Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 241 (29.4.1932)
- Date
- 1932-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24t DIE NEUE WELT Stfof! scheu der Bevölkerung vor den Ritual- 111 o r d b e s t i c n" zurückgeführt. Als das „Westfältsche Volksblatt", da9 dem Zentrum nahesteht, die aufgeregte Oeffcntlichkeit zu überzeugen suchte, daß es nach den Gutachten erster Kachautoritäten Ritualmorde nie gegeben hat, daß sie sich mit der israelitischen Religion so wenig vertragen wie mit der christlichen, daß Päpste ausdrücklich die Verbreitung der Ritualmord-Mär verboten haben, daß die Angeklagten bekanntermaßen mit der israelitischen Gemeinde von Paderborn noch nie in irgendwelcher Verbindung gestanden und sich am religiösen Leben nie beteiligt haben, wurde von nationalsozialistischer Seite das Gerücht ausgesprengt, das Blatt habe von den Juden einen Blankowechsel erhalten. Seitdem die Gerichtsbehörden im Interesse der Untersuchung keine Mitteilungen mehr über den Stand der Sache machen können, wird die Beschuldigung erhoben, die jüdische Geschäftswelt habe das Schweigen der Zeitungen erkauft, kurz, ein Verbrechen niedrigster und gemeinster Art wird auf die schamloseste Weise politisch verfälscht und so hingestellt, als ob es gewissermaßen zur gewohnten Beschäftigung jüdischer Mitbürger gehöre. Tribüne Holienzollerprinzen unterm Hakenkreuz Die „Neu« Weit" erhielt folgende Zuschrift: Es hat allgemein Aufsehen erregt, daß die Hohienzollerprinzen es sich zur Aufgabe gemacht haben, als öffentliche Propagandisten und Agi tatoren der Hitler-Idee aufzutreten. So hat der Ex kronprinz vor der Reiöhspräsddentenwahl nicht nur erklärt, daß er für Hitler stimmen wird, sondern zugleich alle selbstbewußten Deutschen aufgefordert, in seinen Fußstapfen zu wandeln. Und jetzt lesen wir wiederum, daß der Prinz August Wilhelm förmlicher Wanderprediger im Dienst Hitlers wurde. Er erklärte u. a., daß die Nationalsozialisten neben Hitler überhaupt keinen Kopf mehr brauchen. Nun entbehrt es nicht einer gewissen Tragikomik, daß diesen „allerhöchsten" Herrschaften gerade von dieser Seite seinerzeit eine gründliche Abfuhr zuteil wurde. Vor mir liegt eine Nummer der Zeitschrift „Hammer", Juli 1924, wo eine Säule des Hakenkreuzlertums, Herr Theodor Fritsch, zum Ergötzen der Leser folgendes zum Besten gibt: „Einige Jahre vor dem Krieg sah ich durch Zufall im Schloß Schleißheim bei München den zweitjüngsten Sohn Wilhelms IL Ich wandte mich sofort an meinen Begleiter und raunte ihm ins Ohr; .Ich kann mir nicht helfen, er sieht aus wie ein Juden junge!' Ich habe erst nach dem Krieg von den Wirkungen des Habsburgerblutes auf die Hohenzöllern erfahren und verstand nun erst den Sinn von Bismarcks Worten in bezug auf die Kaiserin Auguste Viktoria: ,Diese englische Stute hat uns die ganze Rasse verdorben!" Soll man nun dieses auffallende Verhalten der Hohenzollernprinzen nach der erhaltenen Ohrfeige als eine Art Renegatenmanier auffassen, um die von den Hakenkreuzlern entdeckte Spur ihrer jüdischen Abstammung zu verwischen? Fast scheint es so. Rabbiner Professor Dr. Bernhard Templer. Allen gefallen ist schwer Vor einiger Zelt brachte die „Neue Welt" ein Zitat aus einem reichsdeutschen