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Die neue Welt · 1932-06-03 · Heft 246 (3.6.1932) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 246 (3.6.1932)
Date
1932-06-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 246 DIE NEUE WELT Seite 1 Heute sind die alten Leute ständig kränkenden Bemerkungen ausgesetzt. ,.J u d a verrecke!" ist daibei noch ein gelinder Ausdruck. Juden aus der Umgebung wagen sich kaum in das Dorf hinein. — Auf dem jüdischen Friedhof in Vacha (Thüringen), der abseits der Stadt auf einer Anhöhe Jiegt und der seit Jahrhunderten außer von der Gemeinde Vacha auch noch von den Ge meinden Völkershausen und Heringen benutzt wird, fand man den Kadaver eines Schweines, den Schänder auf jüdische Gräber geworfen hatten. Bereits früher wurden auf diesem Friedhof jüdische Grabsteine ▼on Schulbuben beschädigt. Die letzte Schändung konnte «ber nur von Erwachsenen begangen worden sein, da anzunehmen ist, daß Kinder einen schweren Schweinekadaver nicht auf die Anhöhe zu transportieren und über das hohe Eisengitter zu werfen vermögen. Die jüdische Gemeinde Vacha hat eine Belohnung von 50 Mark für die Namhaftmachung der Täter ausgestzt. — In einer der letzten Nächte wurden auf dem jüdischen Friedhof in Heilsberg (Ostpreußen), der auf einer Anhöhe im Walde gelegen ist, einige Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert. Darunter stehen die Buchstaben N. S. D. A. P. Für die Namhaftmachung der Täter ist eine Belohnung von 50 Mark ausgesetzt worden. Vortrag Berl Locker in Bratislava. Der „Neuen Welt" wird aus Bratislava geschrieben: „Die hiesige Poale Zion gemeinsam mit den Allgemeinen Zionistcn lud das Exekutionsmitglied Berl Locker zu einem Vortrag ein, der Samstag, den 28. Mai, unter dem Titel „Weltkrise, Judentum, Palästina" stattfand. Scheinbar darauf aufmerksam gemacht, daß es in Bratislava eine starke revisionistische Gruppe gebe, berührte er in seinen Ausführungen den Revisionismus nicht, sondern versuchte VA Stunden lang die „linke" Ideologie zu begründen, um schließlich (damit die gute Laune, wie er bemerkte, aufrechterhalten werde) auch einiges Aktuelle von sich zu geben. Es gebe im Zionismus eine Partei, die in ihrer Presse eine Konkurrenz ausschreibe, es mögen sich Nationen melden, die bereit seien, das Palästina-Mandat zu übernehmen. Diese ebenso dreiste wie törichte Bemerkung war allzu durchsichtig. Die diplomatische Feinheit des Exekutivmitgliedes war nicht so zart gesponnen, als daß es sich unsere revisionistischen Jugendlichen nehmen ließen, Herrn Berl Locker in Zwischenrufen die Unstichhältigkeit seiner Behauptung zu bezeugen und den Versuch einer Vertiefung der Gegensätze durch ein Exekutivmitglied abzulehnen. Die linke Jugend Bratislavas, zusammengesetzt aus Schomrim, Schomer- Chaluzim, Tcheleth Lawan-Chaluzim, Jüdisch-Sozialistische Jugend, die übrigens aus der nahen Umgebung Verstärkung erhielt, hatte sich auf eine kleine Balgerei beim Vortrag vorbereitet und versuchte die Zwischenrufer mit „Hinaus!" zu provozieren, bzw. zu attackieren. Es kam zu einer regelrechten Prügelei, bei der die Linken nicht sehr gut abschnitten. Dieser Zwischenfall, während dem sich, der größte Teil des Auditoriums von seinen Sitzen entfernte, dauerte 15 Minuten. Unter Polizeiassistenz ergriff Herr Locker wieder das Wort. Die Lust zu weiteren Provokationen war vergangen und er beeilte sich, sein Referat zu schließen. — Die in Bratislava erscheinende ungarische Tageszeitung „A Nap", deren Chefredakteur ein Mitglied der Poale Zion ist, ließ es sich selbstverständlich nicht nehmen, die