Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 245 (27.5.1932)
- Date
- 1932-05-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 243 am Tag der Eröffnung der Levante-Messe, an dem eine Jüdin namens Margeritte Baumgarten verhaftet wurde. Man fand in ihrem Besitz eine Unmenge von Flugblättern in mehreren Sprachen^ Aufrufe an die Araber,, die- Zionisten mit aller Kraft zu schlagen, in den &$fen gegen die Einwanderer zu demonstrieren und sie an der Landung zu verhindern. Die Verhaftete ist 22 Jahre alt, aus der Tschechoslowakei gekommen, wo sie "Mitglied des Haschomer'tlazair war, der die Repütation für Erzeugung von vjkoinniunistisch<(ln Propagandisten in: Palästina besitzt. Auchdie oben erwähntenzwei^Verhafteien waren Mitglieder des Haschomer Hazair. / , Und nun ein Ereignis, das sich vor ungefähr zehn Wochen abspielte und dem die. jüdische. Presse wenig Beachtung schenkte. Die jüdische Arbeiterorganisation sandte eine Anzahl jüdischer Arbeiter zur Arbeitsaufnahme nach Ness Zionah, wo verhältnismäßig wenig jüdische Arbeiter von dim wohlhabenden Jödis'dÄe'n Kolonisten bisher eingestellt wären. Am selben jrTag...kamen 40 jüdische Arbeiter, die bereits in der Nachbarschaft von Ness Zionah beschäftigt waren und versuchten, die Neuankömmlinge am Antreten zur Arbeit zu verhindern. Sie erklärten, nicht erlauben zu wollen, daß fremde Juden aus einem anderen Distrikt den ortsansässigen Arabern das Brot wegnehmen, daß ferner die Arbeiterorganisation kein Recht habd', heue Arbeiter'in diesen Distrikt zu* bringen.- Die Tatsache, daß die Juden arbeitslos waren und daß es hier Arbeit gab, focht sie nicht an. Nur mit" Hilfe der Polizei konnten diese jüdischen Verräter,' "ebenfalls ehemalige Mitglieder des Haschomer Hazair, abgedrängt und zerstreut werden. Diese Zwischenfälle haben in Palästina einen so tiefen Eindruck hervorgerufen, daß die Arbeiterorganisation sich gezwungen sah, einige dieser Verräter vor das Parteigericht zu stellen. Dieses Gericht ist eine wohlbekannte Institution in Palästina, das Mitglieder der Organisation wegen Disziplinbruchs aburteilt und ihnen | Bestrenommlerte KQoha Im neueröffneten I GASSENLOKAL | Ii, Hammer«Purgstallgasse Nr* 3 Iiiiiiiiiiiiiiiiihiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiw die sehr wichtigen Privilegiert nehmen kann, welche mit der Mitgliedschaft verbunden sind. Die Hauptangeklagten im Fall Ness Zionah waren zwei junge Menschen, von denen der eine sechs Jahre in einer zionistischen Vorbereitungsschule des Haschomer Hazair in Galizien arbeitete. Es wurde festgestellt, daß eine Gruppe der Exzedenten in Ness Zionah in den umliegenden Dörfern Flugblätter verbreitet hatte, um klarzumachen, daß sie mit den nationalen Bemühungenihrer Brüder im Lande nichts gemein habe. Es hieß darin u. a.: Der arabische Bauer wird Land bekommen und nur dann vom Steuerdruck befreit werden, wenn er die zionistischen Bodenbesitzer, die ihm sein Land geraubt haben, hinausjagt., ■ i Es ist kein Zweifel, daß-der Mufti und die arabische Exekutive wohl wissen werden, aus dieser Wunde im jüdischen Jischuw Nutzen zu* schlagen. Aber die Arbeiterorganisation kann nicht von der Verantwortung für* diese Situation freigesprochen werden. Der von ihr entfachte Klassenkampf, die Stigmatisierung der jüdischen Mittelklasse zum kapitalitischen Ausbeuter war die Voraussetzung hiefür. In ihren, »Schulen wurde - das Kind gelehrt, sich anders zu sehen .: als die anderen jüdischen Kinder, sich als die Klasse f zu sehen, die, einmal vom Land Besitz ergreifen wird. ,f. Das sind Tatsachen. <• Zionistische Rundsdtau Die revisionistische Ideologie setzt sich durch —- Weizmann fordert Trans Jordanien... . In der Vorwoche wurde,an, fieser Stelle berichtet, daß