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Die neue Welt · 1932-05-27 · Heft 245 (27.5.1932) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 245 (27.5.1932)
Date
1932-05-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6 DIE NEUE WELT Nr. m "\ Aus D e Ii t s c h 1 a n d Befla«€ de* »Nc«€n Well« für DeuHdiland fflfoltedalttfott and AAminitttation: Bettin, Charloflenburg 2, Joadilmtfalerrfraße 3/» «»IIWiPIIIIIWHIHW^ Rundschau Solidarität des antisemitischen Geistes Im Zusammenhang mit der Spannung, in der die politische Welt das Verhältnis Japan-Rußland sieht, bringt die Berliner „Vossische Zeitung" eine Nachricht aus Washington, demzufolge der inoffizielle Vertreter Sowjetrußlands, Boris Skvirsky, bei der Regierung in Washington vorgesprochen hat. Skvirsky legte Dokumente über die Propaganda weißgardistischer Militärkreise vor, die Mir Hauptquartier angeblich in Schanghai hätten. Die Hetze, erklärt der sowjetnissische Vertreter, arbeite gegen Sowjet™ ftl and auch mit einet antisemitischen Tendenz. Es heißt darin z. B.: „Die Wirtschaftsstruktnr S o w j e t f u fl 1 a n d s werde nur noch durch die Unterstützung deutscher Juden aufrechterhalten." Wir erfahren also die bis jetzt bekannte Tatsache, daß die Weißgardisten vorschicdcMister Färbung, die seinerzeitigen Pogromhelden, ihr Handwerk im internationalen Antisemitismus weiter betreiben. Wir erfahren aber auch die bis jetzt unbekannte Tatsache, daß die Kommunisten den Unfug einer Judenhetze denunzieren, sozusagen sich in die Front der Abwehr des Antisemitismus gestellt haben. Allerdings nur dort, wo sie im gegegenen Falle auf eine staatliche Sympathie spekulieren, auf eine Sympathie, die ihren Interessen sehr zustatten käme. Sowjetrußland hat aber auch andere Interessen — solche, die sich sehr wohl mit der Judenhetze vertragen. Nicht etwa in Amerika, sondern ein wenig in Deutschland, wo ihnen der-antisemitische Hitler-Rummel als Auftakt eines Bürgerkrieges sehr gut paßt, besonders aber in Palästina, wohin Moskau zur Revolutionierung des Vordem Orients Waggonladungen mit Pogromaufrufen verfrachtet und wo es die Araber auffordert, die Metzeleien von Safed und Hebron zu wiederholen. Zu dieser bolschewikisohen Pikanterie gesellt sich die ernste Seite der Sache: die Solidarität des antisemitischen Geistes. Wenn Hitler die jüdischen Bankiers Frankreichs für Deutschlands Wirtschaftsnot verantwortlich macht, so revanchieren sich Frankreich und England, indem sie den deutsch-jüdischen Kapitalisten den Niederbruch der Weltwirtschaft zuschreiben. Und der Ring geht weiter. Die Weißgardisten schreiben den Amerikanern, der deutsche Jude sei schuld. Für Deutschland wird es wohl „Der amerikanische Jude ist schuld" heißen. Mögen sie sich untereinander im nationalen Haß aufreiben wollen — in dem einen sind sie, die verschied,entliehen nationalen Antisemiten, solidarisch':'im Judenhaß. ' ■ Vom jüdischen Studenten Das Problem der jüdischen studierenden Jugend nimmt -immer schärfere Aktualität an. Und s besonders in Deutschland, das bisher das Dorado für den jüdischen Intelligenzberuf war, wirkt es am brennendsten. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse unterminieren von Haus aus jede Chance geistiger Betätigung für den jüdischen Akademiker; Sogar diejenigen Kreise, die bisher im Wähn lebten, daß der geistige Arbeiter, auch wenn er Jude ist, eine privilegierte Schichte bleil>en werde, 6ehen sich jetzt gezwungen, ihn, den jüdischen Intelligenzler Deutschlands, in den Kreis der spezifisch jüdischen Not einzubeziehen. Ein bekannter deutscher Publizist und Politiker, der jüdische Professor Georg Bernhard, setzte sich in einem Vortrag vor jüdischen Studenten im Rahmen der Studentenseelsorge der Jüdischen Gemeinde, Berlin mit dem Problem des jüdischen Studenten auseinander. Sogar