Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 244 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■-Seite i DIE NEUE WELT Nr. 244 kommet zum Gartenfest der »HAGANÄH«! Donnerstag, dem «♦ Juni 1932, um 8 Uhr abends (bei jeder Witterung) im Kasino Zögernitz, XIX., Döblinger Hauptstraße 76 AK AD Eintritt S 2.J0 EM I E TANZ Vorverkauf bei den Leitungsmitgliedern renz duldet. „Ueberzeugungen" läßt es zu, wie viel ihr wollt, aber dienen kann und darf man nur einer einzigen Ueberzeugung, und alle anderen, wie schön und wert sie auch in euren Augen sein mögen, muß man Uber Bord werfen, wenn es jene einzige fordert. Wir diskutieren hier nicht darüber, ob dies ethisch gut oder schlecht ist; (ich halte dafür, daß dies ethisch gut ist) aber es ist nun einmal so und kann nicht anders sein. * Darum ist die Hauptfrage die: Kann man, wie jener junge Mann hofft, einen aktiven Dienst am Zionismus mit der Treugefolgschaft des Kommunismus vereinigen? Wenn ja, dann ist kein Konflikt vorhanden, aber wenn nicht — Betrachten wir die Wirklichkeit, und zwar objektiv! Objektiv heißt: vergessen, daß, ich, der ich diese Zeilen schreibe, ein Gegner nicht allein der kommunistischen Methoden bin, sondern des weiteren auch einer sozialistischen Ordnung. Mehr noch: Vergessen wir sogar daran, wie sich die Kommunisten zum Zionismus stellen, dort, wo sie imstande sind, ihm zu schaden. Nehmen wir bloß die reine Essenz der kommunistischen Auffassung und• fragen wir uns, ob sie vereinbar ist mit den Interessen des zionistischen Aufbaus. Für den zionistischen Aufbau bedürfen wir zweier Dinge — abgesehen von den Menschen: erstens ein Land, d. h. die Möglichkeit, Palästina in ein jüdisches Land zu verwandeln ohne Störungen seitens der jetzigen Regierung und seitens der jetzigen Mehrheit; und zweitens — Kapital. Was sagt uns das „reine Gesetz des Kommunismus" in bezug auf die zwei, Momente? Bezüglich des Kapitals: Das Geld für den Aufhau kommt zu mehr als 90 Prozent aus den Taschen unseres Mittelstandes. Alle unsere Werkstätten sind vom Mittelstand geschaffen worden. Das Geld, Tel-Awiw zu bauen, hat der Mittelstand gebracht. Von den Kolonien wurden die alten zum Teil durch das Geld von Kleinbürgern, zum Teil durch das Geld eines großen Kapitalisten gegründet. Die mittlere Gruppe durch das Geld der Ica, d. h. des Barons Hirsch. Die neuen Kolonien, wie der Emek, mit dem' Geld des Keren Hajessod: wieder Bojirgeoisie. Es mag angenehm sein, oder nicht, aber so ist es. Und die reinste der reinen Essenz des Kommunismus heißt: Klassenkampf gegen die Bourgeoisie. Wo er siegt, muß er die Bourgeoisie zerstören. Das große und kleine Vermögen ihr entreißen, d. h. abhacken die einzige Wurzel, aus der man das Aufbaukapital für Palästina ziehen kann. Ganz gleich, ob wir unter „Aufbaukapital" private Unternehmungen oder nationale Fonds verstehen: Dies und jenes kommt aus mittelständischen Taschen und von nirgend anderswoher, weil keine anderen vorhanden sind. In der letzten Zeit versuchte die Histadruth, bei den amerikanischen Arbeitern Geld zu sammeln. Sehr schon. Aber im Vergleich zu den 40 Millionen Pfund, die wir seit dem Krieg nach Palästina hineingebracht haben (das ist die Ziffer, die in der Antwort der zionistischen Exekutive auf Simpsons Bericht steht) sind deren Sammlungen ein Tropfen Wasser im Meer. Und anders kann es nicht sein: Proletariat ist Proletariat, seine erste Charakteristik ist die daß es kein Geld hat. Und nun zur Frage Land: die Essenz des Kommunismus besteht darin, daß er die Völker des Orients gegen die europäische Herrschaft aufhetzt und aufhetzen muß. Eben diese Herrschaft ist in seinen Augen eine „imperialistische" und ausbeuterische; ich hinwiederum glaube, daß