und innere Unsicherheit haben den Zionismus zur erweiterten Agency geführt. Jetzt ist es ihm aber um so weniger möglich, mit der bürgerlichen Assimilation zu liebäugeln und gleichzeitig die rote Assimilation zu verdammen. Ist man einmal so weit, die Agency-.Jahudim" als Stützen der jüdischen nationalen Renaissancebewegung zu .preisen, so kann man, wenn man etwas Sinn für „demokratische Weltanschauung" hat, wirklich nicht umhin, auch für die roten Jahiidim etwas Verständnis aufzubringen. Denn es würde heißen, sich der Lächerlichkeit auszusetzen, wollte man beispielsweise mit einem Herrn1 d'Ävigdor Goldsnijd gutfreundschaftlich verkehren und 'zur gleichen Zeit den Genossen Zrubawel allzu strenge des Mangels an jüdischem Nationalismus bezichtigen ... Da wühlt man schön lieber das Schwoigen oder das Stammeln über das „soziale Empfinden der jüdischen Jugend" („Jüdische Rundschau" u. a.). Man vergißt aber dabei, daß nicht jede Art von Schweigen oder Stammeln Neutralität oder Liberalismusbedeutet. Es gibt ein überaus bedeutsames und r e a k t i'o n ilrc s Scbwoigeh'i " Wenn die . sogenannte „liberale Presse" des atyen Rußland 25 Jahre jüdischer Pogrome totgeschwiegen hatte; ohne sich offen und klar zii den Opfern von Kischinew zu bekennen, so war es weder Neutralität, noch Liberalismus, sondern, Mangel an öffentlichem Mut;«nd soziale Dickleibigkeit; schlimmster' Sorte. Wie pekänrtt, waren es' damals vor allem die 'iio iti'steInT^ hätten, den Psendo-Liberalismus; -der .'russischen Presse.. '.■ zu t brandmarken und ,;den;Bären aus seinem. Versteck, zu locken", Nicht anders benähmen wir uns, Wenn es sich herausgestellt hatte, daß sich Leo Tölstoj in jüdischen Pogrömängelegenheiten in ein allzu auffallendes Schweigen hüllt. Wir < haben sogar unseren Christ* Herrliches Erholungsheim Hotelpension Schloß Herrenhof, Eichgraben an der,Westbahn, Telephon Nr. 4. Erstklassige Küche, auch Diät, großer Park, eigenes Schwimmbad, Autogarage Weekend, mäßige Prejse. Unter Leitung des Besitzers Ado lf. B o j k o. Bowa;Wasser im Hause. Auskunft auch Telephon Nr. A-l3-5-60. Papdessunu*« Ein Reisebericht Von A. M o k d o n i (New York) . An einem Frühmorgen wäre. Ich öffnete die Fenster meines Zimmers und wurde wahrhaftig geblendet von einer Zauberwelt, die sich mir auftat. Mir gegenüber lag dai tiefe, blaue Meer in majestätischer Ruhe, über dem Meer war eine wunderbare Helle ausgegossen... Es war einer der sonderbaren palästinensischen Frühmorgen, gesättigt mit dem Duft der blühenden Orangengärten oder — wie man sie in Palästina nennt Pardessim, die die Stadt Tel-Awiw umgrenzen ... Da kann das Wort vom „Paradies0 geprägt werden. Da genießt ihr die Schönheit der Natur direkt physisch und eure Liebe dringt ein in sie und macht euch stark und tief, In den Orangengärten zittern die zarten Blüten auf den Bäumen und zu derselben Zeit hängen dort die goldenen, schmackhaften Palästina-Orangen. Das Blühen verbreitet seinen Duft und die Orangen strömen ihren starken Geruch aus, Und mein Begleiter redet, erzählt von den Bäumen, von ihrem Wesen, von den ihnen eingeborenen Eigentümlichkeiten, davon, was die Orangenbäume gern haben,und was sie nicht gern haben. J Feind haben sie Winde, sie ertragen keinen Wind, so sind sie eben geartet, und man umgibt sie mit Baumschützern, auf daß sie keinen Schaden leiden, Dünn und schlank sind diese Schützer, aber dicht, dicht geflochten sind ihre Zweige. Dünn und hoch stehen sie um die Bäume herum und kämpfen'mit den Winden. Ich weiß