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Die neue Welt · 1932-06-03 · Heft 246 (3.6.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 246 (3.6.1932)
Date
1932-06-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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# Nr. 246 DIE NEUE WELT Seite 3 -1 heit soviel zu verdanken hat, eine Religion, die eelbst zu der brennenden Frage, nämlich der Frage, ob der Boden Privat- oder Allgemeinbesitz sein soll, die selbst zu diesem Problem in erschöpfender Weise Stellung nimmt. Ist doch Sinn und Zweck des Brachjahres ein Gebot, das in die Worte gekleidet ist: „So ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, so soll das Land eine Ruhe dem Ewigen feiern. Sechs Jahre besäe dein Feld und sechs Jahre beschneide deinen Weinberg und sammle dessen Ertrag ein. Aber im siebenten Jahr sei eine Sabbatfeier für das Land. Dein Feld sollst du nicht beßäen unddeinen Weinberg nicht beschneiden. Den Nachwuchs deiner Ernte sollst du nicht einernten und die ^rauben deines ungepflegten Weinstockes nicht lesen. Dies sei allen freigegeben." Der Zweck dieser Maßregel — da auch volkswirtschaftliche Gründe dabei eine Rolle spielen — besteht vornehmlich darin, daß d-ie völlige Aufhebung des Privatbesitzes während dieses Jahres verfügt, der Privatbesitz eingeschränkt und zum Teil als Eigentum der Gesamtheit erklärt werde. Derselbe Gedanke liegt auch dem mosaischen Gesetz zugrunde, wonach der Besitzer eines Feldes verpflichtet sei, bei der Ernte den Ertrag des Feldraines den Armen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses und der Volkszugehörigkeit zu überlassen. Wie also aus dem Gesagten klar und deutlich hervorgeht, ist es entschieden ein völliges Verkennen der Tatsachen, wenn gegen eine Religion mit solch erkennbaren moralischen und sozialen Grundsätzen ein Feldzug auf Leben und Tod inszeniert wird. Mit der großen ethischen Aufgabe, das Offenibarungsgesetz in der Weltgeltung zu erfüllen, ein Reich von Priestern zu sein, vom Tage an, da wir am Berg Sinai standen, ziehen wir seit fast zwei Jahrtausenden durch die Länder, teilen das Los mit den Priestern des Stammes Levi, der keinen Besitz erhielt. Den Weinberg, der unser eigen ist, haiben wir bisher vernachlässigt. Im Zeichen des Schebuothfestes müssen wir unser eigenes Haus bestellen. Mehr denn je muß unser Ziel sein: das Land unserer Väter. -labb. Prof. Dr. Bernhard Templer. Au§ der jüdi§dien Weh Aus Zentrajainerika. Die Lage der kleinen jüdischen Siedlungen in Zentral- und Südamerika gestaltete sich in den letzten paar Monaten überaus schwierig. Die meisten dieser Juden und Emigranten sind aus Osteuropa. Hauptsächlich ist die Verschlimmerung der Lage den nightjudischen Kaufleuten zuzuschreiben, die auf die Regierung und die öffentliche Meinung einen Druck auszuüben versuchen und allerlei Beschränkungen des jüdischen Handels verlangen. Jüngst gab es antisemitische Ausbrüche, die nur mit Mühe unterdrückt werden konnten. — In San S a d v a d o r ist die Lage schlecht. Hier gab es so häuf ige Revolutionen und Regierungswechsel seit 1930, daß kein Teil der Bevölkerung in Sicherheit lebt. Die Situation .verschärft sich durch den Haß gegen die Kommun i's t e n und durch die allgemeine Tendenz, die jüdischen Immigranten ihnen beizuzählen. Im Zusammenhang damit wurden jüdische Kaufleute, die sich die Feindschaft einiger arabischer Kaufleute zugezogen hatten, kommunistischer Sympathien angeklagt, mit dem Erfolg, daß zwölf J u den ausgewiesen wurden. Jüdische Hochschüler in Ungarn. Das Statistische Zentralamt Ungarns veröffentlicht die Statistik der Hochschulen für das Schuljahr 1931/32. In allen 37 Hochschulen Ungarns waren 16.053 Hörer inskribiert. 