Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1932-05-13 · Heft 243 (13.5.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 243 (13.5.1932)
Date
1932-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2711843-2711864--3115-2716459
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 243 DIE NEUE WELT Seite 3 1 dessen sind Vertreter der Koloukilbank nach Ostafrika abgegangen, um das den Juden zur Verfügung gestellte Territorium zu besichtigen. Solange diese Herren ihren Bericht noch nicht erstattet ha'ben, darf ich dem Hause keine Mitteilung machen. Soviel darf ich schon jetzt sagen, dafl weder die Rechte der britischen Untertanen, noch die der Eingeborenen durch das ostafrikanische Projekt im geringsten geschädigt wcrde*n sollen. Den Interessen der britischen Untertanen ist insofern Rechnung getragen worden, als das den Juden angebotene Land durchaus nicht an der Eisenbahn gelegen ist. Dasselbe liegt ferner, in der Provinz Naivasha zwischen Victoria- und Rudolf-See, wo es faktisch keinen einzigen Eingeborenen gibt. Es ist ein absolut unentwickeltes Land, etwas von der Eisenbahn entfernt, und die Juden werden dort mit den Europäern kaum in nähere Berührung kommen können. Es muß allerdings zugegeben werden, daß die Regierung sich keineswegs ausschließlich von finanziellen Motiven hat leiten lassen. Bis zu einem gewissen Grade haben da auch die Sympathien eine Rolle gespielt, welche jede christliche Nation, namentlich nber die englische, für eine Rasse hegen muß, die während einer viele Jahrhunderte dauernden Verfolgung mit wunderbarer Ausdauer an die Prophezeiungen ihrer Propheten glaubte.' Redner ging dann näher auf die soeben erfolgte Amtsniederlegung des Gouverneurs Sir Charles Elliot ein, welche wohl mit der Eingeborenenfragc, aber nicht mit dem jüdischen Ostafrika-Projckt zu schaffen habe, und der einzigen schwedischen Weltmarke fuhr dann fort: ,Seit Bekanntwerden der Verhandlungen der Regierung mit der jüdischen Kolonialbank hat der Strom der Ansiedler nach dem ostafrikanischen Protektorat, von dem bis daliin niemand etwas wissen wollte, so »große Dimensionen angenommen, daß das ganze längs der Eisenbahn zur Disposition stehende Land bereits vergeben ist und die Regierung sich genötigt sah, weitere Konzessionen in der Provinz Naivasha zu verweigern, da man sonst den Interessen der Massais nahetreten würde. Sir Charles Elliot war mit dieser Bestimmung zum Schutze der Rechte der Eingeborenen nicht einverstanden und legte sein Amt nieder.' Sir Edward Grey; :, ,Mnncher stößt sich daran, daß das Land gernde für jüdische Ansiedler bestimmt ist. Wir alle wissen, was Antisemitismus ist und was diesen Antisemitismus veranlaßt hat. Allein es gibt noch Menschen, die über die Juden anders denken! Es ist das ein Millionenvolk, dessen Angehörige eine lange Reihe von Generationen hindurch über die ganze Erde zerstreut sind, ohne Heimat und ohne Hoffnung. Ich mrmoRRHoioEn sind he i I bä r! Broschüre: »Die Hämorrhoiden und ihre Bekämpfung* kosten los allen Apotheken erhältlich. Sonst RATHAUS-APOTHEKE staSong. io /n.w.3 Senden Sie gratis die wissenschaftliche tiioschürenDie Hämotrholden und ibre Bekämpfung". Name:................................................Adfsse:............................................ Dia Mondlaf bringti' DasLietWPuszta Regie: CarlFroelioh Busch-Kino Rayon-Kino Musik: Nikolaus Brodsky Kärntner-Kino Flieser-Kino sage es frei heraus: Jeder Versuch, diesem Volke innerhalb der Grenzen des britischen Weltreiches eine Heimat und eine Zuflucht zu schaffen, besitzt meine volle Sympathie.' (Beifall.) Der Antrag Wasons wurde ohne Abstimmung durch Uebcrgang zur Tagesordnung abgelehnt." Ein Brief des 23jährigen Herzl Der 23jährige Student der Jurisprudenz Theodor Herzl, der mit seinen Eltern im Mai 1883 in Baden bei Wien wohnte, begann sich damals bereits mit schriftstellerischen Arbeiten zu beschäftigen. Das im nachstehenden Brief an seinen arischen Studienkollegen von Kana erwähnte Feuilleton ist nach der Wendung „Communis opinio Vienncnsis" (Wiener allgemeine Meinung) in der Wiener Tageszeitung „Wiener Allgemeine Zeitung'* (Wortspiel Meinung-Zeitung) erschienen. Die Schriftzüge des Briefes selbst sowie der auf der einen Seite graziöse, auf der anderen ernste Ton des Briefes sind bereits echter .Herzl. Wir sehen hier schon neben der Koketterie des Wortes und der Wortspiele („moosaischc Gründe" bezieht sich auf den studentischen Ausdruck „Moos" für Geld) das Ringen nach Echtheit des Wortes und Gefühls und den inneren Ernst, mit dem der junge Student seine schriftstellerische Karriere beginnt. Baden, Neugasse iU ■ Mein lieber Junge! Es ist direkt unanständig von Dir, meinen Briet so lange unbeantwortet zu lassen. Mache es augenblicklich gut. Du hast jedenfalls mein Feuilleton gestern gedruckt gelesen. Mit jener Offenheit, die Du mir manchmal als Albernheit oder Eitelkeit auslegst, sage ich Dir, daß es mir noch heute, und heute erst recht, sehr gut gefällt. Offen (albern und eitel?) bin ich ja nur einem einzigen Menschen gegenüber und der bist Du. Du siehst, wie der Georg der Fabel, Deinen damaligen Irrtum hoffentlich schon ein. Du hast ja, wenigstens mir gegenüber, das sauer und wohlerworbene Recht, auch einmal nicht recht zu haben. — Bei aller läppischen Selbstgefälligkeit, die ich habe, pflegte ich doch, wenig- Bewegung kein Raum bleibt für Eigensinn, persönliche Neigungen oder Abneigungen, und wenn jeder den treuen Blick dahin richtet, wo die Fahne der Nation weht. Wie England zur Zeit Herzls über den Zionismus dachte In einem Zeitpunkt, da Debatten über die jüdische Frage und den Zionismus im englischen Unterhaus immer wieder angeschnitten werden, ja, fast eine Selbstverständlichkeit geworden sind, bietet einen eigentümlichen Reiz eine historische Reminiszenz, die sich auf die erste derartige Debatte besieht. Es war einige Wochen vor Herzls Tod, dafl im englischen Unterhaus das sogenannte Uganda-Projekt (Besiedlung englischen ostafrikanischen Kolonialgebiets durch Juden) in die Diskussion rückte. Ein irischer Abgeordneter namens Wason sprach sich gegen das Projekt aus, mit der Begründung, daß dessen Durchführung schwere Folgen für Großbritannien haben würde. Im übrigen wies die Rede des Iren antisemitische Momente auf, ungefähr in der Art des heutigen konservativen, araberfreundlichen Abgeordneten Bury, der bei keiner Gelegenheit Angriffe auf das zionistische Siedlungswerk zu machen verabsäumt. Der zeitgenössische Bericht über diese denkwürdige Sitzung lautet: „Im englischen Unterhaus kam es völlig unerwartet zu einer lebhaften Diskussion über das zionistische Ostafrika-Projekt. Der Abg. Wason (Ire) protestierte gegen das Projekt einer zionistischen Niederlassung in Ostafrika. Er fürchtete, daß die Durchführung dieses Planes dazu dienen könnte, Unruhen hervorzurufen. Die Bevölkerung des Landes sei im höchsten Grade erregt über den Gedanken, daß das Land an russische und rumänische Juden ausgeliefert werden solle. Die Folge werde