jüdischen Blatt, in welchem gegen das Verlagshaus Brockhaus der Vorwurf antisemitischer Einstellung erhoben wird, weil im Lexikon „Großer Brockhaus" die jüdische Abstammung vieler Geistesgrößen in deren Biographien nicht ausdrücklich angeführt wird. Die „Neue Welt" erhielt vom Verleger, Herrn F. A. Brockhaus, aus Leipzig ein Schreiben, in welchem es u. a. heißt: „... Ich gestatte mir zu bemerken, daß keineswegs alle jüdischen Kreise über diese Angelegenheit so denken, wie in dem erwähnten Artikel ausgeführt wird. Ich möchte Sie nur auf die vor einiger Zeit erschienene gegenteilige Aeußerung in der Zeitschrift „Der nationaldeutsche Jude" hinweisen. Uebrigens würde mir sicherlich vielfach die Angabe, daß ein Gelehrter oder ein Künstler, in dessen Leben und Wirken die Religion keine entscheidende Rolle spielt, jüdischer Herkunft oder jüdischer Konfession sei, als Antisemitismus ausgelegt werden. Ueberdies kann es nicht die Aufgabe meines Lexikons sein, festzustellen, ob die betreffenden Persönlichkeiten selbst oder bereits ihre Väter oder Großväter zu einer anderen Konfession übergetreten sind. Bisweilen scheint mir der ausdrückliche Hinweis auf die jüdische Abstammung überflüssig, weil z. B. der ursprüngliche Name Cohen des ausgezeichneten dänischen Schriftstellers Brandes bereits seine Abstammung andeutet. Ich bedaure sehr, daß Sie bei mir an unlautere Motive denken, und bitte, davon überzeugt zu sein, daß ich bemüht bin, mein Lexikon so sachlich und unparteiisch wie irgend möglich zu gestalten. In vorzüglichster Hochachtung F. A. Brockhaus, Leipzig." Bemerkung der Redaktion. Herr Brockau» hat recht, wenn er behauptet, daß es Juden gibt, welche den Gebrauch des Wortes „Jude" oder „jüdische Abstammung" als antisemitisch empfinden. Solange es diese Sorte von Juden gibt, ist es für einen nichtjüdischen Verleger wirklich schwer, allen Juden zu Gefallen zu handeln. Richtigstellung Mit Bezug auf die vom „Wolffschen Telegraphenbüro" ausgegebene Meldung über Resultate bei der Hindenburg-Wahl erhält die „Neue Welt" folgende Zuschrift: „In Ihrer Ausgabe vom 15. April ist die Mitteilung enthalten, daß im Israelitischen Krankenhaus Hitler 95 von zirka 100 Stimmen erhalten habe. Diese auch anderweitig gegebenen Ziffern entsprechen nicht den Tatsachen. Die im Krankenhaus unserer Gemeinde abgegebenen insgesamt 113 Stimmen verteilen sich wie folgt: Hindenburg 95 Stimmen, Hitler 6 Stimmen, Thälmann 11 Stimmen, ungültig 1 Stimme, zusammen 113 Stimmen. sichere kapltalsanlage hohe Verzinsung befriedigende tällgkelt bieten privatwlrtschafillche Unternehmungen In Palästina beratung Vermittlung Verwaltung durch Julius berger Jerusalem p. o. b. 832 Hiezu ist zu bemerken, daß ein erheblicher Teil der Patienten unseres Krankenhauses nichtjüdisch ist. Wir bitten um entsprechende Richtigstellung. — Hochachtungsvoll Vorstand derlsraeliti sehen Gemeinde Frankfurt. Max Nordaus Bekenntnisse Briefe an seine Frau aus dem Jahre 1920 „Wenn man von den qualvollsten Tagen seines Lebens sprechen könnte, so waren es die Tage des Jahres 1920 in London." Maxa Nordau. „Ich habe immer mit scheuem Eifer die Freiheit und völlige Unabhängigkeit meiner Feder geschützt." So schrieb Max Nordau an seine Frau