Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 244 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 244 DIE NEUE WELT Seite 3^ Herzl*Gedenkfeier der Ziomsten*Revisiomsten Die Treue zu HerzI — Der Aufmarsch der lugend ■— Das Festprogramm W i e n, 17. Mai. Theodor Herzls alljährlich zu gedenken, ist zu einer traditionellen Einrichtung geworden, Es gilt, den Strom kontinuierlicher zionistischer Arbeit durch die Besinnung auf einen Mann zu unterbrechen, dem das jüdische Volk überall in der Welt das Geschenk seines wiedererwachten nationalen Willens und die seelische Kraft verdankt, sich selbst seine Zukunft im Land der .Väter zu bauen. Aber mag dem auch so sein, mag das Gesetz dieser Besinnung sich sozusagen automatisch geltend machen — gerade in den letzten Jahren i s t der Name HerzI zu einem Symbol geworden aus dem beides fließt: Kampfstellung und positive Lei stung, Methode und Ziel des Judenstaatsgedankens. Wir haben uns immer wieder in der Position ge sehen, die sich regenden retardierenden Momente be kämpfen, die neu erwachte Assimilation hüben und drüben aufdecken, der Rebellion dunkler Ghetto instinkte gegen Herzls Erneuerungsgedanken Herr werden zu müssen. Das Erbe Herzls schien in Gefahr. Eine neue Jugend zieht in den K.impf. Wir sahen diese Jugend heuer wieder auf dem Weg zum Grab des toten Führers. Neben den zionisti sehen Massen aller Schattierungen wirkte der Auf marsch des österreichischen Brith Trumpeldor im Schmuck der Fahnen und Embleme, in seiner Junge Juden-Disziplin als die elementare Kraft der Zionismus. Der Anblick dieser Jugend konnte uns wohl das frohe Bewußtsein geben, daß hier eine Generation heranwächst, der man die Ideale des Juden s-taatszionismus mit der sicheren Gewähr ihres unbedingten und durch nichts beirrbaren Erfüllungswillens anvertrauen kann. Der Gang zum Grab Herzls, das stumme Vorbeidefilieren an seiner Ruhestätte, galt der weihevollen Versenktheit in das Ge dächtnis an den toten Führer. Die Feier im Festsaal des Hotel Continental stand im Zeichen der Idee des Führers. Die vielhundertköpfige Menge, die dem Ruf der Union der Zionisten-Revisionisten Oesterreichs gefolgt .war, konnte einen Abend unvergeßlicher Eindrücke verbringen. Dr. David Rothblums Gedenkrede vermied mit Wohlbedacht die bis zum Ueberfluß zur Schablone gewordene, zu nichts verpflichtende Allgemein-Charak terisierung der Pevson Herzls, aus deren legendarischer Fülle sich manches schön und geistreich Klingende herausholen läßt. Der Gedenkredner konzentrierte sich auf das Substanzielle in Werk und Idee des politischen Genies HerzI. Nachdem er zuerst den Juden staatsgedanken als solchen umriß, ihn als die einzige mögliche, historisch bedingte Lösung der Juden not herausstellte, gab er ihm, dem Judenstaatsgedanken, den Herzischen materiellen Unterbau, wie er sich in den politisch-praktischen Gründungen: Zionistische Weltorganisation, Kolonialbank und Nationalfonds, manifestierte. Herzls diplomatische und staatsmännische Arbeit zeigte sich in der Darstellung des Dr. Rothblum als die glückliche Synthese prophetischen und real sehenden Geistes. Herzls Persönlichkeit als visionäre Erscheinung, wie sie beipielsweise dem alten französischen Patrioten Clemenceau erschien, bekam so am Schluß der Gedenkrede greifbare Konturen. Der künstlerische Teil des Festabends wurde von einer erlesenen Künstlerschar bestritten. Prof. Juliusz Wolfsohn, der vielgerühmte Pianist und Komponist, Nachschöpfer jüdischen musikalischen Volksguts, brachte neue Paraphrasen über altjüdische Volksweisen mit unerreichter Meisterschaft zu Gehör. Wieder hat Professor Wolfsohn sich als Musiker von wohlverdientem Weltruf erwiesen. Stürmisch bejubelt, mußte er einige Zugaben leisten, darunter seine Bearbeitungen populärer jüdischer Motive, die das Publikum in lautes Entzücken versetzten.. Eine besondere Ueberrasohung bildete das Erscheinen des berühmten jüdischen Schauspielers Josef Schildkraut, des Sohnes des großen Juden Rudolf Schildkraut, auf dem Podium. David Nebenzahl, der verdienstvolle Arrangeur des unvergleichlichen Abends, konnte den Festgästen die Mitteilung machen, daß Josef Schildkraut