nur die europäische Herrschaft aus ihnen zivilisierte Menschen macht — aber das ist eine Nebenfrage und gehört nicht hierher. Klar ist eines: Der Kommunismus hetzt und muß die orientalischen Völker aufhetzen und kann dies nur tun im Namen deren n a t i o- , naler Befreiung. Er sagt zu ihnen und muß zu ihnen sagen: Eure Länder sind für euch da, nicht für Fremde. Das muß er auch zu den Arabern sagen; und das muß er auch zu den Arabern in Palästina sagen. Noch genauer: Er muß es ganz besonders zu den Arabern -Palästinas sagen. Weil ein strategisches Gesetz vorhanden ist, welche keine Armee und keine kämpfende Bewegung vergessen darf: Man muß den Gegner an seinem schwächsten Punkt angreifen. Juden sind schwächer als Engländer, Franzosen und Italiener. Wieder einmal muß ich betonen: Ich rede hier nicht vom bösen Willen der Kommunisten. Keine Spur. Ich kenne russische Bolschewiken, die sogar , eine sentimentale Sympathie für den Zionismus haben. Sie ist aber ohnmächtig, die objektive Beziehung zur zionistischen Bewegung zu ändern. Die Essenz des Kommunismus ist antizionistisch, ob alle Stalins es wollen oder nicht. Der Kommunismus muß danach streben, den Arabern die Möglichkeit zu geben, aus Palästina einen arabischen Teil eines großen arabischen Reiches zu machen, er kann nicht anders. Und der Kommunismus muß danach streben, die einzige Quelle unseres Aufbaukapitals, die jüdische Bourgeoisie, zu vernichten, weil »ein Um und Auf der Klassenkampf geg«n die Bourgeoisie ist. Nicht nur „dienen" zwei solchen Bewegungen ist unmöglich — man kann nicht einmal theoretisch treu sein der einen, wenn man der andern dient. Will man dem Zionismus dienen, ist man auf Schritt und Tritt gezwungen, zu arbeiten und zu kämpfen gegen den Kommunismus. Jeden Fortschritt des Kommunismus, möge er irgendwo am Ende der Welt vorkommen, in Mexiko oder in Tibet, ist ein faktischer Verlust für den Aufbau eines jüdischen Palästina, jede Niederlage des Kommunismus ist ein faktischer Gewinn für den Zionismus. Selten hat man ein solches Beispiel von absoluter, allseitiger, objektiver Gegnerschaft zwischen zwei Bewegungen gesehen. Nicht einmal der arabische Nationalismus ist objektiv so schädlich für uns: er bedroht nur eine Seite unseres Strebens, er bringt nur Gefahr vergrößerter Hindernisse in Palästina. Aber er bedroht nicht die Geldquellen des Aufbaus, und solange man bauen kann, bleibt eine Hoffnung. Und der arabische Nationalismus, wie stark er auch werden sollte, kann nicht jene Strebung der westlichen Nationen haben, die die Komunisten „Imperialismus" nennen, d. h. die Strebung, Einfluß und Herrschaft im Osten zu besitzen. Und solange solche Tendenzen vorhanden sind, haben wir Zionisten die Chance, irgendwo natürliche Verbündete zu finden. Aber der Kommunismus zerstört alles,' was wir -zum Aufbau eines jüdischen Staatswesens in Palästina braucheri, sowohl die politischen Garantien wie die materiellen Mittel wie auch die Hoffnung, Unterstützer unter den westlichen Staaten zu finden — weil doch diese ebenfalls sowjetisiert werden sollen. Da gibt es kein „Zuerst" und „Nachher" und inzwischen Gefolgschaft für beide. Wollen Sie „zuerst" dem Volk Israel seinen Staat an den Ufern des Jordani schaffen helfen, dann können Sie keinesfalls jenei „gemäßigte" Theorem benützen, mit dem einmal ein alter Zionist, Awinowlcky hat er geheißen, den Gedanken von einer hebräischen Universität niedergelegt hat: „Alle unsere Sympathien, aber keinen Groschen Geldl" Hier ist es krasser. Nicht nur „kein Groschen", d. h. keine Unterstützung kann hier vorhanden sein, nicht einmal eine neutrale Stellungnahme. Wie ein Mensch nicht im Wasser atmen kann (unabhängig davon, ob er „Sympathie" für Wasser hat oder dem Wasser Feind ist), genau so wenig kann der Zionismus im kommunistischen Wind leben. Wenn bei Ihnen wirklich Zionismus „zuerst" kommt, dann werden Ihnen alle Ihre prokommunistischen Ueberzeugungen nicht helfen: Für uns ist der Kommunismus wie Stickgas, und so werden Sie ihn auch behandeln müssen. „Drehen" Sie nicht, junger Freund: Es wird Ihnen nichts nützen. Entweder .