der. Präsident der zionistisahen Weltorganisation^ S o.kp 1 o w wegen einer Rede, die er; in Amerika hielt, von-den Anhängern; seines Vorgängers, den Vertretern der.,,tWeizma.nnschen. Verzichtpolitik, . har^.jängegrif.fen wurde* So „ ip. - der Berliner «Jüdischen Rund-: schau" und im palästinensischen Arbeiteriblatt „Dava r'i Sokolow hatte in seiner Rede.;diie. revisionistische Forderung der Rückgabe des von Palästina ohne j c d en R. ech't s gf r u n d g e w a 11 s a m, ab getre n nt eh" T rä ns Jordaniens (des großen-, f ruchtbaren Gebietes östlich vom Jordan) an Palästina erhoben. Er wutde'"dafür hart getadelt, als ein den „revisionistischen Ideen" verfallener Unruhestifter bezeichnet. Nun wird der Wortlaut einer Rede gemeldet, welche Professor Weizmann vor zehn Tagen in Süd a f r i k a hielt; Der Inhalt der Rede bedeutet eine scharfe Wendung1 Weizmanns von seiner eigenen Politik, die danach .angetan ist, auf alle Welt überraschend;zu.wirken, ganz besonders aber auf seine, gegen Sokolow und die Revisionisten so erbitterten engeren Freunde. Weizmann führte aus: „Die Unruhen, die im Spätsommer 1929 in Palästina ausbrachen und die eine Seihe Untersuchungskommissionen und Weißbücher zur! Folge hatten/ sind noch heute nicht gänzlich liquidiert. Seif .. der Veröffentlichung des \" ••Briefes des , Prenvie<rministevs Rahisä*fc Mannid än ni i e :h> in Welchem das vom. früheren; Kolon ienmiriister : Passfield herausgegebene Weißbuch über Palästina in wesentlichen Punkten richtiggestellt wurde, ist bereits ein Jahr vergangen; dennoch fürchte ich, daß. w en.i g Fortschritte nach der Richtung der Erfüllung der im .Mac-Donald-Brief enthaltenen Versprechungen gemacht worden sind. Ja,, es. will scheinen, als ob wir in naher Zukunft neuen Sch wi e rigkeitcn werden ' begegn'en müssen. J ". /;r'" ' ' ' ' . . . ::. : . : i\. .: r;_ 'i• J*: . t .. ■; t Die Mitteilungen über die, bevorstehende Ver-. öffentlicliung eines neuen 1 Berichtes über Palästina (Anin. d. Red;: Gemeint ist-der French-Bericht), der der schmerzlich an den Simpson-Bericht erinnern soll" fuhr Weizmann fort, „erfüllen mich mit böser Ahnung. Wir haben den Simpson-Bericht, der voller ftfettdo-wissenscKaftlicner Behauptungen war, Überwanden nnd hofften, daß das Kapitel solcher Berichte geschlossen sei. Es will aber scheinen, daß irgend eine Seite geradezu darauf erpicht ist, durch konstante Ve*Öffentlichnng solcher Berichte Palfistina in einem- Zustand der Gärung und der Unruhe zu halten. . Gemeinsames Merkmal aller dieser Berichte ist die" WAnftörfiche ■ Betortnng einer Tatsache, die uns nur zu gut bekannt ist: Palästina ist ein kleines Land. Aber wir Wollen doch nicht unsere Heimat auf dem Rücken anderer bauen. Die Araber haben es nicht nötig, gegen uns in Schutz genommen zu werden; sie haben ihre eigenen Nari tionalheime, die sich vom Euphrat bis zum Indischen, Özean erstrecken. Alles^ was wir wollen nnd um was wir bitten, ist, daß auch uns gestattet werde, zu arbeiten und uns unsere eigene Heimstätte zn bauen. Ja, Palästina ist ein kleines Land, aber als die Politik des Jüdischen Nationalheims erdacht und angenommen wurde, stellten Palästina und Transjordanien eine untrennbare ''Einheit.' dar. Wären sie es auch heute noch, es gäbe hinsichtlich der Kleinheit des Landes keine Schwierige keiten. Transjordanien ist beinahe unbewohnt, dennoch wird dieses natürliche Hinterland Palästinas dem Zugang der Juden durch künstliche Grenzen und Mittel versperrt. Trans Jordanien wurde von Palästina losgetrennt aus Gründen, die nichts mit der zionistischen Politik zu tun haben. Wir beanspruchen nach wie vor das Recht, nach Transjordanienzugehen und das Land in Zusammenarbeit mit seiner Bevölkerung zu entwickeln." Zur Genugtuung