nicht, ob irgendwo in der Welt ein Baum soviel Liebe und Zärtlichkeit empfängt, wie hier bei den jüdischen Pflanzern in Palästina. Wir gehen durch die Gärten, pflücken Orangen, essen sie, die frischen, mit Saft vollgesogenen, mit Duft gefüllten, Und mein Begleiter erzählt mir, daß die Frucht, bis sie auf jemandes Tisch kommt, die Hälfte ihres Geruchs und Geschmacks verloren hat Wehn man die Orange vom Baum ißt, fühlt man den ganzen „Tarn", ißt man in sich den ganzen Duft. Wir gelten, auf der Erde liegen abgefallene Orangen, Zitronen, wir treten auf Zitronen, es ist eine billige Frucht... , " ' -! ' -«*> ... ' •;. ,; ' Was sind sie so schwermütig, eure amerikanischen Juden, so gedrückt? Mögen sie herkommen,. Pardessim pflanzen und der armen Welt schmackhafte, saftige, und duftige Orangen verkaufen.! Hier hat man keine Angst vor Konkurrenz, im Gegenteil, sie sollen nur kommen, die Welt ist groß und Palästina ist klein, sollen nur die Juden sich in Palästina niederlassen und die Welt mit guten Orangen versorgen.—Und der Jude erklärt voller Genugtuung, daß er sich'« schon gut gehen läßt bei seinen „goldenen Aepfeln". Ein Orangengarten ist eine Goldgrube. Und es wird mir eine Liste von reichen'und großen Pardessim vorgelegt, die wirklich den Sack 'mit Gold füllen. Mit diesen reichen Pardessim rühmt man eich auf Schritt und Tritt, als wollt« man-euren Appetit reizen.,. Und mein Begleiter macht mir eine klare'iRecfyiung; wonach Palästina jetzt die einzige Gegend ist, wo ein Jude mit seinem bißchen Kapital ruhig sein, wo er sein bißchen Geld mit der denkbar größten Sicherheit anlegen kann. Und weiter gibt es klare Tatsachen betreff» Juden, die einmal ver- _ Nr 250 liehen Freunden das Schwcigcrccht in Fragen, die' Unser l«ben angehen, versagt. * Das alles war früher, wpnn die Zionwtcn jjrhg ftwd kampflustig waren. Jetzt ist es anders geworden. Jetzt, wo unser Leben nicht vom russischen Bauern, sondern von jüdischen Pogromistcn bedroht ist, schweigen die Zioniiten selbst. Oder reden eine Sprache, die diesem $cbweigcn gleichkommt. Mitglieder der jüdischen Arbeiterorganisation Palästinas (Nes- Zionah). appellieren in einer Proklamation an die Araber,;„einen anti-Imperialistischen Aufstand zu organisieren, die'Agrarrevolution durchzuführen und mit den zionistischen Kolonisatoren gewaltsam abzurechnen". — und die große jüdische Oeffentlichkeit wahrt ein delikates Schweigen. Der Kanzler der Hebräischen Universität, in Jerusalem, Magn.es, und das Mitglied des administrativen Komitees der Agency, Prof. Einstein,, sind prominente Mitglieder und aktive Förderer der „Internationalen Koten Hilfe", die. Broschüren über „die, zlonistisdie Frechheit" und „das arabische Messer, dessen Tag kommt" („Der Tag des Fellachen" Ausgabe der „Roten Hilfe", Berlin) erscheinen läßt ~ und niemand nimmt davon die leiseste Notiz. Wenn schon — so in. .einem ganz anderen Sinn: der hochoffizieile amerikakanische „The Zionist" (yom 29. April 1932) charakteri- : siert Herrn Magnes als „eine ganze und ehrliche Per-, sönlichkeit" im Zionismus . . . Mitglieder des „Haschomer Hazair" wählen erwiesenermaßen Hitler in Preußen, weil sie durch Judenpogrome die soziale Revolution näherzubringen glauben — und kein Sturm der. Entrüstung, kein Ruf nach kardinaler Revision der -Augiasställe der zionistischen „Linken" erhebt sich in unserem Lager. Ganz umgekehrt: Man ergeht sich letztens in manierlichen Artikeln über das „Verständnis", das eine progressive zionistische Oeffentlichkeit. dem ^sozialen Ringen unserer Jugendlichen" entgegenzubringen habe.. Die „zionistische Weltanschauung", heißt es in diesen Artikeln, stehe keineswegs in irgend einem Gegensatz zum Kommunismus... Man kann also ruhig Pogrombroschüren der „Roten Hilfe" verkaufen, Mordaufrufe an die palästinensischen Araber verteilen und dabei, der ■ „zionistischen Weltanschauung" Treue bewahren. Wir ■ müßten, der Ansicht dpi1 Zionismen, nach, dem Komnyu-! nismus beweisen, daß wir eigentlich ganz gute Kerle seien. Hauptsache — wir müssen „sehr, sehr progressiv" sein, so progressiv, daß auch die Kommunisten uns nichts vorwerfen könnten. Dieses schwächliche Bestreben, „sehr progressiv" zu'•erscheinen, reicht so weit, daß heutzutage bei den Juden; fast keine Zeitung da ist, .; di^' eine 'ausgespfoöhöne Kampf esjpös'itiön!' gegen die'röte' Inquisition einnehmen sollte. Nicht einmal Bialiks Ruf gegen den. kommunistischen Vandalismus findet in allen , jüdischen Zeitungen Einlaß. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang eine charakteristische Aeußerung des amerikanischen sozialistischen „Vorwärts" über das fiihremde zionistische Bürgerblatt Amerikas, den New Yorker „Tog" wiederzugeben: '„Der Tog" spielt die Rolle des kommunistischen und sowjetrussischen Verteidigers in Amerika. Wenn von Tomraany (die skanda- , löse Bestechungsaffäre des New 'Yorker Burgermeisters Walker, in der-auch der »,Tog" indirekt steckt. H. R.) ■ die Rede ist, so ist es das schwärzeste Blatt New Yorks; handelt es sich aber um Sowjetrußland, so ist es das. „radikalste" (31. Mai 1332). Von den anderen Blättern ist gar nicht zu reden. Man ist glücklich, wenn man zu berichten hat, daß man zum Sowjetgesandten auf ein Glas Tee geladen war. Oder wenn man in großen Blocklettern melden kann, daß Gorgoulöff entgegen anderslautenden Meldungen, rückt waren und betreffs Juden, die einmal klardenkend waren; die verrückten Juden, die ihr, bißchen Geld vor. ein paar Jahren in Pardessim angelegt haben, sind heute stark im Fett, und die klardenkenden Juden, die ihr Geld in „eiserne Geschäfte" investiert haben, irgendwo in der Fremde, sind heute traurige Schnorrer. „Ach, lieber Gott", krächzt mein Begleiter; „gib den Juden ein bißchen Ver* stand, nur ein bißchen Verstand!" In keinem Ort der Welt hat man Verlangen nach neuen Menschen, nach neuen Kräften. Versperrt, versiegelt, verschlossen ist die Welt Man läßt keinen zu, hat Angst vor neuen Menschen, neuen Kräften. Palästina ist das einzige Land der Welt, wo man bittet, zu kommen. Jeder Jude pflanzt einen Pardess für sich, aber gleichzeitig auch für das jüdische Volk. Hier ist der Individuelle - mit dem Allgemeinen so verknüpft, der Einzelne mit Gesamtheit so verbunden, daß man nicht weiß, wo das Private und wo das Nationale beginnt. * •. Ich fahre über jüdische Pardessim. Ringsum seht ihr augenscheinlich, wie die verwüstete und verwahrloste palästinensische Erde aufgefrischt worden. Jung geworden ist die alte vertrocknete und vernachlässigte Erde. Auf ihr grünen, blühen und glänzen mit ihrer goldnen Jugend Orangenbäume. ' Er ijjt gekommen, der ihr beschert ward... Und beide, Erde und Mensch, sind glücklich, still und ernst glücklich, Das ist kein Flirt, das ist eine ewige Verbundenheit. .Ringsum Tel-Awiw I Die Erde ist frisch aufgebrochen, die Erde igt weich und warm und die Säume stehen wie in zartem Sammt... und überall sur Er4» gebeugte Schultern arbeitender Juden, Ernst und feierlich

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