Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 246 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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r Seil« 6 DIE NEUE WELT Nr. m*) I! I Aus Deutschland ^ISISLSZJS^T *** D*,t*ÄAiand ********** AdminittwAtiom Berlin, Charlottenburg a, foadilmstakttttftfle 3/» ninWnnmlnlwiinl!^.............>............................. ....... ' Boykott als Waffe gegen den Revisionismus oder Wie die „Jüdische Rundschau" sich //geistig auseinandersetzt" Von Richard Lichtheim Herr Kurt Blumenfeld befaßt sich in der „Jüdischen Rundschau" vom 20. Mai mit einem Flugblatt der Berliner Revisionisten, in welchem das Verhalten der Zionisti sehen Vereinigung für Deutschland (2VFD.) anläßlich der Stricker*Versammlung in Berlin gekenn zeichnetwurde, Die „Jüdische Rundschau" hat auf Geheiß des Herrn Biumenfeld die Aufnähme einer Annonce für die Stricker- Versammlung im Inseratenteil des Blattes abgelehnt. Dieser Boykott einer zionistischen Kongreßpartei durch das offizielle Organ der ZVFD. hat in zionistischen Kreisen allgemeinen Unwillen erregt. Um diesen zu beschwichtigen, ergeht sich Herr Blumenfeld in längeren Ausführungen, die aber den Kernpunkt der Sache sorgsam vermeiden und als absichtliche Irreführung der Leser bezeichnet werden müssen.; Er erzählt lang und breit, daß die deutschen Revisionisten aus der ZVFD. ausgetreten seien — was jeder weiß und was ihr gutes Recht ist, da keine Landesgruppe eines Landesverbandes oder einer Kongreßfraktion gezwungen ist, der Landesorganisation anzugehören. (Die Poale Zion haben es jahrelang abgelehnt, der ZVFD. beizutreten.) Er behauptet, daß bis zum Austritt der Revisionisten aus der ZVFD. die „Jüdische Rundschau" den Revisionisten für ihre Publikationen und Ankündigungen zur Verfügung gestanden ist, aber er s, a g t n i c ht, daß die „Jüdische Rundschau" seit Jahren den Revisionismus bekämpfte, zahllose Unwahrheiten über ihn verbreitet und die Aufnahme eingesandter Berichtigungen verweigert hat. Er erklärt, daß man einer Gruppe, „die den Austritt aus der ZVFD. propagiert, hierzu nicht die Organe und Hilfsmittel der ZVFD. zur Verfügung stellen kann". Und er fährt fort: „Von diesem Grundsatz im Falle Stricker eine Ausnahme zu machen, lag um so weniger ein Anlaß vor..." usw. Dann polemisiert Herr Blumenfeld gegen die Angriffe des Revisionismus auf die ZVFD. und ihr Organ, um nochmals darzutun, daß es nichVSache der „Jüdischen Rundschau" sei, für revisionistische Veranstaltungen „in irgend einer Form Propaganda zu machen". Ers folgen weitere Beschimpfungen der revisionistischen Partei, es ist von „demagogischer Besudlung" die Rede und zugleich Vom „Gassenton einer Polemik, die ihr Vorbild offenbar außerhalb des jüdischen Lagers hat" (lies: bei den Nazis), womit aber Herr Blumenfeld keineswegs seinen eigenen Ton meint, sondern deh der Revisionisten. Nachdem sich der Vorsitzende der ZVFD. auch noch über den Brlth Trumpeldor aufgeregt hat, versichert er zum Schluß nochmals, daß die Revisionisten nach der Loslösung von der ZVFD. keirien Anspruch darauf hätteh, „an die Organe der ZVFD, mit dem Verlangen um. eine organisatorische Unterstützung heranzutreten, und am allerwenigsten sollte man ein solches Verlangen mit dem beschämenden Argument stützen, daß man dafür »zahlen' wollte". Nun weiß eb der Leser: Die Revisionisten forderten von der ZVFD. organisatorische Unterstützung, die sie sogar niederträchtigerweise bezahlen wollten. (Offenbar ein BestechungsversuchI) Sie muteten der „Jüdischen Rundschau" zu, für den Revisionismus Propaganda zu machen — was doch