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Die neue Welt · 1932-05-13 · Heft 243 (13.5.1932) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 243 (13.5.1932)
Date
1932-05-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 243 DIE NEUE WELT Seite 5 'Andeutungen in den Tagebüchern hervorgeht. Sehr lustig fand ich es, als ich drei Jahre später in der „Neuen Freien Presse" in einem Nachruf für den damals verstorbenen Vambery zu lesen bekam, daß er von einer „entzückenden Bescheidenheit" gewesen sei... Das inoffizielle Gespräch begann mit einer Sturzflut von Schimpfworten, die sich — ich wollte meinen Ohren nicht recht trauen — über die Magyaren ergofi. Das Beste, was er von ihnen zu sagen wuflte, war, daß sie Barbaren wären. Das „Warum" hörte ich bald aus seinen Worten heraus, denn er fügte gleichsam erklärend hinzu: „Aber im Auslande werde ich geschätzt." Und dann kam er ohne Uebergang auf unser eigentliches Thema zu sprechen. „I c h habe ja den Zionismus geschaffen", erklärte er mir allen Ernstes, bemerkte aber gleichsam mildernd, als er mein verdutztes Gesicht sah: „das heißt: was den Orient betrifft". „Schade um den armen. Herzl — fuhr er fort — er war ein so guter, edler -Mensch. Recht haben die Juden, daß sie sein Andenken hochhalten." Dann erging er sich in langen Betrachtungen Uber sein Verhältnis zum Judentum, das ihm nur als Nationalität etwas bedeutete, da er jede Religion verwarf. „Ich bin kein Magyare, ich könnte auch aus ihrer Kirche austreten, aber zum Judentum will ich nicht zurückkehren, das wäre charakterlos, da ich an die jüdische Religion nicht glaube." Nach dieser Abschweifung sprach er wieder über Theodor Herzl. „Ich habe drei Monate in Konstantinopel für die Sache gearbeitet und war öfter mit Herzl dort. Ich mußte gegen allerhand Ränke und Niedertracht ankämpfen, bis es endlich gelang, zu erwirken, daß der Sultan ihn empfing. Herzls Persönlichkeit, der Zauber, der von ihm ausging, übten auch auf den Sultan eine tiefe Wirkung aus. Das Geld war bereits beisammen. Vierzehn Millionen Gulden haben mir Holländer zur Verfügung gestellt, um den Charter zu erlangen.. Ich hätte mit dem Gelde gar nicht abrechnen müssen. Was ich an Backschisch verteilte, ließ ich mir vergüten, sonst nahm ich kein Geld an. Man bot mir 25.000 Gulden, die ich aber ausschlug. Als ich das Ziel beinahe schon erreicht hatte, vereitelte eine Gruppe von Mächten, Rußland voran, das Gelingen des Planes. Und sc ist aus der Sache nichts geworden." Da seufzte der alte Mann tief und sprach wieder über , Herzl. dessen Tod er aufrichtig beklagte. ■i Wer war eigentlich Hermann Vambery? Was verbarg sich hinter der Maske, des Budapester Universitätsprofessors, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Erforschung und der Politik des Orients eine bedeutsame Rolle spielte? Der großen Menge war er bestenfalls als reisekühner Rassen- und Sprachforscher bekannt, um so geläufiger klang aber sein Name in den diplomatischen Kanzleien Europas, denn er stand als Vorposten des Londoner Foreign Office Wache in dem unausgesetzten Ringen zwischen Rußland und dem britischen Reich um den Besitz des Ostens und in der Politik rings um den „kranken Mann", Wie damals das Osmanische Reich genannt wurde. Der Politiker überflügelte auch sehr bald den Wissenschaftler in ihm, so daß Theodor Herzl mit Recht einmal die Frage aufwarf, ob die Budapester Professur nicht bloß ein Aushängeschild des Politikers sei? Dieser kleine, lahme Mann, der, aus