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Die neue Welt · 1932-05-06 · Heft 242 (6.5.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 242 (6.5.1932)
Date
1932-05-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 242 DIE NEUE WELT Seite % Wir und die zionistische amsation Ton M. Großinnnn (London), Vizepräsident der Exekutive der Weltunion der Zionisten-Rcvisionisten. II. ,,Das Abkommen von Calais" reizt einige Leute, weil £« nicht typisch jüdisch ist. Nämlich: man hat einen Ausweg gefunden. Es ist ein freundlicher Ausgleich und Verständigung zwischen zwei Richtungen, die untereinander mehr Gemeinsames als Trennendes haben. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, daß diese Vereinbarung auch weiter nicht so gut funktionieren soll, wie es bis jetzt der Fall war. Sicher ist die Aufgabe der schekelzahlenden Revisionisten etwas komplizierter als die ihrer Freunde. Sie haben doppelte Pflichten, obwohl diese Doppelspurigkeit eine bloße äußerliche ist: es ist im Grunde eine und dieselbe Kette, eine Art Fortsetzung, eine Ergänzung. Es scheint bloß, daß es einen Konflikt der Interessen oder efnen Gegensatz zwischen zwei Loyalitäten gibt. Eine ausgeklügelte Sache! Wenn man zum Grübeln veranlagt ist, kann man so viel Probleme aufstellen wie nur möglich. Für diejenigen Revisionisten, die in der Z. O. blieben, hat sich im Grunde wenig geändert. Die revisionistische Organisation hat ohnehin seit Jahren eine eigene politische Arbeit geführt. Noch vor dem letzten Kongreß. Noch vor Calais, bereits in Prag, hat man die Prärogativen der zionistischen Exekutive abgeschafft oder, besser gesagt, neu interpretiert — dieselben Prärogativen, die die Exekutive selbst noch im Jahre 1929 auf die gemischte Agenzy übertragen hat. „Calais" hat bloß einen neuen inneren Status sanktioniert: 1. Die Weltunion als Ganzes ist nicht ein Teil der zionistischen Organisation; die Union wurde von der Organisation übrigens niemals als eine solche anerkannt. 2. Die Schekelzahler und Nichtschekelzahler können Mitglieder der revisionistischen Weltunion sein. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist klar: Solange wir, die Schekelzahler, in der zionistischen Organisation bleiben, werden wir unsere Rechte voll und ganz ausnützen. Wir haben die Hoffnung, den nächsten Kongreß zu erobere* nicht aufgegeben, mögen die anderen beim Worte „erobern" noch so sehr lächeln. Es ist zuzugegeben, daß das Pathos des Kampfes mit der Exekutive verlorengegangen ist. Unser Pathos ist jetzt: eigene positive und konstruktive Arbeit. Wir sind entschlossen, die Tätigkeit der "Exekutive weiter zu überwachen, damit sie jeden Augenblick das kritische Auge fühlt. Wir wollen unsere Kontrolle sowohl in den Fonds als in den Banken ausüben. Wäre die ganze Angelegenheit für uns unwichtig, so hätten wir nicht für die Calais- Vereinbarung gekämpft. Wir meinen es ernst. Es gibt keine Kraft, die uns auf andere Wege verführen könnte. Vielmehr: wir glauben nicht nur, daß es uns gelingen wird, einen anderen Geist und eine andere Tonart in der zionistischen Organisation durchzusetzen, sondern daß wir eines schönen Tages die Calais-Vereinbarung nicht mehr brauchen werden: die Ursache, die einen Teil unserer Gesinnungsgenossen aus der Z. O. vertrieben hat, wird einfach wegfallen. Die zionistische Organisation und ihre Organe müssen erhalten werden. Wir müssen sie mit einem neuen Geist füllen. Deshalb gehen die schekelzahlenden Revisionisten in die Schekelkommissionen, zum Zionistenkongreß, in die Leitungen der Fonds. Sie sind im Aktionskomitee und im Aufsichtsrat der Bank. Sie müssen in jeder zionistischen Körperschaft