60 Prozent der Hörer sind römisch-katholisch, 19 Prozent reformiert, 8 Prozent evangelisch und 11 Prozent jüdisch. Es ist ein starker Rückgang der Zahl der jüdischen Studierenden gegenüber den Vorkriegsjahren festzustellen. Die Zahl der Juden Ungarns betrug nach der Volkszählung von 1920: 473.310 Seelen bei einer Gesamtbevölkerung von zirka 8 Millionen. Verschärfung des Kampfes gegen die jüdische Religion. Die jüdische Sektion des Verbandes der Gottlosen Weißrußlands hat aus Anlaß des Beginns des zweiten Fünfjahrplans eine verschärfte Kampagne gegen die jüdische Religion eingeleitet. In den soeben herausgegebenen neuen Instruktionen wird eine strenge Kontrolle der jüdischen „Arteis" (Heimarbeiterproduktions- Senossenschaften) zwecks „Ausrottung der religiösen feberreste in den Arteis" gefordert. Einer gleichen Kontrolle sollen die jüdischen landwirtschaftlichen Kollektiven Weißrußlands unterzogen werden. Insbesondere sollen die jüdischen Frauen, die mehr noch als die Männer der Religion anhängen, ins Gebet genommen werden. Die Minsker jüdische Tageszeitung „Oktiahr" teilt mit, daß während des letzten Anti-Pessach-Feldzuges 28.000 neue Mitglieder dem Gottlosenverband zugeführt werden konnten. Das Moskauer Regierungsorgan wPravda" wirft dem Atheistenorgan „Begib ozhnik" Lässigkeit in der Führung der antireligiösen Propaganda vor. Die Rigaer Stadtgemeinde unterstützt jüdische Institutionen. Der Stadtrat von Riga hat eine Summe von Lat 850.000 für jüdische Institutionen, darunter Lat 344.600 für jüdische Bildungszwecke, bewilligt. Feiern zum 300. Geburtstag Baruch Spinozas in Holland. Am 24. November 1952 jährt sich zum 300. Male der Geburtstag Baruch de Spinozas. Die Feiern beginnen demnächst. Die Gesellschaft „Het Spinozahnis" hält schon am 21. Mai eine Gedenkfeier ab. Die „Societas Spinozana" und die Stiftung „Domus Spinozana" berufen für September einen internationalen Spinoza-Kongreß ein. Tod eines berühmten jüdischen Athleten. Im Alter von 81 Jahren starb in Birmingham Eduard Law* rence Levy, einst der führende englische Athlet, kr begann seine Laufbahn als Lehrer und betätigte sich später auch auf dem Gebiet der Musik und der Bühne. Auch als Schriftsteller gewann er einen Ruf. Am bekanntesten aber wurde er als Athlet. Zwischen seinem 20. und 30. Lebensjahr hielt er die Championschaft des Athletenklubs in Birmingham. Im Jänner 1891 wurde er Champion für England und im März de« Bleichen Jahres internationaler Meister im Gewichts-! eben. Judenhetze im neuen Spanien. Die dem republikanischen Regime in Spanien abholden Konservativen haben die antisemitische Hetze, über die sdion öfters berichtet worden ist, in das politische System ihrer Partei eingefügt. Der Führer der Konservativen Don Rene Iiianas y Niubo veranstaltete in den letzten Wochen in mehreren Städten Spaniens Kund« gebungen des sogenannten „Zentrums für soziale Verteidigung", deren Grundton es ist: Während nach der Revolution in Spanien zahlreiche Kirchen niederge« brannt wurden, ist den Juden ein Grundstück zur Errichtung einer Synagoge geschenkt worden. Don Rene weist in diesen Versammlungen auf die Programme ausländischer Antisemiten, besonders der deutschen Nationalsozialisten, hin, und empfiehlt deren Anwendung in Spanien. Die Judenaustreibung aus Spanien rechtfertigt er nachträglich mit der Behauptung, daß,, die Juden ihre nicht jüdischen Nachbarn ausbeuten. Liquidation der jüdischen Kolonisation in Sowjetrußland. Laut einer aus Moskau hier eingetroffenen, Meldung wird die private Gesellschaft für jüdische Kolonisation „Ozet" in Sowjetrußland demnächst in Liquidation treten. Zahlreiche „Ozef'-Abteilungen in Zentral- und Weißrußland arbeiten faktiscÜ nicht mehr. Krisis de§ Proletariats Von Vladimir Die in der letzten Nummer der „Neuen Welt" veröffentlichten Ausführungen („Der Golem") setzt Vladimir Jabotinsky im