im Mai 1920. Diese seltene Eigenschaft mußte er wieder einmal in einer Aufgabe anwenden, die seiner in London harrte. Nach seiner Rückkehr von Schottland hatte er zahlreiche Konferenzen und Unterredungen und nahm an vertraulichen Zusammenkünften teil. Es waren die Tage nach San Remo. Die einen, wie beispielsweise Israel Zangwill, unterstützten ihn, weil sie seine wertvollen Kräfte für den Zionismus erkannten. Die anderen kamen aus der.,- einfachen Neugierde, zu sehen, wie der Freund Herzls gegen die schwachen, trägen und feigen Seelen polemisieren würde. Am 5. Mai kehrten Weizmann und S o k o l o w von Palästina und San Remo nach London zurück. Die Zionistische Organisation bereitete einen großen Empfang vor. Einige Tage später fand unter dem Vorsitz Bad GIeichenberg 300 nv Seeftöhl^' v v Steiermark Kurzelt : April-Oktober Berühmte Heilquellen, natürlich-kohlensaure Bader, pneumatische Kammern, Inhalatorien Hervorragende Heilerfolge bei Katarrheft, Asthma, Emphysem, Herzleiden Schönster-Erholungsaufenthalt Pension von S 8.— aufwäris Verlangen Sie Prospekt PI von der Kurkornmiäsion von Max Nordau eine Feier statt, an der u. a, Baron James de Rothschild, Sir Herbert Samuel und Ach ad Haara teilnahmen. Das Auditorium glaubte, daß man hier etwas Entscheidendes sagen werde, aber niemand fand den Mut, zu bekennen, noch weniger auszusprechen, „daß dqs Mandat mehr und mehr zusammenschrumpfe, und daß der große Augenblick den Händen der Juden entwischt sei". Nur Nordau sprach es aus und die Anwesenden wußten, wie er über die Entwicklung der Dinge dachte. Frau Nordau, die durch einen Brief informiert war, daß er. durch die Mitglieder der Organisation gezwungen, bei der großen Versammlung den Vorsitz geführt habe, fragte ihn: „Wie kommt es, daß ich deinen Namen in den „Times" nicht erwähnt finde?" — „Bedenke doch", antwortete er, „das ist ja ein Bericht der Organisation."' Die systematische Zurückdrängung und Zurücksetzung des alten Herzl-Zionisten nimmt hier ihren Anfang. Das schlechte Gewissen der Leitung verträgt nicht den Mann von Mut, Charakter und Aufrichtigkeit. Nordau fühlt, wie die „neuen Herren" eine Scheidewand zwischen ihm und der Organisation errichten wollen. Seine einzige Freude ist das Wiedersehen mit den alten Kampfgenossen der ersten Kongresse, wie K r e m enetzky, Naiditsch u. a. Er schreibt seiner Frau nach Paris: „Herr Landqiana, (Sekretär der Londoner Exekutive) ist gekommen, um mit mir meine Pläne und Wünsche zu besprechen. Ich sagte ihm, daß ich nach Paris und von hier auf den Balkan reisen will (S'o f i a, P h i 1 i p p o p e 1, Saloniki, Athen, vielleicht K o n s t a n t i n o p e 1) und nach Jerusalem und über Aegypten zurü c k. Wir werden sehen. Die Atmosphäre in den Büros der Organisation kann ich nicht einatme n." Im Zusammenhang mit seinem Palästina-Projekt wendet er sich, um Hebräisch zu lernen, au den jungen Yellin nach Jerusalem, einen Verwandten des Professors Yahuda. Darüber schreibt er an seine Frau; „Das ist die letzte Idee Yahudas. Es ist notwendig, daß ich Hebräisch spreche, um Palästina zu überraschen, und zu diesem Zweck hat er vier Lektionen pro Woche eingerichte t." Der folgende Brief an seine Frau beleuchtet die Situation. , 