trotz ernsten Unwohlseins es sich nicht versagen konnte, in der Stadt Herzls vor das zionistische Publikum zu treten. Schildkraut las Herzls unsterblichen „M a u e c h e 1". Das so oft gehörte, so oft gelesene Meisterwerk fand in Schildkraut einen Interpreten, der mit faszinierender Kraft und fast wundersamer Einfühlung in das verächtliche Milieu des Assimilantentums alle verborgenen Feinheiten herausholte und den Eindruck hervorzauberte, als hätte man Herzls „Mauschel" zum allererstenmal gehört. J. L. Perez' Erzählung „Der kranke Knabe", das zarte Bild ostjüdischer Seelenstiajmng, erstand in Josef Schildkrauts Wiedergabe als typisches dichterisches Perez-Erlebnis. Dpr nicht endenwollende Beifall galt der einzigartigen Kunst des Schauspielers und Rezitators Schildkraut, aber auch dem jüdischen Sohn des unvergeßlichen jüdischen Vaters. Der palästinische Bariton H. S. Urstein, durch feinen Wiener Musikve-reinsabend bekannt« sang mit , durchgebildeter Stimme und geschmackvollem Vortrag einige neuhebräische Lieder, darunter Joel Engels „IIa' Kotel" und Juliusz Wolfsohns Vertonung von Richard Beer-Hofmanns „Mirjams Schlaflied" und fand, begleitet von Siegmund Wolfsohn, begeisterte Aufnahme. Der Wiener Jüdische Gesangsverein, den der Komponist Israel Brandmann mit gewohnter Meisterschaft dirigierte, und Kapellmeister Rudolf Beck akkompagnierte, leitete die Gedenkfeier mit Lewandowskys „Hallelujah" ein und schloß sie mit „Hatikwah", ab, die von den Festgästen stehend mitgesungen wurde. Der von David Nebenzahl glänzend vorbereitete und geleitete Abend fand damit seinen weihevollen Abschluß. Die Union der Zionisten-Rensionisten Oesterreichs bezeugte wieder ihre Werbekraft und den Ernst, dem sie alles, was mit dem Namen des unvergleichlichen Führers zusammenhängt, unterwirft. Die Herzl-Gedenkfeier und der Grabgang waren auch in diesem Jahre Manifestationen des Bekenntnisses zu HerzI. L*DWWW BUCH- FRITC GRONBAUKMKOHNEQ % ÄPOlLO^i Hut ab vor Preis und Qualität der SM.-, 24.-, 32.- CESCHKAHOTE VII, KaiierttraBe 123 IX, AlserstraBe 6 auffälliger Aufmachung auf der ersten Seite, daß in. dem Attentäter Gargulow ein neuer Klient für den, jüdischen Advokaten Henry Torres, den Verteidiger des Attentäters auf den ukrainischen Hetman Pctljura, Schalom Schwarzbart, erwachsen sei, Pawel Gorgulow hat vor kurzem eine Broschüre^ herausgegeben, in der er das Programm des „nationalen christlichen Rußland" entwickelt. Es heißt da: „Wir werden denjenigen Juden kein Haar krümmen, die an der nationalen russischen Renaissance) mitbauen wollen, ja, wir werden sie sogar darin unter* stützen, einen jüdischen Staat in Palästina zu errichten. Aber kein Judo wird in dem kommenden, Rußland ein Amt bekleiden, ja nicht einmal Dienst iil der Postadministration tun dürfen. Sollte durch Irrtum oder durch Betrug ein Jude oder Kommunist zum Presidenten Rußlands gewählt werden, dann wird die Armee nationaler russischer Bauern, deren Führer ich] bin, ihn absetzen." __MOMOIOl ' HOPPUMANN «, CO. Zum Attentat auf Präsidenten Doumer Paris, 15. Mai. (J; t'."k.) Obwohl es sich herausgestellt hat, daß der Mörder des Präsidenten der französischen Republik Doumer, der Russe Pawel Gargulow, Antisemit ist und antisemitischen Verkehr gepflogen hat, nützt die monarchistisch-antisemitische Tageszeitung „Action Frangaise" die Tatsache des Mordattentats zur Erregung antisemitischer Stimmungen in Frankreich aus. Die Zeitung schreibt in Der neue Präsident der französischen Republik ein Freund des Palästina-Werkes Herr Albert L e b r u n, der neugewählte Präsident der französischen Republik, hat in den letzten Jahren; wiederholt seiner Sympathie für das Palästinawerk und den Gedanken des jüdischen Nationalheims Ausdruck gegeben. Er ist tätiges Mitglied des Comitö France-Palestine. Er präsidierte dem im vergani genen Jahre anläßlich der Schließung des Palästinapavillons auf der Internationalen Kolonialausstel« lung veranstalteten Bankett. In der Ansprache, mit der, er das Bankett einleitete, fand er Worte höchster Anerkennung für die jüdische Arbeit in Palästina, Weitere Juden in das französische Parlament ge* wählt Nachdem beim ersten