provozierenden Linken als Unschuldslämmchen hinzustellen. AUS PALSSTINA. Steuererleichterungen in Palästina zugunsten der lokalen Industrie H. Favbstein, Mitglied der Zionistischen Exekutive, verhandelte mit dem Direktor des Departements für Steuern und Handel der Palästina-Regierung Stead über eine steuerliche Entlastung einer Anzahl wichtiger Palästina-Industrien. Wenn die gegenwärtige Steuerpolitik fortgeführt wird, führte Herr Farbstein ins Treffen, werden die lokalen Produzenten allmählich ihre Betriebe stillegen müssen, da sie den Kampf mit der ausländischen Konkurrenz nicht werden bestehen können. Herr Stead versprach Farbstein, alles Mögliche zu tun, um die durch ausländische Konkurrenz bedrohten Industrien zu retten und ihnen den Kampf gegen die Importkonkurrenz zu erleichtern. Vorläufiges Urteil in der Sache der Kuskus- Taboon-Böden Wie erinnerlich, haben am 10. März 1932 Beduinen jüdische Pflüger auf dem dem Nationalfonds gehörigen Kuskus-Taboon-Boden angegriffen, sie an der Fortsetzung der Arbeit gehindert und auch einen Teil des Bodens besetzt. Von dem 8000 Dunam umfassenden Boden beanspruchen die Beduinen 3000 Dunam für sich. In dieser Streitsache' hat nun der Justiz- | kommissar von Haifa ein vorläufiges Urteil gefällt. Er entschied, daß die Beduinen 2400 Dunam Boden, den . sie einmal bearbeitet hatten, solange besetzt halten dürfen, bis das Immobiliengericht ihre Entfernung von dem Boden ausspricht. Sowohl den Beduinen als auch den Juden bleibt es aber bis zur Urteilsfällung durch dieses Gericht verboten, auf dem Boden zu pflügen. Die Frage der Beschäftigung von Juden bei der Oelröhrenleitung durch Transjordanien London, 26. Mai. (J. T. A.) Im Unterhaus richtete Captain Crookshank (konservativ) an den Kolonieminister die Frage, ob es richtig ist, daß Emir Abdullah von Transjordanien bei dem Zustandekommen des Vertrages über die Oelröhrenleitung vom Irak nach Haifa die Bedingung gestellt hat, daß Juden bei dem Teil der Oelröhrenleitung, der durch Transjordanien geht, nicht beschäftigt werden sollen und daß diese Bedingung Abdullahs erfüllt wordsn ist. Kann* fragte Captain Crookshank, der Kolonienminister mitteilen, welche Schritte er in der Angelegenheit im Hinblick auf die Bestimmungen des Mandats zu unternehmen beabsichtige? Der Kolonienminister Sir Philipp Cunliffe-Lister erwiderte: Ich bin dahin informiert worden, daß der Emir Abdullah eine solche Bedingung nicht gestellt hat. Die Anfrage von Captain Crookshank bezieht sich offenbar auf das im „Feiestin" erschienene Interview mit dem Direktor der Palästina-Sektion der Oelröhrenleitung, Lang, der gesagt haben soll, Emir Abdullah hätte sich beim Zustandekommen des Vertrages ausbedungen, daß Juden bei der Herstellung des trausjordnnischen Teiles der Oelröhrenleitung nicht beschäftigt werden sollen. Prozeß gegen die Mörder von Johannan Stahl und Frl. Zohar-Goldstein im Juni Der Prozeß gegen die im November verhafteten Mörder der zwei jungen Juden Johannan Stahl und Fräulein Salia Zohar-Goldstein, die im Juni 1931 auf einer von Tel-Awiw aus unternontmenen Küstcnwandertour ermordet worden sind, findet am 10. Juni vor dem Jaffaer Gericht statt. Kein Coty-Parfiim in Palästina Tel-Awiw, 26. Mai. (J. T. A.) Die jüdischen A p ot h e k e r und Droge riebesitzer haben beschlossen, die von dem französischen Antisemiten Coty erzeugten Parfüms nicht zu vertreiben im Hinblick darauf, daß Coty neuerdings in Frankreich eine scharfe antisemitische Kampagne eingeleitet hat und die ehe-* raaligen jüdischen Frontsoldaten des „kommunistischen Verrats" bezichtigt. Palästina-Wanderung