nachstehenden fort. Wie wir gesehen haben, wächst die Zahl der „Angestellten" weitaus schneller als die Zahl der Muskel- Arbeiter: weil die Wirtschaft, je mehr sie sich entwickelt und je weniger sie die Muskel-Arbeiter benötigt, desto mehr diejenigen benötigt, die mit dem Kopf arbeiten. Nicht nur „Angestellte" bei der Produktion überhaupt, mehr noch benötigt sie die „Handle r", die „V e rk auf er". Ein Muskel-Arbeiter kann heute in einer Stunde mehr Socken erzeugen als früher zehn Arbeiter in einer Woche zu verfertigen pflegten. Aber um eben diese Socken zu verkaufen,, mit dem Kunden zu reden, ihm das und jenes vorzulegen, bis er ausgewählt hat, dazu benötigt man heute genau so viel Verkäufer wie vor fünfzig Jahren —- und noch mehr, weil es seither mehr^l Sorten gibt und der Kunde, insbesondere der Massen- Der neue Kühlschrank für J II Ueberall aufzustellen oder aufzuhängen II »Motorlos« t Daher: keine Abnützungserscheinungen, keine Reparaturen Bequemste Teilzahlungen! ELECTROLUX Ce*. m. b. h. Schauräume: I, Stock-im-Eisen-Platz 3, Tel.K-28-5-60, I, Nibelungengasse 9, Tel. A-36-0-78, A-36-0-81 D E R M A N N Jabot l'nslcy künde, viel höhere Ansprüche hat. Je weiter, desto mehr braucht die Wirtschaft solche Helfer und Diener, die mit dem Kopf arbeiten. Deren Arbeit wird man nicht in dem Maß verkleinern können, wie sich die Muskel-Arbeit verkleinern wird. Ein Deutscher hat ausgerechnet, daß, wenn man jetzt während der Krise alle 20 Millionen Arbeitslosen beschäftigen wollte, für jeden Muskel-Arbeiter nur 5/4 Stunden Arbeit im Durchschnitt vorhanden wäre; aber für jeden Kopfarbeiter 6% Stunden, nicht zu reden von den Ingenieuren und Direktoren, die gegebenenfalls auch bei Nacht zu Hause arbeiten müßten, was übrigens bei vielen jetzt schon der Fall ist. Wenn ich sage, daß die Muskel-Arbeiter sich all" mählich in eine privilegierte Klasse verwandeln, sogar in einer kapitalistischen Gesellschaft, ist das kein Paradoxon* Es ist schon seit langem eine Tatsache. In den hochindustriellen Weststaaten ist's heutzutag keine Seltenheit "mehr, bereits seit zwei JahTen, bevor die Krise kam, daß ein qualifizierter Arbeiter mehr verdient als ein Ingenieur oder mehr als ein kleiner Advokat oder ein Landarzt. Aber nicht das ist der springende Punkt. Der springende Punkt besteht darin, daß von einer Klasse (Hirnarbeiter) die Wirtschaft die volle Leistung verlangt und dies immer mehr; von der andern Klasse (Muskel-Arbeiter) immer weniger Leistung — ihn aber auszuhalten, bleibt ihre heilige Pflicht. Solch einen Unterschied nennt man Privileg. * Dieses Privileg gönnt man von tiefstem Herzen, aber es ändert doch die ganze Beziehung zum „Klassen"- Gedanken. Bevor jener Kult des Proletariats geschaffen wurde, mit der sich immer noch die bürgerliche Intelligenz herumschleppt, basierte der 'Kult auf Kun§l und Rezitation Kunstmuseum TeI*Awhtr Meir Dizengoffs Idee, in seinem Tel-Awiw ein Heim für die jüdischen Kunstschöpfungen und für die mit der jüdischen Geschichte zusammenhängenden Dokumente zu errichten, geht ihrer Realisierung entgegen. Dizengoffs Werbearbeit 'in Europa blieb nicht ohne Erfolg. Einzelpersonen, Körperschaften, Institute, Sammlungen gaben Verschiedenes aus ihren Beständen her, so daß minder geeignete Objekte ausgeschieden werden konnten und nur diejenigen Kunstwerke aufgestellt wurden, deren Qualität die Einverleibung in das Museum rechtfertigt. Am 2. April d. J. wurde das Museum eröffnet. Der unermüdliche, großzügige Dizengoff hatte einen' Trakt seines Hauses dem Museumszweck gewidmet und dem Aufbau folgender Abteilungen die Grundlage gegeben: 1. Kunstsammlung. Sammlung von Werken jüdischer Künstler und allgemeiner Kunstwerke. 2. Die Welt der Bibel. Sammlung von Originalen,, Nachdrucken und Abdruoken, deren Sujet das Alte Testament bildet und die Geschichte der vergangenen jüdischen Generationen beleuchtet. 