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Die neue Welt · 1932-06-09 · Heft 247 (9.6.1932) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 247 (9.6.1932)
Date
1932-06-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 247 DIE NEUE WELT Seite 5 drei Hauptführer von Valeras Republikanischer P a r t e i, er organisierte die Freiheitsbewegung in Irland selbst und ging nach Amerika, um unter den amerikanischen Iren für die republikanische Sache zu werben. Von Beruf ist er K1 e i n f a r m e r. Er bewirtschaftet selbst eine kleine Hühnerfarm, die seine Haupteinkunftsquelle bildet. Unter der arbeitenden Bevölkerung von Dublin, die ihn immer wieder ins Parlament wählt, ist er außerordentlich populär. Briscoe ist treuer Jude, Mitglied einer orthodoxen Synagoge und in der zi o nis t i ti s ch e n Bewegung -tätig. Aus der Tschechoslowakei Judensperre In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, daß in einigen Präger Großbanken, die durch Fusion kleinerer Unternehmungen entstanden ßind. eine Personalpolitiik betrieben wird, die auf eine Ausschaltung jüdischer Beamter au6 dem Stab abzielt. So wurden gelegentlich der Fusion der Anglo- Tscheohoslowakischen und der Präger Kreditbank und auoh späterhin zahlreiche jüdische Beamte der Anglo- Bank entlassen. Die klerikale „Ludova Politika" schreibt, daß in der Slowakei künftighin keine Juden mehr in den Staatsdienst aufgenommen werden würden. Diese Mitteilung hat großes Befremden in jüdischen Kreisen hervorgerufen, besonders im Hinblick darauf, daß auch jetzt schon, der prozentuelle Anteil der slowakischen Juden am öffentlichen Dienst außerordentlich gering ist und daß man von dieser Maßnahme eine weitere Verschlechterung in der wirtschaftlichen Lage der slowakischen Juden erwartet. — Ein jüdischer Beamter der „Slovenska Barika": in Hust beging dieser Tage Selbstmord; es wurde festgestellt, daß die Ursache hiefür in antisemitischen Schikanen vonseiten des Leiters der Bank zu suchen sei. Die Juden in Mähren und Schlesien Auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung 1931 läßt sieh feststellen, daß die Zahl der Personen jüdischer Nationalität in Mähren und Schlesien von 18.016 im Jahre 1921 auf 17.069 im Jahre 1931 zurückgegangen ist. Dieser große Rückgang innerhalb von zehn Jahren ist auf den starken Geburtenrückgang, auf eine erhöhte Sterblichkeit und in geringem Maße auf die Tau f b e w e g ü n g zurückzuführen. Die Juden Mähren-Schlesiens, die 1921 noch 0,586 Prozent der Gesamtbevölkerung bildeten, repräsentieren heute nur noch 0,487 Prozent dieser Bevölkerung. Schulstatistik In den^ „Äidovsike Zpravy"- veröffentlicht Dr. Franz Friedmann interessante Ziffern über die jüdischen Schüler an den tschechoslowakischen Schulen. Er kommt zu dem Schluß, daß von allen israelitischen Schülern sich 7 0 Prozent zur jüdischen Nation bekennen. Dieses Faktuni ist um so interessanter, als bei der letzten .Volkszählung sich 53,86 Prozent aller Israeliten zur jüdischen Nation bekannt haben. In Böhmen bekennen sich 20, . in Mähren 50, in der Slowakei 60 Prozent, in Karpathorußland 98 Prozent aller israelitischen Schüler zur jüdischen Nation, Bei der Volkszählung bekannten sich in Böhmen 15,7, in Mähren-Schlesien 5t» in der Slowakei 54,9, in Karpatho-, rußland 87,3 Prozeni aller Israeliten zur jüdischen Nation. , Staatsbürgerschaft •r Im Jahre 1930 ist, wie das Statistische Staatsamt mitteilt; in der Tschechoslowakei 1598 Personen israelitischer