Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 245 (27.5.1932)
- Date
- 1932-05-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711866--3137-2716483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 245 DIE NEUE WELT Seite 3 1 fenen Ueb er ein kommen werden bei der Her Stellung des transjordanisohen Teils der Röhrenleitung Juden nicht beschäftigt. Herr Berl Locker nnd die „Neue Welt" Herr Berl Locker hat in seiner Eigenschaft als Mitglied der zionistischen Exekutive Wien zum zweiten Male besucht. Er hat diesmal — in wohltuendem Gegensatz zu seinen Reden beim ersten Besuche — in sachlicher, seiner Stellung angemessener Form über die Frage der revisionistischen Opposition gesprochen. Nur die „Neue Welt" hat er scharf getadelt. Er hat behauptet, die „Neue Welt" hätte mit „Frohlocke n" berichtet, daß der so oft zitierte Bericht des Landentwicklungs- DJrektors der Palästina-Regierung F r en cJi' tatsächlich antizionistisch sei und das jüdische Aufbauwerk schwer bedrohe. Der Versuch. Herrn Lockers, durch eine unrichtige Darstellung das Versagen seiner und seiner Freunde Politik zu kaschieren, kann nicht ohne Entgegnung bleiben. Tatsache ist, daß die Londoner Leitung der aionistiech-revisioni&tisohen Union schon vor zwei Monaten vom schädlichen Inhalt des damails noch (geheimen French-Berichtes Kunde gab und die Zionisten zur Gegenwehr aufforderte. Tatsache ist, daß die „Neue Welt" in diesem Sinne Stellung nahm. Tatsache ist, daß deswegen Herr Locker die Union und die „Neue Welt" der Lüge, Gerüchtemaoherei und Unruhestiftung beschuldigte. Tatsache ist, daß jetzt im Wege des Lockerscheh Parteiblattes „Davar" zugegeben werden mußte, daß ,die Angaben der „Neuen Welt" über den French-Beric^t auf Richtigkeit beruhten. Das hat die „Neue Welt" einfach festgestellt und wörtlich hinzugefügt: „Wer lesen kann, kann nun entscheiden, ob die revisionistischen Warnungen gewissenhaft waren, ob es gut war, Herrn French unbehelligt „arbeiten" zu lassen." Ein anderer als Herr Locker kann darin wohl unmöglich ein „Frohlocken" über den bösen French- Bericht erMicken. Die „Neue Welt" bat einfach ihre Pflicht getan und vor einer Gefahr — leider allzu berechtigt — gewarnt, deren Schwere selbst Professor Weizmann, der sonst so große Optimist, in seiner südafrikanischen Rede nachdrücklich hervorhobt. Auf die Gefahr, von Herrai Locker nochmals getadelt zu werden, soll hier auf einen neuerlichen Versuch nutzloser und schädlicher Vertuschungspolitik um den French-Bericht hingewiesen werden. Der Versuch wird von der der derzeitigen Exekutive sehr nahestehenden Zeitung „Jewish Chrondcle" unternommen. Die J. T. A. berichtet aus London: „Die Zeitung „J e w i s h C h r o n i c 1 e", die sich in zionistischen Dingen vielfach als gut unterrichtet gezeigt hat, will H) aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, daß der High Commissioner für Palästina, General Sir Arthur W a u c h op'e. die Absicht hat, den Bericht des^ palästinensischen LandentwicklungsVlirektörs Lewis trench weder der Jewish, Agency, noch der arabischen Exekutive zu unterbreiten, noch ihn zu veröffentlichen, sondern ihn ad acta zu legen. Der High Commissioner sei davon überzeugt, daß eine Verwirklichung der Vorschläge im French-Bericht unfair nicht hur gegenüber den betroffenen .Gemeinschaften, sondern auch gegen Palästina als Ganzes wäre. Der High