Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 247 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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'Seife DIE NEUE WELT Nr. 247 Au§ Deutschland fecOage der »Nennt Welt« lör DeutotMand « FAfalredakrton and Actmfafsfralfoiii BetHn, CharloHenburg * loadrfmsMleHtraBe S/B ■MMnmiiiiiiiiiiiiaiinaiiiiiiiiiaB......»in......»1»««^^ Friede den Arabern — Kampf den Revisionisten! Die neue Parole der „Meineckestraße" Von Dt. Paul Arnsberg (Frankfurt am Main) i Der offizielle deutsche Zionismus wird vom Sitz der zionistischen Bürokratie, dem Verwaltungsgebäude Meineckestraße 10, Berlin, gemacht. Die Wahl des Wortes „gemacht" ist keine zufällige, sondern eine beabsichtgte. Denn es gibt kein zionistisches Land dex Erde, in dem die öffentliche zionistische Meinung des Landes von der Bürokratie so abhängig ist wie in Deutschland. Der deutsche allgemeine Zionist ist gewohnt, wöchentlich zweimal seine Parolen von der „Jüdischen Rundschau" zu beziehen. Ein freier zionistischer Impuls besteht in Deutschland nicht, da an den wesentlichen Verwaltungsstellen die Funktionäre der Zionistischen Vereinigung für Deutschland sitzen. Die Funktionäre machen die Politik, sie allein sind verantwortlich für das sich stets wiederholende Geschwätz: „Verständigung mit den Arabern" usw. Sie allein sind aber ebenso verantwortlich für die Kampfparole gegen die Revisionisten. Dem unbeteiligten Dritten mag diese „kämpferische" Einstellung unserer Patenrtpazifisten unbegreiflich sein. Sie wird aber begreiflich, wenn man •weiß, daß in der zionistischen Innenpolitik die Front der Funktionäre eine wesentliche Gefahr erkennt: die revisionistische Bewegung, Wo es sich also um einen Kampf um die heiligsten materiellen Güter handelt, wird manche Episode dieses ständigen Kleinkampfes verständlich, ans dem nachfolgend einige Szenen der Oeffentliehkeitmitgetealt werden sollen: I. Am 13. Oktober ll>3l hatten die deutschen Revisionisten empfohlen, aus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland auszutreten. Es blieb aber jedem einzelnen Revisionisten vorbehalten, weiterhin in der Z. V. f. D. zu bleiben. Es war doch klar, daß die Anhänger des Austrittes ihren Austritt vollziehen würden, und daß in der Z. V. f. D. diejenigen bleiben würden, die Gegner eines derartigen ' Austrittes nach wie vor waren. Eine besonders kluge Bürokratie der Z. V. f. D. hat daraufhin den Beschluß gefaßt, die Zugehörigkeit zum revisionischen Landesverband und zur Z. V. f. D. für unvereinbar zu erklären. Was war die Folge? Diejenigen Revisionisten, die nicht austreten wollten, wurden a u s geschlossen. Das war also die Antwort an diejenigen Revisionisten, die sich um eine weitere Verständigung bemühen wollten. Es liegt nur in der Linie dieser Konsequenz, daß die Z. V. f. D. dem einzelnen Mitglied der Poale Zion Zugehörigkeit zur Z. V. f. D. gestattet, obwohl die Poale Zion-Partei als solche nicht der.Z. V, f. D, angehört und auch ihren Mitgliedern diese Zugehörigkeit nicht zur obligatorischen Pflicht macht. 2. Wie es sich wirklichen Friedensaposteln geziemt, wurden dann von einem Tag auf den andern die Revisionisten aus den zionistischen Vereinshäusern hinausgeworfen. Revisionisten, Schekelzahler, d. h. Mitglieder der zionistischen Organisation, mußten in der nebligen Oktobernacht die Vereinsräume verlassen und hatten keine Rechte mehr auf das Eigentum der Organisationen, die sie in langen Jahren mit aufgebaut hatten. Sie hatten noch nicht einmal das Recht, die Mitgliedsbeiträge zurückzufordern, die sie auf ein halbes Jahr im voraus bezahlt