er, der liberale Jude, der zionistische. Gedankengänge ablehnt, muß sich zu der Feststellung bequemen, daß die Lage des jüdischen Studenten in Deutschland, hoffnungslos sei, daß zu der politischen Ablehnung nun auch die wirtschaftliche Konkurrenz trete, daß heute kein jüdischer Angestellter zu einer Stellung kommen könne, um die sieh gleichzeitig Nichtjuden bewerben, daß es heute in Deuisdiland aüch gegen den jüdischen Arzt, Rechtsanwalt usw. gehe. Das ist nicht neu; ebensowenig neu,, wie die Erkenntnis, daß „audi wenn die Hitler-Bewegung vorüber sein werde, der Antisemitismus nidit ganz überwunden sein wird". Bis hieher sind Georg Bernhards Erkenntnisse wenig originell, weil von den Zionisten immer wieder gesagt. t; ■ ■ Charakteristisch und originell sind andere Stellen seiner Rede. Zunächst die Art, wie Bernhard die Notwendigkeit und den Sinn der Mehrleistung sei-, teus der jüdische« Intellektuellen darstellt: „Heute wie je wird der Jude in allen Zweigen des geistigen und wirtsdiaftlidven Lebens viel mehr leisten müssen, um den gleichen Grad der Geltung wie sein mchtjUdischer Kommilitone zv erlangen . . . Dieser: Zwang zu höherer Leistung ist ein Se^en für das Judentum. Er hat das jüdische Volk in Zucht gehakten durch die Jahrhunderte." So kann nur ein Mensch sprechen, der heute selbst in gehobener wirtschaftlicher und geseUschaftlicber Po« , Ration ruht, indes er den anderen, Kommenden das Rezept gibt, wie man Karriere madit. Mehrleistung? Die anderen überragen wollen? Durch Mehrwissen Respekt erzwingen wollen? Dieses abgebrauchte Spriidilein der jüdisdien Assinrilftnten hat sich immer wieder selbst ad absurdum geführt. Wir können Von überragenden Leistungen durdi Juden erzählen, die nodi keinen Antisemiten bewogen haben, dieses Plus mit Ehre, Posten, Anerkennung und Dank zu quittieren. Im Gegenteil. Wir haben überall die Erfahrung gemacht, daß die Sucht nach „Mehrleistung" nichts anderes erzeugt hat, als das ekelhafte Bestreben nadi Anbiederung, Unterwürfigkeit, Hineinsdileichen in fremde Bereiche, kurzum das, was man e e e 1 i s c h e Korruption nennt: die Krankheit vieler aus dem Ghetto ausgebrochener jüdischer Gestalten. Aber auch im Realen haben es Mensdien — gewiß audi aus der Umgebung des Herrn Bernhard — durch Verbindungen und Protektionen leichter und rascher „zu etwas gebracht" als die Mehrleister. Die von Georg Bernhard als Remedur verlangte U m s c h i c h t u n g, „das Zurückbringen der jüdisdien studierenden Jugend in nicht akademisdie Berufe", ist an und für sich ein vernünftiger Gedanke. Aber wie und wo? Im heutigen und wohl auch künftigen Deutschland bestimmt nicht mit Aussicht auf Erfolg. Der jüdische Student wie der jüdische Mensch überhaupt bedarf einer Umschichtung, bedarf der Rückkehr zu nationaler Normalität. Die wird ganz wo anders und.auf ganz andere Weise bewerkstelligt. „Die segensreiche Tätigkeit" des C. V. Wie die jüdische und nicht jüdische Welt auch außerhalb Deutschlands weiß, hat der Centraiverein deutsdier Staatsbürger jüdischen Glaubens seit seinem Bestände Unerhörtes geleistet: er hat den Antisemitismus in Deutschland so radikal abgewehrt, daß sich heute dort 13 Millionen Wähler zitm Pogromantiseniitismus bekennen; und er hat seine Mitglieder zu dem unerschütterlichen Bewußtsein erzogen, daß sie strame Vollblutdeutsche sind wie ihre arisdien Mitbürger; Fürwahr, wie er selbst behauptet, eine „segensreiche Tätigkeift"! Aber diese Tätigkeit ist unserem Braven Centraiverein über den Kopf, gewachsen' W,äh/end er ,d?mi* .beschäftigt' werV'deh Äntise'ntitism^ir^l^eir offenen Straße, im öffentlichen Leben abzuwehven, hat sich dieser — welch Wunder der Natur! — in der-S c h u 1 e festgesetzt. Und plötzlich müssen die deutschen.Staatsbürger .jüdischen Glaubens erkennen, daß nun auch schon das jüdische Kind vom Antisemitismus in der Schule bedroht ist. Aber in einem Punkt ist der C. V. auch noch hier optimistisch. Er erklärt in seiner „C-V.