Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 248 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 248 DIE NEUE WELT Seite 5 tion erhielten wir im vorigen Jahr eine Bodenfläche von 404 Dunam in der Nähe der Kolonie Natania. Diese begrenzte Bodenfläche zwang uns, die Zahl unserer Mitglieder von 38 auf 25 herabzusetzen. 70 Prozent der Mitgliedschaft sind Betarim, der Rest Mitglieder der revisionistischen Union. Die Tätigkeit des Verbandes. Die aggressive Stimmung, die unter den benachbarten Arabern herrschte, veranlaßte den Nationatfonds und den Herrn Henkin, uns zum sofortigen Antritt der Siedlungstätigkeit aufzufordern. Trotz des Mangels an Mitteln für diese Tätigkeit waren wir angesichts der oben geschilderten Lage gezwungen, d.J*ser Forderung Folge zu leisten. Wir traten an die Arbeit heran, pflügten etwa 300 Dunam, bauten einen Brunnen, stießen bis auf die obere Wasserfläche und stehen jetzt vor dem Bau eines Filters (der Suche nach Quellwasser in der Tiefe von 20 bis 30 Meter). Wir haben Verträge mit Unternehmungen abgeschlossen zwecks Anfertigung von Zementröhren zur Führung einer .Wasserleitung von 1200 Metern, die 130 Dunam von Pflanzungsboden umfaßt, so wie des Baues einer Wasserpumpe mit elektrischem Motor. (Die elektrische Leitung def Ruthenberg-Gesellschaft geht in der Nähe des Bodens unseres Verbandes vorbei.) Diese Arbeit wird uns mehr als 700 pal. Pf. kosten, und zu diesem Zwecke sammeln wir in diesem Jahre unter den Mitgliedern des Verbandes den fehlenden Betrag von 375 pal. Pf. Dank dieser unserer Tätigkeit erwarb sich unser Verband das volle Vertrauen des Hauptbüros des J. N. F., und wir hoffen, daß wir auf diese Weise den Weg den zukünftigen Verbänden ähnlicher Art ebnen. Die bisherige Tätigkeit erforderte die Ueberführung einer gewissen Zahl (nicht weniger als zehn) unserer Mitglieder auf den Boden, damit wir die bereits geschaffenen Werte uns erhalten und mit der eigentlichen Siedlungstätigkeit beginnen können. .Diese Mitglieder werden in der Kolonie Natania Arbeit finden und' auf diese Weise sich dort erhalten. Da unser Boden in der Nähe des berüchtigten Wadi-Chawarit liegt, der durch die bekannten Konflikte mit den Beduinen der Umgebung eine ständige Ueberfallsgefahr (Bern, der Redaktion: Mittlerweile ist durch die JTA. die Nachricht von einem Ueberfall auf die neue revisionistische Kolonie verbreitet worden.) für uns bildet, besteht das dringende Bedürfnis, vor der Ueberführung der Mitglieder auf den Boden ein Haus zu bauen, das in der ersten Zeit als Wohnhaus und späterhin als öffentliches Gebäude dienen soll. Der Bau soll so erfolgen, daß er im Notfalle zum Schutze unseres Eigentums dienen kann. Der Kostenbetrag des Baues wird etwa 350 pal. Pf. ausmachen u'nd seine Durchführung darf nicht später als im Juni erfolgen, damit wir unsere Mitglieder noch vor der Wassererschließung zum Siedlungsort bringen können. Wir brauchen daher dringend den Betrag von 350 pal. Pf. und gestatten uns, uns an die revisionistischen Freunde mit der Bitte um Beschaffung dieses Betrages zu wende"n. Wir betonen hiebei, daß dieser Betrag von uns als Anleihe bertrachtet wird, die wir bei der ersten Gelegenheit zurückerstatten werden. Es ist überflüssig, zu betonen, daß der Erfolg dieser revisionistischen Siedlung als revisionistischer Kolonisationstätigkeit von allgemeiner und weittragender Bedeutung ist. Nationalismus