vertreten sein. Kann es denn anders sein? Ein Fünftel des gewählten Kongresses kann doch nicht plötzlich verschwinden. Ja, es ist ein kongreßloses Jahr. Wer kümmert sich jetzt überhaupt um Schekalim! Aber schon jetzt, gerade jetzt, müssen in allen Schekelkommissionen Revisionisten sitzen. Dies hat mit Calais nichts zu tun. Calais ist eine Familienangelegenheit der Revisionisten. Das zionistische Publikum muß sehen und fühlen, daß die Revisionisten, mindestens ein Teil derselben, gar keine Absicht haben, wegzugehen oder sich beseitigen zu lassen. Im Gegenteil: die revisionistische Kontrolle muß ausgedehnt werden. Der Weg hiezu ist: Schekalim, Wahlen, Aktionskomitee, Kongreß. Diejenigen, die meinen, daß Calais dies verboten hat, irren. Diejenigen, die andererseits glauben, daß Heroismus in der Isolierung steckt, täuschen sich. Der Zionismus hat den Fehler der Absonderung von den allgemeinen jüdischen Sorgen bereits gemacht. Der Revisionismus muß dies vermeiden. Je breiter die Basis, desto stärker der Einfluß und größer der Wirkungskreis. Natürlich ist vieles abhängig vom Takt. Nicht so sehr was man tut, sondern wie man es tut. Eines ist aber klar. Für diejenigen, die in der Z. O. bleiben, ist es keineswegs gleichgültig, was dort vor sich geht, wie sich die Bewegung entwickelt und wie der nächste Kongreß aussehen wird. Wird beim Wähler der Gedanke Fuß fassen — und gerade das bezweckt die Propaganda der Exekutive—, daß die Revisionisten „ausgetreten" sind, so wird man selbstverständlich bei den bevorstehenden Kongreßwahlen diese Wand der Hypnose nicht durchbrechen können. Im Laufe von sechs Jahren — von einem Kongreß zum andern — sind wir gewachsen. Am letzten Kongreß haben wir bereits eine große Kraft repräsentiert. Innere Ursachen haben eine Umgruppierung unserer Kräfte hervorgerufen. Jetzt muß der Angriff fortgesetzt werden. Ich sehe keinen Grund, warum die Revisionisten am nächsten Kongreß — trotz Calais und trotz verfälschten Dossiers — kein entscheidender Faktor werden sollen. Beispiele sind in Hülle und Fülle da. Die Hauptsache: sich weder vom Gegner provozieren, noch von den Eigenen entmutigen zu lassen. Wir können der Exekutive versprechen: Wenn wir die Mehrheit bilden werden, so werden wir die Einigkeit in der zionistischen Organisation auf eine andere Art und Weise zu wahren wissen. Dies wird nicht durch Vertiefung der Gegensätze geschehen. Sicher nicht durch gefälschte Dossiers. Befolgt deshalb rechtzeitig den Ratschlag eines Freundes: Laßt uns in Ruhet An die Freunde und Leser des Blattes! Wenn Sie der Ansicht sind, daß die „Neos Welt** ein empfehlenswertes Blatt ist, geben Sie uns freund« liehst die Adressen von Freunden und Bekannten an. Wir werden denselben die „Neue Welt" durch mehrere Wochen zur Probe gratis zukommen lassen. Wenn wir ans bei der Werbung auf Sie berufen dürfen, bitte dies ausdrücklich zu bemerken. Aus der Zusendung erwachsen weder Ihnen noch den Empfängern irgend welche Verpflichtungen. Die Verwaltung der „Neuen Welt'*. Bad Gleichenberg 300 m Seehöhe Steiermark Verlanen Sie Prospekt P1 von der ftiirkonimisston Kurzeit: April—Oktober Berühmte Heilquellen, natürlich-kohlensaure Bäder, pneumalische Kammern, Inhalatorien Hervorragende Heilerfolge bei Katarrhen, Asthma, Emphysem, Herzleiden Schönster Erholungsaufenthalt Pension von S8.