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Die neue Welt · 1932-05-13 · Heft 243 (13.5.1932) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 243 (13.5.1932)
Date
1932-05-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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DIE NEUE WELT Nr. -,r> •*"' '«o Dir gegenüber, am Glauben an die Güte meiner 1 Erzeugnisse nie festzuhalten. Das eine Mal tat ich es, v^nn Du Dich noch zu erinnern weißt. Ein VVintcrnnchmittng war es, wie heute keiner ist: am Fenster Deiner Stühe saßest Du und zerpflücktest mit kritischem Hohnlachen mein armes „alltägliches*6 Erzeugnis, an das ich manche Stunde des Nachdenkens und der Arbeit gesetzt hatte, das ich für schlicht,' wahr, wenn auch ein wenig zu sentimentaliseh geraten hielt. Du warst anderer Ansicht: Du nanntest es affektiert, falsch und verlogen, süßlich. Hattest noch eine Menge Erbärmlichkeiten dnrnn auszusetzen. Auf Deinem Lottersofn lag ich, wütend und zerknirscht. Wenn ich sie nicht gleich in Stücke zerriß, meine Arbeit, so war es nur, weil ich sie unter Schmerzen geboren hatte. Die communis opinio Viennensis (die Wiener allgemeine Meinung) hat sich für meine Auffassung, wenn auch in Wenig lukrativer "Weise entschieden -- eben darum werde ich mich doch wieder vorkommcndenfalls unter Deine schmerzlichen Rutenstreiche begeben. So ein zerfließender Kerl wie ich braucht eine strenge Zucht — Der nachstehende Brief stammt aus der Feder des Fürsten Philipp zu Eulenburg, des deutschen Botschafters in Wien, und ist an Frau Julie Herzl mehrere Wochen nach dem Tode Theodor Herzls gerichtet. Der warme Ton des Kondolenzschrieibens ist in dem nahen persönlichen Verhältnis des deutschen' Diplomaten zum Zionistenführer begründet. Aus den Tagebüchern Herzls ist bekannt, daß der Großherzog von Baden die Bekanntschaft zwischen Herzl und Eulenburg vermittelte und de* weiteren dazu beitrug, daß Kaiser Wilhelm IL sich mit der zionistischen Sache beschäftigte und sich vom Fürsten Eulenburg hierüber ausführliche Referate erstatten ließ. Mit Fürst Eulenburg blieb Herzl vom Jahre 1896 bis zu seinem Tode in schriftlichem und persönlichem Verkehr. Den Eindruck, den Herzls Persönlichkeit auf den bedeutenden deutschen Staatsmann machte, spiegelt das Kondolenzschreiben wieder. Liebenberg, den 26. Oktober 1904. , Mark,,. über Berlin Hochgeehrte Frau! Durch ein ganz eigenes Verhängnis ist mir die: Nachricht von dem Heimgange Ihres hervorragenden, vortrefflichen und liebenswürdigen Gatten so spät zugegangen, daß ich bei den warmen Beziehungen, die ich stets mit ihm unterhalten habe, auf das peinlichste dadurch berührt worden bin. Es dürfte Ihnen bekannt sein, wie schwer leidend ich war. Man hat mir zahllose wichtige und unwichtige Dinge verheimlicht und zahllose Briefe und sonstige Mitteilungen erst vorgelegt, als ich wieder ungefähr in der Verfassung war, mich mit dergleichen Dingen zu befassen. Das ist die Erklärung für mein Ihnen gewiß befremdlich erscheinendes Benehmen. Denn wie wäre es wohl anders möglich, als daß ich bei Empfang der Trauernachricht Ihnen nicht sofort mein tiefstes Beileid ausgesprochen habe. Ursprünglich schufen wir selbst in jeder Stadt ein Ghetto. Erst viele Jahrhunderte später und aus ganz anderen Gründen hat die christliche Macht die Tore des Ghettos mit Schloß und Ketten versperrt. Jedes Volk, zumal in unseren Tagen, schafft sich ein Ghetto dort, wo es eine Ilusion vom „Zuhause" haben, nicht bei jedem Schritt auf Fremde stoßen will: nicht nur der Jude in New York, sondern auch der Engländer in Schanghai. So