19. Mai 1920. „Heute Vormittag wohnte ich einer Sitzung der „politischen" Kommission bei. Es ist immer die gleiche Komödie. Ich höre zu, ohne etwas zu sagen. Mein Schweigen drückt und stichelt sie sichtlich. In irgend einem Augenblick wendet sich jemand an mich: Wollen Sie uns nicht Ihre Ansicht kundgeben? Heute war es Dr. Feiwcl, der diese schöne Aufgabe übernahm. Ich bin noch genug dumm, indie Falle zu gehen und ihnen meine Ansicht auseinanderzusetzen. Sogleich wetteifert jeder darin, mir in einem bösen Ton zu antworten lind mich mit den leersten und dümmsten Argumenten zu widerlegen. Ich sage nichts mehr und ein paar Minuten , darauf entferne ich mich. Sie nehmen sich nicht mehr die Mühe, ihren Haß zu verbergen." Der tragische Unterton dieses Briefes macht die Stimmung klar, in welcher die weiteren Attacken des Londoner Büros gegen den Mitkämpfer Herzls vor sich gingen, um schließlich zu einer „Ausschiffung" Nordaus zu führen. Inzwischen hält ihn das Studium der hebräischen Sprache gefangen. Voll innerer Erregung meldet er seiner Frau: 21. Mai 1920. „Bald werde ich Dir hebräische Briefe schreiben können. Du wirst sie schätzen nnd würdigen, hoffe ich." Inzwischen gehen die Intrigen gegen Nordau weiter. Man versucht, der zionistischen Welt vorzuspiegein, daß Nordau, der bei Kriegsbeginn als feindlicher Ausländer aus Paris flüchten mußte, Frankreich 'nicht genehm sei und daher nicht an der Spitze der Organisation stehen könne. Im nachstehenden Brief enthüllt Nordau die Mache. 28. Mai 1920. „Ich glaube keinen Augenblick, daß es französischer Einfluß war, der mich abseits stellte. Das haben sie aus eigenem gemacht. Sie wußten sehr gut, daß ich sie nur genieren könnte. Wenn sich hier keine einzige offizielle Persönlichkeit um mich kümmert, so hat das einen einfachen Grund. Die offiziellen Politiker sind positiv eingestellte Leute, Praktiker. Sie kümmern sich nicht um einen Menschen, der keinen sichtbaren Einfluß verkörpert. Aber all das geht mir persönlich nicht nahe. Ich seile nur mit Bedauern, daß die kleinen geschickten „Arrivisten" im Begriffe sind, aus niedriger Eitelkeit, Eifersucht und Herrschsucht eine Gelegenheit zu sabotieren, die, wie ich glaube, zu wirklich großen Dingen hätte führen können." Der „sichtbare Einfluß", von dem Nordau im vorstehenden Brief spricht, ist der Apparat, die Maschine, die sich in den Händen der „Arrivisten", der Emporkömmlinge, befand, und den sie benützten, um alle an den Großzionismus glaubenden Persönlichkeiten und die einstigen Mitarbeiter Herzls auszuschalten. Der nächste Brief zeichnet die Situation noch eindeutiger; 2. Juni 1920. „M. Landmann bat sichere Beweise dafür, daß hier ein schwarzes Kabinett am Werk ist. Ich erhielt gestern den Besuch des Generals Deeds,. des ersten Mitarbeiters und Vizegouverneurs von Sir Herbert Samuel. Ich habe noch nicht herausbekommen, was dieser Besuch bedeutet H. Weizmann selbst hat mir diesen Besuch angekündigt. Wir hatten ein Gespräch über allgemeine Dinge in der allerbanalsten Form. Zu welchem Zweck?" Das Spiel geht, weiter. Wieder wird mit dem Motiv gearbeitet, daß F r a n.k reich den zionistischen Wünschen entgegenarbeiten würde, sollte Nordau an die Spitze der zionistischen Weltorga-