— aufvväris Zur politischen Lage Brodetzky ist begeistert — Die freundlichen englischen Herren — Eine durchsichtige Taktik Seit der jüngst erfolgten Rückkehr des Mitgliedes der zionistischen Exekutive Prof. Selig Brodetzky ist in der jüdischen Presse vielerlei über die politische Lage des Zionismus zu lesen. Herr Brodetzky selbst hat schon vor den Pessachtagen in Palästina fleißig Interviews gegeben; er hat auch für seinen Empfang beim High Commissioner Wauchope und anderen hohen Funktionären der Palästina-Regierung begeisterte Worte gefunden. Nun hat Herr Brodetzky, wie man einer neuesten Meldung entnehmen kann, in London beim britischen Kolonienminister Sir Philipp Cunliffe-Listcr über seine Besprechungen mit dem High Commissioner erzählt und mit jenem selbst über den Landentwicklungsbericht Louis Frenchs, über die Frage der Bewilligung von Einwanderungszertifikaten und über „die allgemeine politische und wirtschaftliche Situation Palästinas" gesprochen. Die Berichterstattung ist sehr karg, sehr vorsichtig. Sic weiß nicht viel zu sagen. Sie begnügt sich bloß mit der bescheidenen Wendung: „Es verlautet, daß der Kolonienminister Brodetzky das Versprechen gegeben habe, die von ihm (Brodetzky) ausgesprochenen Forderungen wohlwollender Erwägung zu unterziehen." Der Londoner Kolonienminister ist also sehr freundlich, Herr Brodetzky sehr begeistert. In einer Londoner öffentlichen Kundgebung gab Brodetzky seiner Begeisterung Ausdruck und gleichzeitig der Hoffnung, „daß in naher Zukunft eine beträchtliche Erhöhung der Einwanderung Platz greifen wird". Unser zionistischer Außenminister hat viel in der Schule seiner Vorgänger gelernt. Die Situation ist zu-» friedenstellend, ist auch die Devise des Herrn Bro« detzky. „Ich habe das Gefühl", ruft er aus, „daß sich während der letzten Monate unsere politischen Bezie« hungen und Perspektiven wesentlich gebessert haben . . . Die Gestaltung meiner Beziehungen zum Colonial .Offic« und zum High Commissioner hat mich in diesem Glauben bestärkt." Herr Brodetzky schlägt auch im weiteren diplomatische Töne an, die, wie.wir wissen, sich bisher so ausgezeichnet bewährt haben. Er will, sagt er, die englische Regierung in Gegenwart und Zukunft nicht bekämpfen, sondern — überzeugen. In dieser Musik der Loyalität bestärkt ihn sein ressortloser Kollege von links, Berl Locker, der auf demselben Londoner Meeting erklärte, daß man mit „Proklamationen nicht vorwärtskomme". Wir sagten eingangs, daß der Kolonienminister sehr freundlich sei. Noch freundlicher benimmt sich der High Commissioner. Er hat die jüdische- Kolonie Artuf besucht und in seiner Antwort auf die Begrüßung „seiner tiefen Bewunderung für die jüdische Aufbauarbeit . in Die $ozialphi!o§ophie /on Vladimir Jakobinsky. II, (Schluß.) Wenn man tiefer blickt, so findet man im Mythos sogar solche Hinweise, die nicht nur einen moralischen, sondern einen praktischen, fast rein technischen Begriff der „Weltverbesserung" bedeuten. Unseres Erzvaters Jaakob Trick mit Labans Schafen ist besonders charakteristisch. Ich weiß nicht, ob man in Wirklichkeit so sicher die Farbe von Schafen durch jenes Mittel beeinflussen kann, das Jaakob anwandte, aber das ist unwichtig. Wichtig ist der Gedanke: ein „Israelit" ein Gottringer-Gedanke. Nach Gottes ursprünglicher Verordnung, nach dem simplen Gesetz der Natur werden von weißen Schafen weiße und von schwarzen Schafen schwarze geboren. Hier aber geht Jaakob hin, greift in das Walten der Natur ein und verändert das. In der Geschichte der weißen Menschenrasse ist das die erste Begründung des Strebens nach Eroberung der Natur, ihr zu diktieren, was und wie sie hervorbringen soll. Der Anfang von alldem, was in der heutigen Sprache Rationalisierung und Organisierung heißt. Und hier drängt sich in diesem Zusammenhang wieder der Kommentar zur Kaän-Geschichte auf. Bekanntlich erblickt in ihr die Bibel-Wissenschaft eine Episode aus dem uralten Kampf zwsichen Bauer und Hirt. Der Bauer