hat sich der Jude in der Galuth erhalten, indem er jedes Gebiet seines Lebens als Mittel zur Isolierung ausnützte: wirtschaftlich isoliert durch den Umstand, daß er sich eine ökonomische Sphäre auszuwählen pflegt, wo es noch nicht so viel Nichtjuden gibt; doppelt isoliert dadurch, daß er sich von jeder Revision in Bezug auf die traditionelle Lehre abgewendet hat und in der Tradition insbesondere die isolierenden Momente unterstreicht; dreifach isoliert dank dem Ghetto. Das hat ihm die ganze Breite und den Schwung des gesellschaftlichen und individuellen Lebens gekostet; aber er hat ruhig und willig den Preis hiefür bezahlt, nur damit die Rasse leben kann, sei es auch in engbegrenzter Art des Lebens, wenn nur im eigenen Raum; atmen, sei es auch mit einer Lunge, wenn nur in eigener gesellschaftlicher Luft. * Oft fragt man sich: Wieso ist jetzt der Zionismus so stark, nachdem doch die alte jüdische „Geschlossenheit" so geschwächt worden ist? Weshalb konnte er nicht aufblühen in den vergangenen Jahrhunderten, da jeder Jude noch in Wirklichkeit durch und durch ein Zionlst war? Die Gründe sind verschieden, aber der ist der wichtigste: Weil eine Zeit gekommen ist, da die alten „Surrogate", die künstlichen „Isolatoren" zerfallen sind; und darum hat sich der natürliche» unsichtbare Impuls Mit dem Rigofosenstoff bin ich zum ersten Mal kursorisch fertig, und ohne Selbstüberhebung sei es gestanden: ich weiß von dem allen, was ich drei Monate gekümmelt habe, kein Wort, keine Silbe mehr. Rein zum einen Ohr hinein, zum andern hinaus. Wie das werden soll? — Ich repetiere jetzt. Aber, ohne die übliche Feigheit der Kandidaten — febris candidatorum — sage ich Dir, daß ich am Gelingen der Prüfung entschieden zweifle. Ich bin von meinem neulichen Vorsatz, Dich nicht erst jedesmal zum Herauskommen einzuladen, abgekommen. Für diesmal! Es ist geradezu lächerlich, wenn ich Dich erst dringend auffordern soll. Daß Du meinen Eltern recht bist, weißt Du. Sei also nicht affektiert, falsch und verlogen und komme, so oft es Dich freut. Oeftcr natürlich nicht. Halten Dich moosnische Gründe ab, nächsten Snmstng herauszukommen? Der Erste fällt in diese Woche! Empfiehl mich Deinen Eltern. Ich bin Dein Theodor. 28. V. 83. Als ich die Nachricht von dem Tode Ihres lieben Gatten empfing, war ioli nicht nur durch diese innerst erschüttert, sondern auch durch das Faktum, daß der so lange schon in der kühlen Erde ruhte, den ich so lebensfrisch, das Bild blühender Gesundheit," zuletzt gesehen hatte! Ich glaube, es war auf dem Wege von Gasteih im vorigen Jahre, daß ich ihn traf, als er liebevoll seine betagte Mutter, begleitete und ich, der ich so tief und schwer getroffen war durch den Verlust meiner heißgeliebten Mutter,, mit. Neid auf ihn blickte, dem es vergönnt war, die seine noch zu besitzen. Nun ist er heimgegangen, und vielleicht lebt noch seine Mutter — mir fehlen alle näheren Angaben. Sie würden mich, geehrte Frau, zu großem Dank verpflichten, wenn Sie mir einiges über den Heimgang Ihres unver-, ' " ' f.! Werdende Mütter, müssen jegliche Stuhlverhaltung durch Gebrauch des natürlichen „Franz-Josef-Bitter-, waesers zu vermeiden trachten In Apotheken erhältlich. gefilichen Gatten mitteilen wollten; besonders auch würde ich Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir ein Bild des lieben Verstorbenen senden könnten. Eine tiefe Sympathie hat mich stets zu ihm hingezogen, wir verstanden uns, und ieft-War glücklich, ihm begegnet zu sein. Nie hätte ich geglaubt, daß diesen in strahlender Gesundheit stehenden Marin ein so schweres Leiden