3. Ethnographisches Kabinett. Sammlung antiker Kleidungsstücke, Möbel, Manuskripte, Drucke, Kultgeräte, die für die Lebensart der verschiedenen jüdischen Gemeinschaften und für die jüdische Folklore charakteristisch sind. 4. Bibliothek. Sammlung kunstwissenschaftlicher Bücher, Zeitschriften, Bildermappen und Repro. duktionen. Den chaotischen Zuständen der modernen europäischen Kunst steht ein strenger musealer Wille gegenüber. Die ausgereifte Kunstwissenschaft, die der Gruppierung der Werke nach ihrem stofflichen, stilmäßigen und historischen Raum dient, wird gewiß auch in Tel- Awiw als Grundlage des systematischen Aufbaus dienen. Im Stadium, in dem sich heute das Museum an Umfang, Qualität und Museumsreife überhaupt befindet, können gewiß nicht diejenigen Ansprüche gestellt werden, die man aus den Sammlungen der europäischen Kunstzentren ableitet. Aber die vorgezeichnete Linie, rekonstruierbar aus dem bereits Geschaffenen, wird etwaige skeptische Einwände unterdrücken. Der soeben erschienene Katalog weist 137 Nummern auf. Was zunächst auffällt, ist eine Reihe unbekannter Maler- und Bildhauernamen. Der Katalog selbst gibt über sie keine Aufschlüsse; wir wollen glauben, daß die Jury der Kunstmission es an Rigorosität nicht hat fehlen lassen, von dem Prinzip ausgehend, daß ein Museum keine Ausstellung ist, sondern die Ordnung der mannigfachsten Gestaltungen als Spiegelbild stilistischer, formaler und gedanklicher Kulturen. Wir lesen Namen der Maler und Bildhauer, wie Marc Chagall, Charlotte Corinth-Berend, James E n s o r, Max Fabian, Samuel Hirschenb e r g, Mane K a t z, I. L c v i t a n, Georg Merkel, Amadeo Modigliani, A. Neumann, Ernst Oppler, Ghana O r 1 o f f, Leo Pasternak, L. P i 1 i c h o wsky, Boris Schatz, Hermann Struck, Lesser Ury, Maurice Utrillo, M. de Vlamiuck; im graphischen Kabinett Max Beckmann, Josef Budko, Louis Corinth, Maurice Kis 1 ing, Max Liebermann, Maxa N o r d a u — daneben sehr viele in Europa noch unbekannte Künstler. Ein flüchtiger Ueberblick schon gibt uns die Gewähr, daß der Querschnitt durch die ge-. genwärtige Kunst als Programm (Bildung, Anregung, Konzentration) gelungen ist. Das Museum Tel-Awiw ist im Werden begriffen. Die Museumsgesellschaft arbeitet an der Propagierung ihrer Ziele und hat bereits in verschiedenen europäischen Großstädten Förderungskomitees geschaffen. Für Wien haben sich die Herren Prof. Dr. Bronne r, Prof. Dr. Max E i s 1 e r, Dr. Oskar Rosenfeld und der Bildhauer Felix Weiß in den Dienst des Museums Tel-Awiw gestellt, nachdem Ing. Johann Kremenezky während seines jüngsten Aufenthalts in Palästina mit dem Tel-Awiwer Gründungskomitee in direkte Fühlung getreten ist. Mauricy Gottlieb Gottlieb ist ein gutjüdischer Name, den viele Juden im Osten und im Westen tragen. Er gehört auch einem Maler, der 1856 geboren und 1879 gestorben ist. Einem galizischen Maler. Aber der Vorname „Mauricy" klingt unecht, unnatürlich, usurpiert. Der gekünstelte Mauricy und der naturgetreue Gottlieb — sie machen zusammen die Tragödie eines malerischen Genies aus, sie bestimmen sein Schicksal, das in Krakau beginnt und ebendaselbst endet. Mit der Gabe bedacht, Visionäres malerisch zu realisieren, tritt der aus dem galizischen Städtchen Drohobyez kommende Jüngling in den Kreis des historizisierenden Naturalismus, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts alle Vaterländer erobert hatte. In der Krakauer Malerschule entwickelt sich rasch sein Talent. Das Stoffgebiet — nachdem einmal die rein maltechnischen Voraussetzungen geschaffen waren — ist die polnische Geschichte. Der Ghettojude Gottlieb .(ich weiß nicht* ob er damals schon seinen guten

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