— oder. Wie jeder Intelligenzler haben Sie eine ganze Fülle von Anschauungen und Ueberzeugungen. Entscheiden Sie sich und greifen Sie die eine heraus, der Sie dienen wollen, und alle anderen werden Sie so behandeln müssen wie die Sowjefregierüng den Pazifismus: Wenn es geht, dann gut; wenn es aber nicht geht, schafft man die Armee — weil alle anderen Ueberzeugungen sich unterordnen müssen jener einen, die Ideal heißt. Ein Mensch mag im großen und ganzen ohne Ideale leben, in seinem Fortkommen stört ihn das nicht« Mit zwei, Idealen kann man kein wirk« licher .Mensch sein, nur ein Batlen. Das Wesentliche. Ihres Problems liegt in dem Wort „Zuerst" — und das, was zuerst kommt, kommt, auch zuletzt und inmitten und ringsherum. Ueberlegen Sie sich's gut und wählen Sie. Wenn zuerst Kommunismus kommt — bleiben Sie mir gesund. Wenn zuerst der jüdische Staat in Palästina kommt, muß Ihre kommunistische Sympathie ein leeres Wort bleiben, ein Ding, das stört, ein Ding, das Sie werden mit Händen und Füßen bekämpfen müssen, genau so wie ich. Ich tu es mit Vergnügen, Sie, werden es mit Bedauern tun. Aber das wird der einzige Unterschied sein. Eine andere Wahl gibt es nicht. Der goji§die Jabotmsky Eine amerikanische Stimme Seit einem halben Jahr erscheint in New York die 'Wochenschrift „Opinion", als deren HeiWusgeber James Waterman Wise, der Sohn des Führers der amerikanischen Juden, Stephen S. Wise, zeichnet. In der 1.-Mai-Nummer ist ein Leitartikel, der Persönlichkeit und dem tapferen Auftreten des Colonel Wedgwood in Fragen dei» Palästina-Politik gewidmet. Ton und Inhalt des Aufsatzes, den wir untenstehend, im Auezug wiedergeben, bezeugen, die Stimmung, die im amerikanischen Judentum vorherrecht. Wir, erinnern an, das mutige Auftreten von Stephen S. Wise auf dem letzten Zio.nistenkongreß in Basel, wo dieser amerikanische Delegierte der Erbitterung der amerikanischen Massen gegen dö6 frivole Spiel der britischen Behörden Ausdruck gab und dafür von seiten einiger offizieller und linker zionistischer Parteiführer Beschimpfungen und Brüskierungen einheimsen mußte.;,Opinion" gibt sich als Schrift, die wertvolle Dienste leisten könnte. Welche nackensteife Natur ist dieser Colonel Wedgwood! Wann wird er endlich den Lohn empfangen, den Jahre der Verbindung mit den Führern des Zionismus ihm schulden! Er ist zwar kein Diplomat und hat anscheinend auch nichts von jener philosophischen Ruhe, die normalerweise in den zionistischen Büros vorherrscht. Welche sonderbare Welt bewohnen wir Juden oder schaffen wir für unsl Während jeder osteuropäische Jude, der in der Schweiz hospitierte, au deutscher Luft roch oder in Frankreich flanierte, fanatisch versucht, ein ernster, gesetzter Mann zu werden wie der hierin vielgerühmtc Engländer, bricht Colonel Wedgwood in seinen Reden eruptiv durch, ganz genau so wie der nichtlinke Delegierte auf den zionistischen Kongressen, bis er vom Vorsitzenden zur Ordnung gerufen wird. Ein unruhiger Mensch, dieser Colonel Wedgwood der-Träger eines be*; rühmten englischen Namens!: Er schiebt in einem die britische Reserviertheit und das zionistische ängstliche' Zaudern beiseite und spricht als simpler, unsophistischer, furchtloser Mensch zu seinen' Kollegen im Unterhaus. Natürlich, wird, er manchmal; von der Erleichterung des Nationalheim-Aufbaues durch einem