darüber,, daß sich nunmehr auch Weizmann zu entschlossener Betonung dieser fundamentalen zionistischen Forderung entschlossen' hat, gesellt sich die bittere Erinnerung daran, daß gerade er, Weizmann, mit der Verantwortung dafür voll V belastet ist, daß der Raub Transjör.dan:iensi seinerzeit von der zionistischen Organisation widerspruchslos hingenommen wurde. Als der erste jüdische Gouverneur Palästinas, Herbert Samuel,, diesen Raub vollführte, da hatte Präsident Weizmann. mit seiner ganzen, damals überwältigenden Autorität jeden Versuch . eines (.P, r o t e.s t e s von zi on i s t(i-,, s c h e r; S e i t e erstickt, die Zustimmung der zipnisjU-, sehen Organisation «zum .Rfvuhe^erawiipgen^.., > *' ™™ * »«■-■■--•,....». "•— < i .iv,M- .i / m i\t . i ,21vVjWX. '.'.f..*. Eine Illustration der Situation um Transjordahien. Aus5 Haifa wird gemeldet: ■■■ ■. ' -.Die arabische Zeitung „Fales tin" bringt" ein Interview mit dem Ingenieur Lang, Direktor .'der Palästina-Abteilung der Oelröhrenleiturig vom Irak nach Haifa, in dem Lang mitteilt, daß die Röhren den Jordan sechs Kilometer südlich der Ruthenberg-Station in eiöer Untertunnelung kreuzen werden. Bei der Herstellung der Oelröhr,enleitung werden 3000'Arbeiter aus Palästina und 5000 Arbeiter aus Transjordahien " beschäftigt werden. Gemäß; einem mit dem Emir Abdullah von Transjo.rdanien , getrof- Der Golem Von Vladimir Jabotinsky Vor kurzem hat ein deutscher Volksw'irtschaftlef errechnet, daß die gegenwärtige Weltkrise nicht den einen oder anderen' Grund, sondern eine Fülle. von Gründen habe: 235 an der Zahl! Es verlohnt sich daher, bei dem einen, von ihnen zu verweilen und zu fragen, ob vielleicht der wichtigste die Krisis des Proletariats sei. Es handelt sich hier nicht um die heutige Arbeitslosigkeit (20 oder 25 Millionen Menschen, also.ungefähr ein Drittel des Weltproletariats). .Die Frage geht viel tiefer; sie war scharf genug noch von dem gegenwärtigen Niedergang der Weltproduktion. Aber .die Menschheit, die unter dem Einfluß von einfür allemal empfangenen Vorstellungen lebte, bemerkte die Anzeichen nicht, weil die Menschheit ohne Unterschied der Parteien sich jahrelang an den Gedanken gewöhnt hatte, daß das Proletariat, d. h. die Masse,, die in die Produktion ihre physische Kraft legt, besonders das Industrieproletariat,, der wichtigste und mächtigste Faktor der wirtschaftlichen Entwicklung .sei; daß der Reichtum der Weltwirtschaft nur zusammen mit dem Wachsen des Prolet a r i a.t s steigen könne; daß wir, der Mittelstand, nicht mehr als eine vorübergehende Erscheinung sind; zumal uns der Prozeß ebenfalls zu langsamer,' aber unvermeidlicher Proletarisierung treibe; kurz, daß der Fortschritt von Wirtschaft, Kultur und Politik und alles andere auf dem Fortschritt dieses Proletariats' aufgebaut ist. So tief und so verwurzelt war diese Auffassung in uns, daß wir sogar die klarsten Anzeichen einer ungeheuer wichtigen Erscheinung übersahen: die Tatsache, daß die moderne Wirtschaft die Neigung zeigt, sich immer, mehr durch Anwendung von Vernunft und Geist zu entwickeln und immer weniger durch die physische Ki » f uud daß die Folge einer solchen Tendenz der langsame Niedergang des Proletariats als. Faktor der Produktiou in Erscheinung treten muß. Das ist keine Herabsetzung. Marx wollte den M i t t e 1 s t a n d 'nicht „herabsetzen", als er erklärte, daß beim damaligen Wirtschaftszustand der Mittelstand keine Entwicklungsaussichten habe, daß er, der arme, in der Zukunft seine Bedeutung verlieren und'zu verschwinden beginnen würde. Genau so kann man heute dieselbe Frage nach anderen sozialen Klassen, z.' B| dem Proletariat, stellen. ' "'• Und das vielleicht mit viel größerer Berechtigung.' Marx hätte' sich geirrt in der tragischen