über Triest Das Triester Palästina-Büro gibt einen Bericfi} über die Wanderung nach Palästina über den Trieste* Hafen aus, dem zu entnehmen ist, daß im Jahre 1931 4028 Personen, 1934 Männer und 2094 Frauen, den Triester Hafen auf dem Wege nach Palästina passiert haben* Allein im Oktober 1931 passierten 509 Palästina-Wanderer den Hafen. Die Wandlung im amerikanischen Judentum Von Dr» Nah um Ooldmann (Berlin) Der Berliner Vertreter der J. T. A. befragte Herrn Dr. N. Goldmann, welcher nach mehrmonatigem Aufenthalt in Amerika soeben zurückgekehrt ist, über seine Eindrücke. Dr. N. Goldmann äußerte sich, wie folgt: Von der Tiefe der ökonomischen Umwälzungen im gesamtamerikanischen Leben, insbesondere aber dem der Juden, kann sich niemand, der nicht einige Zeit drüben war, eine annähernd richtige Vorstellung machen. Die Juden, deren Wohlstand sehr viel jüngeren Datums war als der der nichtjüdischen Großbourgeoisie, und die zum Teil die empfindlichsten Positionen des ökonomischen Lebens eingenommen hatten, sind verhältnismäßig stärker durch den ökonomischen und finanziellen Zusammenbruch betroffen worden. Das Wort eines führenden amerikanisch-jüdischen Philanthropen, daß es keine reichen Juden mehr in Amerika gebe, ist kaum eine Ucbertreibung. Es handelt sich nicht um Verluste, sondern beinahe wörtlich um die Dezimierung der jüdischen Vermögen sowohl bei den eigentlich Reichen wie auch bei dem weitaus größten Teil des Mittelstandes. Die Wirkungen dieses ökonomischen Zusammenbruches-auf das jüdische Leben Amerikas sind unabsehbar. Die überragende Stellung, die der „reiche Jude" im amerikanisch-jüdischen Leben einnahm, bricht zusammen, weil es diesen Typus kaum noch gibt. Ein großer Teil der in den Prosperitätsjähren zum Teil chaotischen, sachlich ünge rechtfertigt erfolgten Ueberorganisierung sowohl in r e 1 igiÖs e r wie in sozialer Hinsicht wird verschwinden. Das amerikanische Judentum leidet an einer Ueberzahl von Synagogengemeinden, Wohlfahrtseinrichtungen usw. usw., die jetzt radikal unter dem Zwange der Lage werden abgebaut werden müssen. Beide Prozesse können günstige Wirkungen haben. Eine Demokratisierung des amerikanisch-jüdischen Lebens, ein größerer Respekt vor intellektuellen und moralischen Führerqualitäten — zum Unterschied von den. rein finanziellen — auf der einen Seite, eine Auslese der wirklich lebensnotwendigen und bedeutsamen Institutionen, Organisationen und Aufgaben auf der anderen Seite wird die Folge sein. Hinzu kommt die psychologisch teilweise außerordentlich günstige Wirkung, die die Krise auf das amerikanische Judentum ausübt. So katastrophal die Depression finanziell sich auswirkt, so günstig sind ihre moralischen und geistigen Effekte. Die große Masse der amerikanischen Juden lebt nicht mehr in jener Stimmung des In-den-Tag-hinein, des Glaubens an „God'ß own country" („Gottee eigenes Land") und ist nicht mehr von jenen Gefühlen der Ueberlegenh e i t und des Besser Wissens beherrscht, das in ,1 Ab die Freunde und Leser des Blattes! Wenn Sie der Ansicht sind, da'Ö die „Neae Welt" ein empfehlenswertes Blatt ist, geben Sie uns freundlichst die Adressen von Freunden nnd Bekannten an. Wir werden denselben die „Neue Welt" durch mehrere Wochen zur Probe gratis zukommen lassen. Wenn wir uns bei der Werbung auf Sie berufen dürfen, bitte dies ausdrücklich zu bemerken. Aus der Zusendung erwachsen weder Ihnen noch den Empfängern irgend welche Verpflichtungen Die Verwaltung der „Neuen Welt". ''illlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllill'' früheren Jahren charakteristisch war. Die