einer ärmlichen ungarischen Judengasse hervorgegangen, mit acht Gulden in der Tasche das Elternhaus verließ, sich durch das Gymnasium durchhungerte, nachher, Mezzo-; fanti gleich, eine Sprache um die andere verschlang, dann als Lehrer nach Konstantinopel ging, wo er zum. Islam übertrat, von dort als Bettlerderwisch durch die damals noch unbekannten Wüsten Asiens zog, der nach seiner Rückkehr nach Europa, wo er zwischendurch das Christentum annahm, reich an Ehren und Vermögen, als Hochschullehrer, Forscher und Politiker, , geliebt in England, geschätzt in der Türkei und verhaßt in Rußland, die Freundschaft des Königs von England und des Kalifen aller Gläubigen erwarb, dieser kleine Mann war im Grunde genommen ein Rätsel, für das es nur eine Lösung gab: sein Judentum.. Denn er war trotz aller Verwandlungskünste duroh und durch Jude, ein moderner Muräne, der , nie und nimmer vom angestammten Volke loskommen konnte. Ob, er auch wollte? Diesem Hange am Judentum und der damit unlösbar verknüpften Sehnsucht nach dem Osten ist es wohl'zuzuschreiben, daß er sich selbstlos und bereitwillig in den Dienst der jungen Sache der . jüdischen Volksbewegung stellte, deren mo-■■ [torische Kraft das Heimwehr zweier Jahrtaueende war. Im Sommer 1900 lernte ihn Theodor Herzl als ' achtundsechzig jährigen Manu kennen und setzte sofort die größten Hoffnungen auf ihn. Es mochte Vambery, der mit schwärmerischer Liebe an seinem jungen ,< Freund und Landsmann hing, ungeheuer stolz gemacht' haben, als ihm Herzl schrieb: „Krönen Sie Ihre Pyra-! mide mit dem Kapitel: Wie ich die Heimkehr der Juden,./ meines Volkes, vorbereiten half." Vämböry schlug ' kurzerhand ein: „Ich will kein Geld haben; ich bin ein reicher Mann. Eine Viertelmillion hab' ich, ich brauche nicht die Hälfte meiner Zinsen. Wenn ich Ihnen helfe, ist's wegen der Sache." Wenn aber Vambery Sache sagte, so meinte er nicht die politischen Pläne Herzls, denn er glaubte nicht an sie. Er sagte Sache und meinte das. jüdische Volk, Er hielt die zionistische Idee für aussichtslos, Merkwürdig genug, daß der bewährte Orientpolitiker Vambery, der mit eigenen Augen zusah, wie ein Stein nach dem andern von dem großen Bau des Osmanischen Reiches abbröckelte, die zionistische Lösung mit der Begründung für unmöglich hielt, daß die Türkei Palästina den Juden niemals überlassen würde. Eine andere Möglichkeit kam ihm gar nicht in den Sinn. Und doch legte er seinen ganzen Einfluß in die Waagschale, um Herzl beim Sultan einzuführen. Als sich Abdul Hamid endlich bereit erklärte, „einen der angesehensten und einflußreichsten Journalisten" zu empfangen — denn nur als solcher durfte Herzl zunächst gelten —, gab Vumbery seinem Freunde folgende Worte mit auf den Weg: „Ich will, daß der Zionismus fortexistiert — darum habe ich Ihnen die Audienz verschafft -— denn sonst hätten Sic nicht vor Ihren Kongreß hintreten können. Sie müssen Zeit gewinnen und den Zionismus fortfristen." Vambery war vom Judentum abgefallen, wollte aber nach Märanehart bei den Juden immer als einer der Ihren gelten. Es mochte ihn zu Tränen gerührt haben, wenn;Theodor Herzl Ihn als Juden ansprach und ihm schrieb; „Sie sind einer, ich bin auch einer. Darum haben wir uns so schnell und voll verstanden — vielleicht noch mehr im Menschlichen als im Jüdischen, obwohl dieses bei uns beiden stark genug ist." Dann schrieb ihm Theodor Herzl: „Mein guter Vumbery baesi. ., wenn ich Ihnen etwas sage, können Sie in Kittel und Talles darauf schwören." Wie mochte dem alten Vambery zu Mute gewesen sein, als der junge Führer der Juden in diesem Tone zu ihm sprach? Stolz und Bangigkeit dürften sein Herz erfüllt haben, das immer wieder Sehnsucht nach seinem Volke Ifaütäfiietfety (flfjxtffympfionk) ßh Rdbek£ff(pleQvon Äee^w^ßftgoii^y. und vk£m v^ißudßtm jungen v&tuim.