Unterstaatssekretär für die Kolonien in einer; Debatte unsanft angepackt. Nichtsdestoweniger — er hat die Wahrheit ausgesprochen, die eingehen wird in; das Bewußtsein des englischen'Volkes. Kein Geflunker, von der Erleichterung des Nationalheim-Aufbaus durch Britannien.. Da Colonel Wedgwood noch auf keinem Zionistenkongrefi sprach und von den Engländern bei jeder Gelegenheit unterbrochen wurde, besitzt er die Freiheit, die traurige Wahrheit auszusprechen, daß „d i e b r i t ischen Offiziellen die* Juden gehemmt und. enttäuscht haben". Er hat'tatsächlich die „doppel- ] züngige Politik der. britischen Administration in PalU-' stina'° aufgedeckt. Ja, er tat noch mehr als das. Er erinnerte die Regierung daran, daß Britannien mit dein, jüdischen Volk einen Vertrag eingegangen sei und nich.t, mit" irgendwelchen Juden in Palästina. Colonel Wedg* w,ood hat einen Schuft* abgefeuerl. der in der ganzen Welt gehört wird. Und nun! Was wird das Schicksal des Colonel Wedgwood «ein? Wird die Exekutive der Agency sich von ihm lossagen? Und wird die englische und deutsche zionistische Vereinigung ihn w e.g radier e n wollen? Oder . wird er nur von den zionistischen Führern ignoriert werden, als einer jener, welche eine Wahrheit äußern, die für ihre mysteriösen Absichten irrelevant ist? Wenn ihn das schlimmste Geschick trifft, so wird er in die von ihnen (den zionistischen Führern) diffamierte revisionistische Front eingereiht werden. Er wird von ihnen verdammt werden als extravaganter und mafiloser „g o. j i s c h e r Jabotinsk y". Aber solch eine Verdammung wird kein Echo finden in den Herzen und Gemütern jener, die lange genug auf ein solches Hervortreten im englischen Unterhaus gewartet haben und die sich Cölonel Wedgwod als einen Mann bewahren werden, der die Regierungsbeamten und administrativen Saboteure entlarvt hat. Prager Brief Spaltung der Jüdischen Partei? — Ichud. — Der Leiter des K. H. wird Poale-Zionist. — „Es lebe das rote Palästina!" —r. Prag, im Mai 1932. Immer wieder wird der tschechoslowakische Zionistentag verschoben. Innerhalb des zionistischen Landesverbandes machen sich derartige Unterschiede geltend, daß man heute von einem zionistischen Landesverband in der Tschechoslowakei eigentlich nicht mehr sprechen kann. Vier Parteien stehen einander gegenüber: Die Revisionisten, Allgemeinen, der Misrachi und die durch den „Ichud" geeinigte Poale Zion und Hitachdut. Nun soll gemäß Kongreßbeschluß aus diesen Gruppen ein Territorialverband geschaffen werden. Die R e v i si o - nisten sind hiezu bereit. Die übrigen Gruppen nicht, der Misrachi lehnt den Eintritt in den Territorialverband ab. Die Poale-Zion stellt schwere Bedingungen. Die Allgemeinen wollen ihre heute durch nichts mehr begründete Macht innerhalb des tschechoslowakischen Zionismus nicht preisgeben. Die Hauptfrage betrifft nicht so sehr das innerzionistische Moment, sondern vielmehr die Machtposition auf dem Gebiete der landespolitischen Tätigkeit. Hier haben sich in der letzten Zeit zwei Strömungen herausgebildet. Auf der einen Seite steht der Abgeordnete Herr Dr. Goldstein, der Nachfolger des verstorbenen. Vorsitzenden der jüdischen Partei in der' Tschechoslowakei, Dr. Singer. Auf der anderen Seite Herr Norbert Adler, Präsident der zionistischen Landesleitung und Stadtrat in Prag. Der Kampf zwischen diesen beiden Gruppen ist so scharf, daß die mühselig erreichte Einheit der jüdisch-politischen Partei in Trümmer zu gehen droht. Vorläufig hat, als Protest gegen die ungemein scharfen, nicht immer fairen Angriffe Dr. Goldsteins, Herr Adler seine Aemter in der zionistischen Organisation niedergelegt. Herr Dr. Goldstein gehörte auf dem letzten Zionistcnkongresse der Gruppe A der allgemeinen Zio* i