amerikanischen Juden beginnen sich auf sich selbst zu besinnen, erleben wieder einmal die universelle Geltung der tragischen Gesetze jüdischer Galuthexistenz, werden zugänglicher geistigen und ideologischen Auseinandersetzungen und werden in ihren jüdischen Gefühlen stärker. Bei alledem hat der wachsende Antisemitismus in Amerika, der insbesondere in den letzten Jahren sich in der Verschärfung der Aufnahmemöglichkeiten für jüdische Studenten an zahlreichen Universitäten sowie in dem wachsenden Ausschluß von Juden in zahlreichen Geschäftszweigen (Industrie, Technik, Großbanken) ausdrückt, eine sehr bedeutsame Wirkung. Ich habe den Eindruck, daß man mit sehr weitreichenden Veränderungen der sozialen Struktur und der inneren Organisation der amerikanischen Juden für die nächste Zeit rechnen muß. Ich glaube, daß noch niemals die zionistische Stimmung der amerikanischen Juden so stark und so echt war wie jetzt. Die Erschütterung ihrer ökonomischen Position, der wachsende Antisemitismus, der Prozeß des Auf-sich-selbst-Besinnens und das Erlebnis •des gemeinsamen jüdischen Schicksals hat die natürlichen psychologischen Voraussetzungen für eine wirkliche zionistische Stimmung und Erkennt» nisgeschaffen. In früheren Jahren des Wohlstandes war für viele sogenannte Zionisten und Keren-Hajessod-Zahler in Amerika die Unterstützung Palästinas mehr oder minder eine philanthropische Sache, wenn natürlich auch stets ein kleiner Kreis wirklich ausgebildeter und guter Zionisten vorhanden war. Heute beginnen weite Kreise des amerikanischen Judentums die essentielle Bedeutung der zionistischen Lösung zu erkennen. Sehr viele beginnen mit Palästina als einem persönlichen Problem zu rechnen, die ökonomisch stabile Lage des Jischuw übt in dieser Hinsicht eine sehr starke und attraktive Wirkung aus. Dies alles schafft die Basis für ungeahnte zionistische Möglichkeiten in Amerika. Mir scheint jetzt der Augenblick gekommen zu sein, wo es möglich sein muß, eine sehr starke zionistische Organisation in Amerika zu schaffen. Es liegt ferner durchaus im Bereich des Möglichen, eine ziemlich beträchtliche Auswanderung mittelständischer wie auch chaluzischer Elemente nach Palästina zu organisieren. Während meiner Anwesenheit sind bereits, ohne eigentliche Organisation und Propaganda, einige hunderte Familien mit Durchschnittskapitalien von 5000 bis 15.000 Pfund nach Palästina ausgewandert. Das eigentliche Problem des amerikanischen Zionismus ist heute dasjenige einer autoritativen und starken Führergruppe und der ernstlichen Inangriffnahme einer ideologischen Erziehung der amerikanischjüdischen Massen im zionistischen Sinne. Organisierte antizionistische Gruppen von Bedeutung gibt es kaum noch. Aus der zionisii'§durevisio# mstlsdien Bewegung Das Londoner Büro der Exekutive der Weltunion teilt mit: Kongreß-Polen. Herr Dr. Weisl hielt in mehr als 30 polnischen Städten Vorträge und nahm an zirka 70 Versammlungen teil. Die Themen seiner Vorträge lauteten:, „Zionismus oder Kommunismus", „England, Araber und Juden", „Islam und Judentum" und „Neue Orientierung im Zionismus*'. Die Ausführungen des Redners fanden überall Anklang. Besonderes Interesse zeigten diesmal die o r t h o d o x e n Kreise der jüdischen Bevölkerung für die Vorträge Dr. Weisls. — Herr M. Joels on, Riga, hat im Auftrag des Schilton eine zweimonatige Inspektionsreise nach Polen angetreten. — Das Zentralkomitee sandte an alle revisionistischen Stadt- und Gemeinderäte ein Rundschreiben, in dem sie um ihre Ansicht über die revisionistische

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