* mTENMI WHO' UFfrTON-KINO» Kimmmmstm-SMmmm mmmm wimm^mmmo^ wwsmmmo* empfand. Er trug eine jüdische Seele im Herzen, wenn auch freilich die eisernen Krallen der Diaspora sie zerfleischt hatten. Diese Seele war zwitterhaft, voller Widersprüche, eine Maranenscele. Drei Jahre nach meinem Interview ist Vambery gestorben, weitere vier Jahre später rückten die britischen Truppen in Jerusalem ein, die türkische Armee vor. sich herjagend. Dae oste* reädfoisdie Sozial? deraiokratie zur Judenfvage ll Wien, 11. Mai. Sehr viele Juden Wiens werden mit nicht geringer' Verwunderung am letzten Sonntag im Wiener sozialdemokratischen Hauptorgan „ A r b e i t e r - Z e i t u n g" den Leitaufsatz betrachtet haben. Er trügt den Titel „J u d a verrecke!" und behandelt den „Sozialismus des.dummen Kerls", wie der seinerzeitige österreichische Politiker Kronawetter den Antisemitismus nannte. Sehr viele Juden Wiens waren bisher gewohnt., das Wort „Jude" und das Wort „Antisemitismus" in der „Arbeiter- Zeitung" irgendwo in, den Tagesglossen oder in der Gerichtssaalrubrik zu finden, dort wo sie, die Arbeiterzeitung, „jüdisch-kapitalistische Verbrecher" anprangert , und. den bodenständigen Antisemiteji ins Gewissen redet, ihr antisemitisches. Programm doch auch in die Tat umzusetzen. Unsere Juden hatten.auch Gelegenheit, in der „Arbeiter-Zeitung" vom „jüdischen Raubzug in Palä» stina" gegen die armen, geknechteten Araber zu lesen, .besonders in jenen Augusttagen des Jahres 1929, als arabische Mörder und Plünderer die Siedlungen friedlicher jüdischer Arbeiter überfielen. Aber die Töne ändern sich mit den Zeiten, mit den Wahlzeiten. Da durften jüdische Mitläufer, die Werktätigen und die sogenannten Sozialisten-Zionisten, in einer verschämten Ecke der „Arbeiter-Zeitung" einen ' Aufruf an die lieben jüdischen Wähler unterbringen.; ' Und die Zeiten änderril'iich mit den Tönen.1 Nun ihat sich die in jüdischen Dingen schwerhörige, ja fast itaube österreichische Sozialdemokratie denn doch ent- schließen müssen, die Rubrik „Judenfrage" auf die erste 'Seite zu verlegen. ..Was unsere Sozialdemokratie jahrelang nicht wahr hfiben, wem sie in feiger Flucht ihre Erkenntnis verschloß — was sie bewußt vertuschen, verdunkeln wollte, das ist ihr über Nacht über den Kopf gewachsen,, geht ihr an den Kragen: der Antisemitismus und das Judenproblem. Die Hakenkreuz-Barbarei steht vor den Toren. Und nun nimmt die „Arbeiter-Zeitung" zur jüdischen Frage Stellung. Was ist also die jüdische Frage, die hier unter dem Titel „Juda verrecke!" abgehandelt wird? Die österreichische Sozialdemokratie kennt nach ihren . Ausführungen in der „Arbeiter-Zeitung" kein Wie die Mai Chine den Dampf so braucht der Körper ständige rationelle Pflege. Aber ständig, denn sonst kann die erwünschte Wirkung nicht erzielt werden. FRANZBRANNTWEIN ■III M«fltt!iol ist das geeignetste Mittel zur rationellen Körperpflege, und deshalb soll jeder DIANA-Franzbranntwein ständig benutzen. UBERALL ERHÄLTLICH I Judenproblem, das an und für sich besteht, sondern nur eines, das sich im Antisemitismus manifestiert. Sonst keines. Sie belegt diese These damit, daß der österreichische Kleinbürger unter