Schicksalsprognose des Mittelstandes. - Darauf' ha't schon Eduard Bernstein vor 33 Jahren hingewiesen, und das sehen wir. jetzt noch klarer. Sogar der Handwerker, für den Marx von «gar keiner Hoffnung war (denn wie könne der mit der großen Fabrik konkurrieren!), sogar dieses Stiefkind Gottes will nicht verschwinden. Im Jähre 1930 fand in Rom eine Konferenz von Vertretern von Handwerksörgänisationen aus 20 Ländern statt, und dort zitierte der französische Delegierte einen Ausspruch Sombarts: „Heute (Sombart sagte das im Jahre 1927) muß man ein Ding konstatieren, das mir selber sonderbar erscheint. Am Ende einer langen Periode verstärkter kapitalistischer Entwicklung bleibt noch fast1 eine ganze Hälfte der industriellen Kräfte der Welt just im .Kleinhandwerk beschäftigt."' Und aus den Berichten der Konferenz zeigte sich, daß er nicht weit von1 der Wahrheit entfernt war, In Frankreich (1926) stecken von 4,700.000 Industriearbeitern 2,300.000 in den-Kleinhandwerksindus t r i e, sogar in England mehr als 1 Million und in Deutschland mehr als V/7 Millionen, deren Geschäftsumsatz 20 Milliarden Mark ausmacht. In dieser. Hinsicht also hat-der Prophet geirrt, denn, er legte seine Prophezeiung sozialen Prozessen zugrunde, d. h. rein menschlichen Faktoren, und vom Menschen weiß man nie, was er tun und was er lassen werde. Aber die Perspektiven über den Anteil des Proletariats an der Produktion basieren nicht auf sozialen Momenten, sondern auf technischen, d. h. auf der Entwicklung von Dampf und Elektrizität. * Vor einigen Jahren sprach man viel über ein Schauspiel, bei dem ein phantastisches Wesen agiere, „Robot". Es' ist charakteristisch, daß von jedem . Dutzend Menschen,, die den Namen „Robot" kennen, haben vielleicht nur zwei das Stück gesehen und vielleicht nur' zwei von seinem Inhalt gehört. Die Mehrzahl weiß nur das eine, daß „Robot" eine Maschine -sei, gebaut in Menschenform mit Händen und Füßen, und für uns alle niedrigen Arbeiten verrichte. In solchen Fällen,, wenn aus einem Buch, ' das viele nicht einmal gesehen haben, plötzlich ein Wort populär wird, so ist das ein Beweis, daß .das Wort eine wichtige Erscheinung bezeichnet, .eine Sache,;, über die alle nachdenken, wiewohl sie nicht imstande waren, sie zu benennen. Wir Juden brauchen aber diesen neuen Namen „Robot" nicht. Wir besitzen den alten .jüdischen Begriff „G o 1 cm". Er ist im Grunde dieselbe- Sache., Ein totes, künstliches Geschöpf, das sich ,selbst bewegt und uns Menschen die schwersten und niedrigsten Arbeiten abnimmt.. Seine äußerliche Aehnlichkeit zum Menschen, mit Händen und Füßen, wie es sowohl in: der Legende' vom Prager „Golem" als auch im Schauspiel der Brüder öapek (auch sie sind aus Prag), diese äußerliche Form ist nicht mehr, als ein dichterischer Trick. Aber zur Essenz der Sache - steht sie in keinem Verhältnis. Der wirkliche Golem, derschon seit langem existiert und sich mit der gewaltigen . Kraft „Seid fruchtbar und vermehret euch" vermehrt, : hat keine Hände und keine Füße. Er hat Räder und, Walzen und Schrauben, und seintechnischer Name ist Maschine.. Aber seine Rolle ist just die Rolle des Golem oder des Robot. Er nimmt von unseren Schultern. : die unangenehmsten physischen Arbeiten. ., ■ . Seit 150 Jahren, schon geht, in der Welt eine. parallele Entwicklung zweier wirtschaftlicher Faktoren vojsjcli. Pej eine ist .das Proletariat, der zweite der , Golem. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts störte der zweite den ersten nicht.'Zunächst weil sich noch rascher und stärker als beide das Anwachsen der Weltproduktion entwickelte '(dank der stetig wuchsenden Möglichkeiten des Verkehrs, d. h. des Imports und Exports auf Eisenbahnen und Schiffen) und dann weil der Fortschritt Vk