Konfession (636 Personen jüdischer Nationalität) die' S t a a t s b ü r g e r s c h a f t erteilt worden, davon in Böhmen 60 (13), in Mähren und Schlesien 69 (41), in der Slowakei 1020 (216) und in Karpathorußland 449 (366). Die Juden bildeten 19,3 (7,68) Prozent aller, in den Staatsverband neu aufgenommenen Personen. -■" Im Jahre 1929 wurde 1108 Juden die Staatsbürgerschaift erteilt, davon 794 in der Slowakei und 202 in Karpathorußland. '_; Aus Griechenland Di« Juden wpllen eine Selbstwehr! — Die kom- . munistische Plage v Aus Saloniki wird gemeldet: -' Der gerichtliche F r e i s p r u c h der Führer des Pogroms in Saloniki, auf deren Schuldkonto die Niederbrennung des jüdischen Wohnviertels C a m p bell fiel, hat'die vom Gericht erwartet Versöhnung zwischen dem anfisemisph-uationalistischen und dem jüdischen.Element nitthi gebracht. Die antisemitische Hetze der Nationalisten, genährt durch Legenden von jüdischer Hoher Untreue, wird ununterbrochen wei,tejv ge'tf üh rt. Die Heize hatte zur Folge, daß in der Nacht zum letzten Sonntag die im jüdischen Viertel gelegene Baracke Nr. 151, in der vier beim GampbellrBraud. obdachlos gewordene jikltaohe- Familien Unterkunft fanden, in B r * n d g esteck t w u r d e. Gluoküc^rweise wurde der Brand rechtzeitig entdeckt, so daß die schon schlafenden Insassen gerettet werden konnten. Die jüdische Gemeinde von Saloniki wandte woh an die Behörde mit der. Forderung nach strenger Unter* suohung und Verstärkung der Wache im .jüdischen Distrikt von Saloniki. Die Judenschaft von Saloniki fordert einmütig, daß ihr gestattet wird, eine Selbst wehr zu bilden und an besonders gefährdeten Stellen* wie bei den neuen Wohnibaracken, ständige Wachen aufzustellen. Wie es heißt, sind die Behörden geneigt, diese jüdische Forderung positiv in Erwägung zu ziehen. * Der Umstand, daß in der kommunistischen Partei in Griechenland einige Juden als Führer tätig sind, gibt den Antisemiten zu ständiger Hetze und Anklage gegen alle Juden Anlaß. Stän'dig werden Juden unter der Anklage kommunistischer Umtriebe vors Gericht gebracht und die jüdische Oeffentlichkeit harrt immer bange des Ausganges dieser Prozesse. Eine der letzten Denunziationen betraf eine große Zahl jüdischer Soldaten. Hiezu wird gemeldet: Die neunzehn jüdischen Soldaten in Saloniki, die sich unter der Beschuldigung, kommunistische Propaganda getrieben zu haben, vor einem Kriegsgericht zu verantworten hatten, wurden gemäß einstimmigem Verdikt des Gerichtes freigesprochen. Die Namen der Freigesprochenen sind: Nassim Amaxiglio, David Tiano, Simeon Bivas, Moshe Eliazer, Daniel Salmona, Samuel Nissim, Haim Torres, Alberto Barsion, Barouh Halegua, Jakob Saltiel, Abram Arat, Aron Jordoh, Mordo Pilo, Haim Senor, Eliaou Torres, Moshe Arama, Abram Sadicario und Samuel Moche. heit zu vertuschen, können als gescheitert betrachtet werden. Nichtsdestoweniger gibt die antisemitische Hetze zu Besorgnissen Anlaß. Seit einigen Tagen besteht hier eine nach Hitler - Muster eingerichtete Nationalsozialistische Partei. Der Führer der Partei, Christo Kuntscheff, hat eine Zeitlang in Deutschland gelebt, um, wie er 6agt, „Hitlers Lehre" zu studieren. In der Gründungs. Versammlung legte Kuntscheff das Programm der neuen Partei dar, das sich ungefähr mit dem Hitler-Programm deckt. Artikel 4 des Programms lautet: „Mitglieder der Partei können nur reinbliitige Bulgaren sein, Juden können nicht F r*e u n d c des Volker, sei n." Die Partei gibt ein eigenes Organ „Atake" heraus. Der Parteiführer Kuntscheff wurde erst im vergangenen Monat wegen betrügerischen Bankrotts zu einem Jahr schweren Kerkers und" zweijährigem Verlust aller bürgerliehen Rechte verurteilt. Also eine Figur, wie man sie nicht selten bei den mitteleuropäischen Antisemiten findet. Aus Litauen Pogrom-Prozeß. Am 23. Mai begann vor dem Kownoer Kreisgericht der Prozeß gegen 17 Huligans, unter ihnen einige gewesene Polizeibeamte, die im August 1929 an einem Pogrom gegen die jüdischen Einwohner der Judenhaß und Judenfrage sind heute brennender denn jeS -**A HTISEM ITI SMU S von HEINRICH GRAF COUDENHOVE mit einem einleitenden Essay ANTISEMITISMUS NACH DEM WELTKRIEG von R. N. COUDENHOVE-KALERG 1 gibt einen Querschnitt durch die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart, gesehen mit den Augen eines tiefgründigen Forschers, dessen nichtjüdische Abkunft außer Frage steht. Feinst kartoniert mit Kunstumschlag S 7.—, Ganzleinen S 10.—. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen PANEUROPA VERLAG — WIEN - LEIPZIG ■■■■■■■■■■■■■ Aus Bulgarien Der Antisemiten-Prozeß in Bulgarien Aus Sofia wird der „Neuen Welt" unter dem 5. Juni geschrieben: Im Mittelpunkt des Interesses steht zurzeit der an Sofia gegen die antisemitischen Terroristen geführte Prozeß, in welchem es die drei Hauptangeklagten D. K a 1 p a kd s c h i e .tiy ein Mitglied der bulgarischen Heimwehr „Rodna Zaschtita", dessen Sekretär R. Radew und einen gewissen T. Stojanow gibt. Es sind also drei Angeklagte, in Wirklichkeit aber steht der junge bulgarische Terror-Antisemitismus vor Gericht. Man erinnert sich noch an die Tatsache, daß vor sechs Monaten Kalpakdschiew nebst anderen Untaten einen bulgarischen Chauffeur getötet hat, um ein Auto zur Verschleppung des Obersten Tagger (Präsident der Zehtralkonsistoriums der Juden Bulgariens), des Chaim Farchy (Präsident der bulgarischen Sektion der Jewish Agency) und der Makkabi'-Führer zu bekommen. Es geht darum, die Hintergründe der antisemitischen Aktionen klarzustellen, und auch die Begleitumstände des Prozesses ins richtige Licht zu setzen. Die Stimmung in der Stadt ist sehr erregt. Auf der einen Seite steht die antisemitische Liga - „Rodna Zasohtita" mit ihrem „Helden" Kalpakdsohiew, den Dr. Bejew (Sekretär der Liga) vertritt, auf der anderen Seite die terrorisierte Judenheit und die Vertreter der von den Attentätern bedrohten Juden mit den Verteidigern Prof. K u 1 e w (früherer Minister), Magankiew (bulgarischer Präsident der Liga für Menschenrechte) und den jüdischen Anwälten Dr. N. Me worach und M. Fa jonow. Kalpakdschiew wird als Nationalheros gefeiert, die jüdischen Anwälte erhalten Drohbriefe. Krawalle und Exzesse sind an der Tageordnung — im Gerichtssaal und auf der Straße. Der Mob vertreibt eine antisemitische Zeitung. Kurzum eine Stimmung ähnlich der in gewissen Pogromländern. Allerdings muß gesagt werden, daß der erhebliche Teil der bulgarischen Bevölkerung der Hetze fernsteht. Kalpakdschiew spielt im Gerietitssaal die Rolle eines Märtyrers und tischt phantastische Märchen auf, wird aber von den Verteidigern hart in die Enge getrieben. Ungeheurer Druck wird auf den Gang der Verhandlung ausgeübt. Es nützt nichts. Drei bulgarische Zeugen werden verhaftet. Andere, noch nicht verhaftete Zeugen bringea über „geheime jüdische Organisationen" Schauerdinge vor, die vom Auditorium mit Hohnlachen aufgenommen werden. Bezeichnend ist die Aussage des Zeugen Januschew, eines Spoitführers, der