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Die neue Welt · 1932-06-24 · Heft 249 (24.6.1932) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 249 (24.6.1932)
Date
1932-06-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 249 DIE NEUE WELT Seile f Max Nordaus leiste Jahre Von Prof« Dr, A* S. E, Yahuda In der „Gesellschaft der Freunde Ahwiuider Marmoreks und Max Nordaus" zu Fe ris, sprach kürzlich der bekannte Orient jIctc Prof. Yah «da über Max Nordau.'j bt/te Jahre in Madrid und London, in Anwesenheit der Familie Nordau des Präsidenten der Liga für Menschen rechte, Prof. Victor Bäsch, einiger führen den Zionisten und eines zahlreichen jüdi sehen und nichtjüdischen Auditoriums. Bei Kriegsausbruch wurde Yahuda, der jähre lang an der Lehranstalt für die Wissen schaft des Judentums in Berlin wirkte, nach Madrid berufen, wo er einen Lehrstuhl für die jüdische Literatur des Mittelalters in Spanien gründete, und eine nicht geringe Rolle in Madrider politischen Kreisen und beim damaligen königlichen Hof spielte Nordau, der in Frankreich interniert war, konnte sich nach Madrid retten, wo er bis zum Kriegsende verblieb. In Madrid kam er in Berührung mit Yahuda, der später zu seinen Intimsten gehörte. Yahudas Vortrag wirkte tief erschütternd. Führende Wciz mann-Anhünger schlichen sich unter der Wucht der vom Vortragenden erwähnten tragischen Tatsachen aus dem Saal. Dr. A. II. sendet uns eine Darstellung des Vortrages, der viele unbekannte Details aus Nordaus letzten Lebensjahren enthält und besonders jene Ereignisse beleuchtet, die sich in den entscheidenden Wochen nach San Remo im Londoner zionistischen Zentralbüro abspielten. I. Beim Aussprechen der Worte „Max Nordaus letzte Jahre" schwebt mir seine Gestalt vor, als ich mich zum letztenmal von ihm in Paris verabschiedete. Er war sehr niedergedrückt, seine frühere unverwüstliche Freudigkeit war einer tiefen Traurigkeit gewichen. Hie und da hörte man einen leisen, aber tiefen Seufzer, von Zeit zu Zeit warf er mir einen unsagbar traurigen Blick zu, sein Auge haftete an meinen Lippen, als erwartete er eine Aeußerung von mir. Sein Gesicht leuchtete jedoch wie immer, und die große, feierliche Ruhe, die stets auf seinem Gesicht lag, machte sein Aussehen noch imposanter, eindrucksvoller. Ich aber konnte nicht reden, schweigend drückte ich ihm die Hand. Er ergriff meine beiden Hände, und als er meine Erregung merkte und eine Träne sich ankündigte, lagen wir nns im Nu in den Armen; mit schwerer, fast geknebelter Zunge sagte er: „Cest-ce qu'on se reverra encore une fois?" (Wird man sich noch einmal wiedersehen?") „Certainement, certainement!" (Gewiß, gewiß), erwiderte ich. Ich konnte mir gar nicht recht vorstellen, daß ich ihn nicht wiedersehen würde. — Aber das Schicksal hat es anders gewollt. Mir war es nur vergönnt, ihm das Geleite zur ewigen Ruhe zu geben, als man seine sterblichen Reste nach dem Lande hinüberführte, nach dem er sich in den letzten Jahren so sehr gesehnt hatte, das er aber bei Lebzeiten nicht mehr betreten sollte. Diese Gestalt ist nie von meinen Augen gewichen; steht ständig vor ihnen. Ihre Züge prägten sich noch tiefer in mein Gedächtnis ein, als ich einige Tage später von einem großen Zionistenführer, der allerdings in Nordaus Augen sehr klein war, einen Brief bekam, worin er unter anderem schrieb: „Ich habe Nordau besucht. Er ist so leidend und so zermürbt, daß es besser für ihn wäre, nicht mehr am Leben zu sein." Diese Phrase stach mir wie ein Dolch ins Herz; sie empörte und erschütterte mich. In jenem