Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 241 (29.4.1932)
- Date
- 1932-04-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 241 DIE NEUE WELT Seite 1 der Bolschewiken. Aus diesem Fonds werden in Palästina die Mittel für Pogrom-Agitation unter den Arabern bestritten, höchstwahrscheinlich auch für Waffen, Mordwerkzeuge. Und der Rektor der hebräischen Universität empfiehlt ihn! Vielleicht wird jetzt mancher Zionist mehr Verständnis für den Kampf haben, den, vor allen anderen, die Zionisten-Revisionisten gegen den die Universität beherrschenden Geist führen. Das ist kein Kampf gegen die „Lern- und Lehrfreiheit", wie heuchlerisch erklärt wird; kein Kampf um des Radaus willen. Das ist ein Kampf auf Leben und Tod des jüdischen National heim es! Kommunismus—Trumpf! Die jüdische Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts wird erst verständlich, wenn man sich vor Augen hält, daß die westjüdischen Führer seit Mendelssohns Zeiten nur ein Ziel vor Augen hatten: „Als Aufgeklärte zu gelten." Das achtzehnte Jahrhundert, das Säkulum der Aufklärung, war wohl schon vorbei, aber die Juden, dieses konservative Volk, wurden von einer panischen Angst beherrscht: Gott behüte! Man könnte sie noch für rückständig, reaktionär halten! Und diese Angst ist es — nicht das Lebensinteresse der jüdischen Nation, die heute noch das Denken und Wirken der meisten jüdischen Führer — auch der Zionisten — bestimmt. Diese Angst ist' es, die ihr Verhalten zur Sozialdemokratie und jetzt zum Kommunismus bestimmt. In der Berliner „Jüdischen Rundschau" ist vor kurzem eine lehrreiche Diskussion über das Thema „Zionismus und Kommunismus" abgeführt worden. Da meldete sich eine ganz erkleckliche Zahl von deutschten Zionisten zum Worte, die überhaupt keinen Gegensatz zwischen Kommunismus und Zionismus zu erblicken vermögen. Der eine befürchtet, daß „der Zionismus möglicherweise — vom Proletariat aus gesehen — jenseits der Barrikaden stehen" werde, wobei er mit Freuden feststellt, daß „die allgemeine Nationalitätenpolitik der Sowjetmacht in der Gegenwart nicht in einem grundsätzlichen Gegensatz zu zionistischen Anschauungen steht, so daß die Möglichkeit eine Annäherung der Auffassungen erscheint". Der andere geht noch weiter und betont, daß es „eigentlich zwischen Zionismus und Kommunismus keine unvereinbaren Gegensätze" gebe. Was verschlägt's, daß Tausende von Zionisten in Sowjetkerkern verschmachten, daß Juden von der G. P. U. massenhaft gefoltert werden, um von ihren ausländischen Verwandten Lösegelder und Devisen zu erpressen, daß die hebräische Sprache in Sowjetrußland in Acht und Bann getan ist, daß die Kommunisten in Palästina die Araber zu Pogromen aufwiegeln, all das kann den Sympathien dieser „Zionisten" für die Sowjetmacht keinen Abbruch tun. Man sieht förmlich, wie diese Zionisten hinüberlugen ins kommunistische Lager und die Bestätigung erwarten, daß sie wirklich und wahrhaftig radikal und fortschrittlich gesinnt seien. Und wie geht es bei den Zionistenkongressen zu? Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Abstimmung für den Protest gegen die Verfolgung des Judentums und des Zionismus in Sowjetrußland von Kongreß zu Kongreß größeren Hindernissen begegnet, weil unsere braven Sozialdemokraten vor lauter Hinüberschielen nur mehr schwer den Mut aufbringen, ihre Hände — wenn auch nur bildlich — gegen die Bolschewiken zu erheben. Hiebei strömt die jüdische Jugend in hellen Scharen ins kommunistische Lager über — die Sozialdemokratie wird nur als Uebergangsetappe betrachtet — und selbst im Kreise der angegrauten Köpfe Die Brautejtern küßten sich und' weinten voll Freude. Der Bräutigam und die Braut erscheinen. Zum erstenmal empfing Boruch einen warmen, freundlichen Blick von Awrejmel. Statt eines hat er nun zwei: die Braut gefällt ihm immer mehr. Hingegen hat es Oscher irgendwie die Sprache verschlagen. „Ich bin irgendwie nicht ganz in Ordnung", klagte er. Ihn peinigte ein Zweifel, den er niemand anvertrauen konnte. Er kränkelte bis zur Hochzeit. Er bat, die Hoohzeit zu verschieben . . . Oft träumte er, daß man ihm einen Brief in die Hand gegeben habe . , . daß man ihn herauszusagen heiße, was in dem Brief steht . . , aber er ist in einer Sprache geschrieben, die er nicht versteht . . . Zur Hoohzeit trieb es ihn vom Krankenlager. Er sandte eine,n Brief an Rifke; wartete auf Antwort von Tag zu Tag, hoffte, sie bis zur Trauung zu halben — dann würde es mit dem Zweifel zu Ende sein! ... Er tröstete sich damit, daß ein guter Brief ankommen wrde; Gott behüte! wäre doch bei schlechtem Stand unverzüglich eine Antwort gekommen. Aber am Trauteg kam ein Brief an, kein guter und kein sohlechter — ein Brief von fremder Hand des Inhalts, daß Rifke gestorben sei und ihr Geheimnis mit ins Grab genommen habe. * Und es wird Hochzeit gefeiert. Musikanten spielen, man hört den Marsch zum Traualtar. Alle siud fröhlich und ausgelassen. Nur Oscher sitzt allein und denkt Uber die tote Rifke nach und über ihr Gebeimnia, das sie ine Grab mit sich genommen hat. greift die bolschewistische Seuche immer mehr um sich. Selbst die zionistische Leitung erweist Moskau ihre Reverenz. Der hebräische Schriftsteller Rüben Brainin hat dieser Tage in Amerika seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert. Brainin, ein sehr begabter Publizist, der sich um die Entwicklung des neuhebräischen Schrifttums große Verdienste erworben hatte, ging vor einigen Jahren ins Sowjetlager über. Er entdeckte plötzlich sein Herz für die Kolonisation in der Krim und in Biro-Bidschan und hatte kein Interesse mehr für Palästina, was um so mehr überraschen mußte, als Brainin aktiver Zionist und noch vor kurzem Vizepräsident der Zionistischen Organisation in Amerika war. Brainin verlegte sich auf die Propaganda für Sowjetrußland, die ihm aber übel bekam, da sich die jüdische öffentliche Meinung mit Entrüstung von ihm abwandtc. Vergebens rief der Vereinsamte ein Schiedsgericht gegen seinen Ankläger B i a 1 i k an, der ihn als Verräter bezeichnete, es half ihm nichts, er ging als Gerichteter aus der Verhandlung hervor. Nun benützte der alte Mann die Vollendung des siebzigsten Lebensjahres, um in der jüdischen Welt um Sympathien zu werben. Es gelang mit Müh und Not, ein Festkomitee für Brainin zusammenzutrommeln, dem u. a. auch — man höre und staune! — Nah um Sokolow und Louis L i p s k y angehören. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und ein Führer der amerikanischen Zionisten feiern einen abtrünnigen Zionisten und aktiven Sowjetagenten! Dies löste in zionistischen Kreisen in Amerika großen Unwillen aus und die hebräische Zeitschrift „H a d o a r" in New York brachte einen geharnischten Artikel gegen Sokolow. Aber Sokolow steht nicht allein, er hat viele Nachahmer in der jüdischen Welt. Da hat vor einigen Tagen Kavalira^Jinf leren nur m. jjgjtg^d^^^ Musik, Humor, Spannung bringt der große deutsche Tonfilm W<*SSliebe mit dem größten Tenor der Gegenwart KAMMERSÄNGER. RICHARD TAUBER und dem übrigen Starensemble Ab heute: Ellte-KIno, Lustspleltheoter. Flotten-Kino. Wienzellß-Klno oer einzig schwedisönen weitmarke im Warschauer jüdischen Journalistenverein E 1 c h a n a n Z e i 11 i n den Antrag eingebracht, gegen die Verfolgung des Zionismus und der jüdischen Religion in Sowjetrußland Protest einzulegen. Der Antrag begegnete der schärfsten Gegnerschaft der linksgerichteten Kreise, die ihn schließlich zu Fall brachten. Dagegen kam eine Resolution zur Annahme, worin gegen die Verfolgung der Sozialdemokraten im Sowjetreiche, Einspruch erhoben wird. Wir sind wahrhaftig ein aufgeklärtes, fortschrittliches Volk, würdig, ein Wohlverhaltungszeugnis aus Stalins Händen zu empfangen! Ludwig Bato. Boykofi*Propaganda gegen England Wilde Plakaüerung in Berlin — Eine Erklärung Jabotinskys Vor einigen Tagen wurden die Schaufenster, Türen und Schilder größerer jüdischer Geschäftsladen — insbesondere der Textilwarengeschäfte — mit auffallenden roten Plakaten be-> klebt, welche ^'die' . Auttdfrjt&fäg zum B oy ko tt En glands trugen. Unter Hinweis auf das antizionistische und antisemitische Verhalten ,der englischen Verwaltung in Palästina und der mandatswidrigen Politik der MacDonäld-Regierung wurden die jüdischen Geschäftsleute ersucht, keine englischen Waren zu beziehen und zu verkaufen. Unterschrieben war eine nicht näher bezeichnete „Nationale Jugendorganisation" (Norr Leumi). Die Aktion erregte ziemliches Aufsehen.' In englischen Blättern erschienen Meldungen aus Berlin, nach welchen diese Aktion von der Union der Zionisten-Revisionisten und dem Jugendverband „Brith Trumpeldor" (Bethar-Organisation) in Berlin veranlaßt worden sei. Die „Neue Welt" ist nach Anfrage in Berlin in der Lage festzustellen, daß die Aktion ohne Wissen und ohne Zustimmung der zionistisch-revisionistischen Leitung und der 'Leitung des „Bethar" unternommen wurde. Eine spontan gebildete Gruppe junger Leute, darunter einiger Betharim, haben auf eigene Faust gehandelt. In dieser Angelegenheit hat die „Neue Welt" von HPmORRHOfDEn SIND HEILBAR! AUFKLÄRUNG KOSTENLOS durckoie An die Rathaus-Apotheke, Wien I, Stadion?. 