mit der bewährten Tradition dieses Blattes ganz unvereinbar wäre, wie jeder Revisionist selbst zugeben muß. Ja, diese Revisionisten erdreisten sich, für ihre Propaganda zum Austritt aus der ZVFD. die Organe und Hilfsmittel der ZVFD. in Anspruch zu nehmen — ein unbilliger Anspruch, der natürlich auch „im Falle Stricker" abgewiesen Werden mußte. So ist denn Herr Blumenfeld und die „Jüdische Rundschau" glänzend gerechtfertigt. Eines freilich bleibt dem Leser verborgen: Daß die Revisionisten im Inseratenteil der „Jüdischen Rundschau" eine Annonce aufgeben wollten, in der eine öffentliche Versammlung des Herrn Stricker mit dem Thema „H eraus aus der Juden not!" angekündigt werden sollte, und daß Herr Blumenfeld die Aufnahme dieses Inserates v e <•- hindert hat. Der Wort- und sprachgewandte Herr Blumenfeld erzählt von „Ankündigungen" von „propagandistischer Unterstützung", die die Revisionisten verlangt hätten — ^|nur die Worte „Inserat" und „Annonce" kommen in seinem Artikel nicht vor. Dies ist der einfache Sachverhalt: Die „Jüdische Rundschau" bekämpft seit Jahren den Revisionismus, verleumdet und beschimpft ihn — lehnt die Aufnahme von Berichtigungen ab — und Herr Blumenfeld wundert sich, daß wir uns vo i seiner Meinungsfabrik losgesagt haben. Dann aber geht er weiter und verhängt über den Revisionismus den Boykott: Revisionistische Kundgebungen werden systematisch unterschlagen, über Versammlungen wird nicht berichtet — und zum Schluß wird der Boykott auf den geschäftlichen Teil des offiziellen Blattes ausgedehnt: Oeffentliehe Versammlungen mit zionistischem Thema und bekannten zionistischen Rednern — der Vortrag eines A. C.-Mitgliedes über die Judennot! — dürfen im Inseratenteil der „Jüdischen Rundschau" nicht angekündigt werden! Herr Blumenfeld mag sich im Kreise seiner Anhänger bei solchen Methoden des Kampfes wohlfühlen Bei allen anständigen Zionisten müssen sie Ekel und Empörung hervorrufen. Es ist bisher noch nicht gewesen, daß ein zionisti sches Organ, noch dazu das offizielle Blatt einer Landes Organisation, eine Kongreßpartei in dieser Weise pro voziert hat. Herr Blumenfeld wird die Folgen seiner Handlungsweise noch zu spüren bekommen. Zunächst hat der revisionistische Landesvorstand in Deutschland be schlössen, nunmehr von allen seinen Mitgliedern den Austritt aus der ZVFD. zu fordern. (Während bisher das Verbleiben in der ZVFD. gestattet war.) Ferner sind die Revisionisten ersucht worden, die „Jüdische Rundschau" abzubestellen. Es ist anzunehmen, daß das ge hässige Verhalten des Herrn Blumenfeld noch eine ganze Reiche von Zionisten veranlassen wird, sich von der ZVFD. und ihrem Organ loszusagen. Antisemitismus im Aether Gespräche im deutschen Rundfunk Mitten im brutalen Gewaltantisemitismus, der sich heute in Deutschland austobt, mitten in der praktischen Handhabung der hakenkreuzlerischen Parolen also, ver suchte man in Deutschland, den Volksmassen die anti semitischen Theorien mundgerecht zu machen: auf akademischer Basis in Form eines Streitgespräches zwischen den Vertretern 'zweier Richtungen. Dieses Gespräch fand im deutschen Rundfunk statt und die Redner waren der deutschnationale Polizeimajor B o r c k und der liberale Schriftsteller Oppeln-B ronik o w s k y. Borck sprach kontra* Oppeln-Bronikowsky pro. Im ganzen und großen war(dieses öffentlich geführte Zwiegespräch nicht uninteressant. Es läßt sich etwa wie folgt reproduzieren: Der d e u t s c h n a t i o n a 1 e Bor c k: „Die Juden, sind ein Mischvolk, das sich durch Jahrtausende als ein eingeschlossenes Ganzes erhalten hat und etwas Besonderes darstellt, überall in der Welt, auch in Deutschland. Maßgebend ist der rein völkische Begriff, die jüdische Religion ist eine ausgesprochen völkische Religion. Der Jude will sich nicht assimilieren, will nicht aus dem Ghetto heraus» Die deutschen Juden stehen unter ostjüdischem Einfluß und das eingesessene Judentum wehrt sich nicht dagegen. Der Zionismus ist eigentlich etwas 'ganz besonders Ehrliches in der jüdischen Bewegung, trägt aber auch Zwiespalt in das deutsche Staatsleben. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, daß der Jude an der Spitze aller internationalen Bestrebungen steht und sich sie nutzbar macht." Und schließlich die zarte Drohung: „Der Jude hat es selbst in der Hand, ob die Judenfrage im deutschen Volk gelöst werde. Der Jude muß sich darüber klar sein, daß er Rechte bekommen habe, aber eine kleine Minderheit darstelle und sich angelegen sein lassen müsse, bescheiden und zurückhaltend zu sein und die Geduld des deutschen Volkes nicht allzu sehr zu überspannen." Brocks Standpunkt ist, wie man sieht, der unzähliger Deutschen, die den Antisemitismus als gerechtfertigt ansehen, ihre Gehässigkeit aber bezähmen. Des liberalen Oppeln-Bronikowsky Erw i,d eruB g, bzw. Verteidigung und Abwehr zeigte den Ton und Stil der nationaldeutschen Juden, die aus ihrem Wölkenkuckucksheim nicht zu vertreiben sind. Oppeln- Bronikowsky sprach nicht für sich; er sprach als Deutscharier für jene, die nun auch durch den Aether verkünden wollen, daß sie berechtigt seien, Schulter an Schulter auf Gedeih und Verderb mit den Nachkommen Hermanns des Etruskers durch den Teutoburger Wald zu marschieren. Geben wir seine Defensivrede gedrängt wieder: „Das Judentum ist deutschen Volkskörper kein rassisch und kulturell abgeschlossener Fremdkörper. Denn die Juden sind nicht gemischter als ihre »Wirtsvölker\ Juden und Deutsche sind bloß verschiedene Stämme. Hingegen besteht eine Verschiedenheit zwischen Westjuden und — Ostjudeu. Die Juden sind sehr brav, ihre Religion hat am Aufbaxi Europas stark mitgewirkt. Die völkische Grundlage ist schon längst verlassen worden und darum bestehen innerhalb des deutschen Judentums die gleichen Gegensätze wie innerhalb des deutschen Volkes: die Einheitsfront wird nur durch den -~ .Antisemitismus hervorgerufen. Sehr schön hat sich der £ssirailierungsprozeß angelassen, alles ist tadellos gegangen, bis plötzlich dieses erstrebenswerte Ideal auf Schwierigkeiten stieß. Schuld daran sind die Antisemiten^ die Z i o n i s t e n und die O s t j ü d e n. Die vermaledeiten! Ostjuden! Ohne sie hätte niemand in Deutschland daran! gedacht, daß es überhaupt Juden in der Welt gibt. Da kommen plötzlich die Zionisten, erzählen von einem jüdischen Volk, stören den Kontakt zwischen dem Deutschen christlicher und mosaischer Konfession und tragen sogar Unfrieden in die deutsche mosaische Familie, Man kann nicht für einen kleinen Bruchteil radikal jüdischer Kreise die ganze Gemeinschaft ver* antwortlich machen. Leider sind ostjüdische Elemente da,, deren Treiben zu Verurteilen ist. Daß diese Er* scheinungen aber ausgebrannt werden^ spricht für den Willen zur Gesundung!" Man präge sich die letzten Worte einl „Die ostjüdischen Elemente werden ausgebrannt", sagt der Sprecher der nationaldeutschen Juden unter dem Beifall derjenigen, die für sich in Deutschland Gerechtigkeit verlangen. Daß Herr Öpeln-Bronikowsky dem theoretischem Antisemiten Brock mit solchem Gefasel nicht impbnieren konnte, daß beide Herren den Antisemitismus nur vom der deutschen Seite zeichneten, verstehen wir wohl« Aber dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischem Glaubens schien Bronikowskys anti-antisemitische Argumentation zu schwach. Es gelang ihm, ein zweites Gespräch über dasselbe Thema bei der Deutschen Welle durchzusetzen, und so konfrontierten nun am 24. Mai ihre Anschauungen der deutsch völkische Schriftsteller Doktoü Wilhelm Stapel und der Direktor des Zentralvereinsi Dr. Ludwig Holländer. Der deutschvölkische Stapel legte dar, daß da$ jüdische, in Deutschland. lebende Volk ideell und] praktisch an der Gestaltung der deutschen Dinge leben* digen Anteil nehme und daß aus den hiebei not* wendigen Grenzüberschreitungen der Anti* semitismus als eine Abwehr entstehe. Die Verschieden-, heit der beiden Völker, des jüdischen und des deutschen*, ist biologisch, historisch, religiös und ethisch begründet Und der Zentralverein-Holländer? Er ist ein Broni* kowsky in zweiter Auflage. Von Grenzüberschreitungen^ sagt dieser stramme Germane, kann keine Rede sein* Denn die Juden sind auf Grund geschichtlichen* kul* turellen und politischen Zusammenwirkens mit dent deutschen Volk zusammengewachsen,,das, übrigens .riü. , seinen einzelnen Teilen keineswegs gleicher Abstammung ist: Sachsen, Franken, Bayern, Juden, Rheinländer auf der einen, Ostjuden und das andere Gesindel auf der, anderen Seite. Bravo, Holländer! Bravo deinem Schlußwort: „Darum kann ich eine Judenfrage in dem Sinne nicht anerkennen, daß hier eine Einteilung erfolgt in! Menschen, die von Geburt an das Moment der Fremdheit dem deutschen Volke gegenüber tragen, sondern ich! meine, eS kommt auf die innere Notwendigkeit an, die wir empfinden, deutsch zu sein" . . . und wenn wir unser! Deutschtum im After unserer deutschen Stammesbrüder! betätigen müßten. . Die Herren haben es leicht, das Judenproblem lösen zu wollen. Für sie existiert nur der Wunsch, es abzuleugnen. Und wenn sie vom Zionismus sprechen, tun sie es mit der Bemerkung, daß er es sei, der die „natur* gewollte" Assimilation verhindere und daher den Antisemitismus produziere. Sollen wir immer wieder deni Israeliten, vor allem den deutschen Israeliten vom C. V., predigen, daß der Zionismus an sich schon die Aufgabe erfüllt, die Judenfrage objektiv zu sehen, daß das: Judenproblem aus der jüdischen Existenz heraus neu' entsteht und keine der in den Rundfunkreden von „projüdischer" Seite geforderten Methoden uns einen Schritt weiterbringt? Für den nationalen Juden gibt es keine Grenzüberschreitung. Und die bloße Feststellung des Anderssein« wird von ihm weder als Beleidigung noch als Einschränkung der jüdischen Würde be* trachtet werden. Der Aether ist geduldig. Er über* nimmt jede Welle im Weltall. Schlimm ist es um die Welle des Hasses, des Pogromantisemitismus bestellt, der hunderttausende jüdische Menschen bedroht, währenjd sich mehr oder minder gelehrte Herren um das Phänomen eben dieses Antisemitismus „akademisch" unterhalten. o. t< ü Vier Friedhofsschändungen in einer Woche Der Synagogenvorstand der Gemeinde Rhens (Kreis Koblenz) teilt mit, daß auf dem dortigen jtidi* sehen Friedhof in der vergangenen Woche sechs Grab« steine umgeworfen wurden. Von den Tätern fehlt jede Spur. In dem abgelegenen Dorf Gemünden bei Westerburg (Westerwald) wurde ein uralter jüdi* scher Friedhof geschändet. Von 19 dort befind* liehen Grabmälern sind 12 umgeworfen, die übrigen be* sudelt worden. Als Urheber dieser Schändung komme« nur Nazis in Frage, da fast alle Einwohner von Ge* münden Nationalsozialisten sind. Heute wohnt dort nun noch ein Utes jüdisches Ehepaar, das i« früheren Jahren stets gut mit den Mitbürgern ausge* kommen war und immer Andersgläubigen geholfen hajj, ■4