Augenblick brannte nur ein Wunsch in mir: er möge lange, lange, leben, gerade weil seine physischen und seelischen Leiden so ungeheuer groß waren. In jenem Augenblick fühlte ich, als sei ein Schleier, ein wunderbarer Schleier von seiner Gestalt gefallen, und hätte mir das Gesicht des leidenden Messias enthüllt, der nach der Legende in Ketten geschmiedet dasitzt, von den Leiden Israels unsagbar gedrückt, aber nie gebeugt, mit vor Wut brennenden Augen aber in unerschütterlicher Ruhe und leuchtenden Gesichts. So erschien mir auch die Gestalt Max Nordaus als des empörten, hoffenden und zweifelnden, aber nie verzweifelnden Heros, der wie ein Bar Kochba mit der Gewalt eines Löwen von seinem Versteck aufspringen möchte, jedoch von den Ketten der Feinde festgehalten wird, weil die Zeit der Erlösung noch nicht gekommen ist. Und so wünschte ich, daß diese Gestalt in Max Nordau weiterlebe, damit die Leiden Israels durch sein Leiden gelindert werden. In jenen schweren und entscheidungsvollen Zeiten gab es nur eine Aufgabe: den Zionismus als Organisation zn erhalten und für alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Jetzt kann man sich unmöglich eine Vorstellung davon machen, was seine Arbeit für den Zionismus damals bedeutete, we/lche Kämpfe es kostete, die zionistische Organisation neutral zu erhalten, unA ™»1p1h» -fifr, . fahr ihm von jenen drohte, die schon damals seine Entscheidung nach der einen oder der anderen Seite beschleunigen wollten. Ich, der all diese Kämpfe Nordaus tun die Neutralität der zionistischen Organisation aus näcitsicr Nähe beobachtete, zögere nicht, zu sagen, daß es nur Nordaus Anstrengungen zu danken ist, wenn der Zionismus damals nicht von der größten Katastrophe betreffen wurde. Erst als Amerika in den Krieg eingriff, der Ausgang des Krieges für ihn nicht mehr zweifelhaft war und die Engländer und die Amerikaner den zionistischen Plan selbst auf ihr Programm setzten und Anstrengungen machten, die Sympathien der Juden für eine zionistische Politik zu erlangen, hatte auch Nordau keine Bedenken mehr, die Waagschale zugunsten der Alliierten zu neigen, und das Schicksal der Zionismus mit dem der Alliierten zu verknüpfen. Während dieser Zeit stand Nordau in regem Briefverkehr mit nllen Zentralen der zionistischen Organe und v"n allen Seiten wandte man sich an ihn um Rat, den er willig und in weitestem Umfang erteilte; in ganz besonders enger Beziehung stand er auch mit den russischen zionistischen Kreisen und schrieb zu diesem Zwecke eine ganze Reihe von Artikeln, die Dr. Bluwstein, der damals in Rom an der Universität dozierte, für ihn ins Russische übersetzte und nach Rußland beförderte. Es verging fast kein Monat, wo er nicht lange Berichte'an verschiedene zionistische Zentralen sandte, und kein Monat, in dem er nicht ein oder zwei Artikel für verschiedene Zeitungen der ganzen zionistischen Diaspora verfaßte, überallhin anfeuernd, ermutigend und zur Vorsicht mahnend. Daß er auch mit Amerika in regelmäßigem Briefwechsel stand, ist selbstverständlich. Es ist nur sehr bedauerlich, und es war für die zionistische Bewegung sehr verhängnisvoll, daß die amerikanischen Zionisten es nicht verstanden, Nordau beizeiten nach Amerika hinüberzu- Blut-, Haut- und Nervenkranke erreichen durch den Gebrauch des natürlichen „Franz-Josef'-Bitterwassers geordnete Verdauungsverhältnisse. In Apoth. erh. bringen. Zwar wurde er nach Amerika zu einer Tournee von Vorlesungen über den Zionismus eingeladen, aber man hatte den Fehler begangen, ihm Geld mit jenem selbstverständlichen