und Antisemitismus Von Graf R» N» Coudenhove-Kalergi Im „Paneuropa-Verlag", Wien, ist eine Neuauflage des im Jahre 1901 gsechriebenen Buches „Antisemitismus" von Graf Heinrich Coudenhove erschienen. Der Sohn des Autors und Schöpfer und Führer der „Pan-Europa-Bewegung", Graf R. N. Coudenhove, hat das Buch neu herausgegeben und mit einer Einleitung „Antisemitismus nach dem Weltkrieg" versehen. Mit Erlaubnis des Verfassers wird nachstehend ein Ausschnitt aus dieser Einleitung wiedergegeben. Das starke Anwachsen des Nationalismus in und nach dem Weltkrieg führte gleichfalls zur Verschärfung des Antisemitismus. In Europa ist durch den Weltkrieg der Nationalismus zur herrschenden Geistesrichtung geworden. Durch Jahre haben politische und geistige Führer aller Nationen die Ueberlegenheit der eigenen Nation über die des Gegners oder der Gegner verkündet. Dieser Glaube an die absolute nationale Ueberlegenheit und nationale Weltmission ist gleich stark unter Deutschen, Engländern, Franzosen, Russen, Italienern, Amerikanern, Japanern. Die kleineren Völker, wie die Polen, Ungarn, Tschechen, Rumänen, Bulgaren, Serben, Griechen und Türken, begnügen sich damit, an ihre relative Ueberlegenheit über ihre Nachbarn zu glauben. Dieser Glaube wird gestützt durch halbwissenschaftliche Literaturen, auf Grund biologischer und historischer Theorien und Fälschungen. Weil diese Theorien der nationalen Eitelkeit schmeicheln, werden sie kritiklos von Halbgebildeten und Ungebildeten, zum Teil sogar von sogenannten Gebildeten geglaubt und verbreitet. Wer diese Theorien bezweifelt oder bekämpft, wird als nationaler Gegner betrachtet und behandelt. So siegt die Eitelkeit der Völker über ihre Wahrhaftigkeit. Es ist klar, daß diese nationalen Theorien sich vielfach auch mit der Judenfrage auseinandersetzen. Daß sie unter, den eigenen Mitbürgern einen Hintergrund . suchen, von dem sich ihre nationalen Tugenden besonders kraß abheben. Diesen Hintergrund glauben sie in den Juden gefunden zu haben. Die meisten Menschen verachten gern. Je tiefer sie auf andere herabblicken können,, desto höher fühlen sie sich selbst. Die Verachtung anderer stärkt ihr mangelndes Selbstbewußtsein. Diese Menschen greifen gern zum Antisemitismus, um sich als Glieder einer höheren Rasse oder Nation zu fühlen. Der Blick nach unten gibt ihnen die Empfindung, oben zu sein. Sie fühlen sich erst dann als Aristokraten, wenn sie die Möglichkeit haben, andere gründlich zu verächten. Dieser Wille zu Verachtung bringt es mit sich, daß Aristokraten meist das Bürgertum, Bürgerliche meist das Proletariat, Proletarier meist die Bourgeoisie verachten» Wer aber darüber hinaus um jeden Preis verachten will, wild Antisemit und verachtet die Juden: damit stempelt er sein „arisches" Blut zu einer relativen Aristokratie. Durch Kontrastwirkung erhöht er sein Selbstgefühl. Dieser Wunsch des Antisemitismus ist besonders stark in Deutschland. Die vierjährige Isolierung dieser Nation und ihr Kampf gegen die übrige Welt hat zu einer Stärkung des Nationalgefühles, des Nationalhasses und der nationalen Verachtung geführt. Da dieser Haß sich nach dem Kriege aus politischen Gründen gegen Eng» länder, Franzosen und Italiener nicht auswirken konnte, richtete er sich zunächst gegen die deutschen Juden, die ohne internationalen Schutz diesen Verfolgungen« Veri leumdungen und Beschimpfungen wehrlos gegenüberstanden. Nach