Commissioner sei der Meinung, daß eine Durchführung der von French vorgeschlagenen Beschränkungen der Boden-, Der jüdifche Hochfchulausfchuf? beglückwünscht herzlichst seinen Präses, Herrn abs. med. Viktor Kornmeht, anläßlich seiner Promotion zum Doktor der g e s a m te n H ei 1 k u n d e. Übertragung usw. unzweifelhaft die Privatinitiative hemmen uud überhaupt du,s öffentliche Wirtschaftsleben drosseln würde. .Jewish Chroiücle" gityt einen Inhalt des French- Berichtcs wieder, der sich im wesentlichen mit der Wiedergabe der palästinensischen Arbeitertageszeitung „Davar' deckt, und fügt noch hinzu, daß French seinem Bericht einen Entwurf zu einer Verordnung betreffend Einschränkung des Bodenkaufs angefügt hat." Das ist ein neuerlicher Versuch unsinnigen Vcrtuschens, einer Lähmung des Abwehrwillens der zionistischen Organisation, der jetzt stärker sein sollte wie je. Das ist typische, im Trüben, im Verschwommenen arbeitende Nachrichtenfabrikation. Der Vorwurf der Gerüchtemacherei, den Herr Locker der „Neuen Welt" machte, ging an die falsche Adresse. Die richtige Adresse liegt in unmittelbarer Nähe des Herrn Looker, hart bei ihm. Dort, bei Herrn Locker, werden Gerüchte gebraut, zwar „angenehme" Gerüchte, aber um so gefährlichere. efHot«" -CLt"'' M O M « f 0 k t*T MQf fllMANN •> COi Frankreich und der Juden§laal Was heißt »Judisches Naflonalhelm t« Paris, 23. Mai. Der französische Deputierte Raoul Brnndon ist einer der wenigen französischen Abgeordneten, der Palästina mehreremal besucht hat. Bereits im Jahre 1902 weilte Brnndon im Nahen Orient, um als Architekturstudent hier die orientalische Kunst kennenzulernen. Während seiner späteren Reisen sah er das jüdische Aufbauwerk in Palästina im Werden und war seither einer unserer besten Freunde. Es ist interessant, festzuhalten, was Brandon auf die Fragen des Pariser revisionistischen Organs „Rassvjet" in bezug auf Palästina erklärte: „Eine neue politische Ordnung Palästinas verspräche neue Perspektiven kolonisatorischer Aktivität der Juden. Das, was im Laufe der ersten Jahre nach dem Krieg geschaffen wurde, verstärkte die Bewunderung Europas. Ich habe Palästina das letztemal im Jahre 1925 gesehen. Ein unparteiischer Beobachter konnte erkennen* daß die Juden das Land in einen Ku 1t u rwinke 11 Europas verwandelt haben. Das ununterbrochene Wachstum der Kolonien schaffte den Eindruck eines blühenden Gartens. T e 1- Awiw ist das Resultat jüdischen Genies, jüdischer Arbeit, jüdischer Energie. Das ganze Leben in Palästina hat die Arbeit zur Grundlage. Ich zweifle nicht daran, daß die gegenwärtigen nur der einzigen schwedischen Weltmarke Schwierigkeiten behoben und daß die Juden Palästina in ihr Nationalheim umwandeln werden." „Was bedeutet nach Ihrer Meinung die Formel Jüdisches National hei m'?" „Diese Formel, die fürwahr genug vage ist und zu viel Erklärungen erfordert, kann nur eine Sache bedeuten, und zwar die, daß Palästina ein Land, verwaltet von einer jüdischen autonomen Majorität werden soll. Es wird das einzige Land der Erde sein, wo das politische, ökonomische und: moralische Leben in jüdischem Sinne geformt sein wird. Das ist wohl der Judenstaat. In diesem Staat werden alle Bürger vor dem Gesetz gleich sein. Die Araber, die heute die Majorität besitzen, werden zu einer nationalen Minderheit werden. Ohne jüdische Majorität ist die Renaissance des Volkes Israel undurchführbar. Das wird kein Unrecht gegenüber den Arabern bedeuten, die anschließend an den Krieg hinlänglich Staaten mit arabischer Majorität geschaffen haben. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, daß das jüdische Volk, das so große Opfer während des Krieges gebracht hat, das Land seiner Ahnen wiedererhält. Ich. zweifle nicht, daß die öffentliche Meinung in Frankreich die gerechten Proteste der Juden gegen England unterstützen wird, das an der Erfüllung der ihm durch das Mandat auferlegten Pflichten es hat fehlen lassen.'1 „Wie wird Ihre Haltung in dem Fall sein, wo die Juden die Frage der Revision des palästinensischen technischen Erfindungen, wiewohl im 19. Jahrhundert sehr stark,, doch noch nicht so rasch vor sich ging wie jetzt. Aber in den letzten, 30 Jahren begann der Fortschritt an technischen Erfindungen sich mit unerhörter, ungeheurer, übermenschlicher Schnelligkeit zu bewegen. Alle fünf Jahre hören wir von mehr epochemachenden Entdeckungen als der Vater und Großvater ihr Leben lang sahen. Früher' bestand der Fortschritt des Golem im Vorwärts-G c he n'. Jetzt lauft, springt, fliegt er. Und je-weiter, um so mehr beginnt er den lebendigen Arbeiter zu stören. Welches Resultat das für die nahe Zukunft verspricht, kann man vielleicht aus einem Beispiel ersehen. JJs steht in den Büchern, daß in den zehn Jahren zwischen 1919 und 1929 die industrielle Produktion der Vereinigten Staaten zu ganzen 42 Prozent herangewachsen ist, aber die: Zahl der beschäftigten Industriearbeiter ist in den selben zehn Jahren auf 6 Prozent gesunken. Wer hat die vergrößerte Arbeit' bewerkstelligt? Der Golem. Und nicht nur der Golem allein. Er hat eine Schwester, wie er selbst, auch ein Kind des Geistes und Hirns. Die Schwester heißt Rationalisierung. Sie beginnt mit „Arbeitsteilung", so daß jeder Arbeiter für sich nur einen: einzelnen Teil der Gesamtarbeit hat. Dann kommt der zweite Schritt der Rationalisierung, das bekannte Taylor-System. Und alle Arten Akkordisierung, die.man hier nicht beschreiben muß, wo es nur genügt, an d}e Folgen zu erinnern, Sie bringen es mit sich, daß derselbe Arbeiter in derselben Zeit mehr als früher produziert, Der Höchsterfolg des Rationalisierungsprozesses besteht in dem berühmten „laufenden Band". Der Arbeiter steht auf einem Fleck und vor ihm bewegt sich nur ein Teil des Bandes, führt ihm z. B, das Skelett eines Automobils zu, und er, der Arbeiter, braucht nur einen Bolzen hineinzustoßen oder ein Rad aufzusetzen, und das Skelett fährt weiter, zum nächsten Arbeiter, der eine andere Bewegung zu machen hat, immer auch die gleiche. Das ist technische Rationalisierung. £0 gibt aber auch «ine zweite, die k 0 m m c r z l c 11«. Sie besteht darin, daß eine Anzahl von Fabrikanten sich zu einem „Konzern" vereinigt. Die kleineren Fabriken werden geschlossen und ihre Arbeiter den größeren einverleibt, aber nicht alle, ein Teil bleibt draußen. Die Produktion braucht sie nicht. Sie kann sich entwickeln ohne ihren Schweiß und ihre Muskeln, nur mit Hilfe der zwei Kinder, des Geistes und Hirns, des Golems „Maschine" und seiner Schwester „Rationalisierung". Wollt ihr sehen, wie sich diese Schwester entwickelt? Ihr statistischer Ausdruck ist die Zahl der Angestellten. Genau so wie die Zahl der Arbeiter den Anteil an Muskelkraft ausdrückt, die Zahl der Pferdekraft den Anteil der mechanischen Technik