Lueger mit der antisemitischen Parole arbeiten konnte, weil die damalige wirtschaftliche Krise seines Standes in ihm den Schein einer jüdischen Schuld erweckte. Die Vertreter dieses Kleinbürgertums, die Christlichsozialen — so höhnt die „Arbeiter-Zeitung" — haben nun nach dem Krieg den Antisemitismus verraten, sich ihn aus den Händen entwinden lassen und so ist er, der Antisemitismus — so stellt die „Arbeiter-Zeitung" fest — Monopol der Hakenkreuzler geworden, wiederum in einem Zeitpunkt tiefster wirtschaftlicher Krise des Bürgertums. Dde „Arbeiter-Zeitung" verteidigt die Juden: „Daß es jüdische und christliche Ausbeuter gibt, daß die Krise des Kapitalismus die arischen Ausbeuter im Riesenfonuat, die Kreuger und Deterding, ebenso zum Zusammenbruch treibt, sie ebenso als Bankrotteure und Schwindler entlarvt wie die jüdischen Rothschild und Sieghart — das ist so sichtbar, daß es selbst die Nazi nicht leugnen können." Die „Arbeiter-Zeitung" gibt auch eine historische Erklärung: „Daß in allen kapitalistischen Ländern die Juden einen verhältnismäßig größeren Anteil an den kapitalistischen Berufen haben als ihrem Anteil an: der Gesarntbevölkerung entspricht, ist eine geschichtliche Tatsache. Nicht eigener Wille, sondern fremde Feindseligkeit hat die Juden von der Scholle ferngehalten, nicht „rassische" Veranlagung, sondern geschichtliche Entwicklung, die die Juden ins Ghetto sperrte und sie auf den Handel verwies." Es gibt also jüdische und christliche Kapitalisten, die auf gleicher Ebene vom Sozialismus zu bekämpfen sind. Wie der Antisemitismus der Lueger-Aera mit dem jüdischen Großkapital packelte, so wird sich mit ihm in wenigen Jahren auch das Hakenkreuz an einen Tisch setzen. Daher aufgepaßt, jüdischer kleiner Mann! Du bist willkommen, wenn du an der Seite des christlichen Arbeiters gegen den Kapitalismus marschierst! Wir werden es schon machen. Wir haben den Antisemitismus Luegers überdauert, wir werden auch „dieses Zwischenspiel" überdauern! Das ist die Analyse des Antisemitismus und das Rezept zu seiner Ueberwindung, wie es die österreichische Sozialdemokratie bietet. Die Lenker des österreichischen Proletariats haben scheinbar ein gutes halbes Jahrhundert Geschichte verschlafen oder vor ihr die Augen geschlossen. Sie wissen nicht, daß in diesen Jahrzehnten überall in der Welt, wo es eine merkliche Anzahl von Juden gaib oder gibt, das Judenproblem sich fast zur brennendsten politischen Aufgabe verdichtete. Sie wissen nicht, daß die jüdischen Wanderungen der letzten Jahrzehnte und gleichzeitig der gewaltige Umschichtungsprozeß der jüdischen Massen in ihrer inneren und äußeren Struktur ein soziologisches Phänomen sondergleichen darstellen, eine Erscheinung, deren politische Auswirkung überall zu spüren ist. Sie, die Lenker des österreichischen Proletariats, haben das Entstehen einer jüdischen Arbeiterklasse ebensowenig gemerkt wie die gewaltige sichtbare Kräfteanspannung des jüdischen Volkes um seine nationale Befreiung. Sie wissen scheinbar nicht, daß der Wille zur staatlichen Konzentration, den der Zionismus verkörpert, vor allem dt« Niederschlag der spezifisch jüdischen Not, der J u d. e n n o t, ist, die ganz andere Ursachen hat als den Antisemitismus des dummen Kerls, mag er christlichsozialer Kleinbürger oder Hakenkreuzler heißen. Es haben eben die vielbelesenen Herren Sozialdemokraten, die sonst jede» zulukafferischen oder lappländischen Schmöker bildüngt»

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