stärker äußerte sich diese Verwendung des Judentums als Blitzableiter des aufgespeicherten Nationalhasses in Ungarn: weil man die wirklichen nationalen Feinde, die Rumänen, Tschechen, Serben, Franzosen, Italiener, Engländer, nicht verfolgen konnte oder durfte, richtete sich der Nationalhaß gegen die Juden und wandelte sich in Antisemitismus. In Deutschland und Ungarn wirkte sich der nationale Chauvinismus am stärksten als Judenhaß aus, weil nicht genügend nationale Minderheiten im Lande waren, die, wie in anderen Staaten, zu Prügelknaben des Nationalismus hätten,.dienen können. Denn dem Haß gegen die jüdische Minderheit in Deutschland und Ungarn entsprach in anderen Völkern der Haß gegen die deutschen und magyarischen Minderheiten, die praktisch gleichfalls vogelfrei waren. Ueberall die gleiche Erscheinung: der Krieg hört nicht plötzlich auf, sondern wird innerpolitisch fortgesetzt. Der Haß wirkt noch eine Zeitlang fort und bewegt sich praktisch auf der Linie des geringsten Widerstandes, gegen wehrlose Menschengruppen. So ist der Nachkriegsantisemitismus zum Teil eine Fortsetzung der Kriegspsychose, des übersteigerten und überhitzten Nationalismus. Der antisemitische Natiönalhaß' hatte aber noch ein zweites Gesicht. Die Juden wurden nicht nur als Nation bekämpft, sondern zugleich als Interna tion, als Negation der nationalen Idee. In diesem Sinne war der Judenhaß der . deutschen Nationalisten' um eine Dimension tiefer als ihr Frahzosenhaß.. Den Juden wird pazifistische und internationalistische Einstellung vorgeworfen. Diese Einstellung ist ein natürliches Ergebnis ihrer Entwicklung und ihrer Lage. Sie sind seit fast zwei Jahrtausenden entwaffnet., Seither, sind sie nicht mehr Subjekte der Kriege, sondern Objekte. Sie können nicht durch den Krieg siegen, sondern nur durch den Krieg leiden. Kriege wurden nicht für ihre, sondern für fremde Ideale geführt. Sie aber mußten seit Generationen die Kriege anderer mit ihrem Geld und oft auch mit ihrem Blut bezahlen. Das letzte tragische Beispiel war der russischpolnische Krieg, der die furchtbaren Judenmorde in der Ukraine zur Folge hatte. Niemand kann sich unter diesen Umständen wundern, daß die meisten Juden heute wenig Kriegsbegeisterung aufbringen und lieber für den Frieden eintreten als für den Krieg. Denn es ist selbstverständlich, daß Völker, die seit zwei Jahrtausenden vom Kriegsdienst Der neue Kühlschrank für J!! Ueberall aufzustellen oder aufzuhängen II »Motorlos«! Daher: keine Abnützungserscheinungen, keine Reparaturen Bequemste Teilzahlungen! 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Den meisten Menschen wird es leichter scheinen, in den Krieg zu ziehen, als angesichts des Scheiterhaufens ihre Ueberzeugung nicht preiszugeben. * Auch die Neigung der meisten Juden zu einer internationaleren Einstellung ist unbestreitbar. Aber gerade dieser Kosmopolitismus wird ihnen von den Nationalisten vorgeworfen. Noch vor kurzem war es eine Auszeichnung, Kosmopolit genannt zu werden. Heute ist an dessen Stelle das Wort Internationalist getreten. Es ist keine Auszeichnung mehr, sondern eine Herabsetzung. In einer Zeit des allgemeinen Nationalismus ist der Internationalismus ebenso verächtlich, wie es die Toleranz im Zeitalter der Glaubenskriege war. Heute wird Europa von der nationalistischen Ideologie beherrscht, wie vorher vom religiösen Fanatismus. Diese nationalistische Epoche