¬ Zeitung": „Es muß zur Ehre der ,deutsdien Lehrerschaft einmal gesagt werden, daß das Gift des National-, Sozialismus in ihren Reihen so gut wie keine Wirkungen ausgeübthat." Zwar gibt es eine Organisation der nationalsozialistischen Lehrerschaft und deren „Nationalsozialistische Lelirerzeitung", jedoch das ganze ist nur Sdiein: es gibt eine nationalsozialistische Lehrerschaft und audi eine .»Nationalsozialistische Lehrerzeitung", aber die Lehrer selbst sind der Hetze nicht verfallen. Die Lehrer nidit, dafür aber die — Schüler.;Die maßlose Verhetzung mit judenfeindlichen Schlagworten", schreibt die „C.-V.-Zeitung", „hat eine derartige Atmosphäre des Judenhasses erzeugt, daß es dem jüdisdien Schüler oft nicht einmal mehr möglich ist, mit seinen Klassenkameraden vernünftig über diese Fragen zu sprechen, geschweige denn, sie zu überzeugen." Also, die Lehrer sind brav, aber die Schüler sind schlimm. Von wem nur diese schlimmen Schüler die antisemitischen Schlägworte haben! Von den Lehrern nidit, denn diese sind, wenn sie auch eine nationalsozialistische Lehrerzeitung haben, der, Judenhetze nicht verfallen! Von den Mitgliedern des C. V. auch nicht, denn dieser wehrt ja den Antisemitismus seit Jahrzehnten segensreich ab. Also das reinste Wunder! Und dieses Wunder muß man mit einem Wunderrezept kurieren. Der C. V. besitzt dieses Wunderrezept. Er gibt iri seiner Zeitung die folgende Weisheit von eich: „Auch im Falle des Schulantisemitismus ist der C. V. der Auffassung, daß ein jüdisches Kind ein immer besserer deutscher Jude werden wird, je früher es lernt, sich selbst auch bei Gefahr einiger Unannehmlichkeiten gegen jeden Judengegner zu behaupten." Der jüdische Schüier sojl s4ohJS also bei Gefahr einiger < Un<unehmr lichkeiten, wenn ihm zumj Beispiel der Schädel eingeschlagen oder wenn er aus der Klasse hinausgeworfen wird, wie ein echter deutscher Haiin benehmen, er soll jeden Judengegner theoretisch widerlegen, überzeugen: blond bis ins Haar, >blau bis ins Auge, deutsch bis ins Mark! Und die Eltern sollen hiehed helfen. Sie sollen mit der kärzlich getroffenen Einrichtung der Elte»nbeiräte syin^thi^eren, sie sollen aber zuvörderst eich selbst erziehen und gleichzeitig ihren Kindern das nötige Rüstzeug zur Abwehr mitgeben: „Wissen, Selbstbewußtsein und . Mut!" Dann wird sich der jüdjjsche. Schüler gegen den Pogromantisemiiismus verteidige^ können und das Vaterland ist gerettet. Das zu propagieren, erklären die Herren des C. V., „sind die dringenden Gegenwartsaufgaben für den Centraiverein auf dem Gebiet der Schule". Ein sdiwieriges, kompliziertes Programm, das der C. V. da dem jüdisdien Kind vorsdireibt. Wir haben ein leichteres, einfadieres Programm: Das jüdische Kind soll in jüdischem Bewußtsein erzogen werden, in einem Bewußtsein, das ihm jene gesunde seelische Haltung bringt, die in sich selbst alle Elemente der Abwehr trägt. Berliner Nachrichten: Regelmäßige Zusammenkünfte. Die Revisionisten; Benlins treffen sioli jeden Dienstag ab 8 Uhr abends im Cafe Kornreich, Gliarlo.tteniburg, Fasanenstraße, direkt neben der Synagoge. Auch die von auswärts eintreffenden Gesinnungsgenossen werden auf diese regelmäßigen; Zusammenkünfte aufmerksam gemacht. Tel-Chaj-Fonds-Komitee. In der kommenden, Woche wird in Berlin ein provisorisches Tel-Chaj-Fonds- Komitee geschaffen werden, dem einige prominente jüdische Persönlichkeiten angehören. Diese Kommission wird unverzüglich an die Organisierung der Tel-Chaj-Fonds- Mitgliedschaft herantreten. Pawag — Palästina-Waren-Agentur. Die Pawag hat frische Palästina-Orangeade lagernd. Besonders in: den heißen Tagen ein gut bewährtes AbkühlungsmitteL Bestellungen und Anfragen: Pawag, Berlin-Charlotten-, bürg, Joadiimsthalerstraße 5/II. Tel. J. 1. Bismarck 55-90. Vortrag Großmann. Der Vortrag des Herrn! M. Großmann (London) dürfte anfangs Juni stattfinden.; Herr Großmann befindet sich auf einer Vortragsredsef, hat bereit« in Frankfurt a. M. und in Wien gesprochen^ nahm an der Revisionistenkonferenz in der Buko-winaj teil, begibt sich auf eine Woche nach OstgaÜzien und1 kommt nadther nadi Berlin. Hier wird Herr Großmann: über „Zionismus gestern und heute" sprechen. Vom Brith Trumpeldor. Die große Treffabrt fand an den Pfingstfeiertagen statt, an der fast alle Chawerimi teilnahmen. Sonnabend* den 21, Mai, sprach Dr. R a b i n o-i w i c z im Heime über die Araberfrage. Vom revisionistischen Landesverband Soeben ist Rundschreiben Nr. 6/II an die^ Ortsgruppen versandt worden. Es enthält eine ausführliche .Darstellung über die Boykottbewegung seitens der ZVFD gegen den Revisionismus und enthält weiterhin! Vorschläge über die praktischen Gegenmaßnahmen den revisionistischen UriiöhV' ' " '' 1 :; Auf erster Seite befindet sich' folgender Aufruf: I Die Dinaraktion beginnt! Schon in neun Wochen beginnt die V. revisioni«« stische Weltkonferenz, auf welcher Deutschland ent-i sprechend seiner Stärke vertreten sein muß. Die Anzahl unserer Delegierten hängt aber einzig und allein davon ob, mit welcher Intensität sie in den Ortsgruppen und als einzige Revisionisten den Vertrieb der Dinarim durchführen werden. Laut den Bestimmungen der revisionistischen Weltunion ist der Dinar die einzige Wahl-. ' legitimation zur revisionistischen Weltkonferenz. Jede Gruppe von 20 bis 50 Dinarzahlern wählt;. einen Delegierten. Gruppen mit weniger als 20 Dinarzaihlern können mit anderen kleinen Orten zu einer Wahlgruppe zusammengelegt werden. Bestimmen Sie! daher sofort einen Dinarkommissär für Ihre Ortsgruppe* der unverzüglidi an den Verkauf der Dinarim heran« treten muß! Wir machen Sie außerdem darauf aufmerksam, daß nach den Bestimmungen der revisionistischen Welt-* union der Dinar nicht nur Wahllegitimation ist, sondern; nur derjenige als Mitglied der revisionistischen Union angesehen wird, der im Besitze einer offiziellen Dinar- Suittung ist. Sie wissen nun, was Sie zu tun haben! ünarim, die später als am 30. Juni 1932 mit dem Landes< vorstände abgerechnet werden, können für die Wahlen; zur revisionistischen Weltkonferenz nicht mehr berücksichtigt werden! Zögern Sie. daher keine Minute mehr! Heran anj den Dinar verkauf l Zur Ablehnung jüdischer Richter Aus Dresden wird gemeldet: Am 23. Jaunen waren Landgerichtsdirektor Brodauf (Chemnitz), des ehemalige staatsparteiliche Abgeordnete, und Land« gerichtsrat Dr. Cohn, die in der Strafkammer Chem« nit'z als Vorsitzender und Beisitzer gegen mehrere wegen! schwerer Körperverletzung angeklagte National« Sozialisten zu verhandeln hatten, von der Verteidi« güng abgelehnt worden, weil ßie als Mitglieder der. S t a a t s p a r t e i, und Dr. Cohn überdies als J u d e< nicht als unparteiliche Richter über Nationalsozialisten gelten könnten. Die über diesen Antrag erkennende Kammer unter Vorsitz des Chemnitzer Landgerichts* direktors Hoffmann erklärte die Ablehnung für ber e c h t i g t. Wegen dieser Entscheidung hatten die staatsparteiliche und die sozialdemokratische Fraktion im Landtag eine Anfrage an das sächsische Justizministerium eingereicht. In seiner Antwort" erklärte der sächsische Justizminister Dr. Mansfeld, daß der Ablehnungsbeschluß auch ihm zu Bedenken Anlaß gebe. Der Chem-* nitzer. Fall müsse in seiner Allgemeinheit zur Folge haben, daß in Strafprozessen mit politischem Hintergrund schließlich jeder Angeklagte einen Richter mit Erfolg ablehnen könnte, der irgendwie zu erkennen gegeben habe, daß er. politisch anders eingestellt sei alä i

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