erfaßt hatte. Für ihren Schmerz habe ich ein voliles Verständnis und mbchte Ihnen dieses von ganzem Herzen aussprechen. Darf ich Sie vielleicht auch bitten, mir mitzuteilen, auf wen die Führung der Zionisten übergegangen ist. Denn es liegt mir daran, auch der Leitung Dr. Paul J. MomartSylvia Etrner ■ •' . V e r m ah11 e Wien, 4. Mai 1932 ^bSsVbmbSbmMHbBHbmbmbVbV ' zur Isolierung aufgerafft, ' den wahren, wirklichen Isolator der nationalen Existenz — ein Land ■— zu suchen. Zuerst ging der wirtschaftliche Isolator verloren: die ökonomische Entwicklung zwang den „Aegypter" schließlich, sich in die „jüdischen" Professionen massenweise einzudrängen. In der wissenschaftlichen Sprache heißt das: In Osteuropa ist eine selbständige, nichtjüdische Bourgeoisie entstanden; daß sie den Juden verdrängt, ist nicht die Hauptsache vom Standpunkt unserer heutigen Betrachtung, Wichtig ist, daß der Jude nicht mehr ökonomisch isoliert ist. Dann kam der Zerfall des Ghettos, des geschlossenen Stadtviertels. Zum Teil wegen der neuen Anschauungen von Freiheit und Gleichheit, hauptsächlich aber aus deme Grund«, weil die moderne Wirtschaft keine abgesonderten sozialen Kammern duldet. Ebenso wie sie die Mauern des christlichen Dorfes •durchbricht und seine Einwohner in die Stadt schleppt» genau so und viel leichter schleift sie die Mauern des Ghettos. Diese beiden Erscheinungen, die den Juden zwangen, sich am Leben und d*rn Gedanken der fremden Umgebung au beteiligen, haben auch den dritten Isolator geschwächt, den stärksten von allen: das starre religiöse Gesetz, hauptsächlich seinen ritualen Inhalt, der eine Wand zwischen uns und unseren nächsten Nachbarn und Partnern schuf. Wie nackt, wie gefährdet durch jeden fremden Wind ist der Jude plötzlich auf der fremden Gasse geblieben! Anfangs, in den ersten 50 Jahren, gefiel ihm das sogar, oder er glaubte» daß es ihm gefalle. Aber das Ende ist, daß er heute vor der Welt dasteht und den Isolator sucht — ein Land. Und selbst die kurze Zelt, da er glaubte, daß es ihm gefalle, im Lärm, Im Reichtum und in der Schönheit meine Teilnahme auszusprechen, die durch den Tod ihres Führers so schwer getroffen worden ist; oder darf ich Sie vielleicht bitten, diesen Brief der Leitung zur Kenntnis zw bringen, damit dieselbe erkennen möge, wie innig ich an diesem Verluste teilnehme und wie warm ich diesen Bestrebungen nach wie vor folge. Ich werde auch in Erinnerung an Ihren geliebten Gatten stets bereit sein, auf Wünsche einzugehen, die ich wie ein Vermächtnis des teuren Toten betrachte. Mit dem Ausdruck wiederholter Teilnahme nn Ihrem unersetzlichen Verluste verbleibe ich stets, gnädigste Frau. Ihr gehorsamster Fürst zu Eulenburg. Der Brief des 23jährigen Herzl an seinen Studienkollegen Kana und das Kondolenzschreiben des Fürsten Eulenburg wurden der „Neuen Welt" in liebenswürdiger Weise von Herrn Direktor M. Reichenfeld (Wien) zur Verfügung gestellt. Herzl und Väimbevy Von Ludwig Bato. Auf den 1. Mai 1910 fiel der fünfzigste Geburtstag Theodor Herzls und die gesamte zionistische Welt, die den erst vor sechs Jahren erfolgten Tod des grollen Führers noch immer nicht verwunden hatte, rüstete zu einer würdigen Begehung dieses Gedenktages. Das zionistische Zentralorgan „D i e Welt", das damals am Sitze der Leitung in Köln erschien, bereitete aus diesem Anlaß eine Festnummer vor und erteilte mir den Auftrag, den berühmten Orientpolitiker und Wegbereiter Herzls, Hermann Vumbery, zu interviewen. Am 26. April 1910 besuchte ich nun den damals schon achtundsiebzigjährigen Vämbery in seiner behaglichen, geräumigen