wahrscheinlich ein Aufstand der Eingeborenensein. Keine der englischen selbstregierenden Kolonien würde jemals die Errichtung einer Niederlassung von solchen Leuten dulden, die weder die englische Sprache, noch die der Eingeborenen sprächen. Major Evans Görden erklärte, daß vorläufig diese ganze Niederlassungsfrage noch sehr schattenhaft sei. Vorderhand sei man übereingekommen, an Ort und Stell'"-' zu untersuchen, wieweit die Idee einer Ansiedlung durchführbar sei. Die Schwierigkeiten seien jedoch so groß, daß es als fraglich bezeichnet werden müsse, ob auch nur eine einzige jüdische Familie die Ansicdlung versuchen werde. In dieser Ansiedlungsfrage eine Bedrohung des Bestandes des englischen Weltreiches zu erblicken, sei einfach lächerlich. Nachdem Sir Gilbert Parker den Antrag Mr. Wasons, der auf bloßes Gerede begründet sei, „frivol" genannt hat, ergriff Lord P c r c y das Wort, um den Antrag, der auf durchaus falscher Voraussetzung beruhe, als einen Mißbrauch der Geschäftsordnung zu bezeichnen. Mr. Wason habe das Ostafrikaprojekt mit der Eingeborenenfrage verquickt und somit zwei Sachen zusammengebracht, die miteinander absolut nichts gemein haben. Als im Juli vorigen Jahres ein Vertreter der Jüdischen Kolonialbank sich bei Lord L a n s d o w n e erkundigte, ob er einer Landkonzession an die Juden in Ostafrika nähertreten wolle, waren die Nachfragen nach Land in Ostafrika sehr gering. Unter solchen Umständen konnte Lord Lansdowne dem zionistischen Plan nicht anders als günstig sein,. vorausgesetzt, daß sich ein geeignetes Territorium finden und eine Einigung über die Prinzipien der Selbstverwaltung erzielt werden wird. In- Nicht unsere Schuldl Ihr habt uns zu anderen Berufen nicht zugelassen! Das ist aber historisch unrichtig. Das große historische Faktum, daß bis vor kurzer Zeit wir wirklich die hauptsächlichsten Vertreter des Handels gewesen sind und daß wir in der Entwicklung der Geldwirtschaft und" des Kreditwesens tatsächlich lange die Hauptrolle unter den zivilisierten Völkern gespielt haben, ist absolut keine „aufgezwungene" Erscheinung: es ist in seinem Ursprung unser eigener Entschluß gewesen. Das erste Beispiel hiefür findet sich in der Bibel. Als Josefs Brüder in Mizraim eingewandert sind, gab er ihnen den folgenden Rat: Sagt der Regierung („denn jeder Hirte ist Abscheu dem Aegypter"), daß ihr euch mit dem Weiden des Viehs abgeben wollt — weil die Aegypter sich nicht mit dieser Beschäftigung abgaben. Der Rat war ein doppelt kluger: erstens schreckt ihr sie nicht mit Konkurrenz; und zweitens habt ihr einen abgesonderten wirtschaftlichen Winkel, wo ihr nach euren eigenen Gebräuchen leben könnt, wie es euch gefällt, ohne auf Schritt und Tritt auf einen Aegypter zu stoßen. Und das ist der Rat, dem die Juden ständig gefolgt sind, auch auf ihren späteren Galuth-Wanderungen. Es soll, damit nicht etwa gemeint sein, daß der Aegypter dieser Beschäftigung feindlich gegenübersteht. Sehr oft bedeutet das Wort „Abscheu" bloß, daß der Aegypter noch nicht zu einer gewissen wirtschaftlichen Funktion gelangt ist, noch nicht die nötigen Fähigkeiten für diese Kenntnis in sich entwickelt hat. Deswegen, weil in Jenen Jahrhunderten die Welt schon einer weitumspannenden Geldwirtschaft bedurfte, bei den Völkern selbst aber noch nicht genug fähige Menschen für diese Funktion vorhanden waren, haben die Juden eben diese „Abscheu" gewählt. Erst viel später und aus ganz anderen. Gründen hat man ihnen verboten, sich in anderen Berufen zu