hatten. Es lebe der Friede!, 3. Jetijt begann die weitere Hetze. Man forderte revisionistische Mandatsträger, natürlich vergebens, auf, ihre Aemter niederzulegen. Man schloß Revisionisten ausdrücklich von der Teilnahme an zionistischen Veranstaltungen aus. Man lehnte grundsätzlich gemeinsame Aussprachen mit Revisionisten ab. Noch in letzter Zeit hat in Frankfurt a. M. die Arbeitsgemeinschaft für sozialistischen Zionismus eine kontradiktatorische Aussprache mit Revisionisten abgelehnt, weil eine gemeinschaftliche Veranstaltung zu „Mißverständnissen" (!) führen könne und in Anbetracht des Austrittes aus der Z. V. f. D. nicht angebracht sei. Wühlgemerkt, kommen derartige Aussprachen zwischen Sozialisten und Kommunisten, aber auch zwischen Revisionisten und Kommunisten ohneweiters zustande. Es erging die Parole, sämtliche revisionistischen Veranstaltungen zu boykottieren, allerdings ohne Erfolg, da die revisionistischen Organisationen einen außerordentlich starken Mitgliederzulauf hatten. Revisionistische Redner, die in fremden zionistischen Ortsgruppen zu Vorträgen eingeladen waren, wurden in unhöflicher Weise wieder ausgeladen; alles unter dem Hinweis des Austrittes aus der Z. V. f. D. 4. Einen interessanten Höhepunkt hat diese edle Kamp fesweise neuerdings erreicht in Frankfurt a. M. bei Gelegenheit der Besetzung eines Beamtenpostens für den Jüdischen Jfationalfonds (Keren Kajemeth). In Frankfurt a. M. waren die revisionistischen Jugendorganisationen mit ihrer Tätigkeit für den KKL, führend. Es war somit naheliegend, für einen vakanten KKL.-Vosten einen fähigen revisionistischen Studenten zu bestimmen. Man erreichte durch Quertreibereien, daß die Kandidatur des revisionistischen Studenten zurückgestellt wurde zugunsten einer früheren Beamtin der Meineckestraße, einer bewährten Antirevisio n i s t i n. Der revisionistische Student wurde nur für den Posten eines Büchsensammlers bes»timmt und somit war ein notdürftiger Friede hergestellt. Das Heß die allgemeinen Zionisten nicht zur Ruhe kommen. Man protestierte hinten herum in Bertiin gegen die Wahl eines politisch exponierten Revisio nisten für die KKL.-Tätigkeit und erreichte vollkommen unmotiviert die sofortige fristlose Entlassung. Der poti tisch exponierte Revisionist sollte also unfähig sein, KKL.-Büchsen zu leeren Die Oeffentlichkeit wird es interessieren, zu erfahren, womit der revisionistische Student sich ex poniert hat. Er hatte gewagt, in einer öffentlichen innerzionistischen Versammlung bei den letzten Kon greßwählen gegen Blumenfeld zu sprechen. Das ist in den Augen dieser deutschen Zionisten eine große zionistische Sünde. Noch schlimmer aber ist es, daß der junge Student, abigelehnt hatte, in seinem Heimatsort eine Versammlung für Herrn Blumenfeld zu arran gieren. 5. Die öffentliche Meinung mag sich jetzt ein Bild machen über die Formen, in denen der Kampf gegen den deutschen Revisionismus geführt wird. Man mag sich über die Scheinheiligkeit wundern, mit der diese Leute immer über die Anständigkeit der Methoden und der Form zu sprechen belieben. Man erinnere sich auch schließlich an das so lebhafte ^Eintreten für den Ge danken der zionistischen Solidarität: Das' ist ' die Theorie. Die dargestellten Vorgänge bedeuten oae Praxis. Und diese Praxis, wird beibehalten auf Kosten der zionistischen Fonds. Es reisen die Funk tionäre des deutschen offiziellen Zionismus tagein, tagaus zu allen zionistischen Ortsgruppen, uan den Kampf gegen den Revisionismus fortzuführen. Es handelt sich hier um die Auseinandersetzung eines Apparates mit der lebendigen Bewegung. . Jetzt erst wird