hat immer den Hirten gehaßt, denn für Rind und Schaf braucht man zuviel Land und sie verderben (iie Saat, und wenn es gar Ziegen sind, so fressen sie die Rinde rings um den Baumstammt weg. Kain war Bebauer der Scholle, Abel war Hirt. Daher stammt ihre Feindschaft und der Mord. Das ist bekannt. Aber interessant ist im Mythos Gottes Verhältnis zu Kain. Es ist ein schwankendes. Zuerst gefiel dem Herrn gerade Abels Opfer, Kains Opfer wies er zurück. Hier widerhallt des Herrn altes Verhältnis zum Unterscheidungsvermögen — ah, du willst klug sein, meine Erde bebauen, meine Natur zwingen, daß sie dir diene? Dann brauche ich deine Opfer nichtI Aber plötzlich, nachdem Kain ein schreckliches Verbrechen begangen, seinen Bruder getötet hatte, zeigte sich, daß der Herr ihn, den Verbrecher, gar nicht vernichten will. Er führt mit ihm Verhandlungen, gewährt ihm Schutz gegen andere Uebeltäter, auf daß sie ihn nicht antasten. Und Kain geht hin und ackert wahrscheinlich weiter — und er „baut eine Stadt". Die erste Stadt der Geschichte. Drängt sich da nicht der Gedanke auf, daß hier der Mythos für alle jene Dinge kämpft, die wir heute Technik, Kultur nennen, für des Menschen Recht auf Beherrschung der Natur zwecks Umwandlung niedriger Wirtschaftsformen in höhere, daß, wenn auch in diesem Prozeß Blut vergossen wird, der Herr sogar dies verzeiht? * Es verlohnt sich, an heutigen Tagen dieser Tendenz unseres Mythos zu sozialem und wirtschaftlichem Intensivismus zu gedenken; gerade heute, da sich in der Welt große Verbitterung gegen Intensivismus und technischen Fortschritt, gegen zu viel Beherrschung der Natur spürbar macht. Tausende ernste Denker sprechen bereits offen gegen die wahnsinnige Hast der neuen Erfindungen, daß bald für einen Arbeiter nichts zu tun sein werde, daß alle werden verhungern müssen. Seit den Zeiten vor einem Jahrhundert, da die Weber in England Aufstände gegen die Fabrikanten zu machen pflegten, die maschinelle Webstühle aufstellten, hat die Welt nicht solchen Haß gegen die Maschine gesehen. Man wird sich nicht wundern, wenn wir bald eine ganze organisierte Bewegung zur Abschaffung aller großen Fabriken und der Rückkehr zum Handwerk zu sehen erleben. Erschrockene Seelen spüren, daß die Welt zu „israelitisch" geworden ist, zu weit verirrt ist auf der Suche, gegen den Herrn in seiner Rolle als Schöpfer und Erzeuger zu konkurrieren. Halt, genug! ruft die Welt. Die gegenwärtige Krisis ist im Grunde keine Krise des „Kapitalismus", sondern vor allem eine des Proletariats. Marx sagte einst voraus, daß eine Krise des Mittelstandes, des Krämers, des Kleingewerblers kommen werde. Diese sind, so glaubt er, sozial nutzlos geworden, müssen verschwinden. 60 Jahre nach der Prophezeiung mußte Werner Sombart konstatieren, daß fast die Hälfte aller Arbeiter noch immer im Kleinhandwerk oder im mittleren Handwerk beschäftigt ist, gar nicht zu reden von der Landwirtschaft. Und was den Krämer betrifft, so braucht man keinen Sombart, es genügt, auf die Gasse zu gehen und zu sehen. Aber man beginnt sich zu fragen, ob nicht diese Prophezeiung — und leider besser motiviert — auf das Industrieproletariat zutrifft. Man spricht von 20 Millionen Arbeitslosen und es besteht der begründete Verdacht, daß die Industrie einen großen Teil von ihnen auch wirklich nicht braucht, daß man, wenn die Krise zu Ende und keine Spur mehr von Ueberproduktion da ist, wenn wieder alles produziert werden wird, was die Welt braucht, auch dann den größten Teil der 20 Millionen wird entbehren können. Denn die Maschine macht den Arbeiter immer mehr und mehr entbehrlich.

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