Wahlgang in Frankreich am 1. Mai drei Juden in die französische Kammer gewählt worden sind, gingen bei dem zweiten Wahlgang u. a. die folgenden jüdischen Kandidaten als gewählt hervor: Andre Hesse, der bekannte Bankier Louis Dreyfus, Georges Weill, der frühere Sekretär Clemenceaus Georges Mandel, Joseph Vidal, Jacques Stern, Louis Groß. ZioiH§mu§ und Kommunismus Von Vladimir Jabotinsky Das ist die Antwort auf einen privaten Brief. Sein Inhalt ist ungefähr folgender: „Ich will eine aufrichtige Frage an Sie richten und bitte Sie, mir einen Rat zu geben, sei es auch, daß ich mich nicht verpflichte, den Rat zu befolgen. Schon seit fünf Jahren arbeite ich in einem der zionistischen Jugendvereine, die zwischen links und rechts stehen, nicht revisionistisch und nicht sozialistisch sind. Aber im Verlauf des letzten Jahres hat sich meine soziale Weltanschauung radikal geändert. Ich glaube nicht mehr an die bürgerliche Ordnung; und es ekelt mich vor der Sozialdemokratie — sie sieht irgendwie aus, wie es bei uns im allgemeinen Zionismus aussieht: sie verläßt sich auf „Evolution". Man betreibt Klein-Sozialismus und betreibt, ohne zu wollen, Verrat. Um vieles mehr imponiert und gefällt mir der Kommunismus. Aber zuerst wollte ich mein Volk in Palästina verwurzelt sehen oder wenigstens die erste Stufe der Verwurzelung. Und dann würde ich mich dem Kampf für die neue Ordnung widmen wollen. Eben diese Anschauungen habe ich vor meinen Freunden im Verein zum Ausdruck gebracht, und das führte zu Reibereien, derentwillen es unnütz ist, Ihnen zu erzählen. Was können Sie mir empfehlen? Habe ich das Recht, mit solchen Ueberzeugungen im zionistischen Verein zu verbleiben? Oder soll ich austreten? Kurz, was soll ein junger Mann in meiner Lage tun?" * Es handelt sich hier nicht um theoretische „Ueberzeugungen". Ein gebildeter Mensch hat gewöhnlich allerlei „Ueberzeugungen" in bezug auf allerlei wichtige Dinge. Er kann ein Pazifist sein; er kann Anhänger einer internationalen Sprache sein; er kann ein Verehrer des arabischen Volkes sein und den Arabern eine Föderation von Marokko bis Mesopotamien wünschen; er kann ein Bewunderer Englands sein und wünschen, daß Indien britisch bleibe, oder umgekehrt «in Anglophob und wünschen, daß sich Indien vom englischen Einfluß befreie. Er kann ein Gegner der bestehenden sozialen Ordnung sein und den Sozialismus für gut und richtig halten. Er kann dafürhalten, daß für die Verwirklichung des Sozialismus die kommunistische Methode besser geeignet sei als die sozialdemokratische. Man kann leicht sehr ernste, tiefdenkende Menschen finden, welche eben diese Ueberzeugungen hegen, nicht nur eine derselben, sondern mehrere gleichzeitig und vielleicht sogar noch andere dazu, philosophische oder soziale oder religiöse. Aber das sind „Ueberzeugungen", nicht „Ideale". Ein Ideal heißt jene von den Ueberzeugungen, welcher man dient; und die Probe besteht darin, daß man in jedem Fall, in welchem ein Konflikt zwischen dem Ideal und einer der Ueberzeugungen besteht, dem Ideal folgt und die Ueberzeugung opfert. Jede Bewegung kennt solche innere Gewissensprobleme. Besonders kommt dies sehr oft in jenen Bewegungen vor, die einen „revolutionären" Charakter tragen. Deren Anhänger sind meistenteils prinzipielle Gegner von Blutvergießen, aber sie legen sich nicht einfach auf ein Prinzip fest, wenn das Ideal es so fordert. Garibaldi war zweifellos einer der ersten Träumer von einem Völkerbund, der alle Kriege abschaffen sollte, aber sein ganzes Leben lang hat er Krieg geführt. Ich bin vollends bereit zu glauben, daß die russischen Kommunisten prinzipielle Gegner des Militarismus sind, aber sie besitzen eine der größten Armeen. Man kann unendlich viele Beispiele anführen, für jedes Gebiet menschlicher Betätigung. Es ist ein eiserner Schluß und ein granitnes Gesetz, daß keine Spezies Mensch in Wirklichkeit eine Sache „anzustreben" vermag, wenn er nicht bereit ist, seine anderen „U e b e rzeugungen" zu opfern, sobald dies notwendig ist. Darin besteht der gewaltige und heilige Reinigungsprozeß, die „Eifersucht" jedes Ideals. Ein Ideal ist so beschaffen, daß es neben sich keine Konkuc*