der ausländische Zionismus ver stehen, worum es bei dem Kampf um den deutschen Zionismus geht. Die Offiziellen verhindern jede Auf kiärung, sie lehnen sogar Veröffentlichungen bezahlter revisionistischer Versammlungsanzeigen ab. Wenn sie schon über den Revisionismus berichten, dann geschieht es mit bösen Absichten. In einem Artikel „Zur revi sionistischen Kampagne" berichtet die „Jüdische Rund schau" über Militärübungen des Biith Trumpeldor und stellt fest, daß sie jede Verantwortung für diese Sache ablehne. Niemand hatte die „Jüdische Rundschau" aufgefordert, hiefür . die Verantwortung zu übernehmen. Man muß es rundheraus sagen, eine derartige Schreibweise ist nichts anderes als Provokation und Denunziation zugleich. Das ist die Gesinnung derjenigen, die aus Jerusalem, mit Norman Bentwich an der Spitze, ein Zentrum des Friedens machen wollen. Frankfurter Judenfriedhof. Der mit 13 Abbildungen versehenen Broschüre ist zu entnehmen: Berliner Nachrichten- Regelmäßige Zusammenkünfte. Die Revisionisten Berlins treffen sich nach wie vor im Cafe" Kornreich, Charlottenburg, Fasanenstraße, direkt neben der Synagoge, jeden Dienstag, ab 8 Uhr abends. In den Sommermonaten finden die Zusammenkünfte im Garten statt. Auch die von auswärts eintreffenden Gesinnungsgenossen werden auf diese Zusammenkünfte aufmerksam gemacht. Revisionistischer Studentenklub. In den nächsten Tagen wird in Berlin ein revisionistischer Stüdentenklub gegründet, der sich dem Weltverbande der revisionistischen Studenten anschließen und durch einen Delegierten an der bevorstehenden Weltkonferenz revisionistischer Studenten vertreten sein wird. Anfragen sind zu richten: Berlin-Charlottenburg, Joachimsthalerstraße 3/II. Fawag, Palästina-Waren-Agentur, befindet sich Charlottenburg, Joachimsthalerstraße 3/II. Orangeade und sonstige Palästina-Produkte. Der alle Judenfriedhof in Frankfurt Als Professor Dr. Julius Hülsen im September 1931 gestorben war, beschloß der Vorstand der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a, M., das Andenken des Gelehrten, eines der besten Ke/mer der jüdischen Vergangenheit, durch Herausgabe eines seiner Vorträge zu ehren. Die Wahl fiel auf ein Thema, das von Professor Hülsen mit Vorliebe, behandelt worden ist) den alten Es gibt nun in Frankfurt ein in seiner räumlichen; Ausdehnung nicht zu übersehendes Kultur- und Kunstdenkmal, einzigartig unter seinesgleichen, umwoben vor£ vielhundertjährigen schicksalsrelchen Erinnerungen, ausgezeichnet durch die vollendete Harmonie im ganzen und durch künstlerische Einzelheiten — es ist der alte] Judenfriedhof am Börneplatz, Hinter der, altersgrauen, unscheinbaren Bruchsteinmauer erstreckt sich ein weit ausgedehntes, hügelig gewelltes Gebiet, auf dem etwa 7000 Grabsteine sich erheben. Sie sind bedeckt mit hebräischen Inschriften und geschmückt mit flach' gemeißelten Ornamenten. Welche Fülle von geschichtlichen Erinnerungen, die gleichlaufend sind mit den' wechselvollen, oft tief tragischen Schicksalen des benachbarten Alt-Frankfurter Ghettos, haften an dieser Stätte;; die vielen Beschränkungen, die der alten Judengasse auferlegt waren, haben auch hier ihren Ausdruck gefunden* Als der Friedhof überall mit Gräbern besetzt war, gab1 es kein anderes Mittel, als sein Gelände durch Erdaufschüttung künstlich zu erhöhen und in diesen neuen Schicht weiter zu beerdigen, ein Verfahren, das' im Laufe der Jahrhunderte mehrmals wiederholt wurde1* Die alten Grabsteine der unteren Schichten wurden dabei immer wieder mit in die Höhe genommen, um fernerhin! die Namen der früher Bestatteten und die Stelle ihres* Grabes