der Maschine, so ist die Zahl der Angestellten das Zeichen für die Rationalisierung, d. h. der Organisation. Je komplizierter die Organisation der Arbeit ist, um so mehr wächst die Zahl jener Helfer, die selbst nicht mit den Händen arbeiten, sondern nur überwachen, leiten, kontrollieren, rechnen. Und es ist ein allseits anerkanntes Faktum, daß gerade in den Ländern der höchsten industriellen Entwicklung die Zahl der industriellen Angestellten viel stärker und rascher wächst als die Zahl der physischen Arbeiter. In Deutschland ist von 1907 bis 1925 die Zahl der Arbeiter um 23 Prozent gewachsen, aber die Zahl der Angestellten um ganze 98 Prozent (von 1,900.000 auf 3,800.000), In England betrugen 1907 die Angestellten nicht mehr als 8 Prozent aller in der Produktion beschäftigten, 1925 waren es bereits 13 Prozent. In Amerika im Jahre 1899 weniger als 8 Prozent, 1909 11, 1925 16 Prozent. ' Mit anderen Worten: Der- Anteil dir Muskelkraft an der Produktion wird immer kleiner und kleiner, der Anteil von Geist und Hirn (sowohl in der Form als der Maschine als auch in der Organisierung) immer größer. Die heutige. Arbeitslosigkeit, so sagt man, ist nichts anderes als die Folge ökonomischer Depression. Gut. Aber die frage ist: Wenn die Krise, so Gott will, beendet ist, wird man dann für alle 20 bis 25 Millionen Erwerbslose Arbeit finden können? Prophezeien kann man nicht. Man kann nur die Präzedenzieu betrachten. Am klarsteh war das in Amerika. 1920 und 1921 gab es dort eine starke Krise« Die Produktion fiel und von den 10/4 Millionen Industriearbeitern, die im Jahre 1909 beschäftigt waren, blieben im Jahre 1921 nur 8 Millionen. 2% Millionen verloren ihre Arbeit. Nach 1921 aber begannen die fetten Jahre der Prosperity, die Produktion stieg wieder ganz sonderbar. Aber von jenen 2SA Millionen hinausgedrängten Arbeitern erhielten nur 1J£ wieder Arbeit. 1 Million blieb [sogar im Jahre 1925 draußen. Wer hatte sie verdrängt?. 'Der Golem, die Pferdekraft der Maschine, die im Jahre 1919 29 Millionen, im Jahre 1925 36 Millionen Einheiten betrug. Mit anderen Worten: Als die Depression beendet war, wuchs der Golem um 24 Prozent, aber die Zahl der lebendigen physischen Arbeiter fiel auf 9 Prozent. Wie wird es nun sein, wenn die Weltkrise beendet ist? Es ist klar, daß nach der natürlichen Entwicklung der Technik und Organisation das Ende dem in Amerika gleichen muß. Man kann das künstlich verhindern, z. B. durch Gesetzgebung, indem man ein ausdrückliches Verbot auf Einführung neuer Erfindungen oder besserer Methoden der Organisation erläßt, wie es der gewesene französische Minister Cäillaux vorschlägt. Man mag dagegen künstlich tun was man will — es bleibt künstlich und es bedeutet Kämpfen gegen die Wissenschaft und gegen den Fortschritt und gegen die natürliche Entwicklung der Produktionsmittel. Vielleicht ist das auch sehr gut. Vielleicht muß man auch gegen ' die Wissenschaft kämpfen. Das steht heute nicht zur Diskussion. Heute will ich nur auf ein einziges Faktum hinweisen: daß die natürliche Entwicklung der Weltwirtschaft in sich eine eiserne, unbesiegbare Tendenz trägt, die produktive Wichtigkeit des Muskelproletariats zu verkleinern und die Wichtigkeit des Geistes und Hirns — des Erfinders, des Organisators, des Verbesserers von Methoden und des Angestellten — zu vergrößern. \ Darin besteht die Krisis des Proletariat», ■