Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 245 (27.5.1932)
- Date
- 1932-05-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 245 DIE NEUE WELT Seite 5 Beratung des American Jewish Congress behandelt. Dort wurde berichtet, daß an den Hochschulen, insbesondere im Medizinstudium, die Juden gegenüber den Nichtjuden stark benachteiligt werden. Rabbi j. K. Cohen, Vorsitzender des Comittee on Economic Discrimination beim American Jewish Congress, teilte Zahlen über die zunehmende Zurücksetzung von Juden auf dem Arbeitsmarkt mit. Danach nehmen 91 von 100 Arbeitsnachweisen für Büro-Personal jüdische Stellensuchende überhaupt nicht in die Listen der Arbeitsuchenden auf. Von 400 führenden Geschäftsunternehmungen in New York stellen 89 Prozent nur Christen an. Auf Initiative der Bnei Brith wurde die „Institution für Arbeitsbeschaffung für Juden" .gegründet, der außer Vertretern der Bnei Brith Vertreter des American Jewish Congress, des Jewish Weifare Board, des National Council of. Jewish Women, des Unabhängigen Ordens Brith Abraham .und der United Hebrew Trades angehören. Die Leitung haben der Präsident des Bnei Brith Alfred M. Cohen, der Verwaltungsdirektor der Bnei Brith Dr. I. Rubinow und die Sekretärin des National Council of Jewish Women Estelle M. Sternbergcr inne. Auch in Südafrika Kapstadt, 20. Mai. Mit 63 Stimmen der Nationalisten gegen 45 Stimmen der Opposition (Smuts-Partei) hat das südafrikanische Parlament eine Regierungsvorlage angenommen, laut welcher die staatliche „Potseiiefstroom-Universität" von nun ab „Universität für hohe christliche Erziehung" heißen soll. Die Vereinigung aller. jüdischen Gemeinden hatte gegen die Vorlage mit Hinweis auf die Verfassungsgesetze Einspruch erhoben. Er blieib unberücksichtigt. In der der Annahme der Bill vorausgegangenen. Debatte führte der jüdische Deputierte Morris Alexander aus: Wir Juden sind mir eine kleine Minderheit im Lande. Wir sehen in dem Gesetz von 1917, laut dem bei Erlangung und Bekleidung von Lehrämtern und beim Besuch der Hochschulen das religiöse Bekenntnis keine Rolle zu spielen hat, die Magna Charta einer religiösen Minderheit. Wenn das Parlament nun von diesem Gesetz abweicht- und der Universität einen einseitigen christlichen Charakter gibt, so wird der nächste Schritt die Abschaffung der Klausel über G e w d s s e n s f r e i h e i t und der nächstnächste die Reservierungder Hochschule für Angehörige eines bestimmten religiösen Bekenntnisses sein. . Der Geistliche Eick, Mitglied der Regierungspartei, führte aus: Unsere jüdischen Freunde behaupten» daß wir durch die Einführung des Wortes ,',christlich" in den Namen der Universität die Juden verhöhnen und es ihnen unmöglich mächen wollen, -an-der'Universität zu studieren. Ich meinerseits empfinde diesen Verdacht als eine Verhöhnung der Afrikaner. Verdächtigt der* Jude uns, dann haben wir das Recht, den Juden zu verdächtigen. 95 Prozent unserer Bevölkerung sind, christlich.'In'was für einer-Lage wären wir, wenn das Verhältnis umgekehrt wäre. f ür lind gegen das Schächten Der Mitte Februar in Heidelberg von;der stärksten Fraktion des Stadtrats, der NSDAP., •eingebrachte Antrag, das b et ü ubu n g.s lose Schacht e n zu verbieten, ist seinerzeit dem Ausschuß zur weiteren Behandlung überwiesen worden. Man hoffte, daß der Antrag keine Zustimmung erlangen . werde. Diese Hoffnung ist jedoch entäuscht worden. In einer vom Stadtrat am 12. d. herausgegebenen Mitteilung heißt es kurz: „Der Stadtrat stimmt einem Antrag der Fraktion der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zu, wonach das betäubungslose Schächten im Gemeindeschlachthaus verboten werden sol 1." Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die jüdischen Instanzen gegen diesen der Reichsverfassung widersprechenden Beschluß schärfsten Einspruch erheben werden. (Bekanntlich hat der preußische, Innenminister Severing in Anlehnung an eine Interpretation der Reichsregierurig sämtlichen Regierungspräsidenten aufgetragen, Schächt- .verbote,' die von Einzelgemeinden etwa beschlossen werden, als der Verfassung widersprechend zu . beanstanden.); * Eine Reihe, von Stadtvertretungen in deutsche.» Gegend e.n Böhmens hat in der letzten Zeit das r i t u e 11 e Schächten verboten oder verhindert: so geschah es z. B, in M i e s, T r a u t e n au, A u s s i g, a, E, Qegen dieses Vorigehen ist der Oberste Rat der jüdischen Kultusgemeindeverbände eingeschritten, mit dem Erfolge; daß diese Verbote auf gehoben, bzw. sistiert wurden und in allen diesen Städten wieder rituellgeschlachtet werden kann. Um künftigbin ein derartiges ungesetzliches Vorgehen im Keime zu ersticken, hat das Landesamt in Prag folgendes Zirkular an alle Bezirksbehörden gerichtet: „An alle Bezirksämter in Böhmen! Der Oberste Rat der jüdischen Kultusgemeindeverbände in Böhmen, Mähren und Schlesien hat das Landesamt darauf aufmerksam gemacht, daß sich in der letzten Zeit in einer Reihe von Städten in Böhmen eine Agitation für das Verbot des rituellen Schlachtens in - den Gemeindesohlachthäusern entfaltet. Ein solches Verbot, durch welches die Angehörigen einer vom Staat anerkannten Re^igicrn in der Ausübung von Kulthandlungen, weiche durch die geltenden Vorschriften nicht verboten sind, behindert werden, ist im Widerspruch mit der Bestimmung des § 122 der Verfassungsurkunde. Dieser Grundsatz hat bei Entscheidungen über rechtzeitig eingegebene Beschwerden und beim Einschreiten gegen Vorkehrungen und Beschlüsse der Gemeindeorgane nach § 102 der Gemeindeordnung maßgebend zu sein." * Der Senat nahm einen Zusatzantrag zu der vom vom irischen Parlament bereits angenommene Bill betreffend humanes Schlachten von Tieren angenommen; dadurch ist die Bill zum Gesetz geworden. Das neue Schlachtgesetz, welches ein betäubungsloscs Schlachten verbietet, macht ausdrücklich eine Ausnahme für das jüdische rituelle Schächten, welches nach wie vor ohne Betäubung erlaubt ist. Der Senat nahm einen Zusatzantrag zu der vom Parlament beschlossenen Bill an, demgemäß das Schächten nur durch solche Schächtcr vorgenommen werden darf, die hiezu eine Autorisation vom britischen Oberrabbiner haben. Eine vom Ortsrabbiner erteilte Schächtlizenz hat nach dem Gesetz keine Gü 11 i g k e i t. < ■ * Der Landwirtschaftsministcr Estlands hat Ende Jänner dieses Jahres eine Erklärung zugunsten des Schächtens abgegeben. Gegen diese Erklärung, die auf Grund eingehender Untersuchungen der Veterinär-Abteilung des Landwirtschaftsministeriums erteilt war, wandte sich der Tierschutz verein Estlands und klagte gegen das Agrar-Ministerium beim Reichsgericht. Im Verlauf des langwierigen Prozesses nahm auch der Direktor der Veterinär-Abteilung zu der Frage Stellung und erklärte das betäubungslose Schächten als den Forderungen des Tierschutzes durchaus entsprechend. Der Prozeß ist nunmehr in höchster Instanz zur Entscheidung gebracht. Das Reichsgericht hat die Klage des Tierschutzvercins gegen die schächtgünstige Entscheidung des Landwirtschaftsministers als unber e c h t igt abgewiesen. Somit betrachtet die Regierung Estlands die Behandlung der Schächtfrage als. endgültig abgeschlossen. ' _ -.. }■ _ Bei Magen-, Darin« und Stolfwechselleidcn führi der Gebrauch des natürlichen „Franz-Josfef'-Bitterwassere die Verdauungsörgt»ne zu regelmäßiger, Tätigkeit zurück- und erleichtert 60'. daß die Nährstoffe ins Blut gelangen. In Apotheken und Drogerien erhältlich. Prozesse gegen Juden, die Pogromisten bleiben frei Der Jüdische Färlame'ntsfclub in Polen hat an ' den Justizminister ein Schreibert gerichtet, in welchem darauf hingewiesen wird, daß, bbwohl seit dem W i 1 n a e r Pogr om» bei welchem die .'Geschäftsläden' zahlreicher jüdischen Kaufleute zerstört und ausgeraubt und sehr viele Juden verletzt wurden, bereits ein halbes Jahr verflossen ist, von einer Verfolgung der Schuldigen noch immer nichts zu merken ist. Statt die wirklich Schuldigen zu fassen, wurden in einer Reihe von Prozessen Juden zu mehr öder weniger großen Gefängnisst r a f e n Verurteilt. Man hört, daß die Prozeßakten bereits auf fünf Bände angeschwollen sind, aber es ist noch nicht abzusehen, wann die , wirklichen Schuldigen vor Gericht gestellt werden. Der Klub' fordert den Justizminister auf, dahin zu wirken, daß der Charakter des Wilnaer , Pogroms nicht durch kleine Einzelprozesse bagatellisiert oder durch einseitige Verfolgung der Juden verfälscht wird, sondern daß durch eine ordentliche Durchführung des Verfahrens dargetan werde, daß der Staat nicht gesonnen sei, Ueberfälle auf unschuldige jüdische Bürger zu dulden. * ■ In der Zamkowa-Gasse zu Wilna überfielen Huligans jüdische jugendliche Ausflügler und verletzten mehrere von ihnen. Einer der Verletzten, Aron Lewin, mußte in das Hospital überführt werden, mehrere andere wurden in einem Ambulatorium verbunden. Die Huligans wurden von. christlichen Straßenpassanten Unterstützt, gegen die die angegriffene jüdische Jugend sich zur Wehr setzte. Herbeigerufene Polizei verhaftete dr ei jüdische junge Leute und leitete gegen sie ein Verfahren wegen Ruhestörung ein. Di e Hu I i gan s entkamen alle. Vor den Wilnaer Gerichten werden in den nächsten Tagen abermals Prozesse gegen fünf Juden im Zusammenhang mit dem Pogrom im November v. J. stattfinden. Von der Einleitung eines Gerichtsverfahrens gegen die wirklichen Urheber und Teilnehmer des Pogroms hört man noch immer nichts. Kurse für Jiddisch unter den Englisch sprechenden Juden Amerikas Die große New Yorker jiddische Tageszeitung „Jewish Morning Journal" hat Kurse für Englisch sprechende Juden a?ur Erlernung der . jidd i s c h e n Sprache arrangiert, die sich eines starken Besuches erfreuen. „Jewish Morning Journal" läßt sich bei Einrichtung der Kurse von dem Motiv leiten, daß für die Englisch sprechenden und den jüdischen Traditionen entfremdeten Juden die, Kenntnis de« Jiddischen notwendig sei, um djie Verbindung mit dem Judentum bewahren zu können. Das Jiddische soll ein Band zwischen der alten und der neuen Generation schlingen. Jiddisch, Hut ab vor Preis und Qualität der $18-, 24.-, 32.- CESCHKAHOTE VII, Kaiaartiratta 123 IX, Altarstraft« 6 schreibt „Jewish Morning Journal", ist die Sprache von drei Vierteln des jüdischen Volkes; der amerikanische Jude, der die verschiedenen Länder Europas bereist, wird, wenn er Jiddisch beherrscht, überall durchkommen. Von der hebräisdien Universität Eine« aufrichtige Stimme Die New Yorker jüdische Wodienschrift ,,0 p inion" (Herausgeber J. W. Wise, Sohn von Stephen S. Wise) schreibt anläßlidi der. Feier des siebenjährigen Bestandes der hebräischen Universität in Jerusalem: „Die amerikanischen Freunde der hebräischen Universität feierten deren siebenjährigen Bestand, indem sie durch Radioübertragung Reden aus Paris, London, Berlin, New York empfingen, ebenso wie durch die Vorlesung einer Botschaft des Kanzlers der