10/N.W.2. Ich bitte um kostenlose Zusendung der wissenschaftlichen Broschüre „Die Hämorrhoiden und Ihre Bekämpfung" Name:................................................................................................................... Adresse:................................................................................................................... Vladimir Jabotinsky, der in seiner Eigenschaft als Rosch Bethar (Oberster Führer des Bethar) und im Namen der Weltleitung des Bethar (Schilton) zeichnet, folgende Erklärung erhalten: Paris, 20. April 1932. — Geehrte Redaktion! Mit Bezug auf die in Berlin erfolgte Plakatierung von Boykott-Aufforderungen gegen England, an welcher einige Mitglieder des Bethar als Einzelpersonen teilgenommen haben sollen, teile ich Ihnen im Namen des Schilton folgendes mit: Da der Bethar keine politische Organisation ist, unterliegt 'die Angelegenheit der individuellen Beteiligung von Betharim an dieser Aktion nicht der Jurisdiktion des Schilton. Trotzdem erklären der Rosch Bethar und der Schilton, daß sie irgendwelche Beteiligung von Betharim an einer Boykottaktion gegen englische Waren sehr ungern sehen. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Arbeitslosigkeit in England zu vermehren. Und es ist nicht gerecht, in dieser Weise gegen ein Land vorzugehen, wo Totzereth Ha-Jischuw (Landesprodukte Palästinas) gerne gekauft werden. Mit Dank und Gruß V. Jabotinsky. * Die Erklärungen der Leitung der Zionisten- Revisionisten und Jabotinskys sind begrüßenswert, weil sie Klärung schaffen. Nichtsdestoweniger, wäre es verfehlt, an der Berliner Demonstration achtlos vorüberzugehen. Insbesondere sollten die Leiter der englischen Politik das Geschehnis. beachten. Diese Separataktion einiger junger Zionisten, so unüberlegt sie auch unternommen worden ist, ist doch als Symptom sehr beachtenswert. Wo vor nicht allzulanger Zeit dem englischen Volke überquellende Liebe und Achtung entgegengebracht wurde, macht sich jetzt Erbitterung gegen die Führer der englischen Nation geltend. Die verantwortlichen zionistischen Faktoren lehnen die Handlungsweise dieser jungen Menschen ab, aber sie finden die Erbitterung dieser in ihrem Höchsten verletzten jungen Menschen begreiflich, allzu gerechtfertigt. Das sei den jetzigen Führern der englischen Nation mit allem Nachdruck gesagt. Zwei Pogromproze§§e In Griechenland In ihrer Denkungsart und ihrem Temperament sonst ganz verschiedene Nationen werden einander ähnlich, wenn sie an die Judenfrage geraten. Gerichtsverhandlungen in Griechenland tragen gewill einen wesentlich anderen Giarakter als solche in Polen. » Aber wenn es um Judeu geht, wird die Aehnlichkeit ganz fatal. In Griechenland hat in diesen Tagen ein großer Pogromprozeß stattgefunden und ebenso in Polen. Die griechischen Staatsanwälte, Richter und Geschworenen haben sich mit den polnischen gewiß nicht verständigt, gewiß nichts unternommen, verabredet, und doch sind sie zu einem haargenau übereinstimmenden Schluß gekommen: „Wenn jüdische Häuser verbrannt und jüdische Menschen erschla- und in Polen gen werden, sind letzten Endes die Juden die Schuldigen, die Mordbrenner und Schlager sind schuldlos, freizusprechen..." So denkt und urteilt man nun einmal im sonnigen Athen und im kühlen Warschau. Der Prozeß um den Progrom in Saloniki Aus Saloniki wird gemeldet: In dem in V e rria stattfindenden Prozeß gegen die Urheber des Pogroms in Saloniki im Juli 1931 trat eine Wendung ein, die man auf unbekannte äußere Einflüsse zurückzuführen geneigt ist. Der Staatsanwalt, der während des ganzen Prozesses und auch im ersten Teil seines Anklageplädoyers eine sehr strenge