ist noch sehr jung. Sie entstand in der französischen Revolution und in den napoleonischen Kriegen. Sie fand ihren Höhepunkt im Wertkrieg. Sie steht heute im Kampf mit sozialen Ideologien. Niemand kann wissen, wann und durch welche Ideen sie abgelöst wird. Aber solange sie herrscht, wertet sie Kosmopolitismus und Pazifismus als Ketzereien. Der Antisemitismus, der. früher als Ablehnung der jüdischen Religion aufgetreten war, erscheint in seinem neuen Gewand als Ablehnung der jüdischen Nation oder des jüdischen Internationalismus. Die Malversafion bei der Wiener Kultusgemeinde Bericht über eine aufschlußreiche Pressekonferenz Das „J'accuse", das teils in verlegenem, teils in scharfem Ton den verantwortlichen Herren der Wiener Judengemeinde entgegenscholl, versuchten diese auf dem in solchen Fällen gewiß ungewöhnlichen Wege einer Pressekonferenz zu entkräften. Es ging darum, „die Oeffentlichkeit durch die Presse zu informieren". Dr. O r n s t e i n und die ihm beisitzenden Herren Dr. Friedmann und D r. L ö w e n h e r z, als Referenten und als Beantworter der an sie' gestellten Fragen, taten zunächst das, was man am allerwenigsten erwarten konnte: sie polemisierten mit der Presse, um schließlich den Schleier des Geheimnisses, das immer noch die Affäre des JMaterialverwalters Popper bedeckt, ein wenig schüchtern zu lüften. Das geschah unter einem gewissen Zwang. Als nämlich nach der Verlesung des für die Pressekonferenz zugerichteten Kommuniques einige Pressevertreter Aufklärungen verlangten, sah sich Doktor Friedmann genötigt, die dem verhafteten Popper zum Vorwurf gemachten Belange näher zu beleuchten. Man hörte hier von dem großen Umfang der Agenden, von der Einwandfreiheit des Kontrollapparats und der Heranziehung eines außerhalb des Kultusgemeindebereichs stehenden Kontrollorgans; man hörte aber auch von weiteren Untersuchungen gegen vorläufig noch nicht beschuldigte Funktionäre und schließlich davon, daß Popper schon „seinerzeit , vor zehn Jahren, bei einer Unredlichkeit fast ertappt worden wäre. Dr. Friedmann mußte sich auch zu der Feststellung bequemen, daß die führende Stellung Poppers — er war Obmann des Angestelltenverbandes und als solcher eine Macht im Staate — die Leitung der Judengemeinde zu einer Art Vertrauensseligkeit gegenüber einem solchen B«csaten geradezu verpflichtet habe. An Tatsachen erfuhr man, daß der angerichtete Schaden rund S 62.000 betrage, für dessen Gutmachung die Familie des Max Popper bereits Wertpapiere im — Nominalwerte von zirka S 40.000 „bedingungslos" erlegt habe. Also: ein ausgezeichneter Kontrollapparat, ein seit Jahrzehnten erprobter Beamter, der so tüchtig war, daß man ihm nur durch einen Zufall nicht „draufkam", und doch? Dr. Friedmann berief sich gegenüber den philosophisch scheinbar ungeschulten Pressevertretern auf das Nadelöhr der Weltordnung, durch das eben manchmal ein Kamel durchschlüpfen könne. Ein höchst krasses Bekenntnis zum Pessimismus! Mit diesem Gefühl des Pessimismus ging auch die Pressekonferenz auseinander. Das Plädoyer vor der Verhandlung stimmte alle noch skeptischer, obwohl, was nach dem Ton der Ausführungen erwartet werden konnte, ein Vertrauensvotum von den Vertretern der Presse nicht gefordert worden war. Der Reflex in der Presse war auch danach. Man liest und hört nichts mehr. Die verantwortlichen Leiter der Judengemeinde sind mit zwei blauen Augen davongekommen. y