Behausung an der Donauländc in Budapest. Er empfing mich mit überquellender Herzlichkeit in dem mit orientalischem Komfort eingerichteten Arbeitszimmer, von dem sich eine prachtvolle Aussicht auf die grünumrankten Ofener Berge bot. Zweiundzwanzig Jahre sind seither vergangen, aber dieses Gesprächs — auch wenn ich mir keine Aufzeichnungen gemacht hätte — entsinne ich mich, als ob es gestern erfolgt wäre. Schließe ich die Augen, so steht Vambery leibhaftig vor mir: ein kleiner, in seiner äußeren Erscheinung durchaus unansehnlicher, lahmer Jude, mit funkelnden, klugen Augen. Er sprach rasch, sprunghaft, wechselte ohne Uebergang den Gesprächsstoff und was er sagte, sprudelte gleichsam aus seinem Innern hervor. Es tat ihm merklich wohl, über Zionismus und sein Verhältnis' zum Judentum von der Leber wög sprechen zu dürfen. Es schien, als bäte sich ihm sonst wenig Gelegenheit hiezu. Das offizielle Interview bestand — man glaubte damals, auf die Türkei besonders viel Rücksicht nehmen zu sollen — aus einigen konventionellen, wohlwollenden Redewendungen, wie sie Staatsmänner von sich zu geben pflegen. Es besagte wirklich nichts und so kam es auch in der „Welt" zum Abdruck. Viel interessanter war aber, was er mir nebenbei in stundenlangem Gespräch erzählte. Das Hervorstechendste an diesen Darlegungen war eine selbst bei großen Männern ganz ungewöhnliche Eitelkeit. Wenn er auf ein Bild neben dem Schreibtisch hinwies und sagte: „Mein Freund, der König von England...". so strahlte er übers ganze Gesicht. Alles bewegte sich bei ihm um die eigene Person. Er schrieb das Wort „ich" mit großem „I". Theodor Herzl scheint ja denselben Bindruck von Vdmbdry gewonnen zu haben, was aus verschiedenen tmmt^mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmam^mmm der fremden Umgebung zu ertrinken — auch da ist noch eine große Frage, ob das in der Tat Assimilation war. Bei Völkern, die lange unterdrückt waren, beginnt die nationale Bewegung immer mit einer Periode der Assimilation. Vor 70 Jahren war jeder Beobachter Uberzeugt, daß die Tschechen eingedeutscht wären. Und vor 30 Jahren noch pflegten tausende Hindus über , eigene Nationalkultur zu lachen und nur englische L i e d e r zu singen. Die Folge aber war eine ganz andere. Und jetzt sieht man, daß objektiv vom historischen Standpunkt aus ein solches Stadium der Assimilation nichts anderes ist als die erste Etappe nationalen Erwachens. Ein Volk hat lange im Keller gelebt, wird vom Leben plötzlich auf die Gasse gezerrt, gezwungen, um die Existenz zu kämpfen mit den neuen Waffen der modernen Kultur. Es besitzt aber vorderhand diese Waffen noch nicht, es muß erst lernen, und lernen kann es nur bei den Fremden. So geht es ans Lernen bei den Fremden mit Begeisterung und Courage, und von außen, mitunter sogar von innen her sieht es aus, als ob das der Beginn der Assimilation wäre, als ob das ganze Volk bald verschwinden würde. Aber kaum hat die erste Generation die neuen Lebensmethoden erlernt, kommt eine zweite und beginnt die fremde Kultur in seine eigene Sprache zu übersetzen, in die Sprache des Mundes und in die Sprache des Herzens. Und das Ende ist eine tschechoslowakische Republik, morgen vielleicht eine indische. Meine Herren! Ebenso wie die Eigenart unserer Galuth'Oekonoralk, unserer religiösen Formen, das Ghetto selbst nichts anderes sind als verschiedene Form«! eines ewigen Zionismus, genau so war unsere Assimilation nichts anderes als eine Etappe des nationalen Auflebens, ein Schritt auf dem Wege von Zion nach Zion.

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