mit Sicherheit feststellen zu können, und diesen pietätvolle ^Brauch hat dem Friedhofe seine heute nocH bestehende, unangetastete, einzigartige Signatur verliehen* Alle Steine stehen hinter und nebeneinander dicht gedrängt, gemeinsam auf demselben grünen Plan, gleichsam; ein ganzer Wald von Steinen mit Dickichten und Lichtungen — ein „G h e 11 o d e r T o t e n". Die ältesten über dem Boden befindlichen Steine stammen nachweislich aus dem Jahre 1272. Damals bestand noch kein Ghetto; in dieses mußten die! Frankfurter Juden erst 1462 einziehen. Die älteste Geschichte der Frankfurter Juden ist in Dunkel gehüllt* Sie beginnt dokumentarisch eigentlich erst kurz vor 1241ili dem Jahre der ersten Frankfurter Judenschlacht« in der fast alle Einwohner des Judenviertels am Dom, bis auf wenige, die entkamen, den Tod erlitten. Nachweislich wohnten schon im vierten Jahrhundert Juden iri Deutschland, und die Gemeinden von Köln, Mainz, Speier, Worms, Würzburg, Regensburg, Erfurt z. B. blicken auf ein hohes J^ltcr zurück. Es sind nicht zwingende Gründe* die dagegen sprechen würden, daß auch schon etwa in! karolingischer Zeit Juden in Franfurt ansässig waren* ja daß auch damals schon der alte Friedhof an derselben' Stelle in Benützung stand. Die ältesten Steine aus dieser, frühen Zeit würden alsdann in der untersten, jetzt nicht mehr erreichbaren Schicht tief unter dem heutigen Gelände begraben sein. Da dieser Friedhof im Jahre 1828 geschlossen wurde, so hat er, wenn man das Datum des ältesten über der Erde stehenden Steins (1272) in Betracht zieht, mindestens 65 6 Jahre seinem, Zweck* gedient Hundert Jahre nach der ersten Judenmetzelei vool 1241 brach im Jahre 1349 die zweite furchtbare Katastrophe über die Frankfurter Judenheit herein. Wiederum* wurden sie fast alle getötet, und die Erde nahm barmherzig die Erschlagenen auf. Im östlichen Teild Hegt der Hügel der Märtyrer, wie er in den! späteren Beerdigungsregistern noch genannt wird; dort liegen alle beisammen, die im Laufe der Jahrhunderte fürl ihren Glauben lieber alle Martern und den Todesstreich1 erlitten, als durch feige Fahnenflucht die äußere Freiheit zu erkaufen. Das Studium der Inschriften der Grabsteine] stößt auf mancherlei Schwierigkeiten. Da sie in hebräischer Sprache Abkürzungen enthalten, so wird nur eitj gründlicher Kenner der hebräischen Philologie sich hiet! zurechtfinden können. Ein riesiges steineres Geschichts* und Schicksalsbuch mit unzähligen inhaltsschweren! Seiten. Die Inschriften bergen ein bedeutendes histort* sches und kulturhistorisches Material, wertvoll für did Geschichte der Frankfurter Juden und auch für die Geschichte der Stadt Frankfurt. Der verewigte Rabbinetl Dr. Marcus Horövitz hat vor fünfzig Jahren die ersten] Schritte zur Hebung dieser Schätze getan. Das wohlerworbene volle Eigentumsrecht der Jüdischen Gemeinde auf den Friedhof wird schön durch eine Urkunde vorn! - 15. Oktober 1316 ausdrücklich beglaubigt Kriegerische Ereignisse haben.1 die' Statte : detV / Friedens nicht verschont. Während der Belagerung! Frankfurts im Jahre 1552 wurden Gesehütze und Mann« Schäften auf dem Friedhofe aufgestellt. In den Schreckensnacht vom 22. zum 23. August 1644 flüchteten* die durch' den Fettmilchsch en Aufstand ihre* Habe beraubten Juden aus Furcht vor der blinden Wut der von -Fettmilch aufgestachelten Volksmenge auf den1 Friedhof/ Alt und jung, Männer und Frauen, alle waren da im Dunkel der Nacht versammelt. Sie hatten ihre" weißen Sterbekleider angelegt und bereiteten sich an deri Gräbern ihrer Vorfahren auf ihr Ende vor, entschlossen^ den Tod "dex Schande vorzuziehen,