Universität Doktor J. L. Ma g n es. Es war ein Ereignis von Bedeutsamkeit: Die Möglichkeit, großen amerikanischen Massen die Wiedergeburt des jüdischen Landes und des kulturellen und geistigen Lebens in Palästina zu vermitteln. Als man aber die abgedroschenen P h r asen der transatlantischen und amerikanischen Ansprachen hörte, hatte man das Gefühl, daß diese Möglichkeit nicht nur nicht ausgenützt, sondern bewußt m i ßa ch t e t w u r d e. Sprecher um Sprecher schwelgten in Ausdrücken wie „kulturelles Erwachen des nahen Ostens", „Palästina ist ein Land, bewohnt von Arabern und Juden, und Jerusalem ist heilig Juden, Moslems und Christen". Betont wurde, „der nicht einseitig orientierte, unpolitische, rassisch nicht begrenzte .Charakter des Undversitäts'werkes". Immer wieder wurde Rassenfreundschaft, internationaler guter Wille und besseres Verständnis angerufen, als wäre das und nur. das , alleiu Rechtfertigung und Erfolg der hebräisdien Universität. Den politischen, sozialen, ökonomischen Hintergrund der Universität,, ihre Verbundenheit mit der jüdischen Heimstätte ignorierend, stellten dde Festredner sie als eine Institution hin, die im luftleeren Raum schwebt und das Judentum als eine archäologische Angelegenheit. Kein Wort davon, was die Universität wachsen machte, die wiedererwadite Lebenskraft des jüdischen Volkes; keine Erwähnung des heldenmütigen Kampfes der jüdischen Pioniere in Palästina; des Kampfes, physisch , zu bestehen , und gleichzeitig intellektuell und moralisch zu. gedeihen; keine Erwähnung vom tragischen Spiel mit tausenden jüdischen Studenten in der ganzen Welt, Studenten, denen die Tore der Lehranstalten so unbarmherzig verschlossen wurden, daß die hebräische Universität ihre einzige Hoffnung wurde. Und vor allem nicht der leisteste Hinweis auf die Alma Mater der Universität selbst, den Zionismus. Theoretisdi hätte es eine hebräische Universität lange vor dem Zionismus geben können, aber es gab keine. 'Es war Schweiß und Blut der jüdischen Pioniere in Palästina, die die Gründung der Universität ermöglichten. Die Herren, die all dessen keine Erwähnung taten, sind schwer damit zu entschuldigen, daß sie das alles nicht wissen. Sie 6ind keine Außenseiter oder Gäste, von denen man kaum mehr als eine höfliche, unverbindliche Geste erwarten kann. Sie sind die verantwortlichen Häupter der Universität, ihre beglaubigten amerikanischen und europäischen Repräsentanten. Aus Angst oder weil sie sich der nationalen Aspirationen ihres Volkes schämt e n, flüchteten sie sich ins Schweigen. Sie w i s s e n, was sie nicht sagten. Dde Universität hat ihre. Existenz nicht einem vagen, amorphen Wunsch, die Mensdihcit zu einigen oder die Araber zu pazifizieren, zuzuschreiben, sondern der Notwendigkeit, der wahre Ausdruck und der Rhythmus .les erwachenden na td o na 1 en Bewußtseins der Juden zu sein. Diese Einsicht und dieses Wissen ht es, die den Stolz und die Liebe der Judenheit überall herrorzurufen haben, mehr als akademische Erfolge und Möglichkeiten. Und weder Radioreden, noch Komitees, noch Rektoren haben ein Recht, dieses organische Verhältnis zwischen jüdischem Volk und seiner Universität wegzulügen." Die Betrachtung der „Opiuion" nimmt Bezug auf die am 1. Mai gehaltenen Radioreden der Herren Sir Herbert Samuel, Oskar Wassermann u. a. Die offizielle zionistische Prese konnte sich nicht genug tun vor Begeisterung über das leere Geschwätz der Jubiläumsredner und über das feige Auskneifen gerade davor, was die Bestimmung der hebräisdien Universität zu sein hat. „Opinion" charakterisiert, wie die Leser ersehen, dieses Verhalten gebührend.