zur Verleumdung des Sportvertjandes Makkabi folgendermaßen Stellung nimmt: „Ich kenne die Organisation Makkabi als eine patriotis'sae Organisation, zwischen Makkabi und dem bulgarischen Turnverein Junak wurde ein ewiger Freunidsehaftsbund geschlossen. Makkabi beginnt und endet seine Zusammenkünfte mit der bulgarischen Nationalhymne." Der Prozeß geht weiter. Die Versuche, die Wahr- Kownoer Vorstadt S1 a b o d k a teilgenommen haben. Von den 17 Angeklagten sind acht gewesene Polizisten, vier Kriminalbeamte und fünf Mitglieder des Schützenyerbandes „Eiserner Wolf". Die Angeklagten benahmen sich bei ihrer Vernehmung außerordentlich herausfordernd und versuchten, die Vorfälle so darzustellen, als ob sie von Juden überfallen worden wären und in Notwehr gehandelt hätten. Als Zeugen marschierten eine große Reihe jüdischer Einwohner von Slobodka auf, die während des Pogroms verletzt worden waren. Alle schilderten anschaulich, wie der Pogrom ^organisiert war. Genau wie im ehemaligen Zarenreich war der Pogrom von der Polizei und der Schützengarde, die dem damaligen Diktator Woldemaras ergeben waren, organisiert und durchgeführt worden. Die jüdischen Bürger unterlagen 1 einem furchtbaren Terror. Den Zeitungen war verboten worden, ein Wort über den Pogrom zu berichten. Bei der Schilderung der Mißhandlungen und Peinigungen, denen die jüdischen Opfer, unter ihnen Greise, Frauen und Kinder, unterworfen worden waren, kam es wiederholt zu dramatischen Szenen. Am 26. Mai wurde das Urteil gefällt. Ein Angeklagter wurde zu neun Monaten, einer zu sechs Monaten, sechs Angeklagte wurden zu je vier und vier Angeklagte zu je drei Monaten Gefängnis wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt. Fünf Angeklagte wurden freigesprochen. Die höchsten Strafen wurden gegen die Polizeibeamten verhängt. In der litauischen Oeffentlichtkeit wird das Urteil als überaus milde angesehen; man hält aber den Angeklagten zugute, daß sie auf „höheren Befehl" gehandelt haben. Die jüdische Presse Litauens betont, daß alle diese Angeklagten arme Teufel seien, die auf Befehl einer höheren Macht handelten. Wo sind, fragen die Zeitungen, jene Politiker, die den Pogrom befahlen, weil sie jüdisches Blut als Schmieröl für ihren politischen Triumphwagen benutzen 'wollten?. Diese Politiker fehlen auf der Anklagebank. So lange aber die wahren Schuldigen nicht der gerechten Strafe zugeführt worden sind, bleibt der Pogrom von Slabodka als ein Schandfleck Litauens bestehen. Judenboykott Am vergangenen Sonntag und Montag fand in K o w n o eine Tagung der litauischen K a u Heute, Industriellen und Handwerker statt, der auch Ministerpräsident Tuibelis beiwohnte und die einen ausgesprochen antijüdischen Charakter hatte. Tubelis selbst hob in einer Ansprache hervor, daß in Anbetracht der geschichtlichen Entwicklung Litauens Handel und Gewerbe in die Hände der Fremdutämmigen geraten seien. Es gelte nun, ebenso wie. die politische Verwaltung auch den Handel und das Gewerbe in die Hände der Litauer zurückzuführen. Di? R c g i e r u ng w e r d e die B e s c h 1 ü s s e der Tagung weitgehend unterstützen. Die folgenden Retiner bliesen direkt in dau aniiseiniti<sc\bf Horn und ga'ben die Parole aus: „Litauer, erobert die Städte!" Sie forderten auf steuerlichem und auf dem Zollgebiet, sowie auf dem Gebiet des Kreditwesens Vorrechte für die litauischen gegenüber den j ü d ieo'heu Kau flauten und Gewerbetreibenden.

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