betätigen: aber am Anfang, vom Ursprung her, war dies unsere eigene Wahl. Wir haben einfach die ökonomische Situation als Mittel nationaler Absonderung benützt — als Ersatz für ein eigenes Territorium. * Dasselbe geschah mit der Tradition. Durch die Jahrhunderte der Galuth hindurch galten wir als Volk mit einer beispiellos konservativen Beziehung zur Religion. Die Christen zerteilten sich in drei große und in zwanzig kleinere Kirchen, die Mohammedaner in Schiiten und Suniten. Aber bei uns sind „Sekten" nicht vorhanden. Woher kommt das? Solange wir noch in unserem eigenen Land lebten, waren wir gar nicht so „konservativ". Die Religionsgeschichte jener Zeiten ist eine Geschichte ständiger Bewegung, Entwicklung, Neuerung: zwischen dem Beginn der monotheistischen Auffassung, die an den Erzvater Abraham geknüpft ist, und dem „Judentum", wie es zur Zeit der letzten Hasmonäer-Könige ausgesehen hat, hat der jüdische religiöse Gedanke verschiedene Stadien durchschritten — Mose, die Propheten, die levitische Gesetzgebung und auch Sekten hatten wir damals — von der ältesten „Rachabschule" bis zu den späten „Individualitäten"; Christentum war anfangs nicht mehr als eine jüdische Sekte. Aber nach der nationalen Katastrophe hört all das zu „rumoren" auf. Wer will, entfernt sich vom Judentum und wird ein Täufling, aber im Judentum als solchem bleibt nur eine Tradition. Die scharfsinnigsten Weisen, Tanaiten, Amoräer, strengen ihr Hirn an, die kleinsten verborgenen Geheimnisse der relip'ösen Lehre zu erforschen, diskutieren, polemisieren, geraten in Feuer, werden einmal böse auf einander — aber zu einer Abzweigung, zu einer Sektenbildung kommt es nicht; die tiefste Spaltung, die vorgekommen ist, die chassidische, ist im Verhältnis zur Üeberlieferung genau so orthodox wie der Wilnaer Gaon. Woher kommt diese Wandlung? Wieso ist ein Volk, das in seinem eigenen Land im religiösen Sinn das unruhigste der ganzen Erde war, ein Volk, mit dem der Herr der Welt auf jeder Seite der heiligen Schrift wegen seiner antiorthodoxen Strebungen zu tun hatte -— wieso und weshalb ist solch ein Volk plötzlich ein Beispiel strengster und starrster Orthodoxie geworden? Weil das jüdische Volk sein Land verlor, ist sein stärkstes Mittel, sich zu isolieren, seine Religion geblieben. Wenn dieser „Isolator" verlorengeht, schafft man ihn aus jedem Ding als Ersatz für das Territorium; besonders aus einem so mächtigen Absonderungsmittel wie der religiösen Tradition. Deswegen muß diese Tradition absolut starr gemacht v/erden. Der Mensch lebt auf der Erde, und das größte Unglück für ihn ist das Wanken der Erde: wenn sein einziges „Stück Erde" seine Lehre ist, darf er in ihr kein Wanken zulassen. Was er erlauben darf, was er vielmehr mit der ganzen Stärke seines Hirns suchen wird — das ist: in der Tradition möglichst viel „isolierende" Momente. Er nimmt auf sich hunderte komplizierte Gebräuche und Handlungen: sie sind schwer zu tragen, besonders für ein armes Volk — aber das Volk trägt sie mit heiligem Eifer, weil sie den Juden von seiner Umgebung isolieren, weil sie ihm wenigstens den Schatten einer Illusion von einem eigenen Wohnsitz schaffen helfen: wenn kein Staat da ist, soll wenigstens ein Staatsersatz vorhanden sein. Und genau ein solcher Staatsersatz, vielleicht ein buchstäblicher „Ersatz" war das Ghetto, das abgesonderte Judenviertel, Es ist wiederum nicht wahr, da8 man uns von Anfang an ins Ghetto „gt trif bts" h»X

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.