Zynismus anzubieten, der in zionistischen Kreisen so üblich geworden ist. Das hat ihn aufs tiefste verletzt, weil er es mit Recht oder Unrecht so auffaßte, als wollte man ihm damit nur Gelegenheit verschaffen, seine Geldnot zu lindern. Es hat ihn sehr gekränkt, daß man ihm, der niemals vom Zionismus den geringsten Nutzen zog, vielmehr ihm nur Opfer brachte, gerade in einer Zeit, wo seine Lage ihm nicht mehr gestattete, große Opfer für den Zionismus zu bringen, in taktloser Weise den Zionismus als Erwerbsquelle anbot, ihm, der die größte Verachtung für jene hatte, die nicht für den Zionismus, sondern vom Zionismus lebten. Ich habe freilich versucht, ihn von der Auffassung abzubringen, es half aber nichts. Er lehnte ab. Wer weiß, ob nicht der Weg des Zionismus einen anderen Kurs genommen hätte, wäre Nordau in Amerika gewesen! Ja, ich stehe nicht an, mit aller Bestimmtheit zu behaupten, daß nicht nur die Balfour-Deklaration eine viel bestimmtere Form gehabt hätte, sondern daß Nordau ganz gewiß die amerikanische Judenheit, die damals gewichtiger war als die englische, bestimmt hätte, die Garantien für die Erfüllung zu verlangen, die er auch später verlangt hat, die aber am Widerstand seitens G r e a t Russe] Street gescheitert sind, um so sicherer, als es heute bekannt ist, daß um den Preis der Balfour-Deklaration nicht in London allein, sondern auch in Amerika gehandelt wurde, und daß die amerikanischen Zionisten unter B r a n d e i s' Führung einen bestimmenden Einfluß auf die Verhandlungen in London hatten. Aber auch in diesem Falle hatten die Juden kein Glück. So stand Nordau im Mittelpunkt der Bewegung. Er beteiligte sich auch an der Organisation des Hilfswerks für Kriegsflüchtlinge in Spanien, besonders für die spaniolischen Juden aus den Balkanländern und dem Orient sowie für die vielen russischen Juden, die bei Ausbruch des Weltkriegs auf ihrem Wege nach Amerika in Spanien gestrandet waren. Ebenso rege war seine Mithilfe bei der großen Kampagne, die ich in Spanien und in allen alliierten und neutralen Ländern begann, als Kemal Pascha die Juden aus Jaffa und Tel- Awiw vertrieb und sich anschickte, alle Juden Palästinas zu evakuieren. Es gibt sehr wenige, die wissen, daß es in erster Linie unseren Anstrengungen zu verdanken ist, daß dieser Plan verhindert wurde und Kemal Pascha den strikten Befehl erhielt, seine Politik gegen die Juden radikal zu ändern, wenn er nicht seinen Posten verlieren wollte. Ich will hier nur die Tatsache erwähnen, daß es mir nach wochenlangen Bemühungen gelungen war, den spanischen König selbst dazu zu bestimmen, sich durch seinen Botschafter an den deutschen Kaiser und an den Sultan zu wenden, und daß das persönliche Eingreifen Alfonsos einen sehr starken Eindruck in Berlin machte. Der Kaiser telegraphierte an ihn, er habe alle Maßregeln zum Schutze der Juden Palästinas unternommen, und ilßhjfK ihm V01'A JJfUfir^JD^mschem Vorsitz nach Palä- , ECKSTEINS FAMILIEN-PENSION Retlauration, Kaffsehaus / Täglich 5-Uhr-Tee Telephon 11, Hoohstra neben Hotel Panhans SEHMERING T?LeAh?.i?.l,.»'?oo.h*traBo43 Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12.— aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warmiind KaUwasser in jedem Zimmer. / Auskunft unter Telephon U-27-6-24 stina eine neutrale Kommission zu entsenden, die bei Kriegsende die Interessen der Juden wahrnehmen solle. Noch heute kann man in vielen Tagebüchern palästinensischer Persönlichkeiten lesen, daß ihnen der plötzliche Umschwung in Kemals Politik unverständlich war. Es war und blieb unverständlich, weil der ganze Umfang unserer damaligen Tätigkeit in Spanien noch bis heute unbekannt geblieben ist. (Dieser Erfolg war um so bedeutender, als er gerade in der Zeit errungen wurde, da in Palästina ein Wendepunkt zugunsten der englischen Kriegführung am Suezkanal eintrat, und zwar mit Unterstützung einer Schar von Palästinensern, die ihr Leben für die Sache der Alliierten opferten, um Palästina vom Joch der Türken zu befreien.) Die Rettung des palästinensischen Jischuw und die Erfolge der englischen Armeen an den Grenzen Palästinas haben uns sehr ermutigt und unsere Hoffnungen auf eine baldige Entscheidung gesteigert. (Fortsetzung folgt.) Wiener Univer§itäl§ff§latistik Sechzig Prozent jüdische Drückeberger Von der Universität Wien liegen die statistischen Uebersachten über die inskribierten Studierenden des Wintersemesters 1931-32 vor, die folgendes Bild ergeben: Die Gesamtzahl der ordentlichen und außerordentlichen Hörer betrug 12.365. Insgesamt waren 9211 männliche und 3154 weibliche Hörer inskribiert. Zur katholischen Religion bekannten sich;;77.48 Hörer, zur israelitischen 232 8, zur evangelischen 1705, zur griecl^^l^rientaiiscthen 122, zum Altkatholizismus 81, Andersgläubige 65. Konfessionslos waren 366 Hörer. Nach Staatsangehörigkeit verteilten sich die Hörer: auf das Deutsche Reich 903, Polen 314, Tschechoslowakei 251, Amerikaner 196, Ungarn 187, Rumänen 150, dann folgen Jugoslawien, Bulgarien, Schweiz, Kurland* Estland und Lettland, Griechenland usw. Die Volks-/ Zugehörigkeit verschiebt obige Zahlen folgendermaßen: Deutsche 10.550, Juden (die sich ausdrücklich zum jüdischen Volk bekannten) 1068, Magyaren 188, Engländer 111, Tschechen 55, Bulgaren 53, Polen 46, Kroaten und Russen je 26, Griechen 25, dann folgen Serben, Albaner, Rumänen, Slowenen u. a. Aus Frankreich stammen nur 2 Studierende, dagegen 11 aus Japan und China. * Wenn man berücksichtigt, daß von den 366 Konfessionslosen bestimmt ein Großteil jüdischer Abkunft ist, kommt man zu dem traurigen Resultate, daß sich nur zirka vierzig Prozent der jüdischen Hörer zu ihrem jüdischen Volkstume bekannt haben. Ungefähr sechzig Prozent dieser jungen Männer und Mädchen haben sich dafür entschieden, ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke feige zu verleugnen, ihr jüdisches Gesicht hinter fremder Maske zu verstecken, sich in fremde Volksgemeinschaft einzuschleichen, wo man ihnen mit reichlich verdienter Verachtung begegnet. Wenn sie als J u n g e aais Feigheit und Berechnung so handeln, was werden sie erst später, tun? Da schießt eine üble jüdische Saat au>f! Die Wiener Universität war vordem eine Pflanzstätte des jüdischen Nationalgedankens, des Zionismus. Sie hat Theodor Herzl die ersten und besten Vorkämpfer geliefert. Von ihr ging die zionistische Studentenbewegung aus und über die ganz Welt. Wo ist die Ursache dieser traurigen Wandlung zu suchen? Beim Menschemnaterial gewiß nicht. Die Jungen von heute sind nicht schlechter und nicht besser zur Welt gekommen als die Jungen vor dreißig Jahren. Der Zionismus ist schlechter geworden. Seit zehn und mehr Jahren herrschen Menschen und Tendenzen in der Zionistischen Weltorganisation, die bemüht sind, aus der leuchtenden, die Jugend an sich reißenden Freiheitsbewegung Theodor Herzls eine bürokratisch geleitete Geldsammelangelegenheit zu machen, in welcher Bargeld viel und der jüdische Mensch wenig bedeutet. Du verliert eben die Jugend' Mut und Haltung und schleicht sich gebückt

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