Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 240 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 240 DIE NEUE WELT Seite 5 Märtyrer der Kleinstadt Kurt Sabatzky schildert in der Berliner .,C. V.¬ Zeitung" die Lage des jüdischen Bevölkerungsteils in Masuren: In Allen st ein, der masurisch-ermlündischen Hauptstadt, die eine überwiegend katholische Bevölkerunghat, klagen die Juden über Boykott und über Terror-Akte. Einer der stärksten Herde des Nationalsozialismus in Ostpreußen ist N e i d e n b u r g. In unmittelbarer Nähe des Marktes liegt das „Braune Haus", geschmückt mit. Hakenkreuzfahnen und Transparenten. Die Medikamente der Marktapothe k e tragen Etiketts mit Hakenkreuzaufdruck, wogegen der Centraiverein vergebens protestiert hat. In der Stadt wurde das Gerücht verbreitet, die Juden hätten Kommunisten bestochen, Landesverrat zugunsten Polens zu üben, weil sie wünschen, dafi Ostpreußen an Polen fällt, da in Deutschland die Hitler-Regierung bevorstehe. Selbst der Synagogengemein de in Neidenburg ist es nicht einmal möglich, abendliche Sitzungen der.Gemeindekörperschaften abzuhalten, ohne dafi Uber sie die cntstcllcndsten Nachrichten verbreitet und in der nationalistischen Presse abgedruckt werden. So wurde behauptet, in einer Gemeindesitzung sei scharfe Kritik am R e i c h s b a n n e v geübt worden, dessen Angehörige von den Juden je 10 Reichsmark bekommen hätten, ferner sei ein Beschluß gefaßt worden, zum Boykott christlicher Geschäfte aufzufordern, um diese tot zu machen. In der Dunkelheit wagen die Gemeindeangehörigen jetzt schon gar nicht mehr auszugehen, da verschiedentlich Ueberfälle vorgekommen sind. Auch Lokale wagen sie aus Furcht vor Zusammenstößen nicht zu betreten. Die staatliche Aufsichtsbehörde des Kreise?» schreitet nicht in genügender Weise ein. In Neidenburg hat die Polizei gänzlich versagt. ' - Auch in O r t c ). s b u r g liegen die Dinge schlimm. Hier herrscht vor allem erheblicher B o y k o t t. In Johannisburg wurde innerhalb eines Vierteljahres die Synagoge nicht weniger als zweimal geschändet. Einmal warf man während des Gottesdienstes einen Stein in die Synagoge: jetzt wurde' iti der Osteinacht das Tor der Synagoge ausgehoben und zusammen mit zwei Lastwagen jüdischer Fischhändler in den Pisset-Flufi geworfen. Die Juden in dem in unmittelbarer Nähe der Grenze liegenden Städtchen Biala, dessen Bürgermeister Dr. Rohrmoser Nationalsozialist ist, haben ebenfalls unter den Nationalsozialisten stark zu leiden. In besonders starkem Maße aber leidet Lyck' unter ihrem Terror. Auch hier starker Boykott, unterstützt besonders durch einen erheblichen Teil der n i c h t j ü d i s c h e n K a u f 1 e u t e. die sich die Konkurrenz vom Hälse schaffen wollen. In Sensburg treibt die Verhetzung besondere Blüten, wo vor etwa zwei Jahren die Synagoge geschändet wurde. In starkem Maße wird über Boykott in G o 1 d a p geklagt. Für Ostergerichte das reine Kunerol.. Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Mehlspeisen ganz besonders geeignet. Kunerol wird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt - es kommt während der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht deö Herrn Bezirks« rabbiners S. E h r e n f e I d zu Mattersburg hergestellt. 100%REINES KOKOSNUSSFETT US eu Beilage der »Neuen Welt« für Deutsdhland. 9 Füi'alredakfaon und Administration: Berlin/ Charffotfenburg % joadunastfaflersfraße 3/M Der Tanz um den Judenpunkft Wenn es um die Verzerrung des Judenproblems gehL sind die Assimilanten gleich zur Stelle. In Deutschland haben die, Vertreter des Centralvercins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens diese Rolle gepachtet und spielen sie mit einer Virtuosität*, die den ernstesten Menschen heitere Stunden bereiten kann. Anläßlich der Hindenburg-Wahl hat dieser Abwehrverein in 100.000 Exemplaren seine Propagandazeitschrift verbreitet und darin den Nachweis versucht, daß wir Juden alles sind — nur keine Juden. Die Beteuerung durch Worte genügte diesen gründlichen Bekennern nicht, sie verstärkten sie durch B i 1 de r. Eines dieser Bilder zeigte das dreiblättrige Kleeblatt einer Jnonden, deutschen Jüdin mit Gretchenfrisur, eines Jerusalemer Yemeniten und eines jüdischen Phantasie- Chinesen. Hunderttausendmal sollte — der Bildtext stellte die_ Frage, ob die drei Menschen einer Rasse angehören — bewiesen werden, daß die Herren vom Zentralverein stramme Deutscheseien, blond, -blauäugig, wie das abgebildete Gretchen, und daß sie nichts gemein haben mit dem langbärtigen Yemeniten und dem langzöpfigen Chinesen. Das Germanenblut der israelitischen Centralvereiuler bewährt sich. Ganz nach germanischem Muster stellen sie das blonde Gretchen als den Typ der deutschen Jüdin hin,, präsentieren es als die ideale Thusneldafigur, die den Hakenkreuzlern als Rassenmutter gilt. Wie wir wissen, haben die 13V3 Millionen Hitler- Wähler diese schöne Theorie der C. V. nicht akzeptiert. Das Judenblut, das vom Messer spritzen soll, rinnt auch in dem blanden, jüdischen Gretchen, das nach der Darstellung des Centraivereins tausende Meilen von Jerusalem ivnd Peking entfernt ist. Unsere deutschen Assimilanten haben Pech. Sie wollen nichts gemein haben mit dem Yemeniten aus Jerusalem, mit dem Judenchinesen aus Peking, mit ungarischen Juden aus Budapest, schon garnichts mit dem — Kaftanjuden aus Warschau. Sie sind blond, blauäugig und ihre Mädchen tragen eine Gretchenfrisur. ] . Ist das Wirklichkeit? Oder ist das Spuk? Sind Gespenster lebendig geworden im Jahre des Unheils 1932? 5V Jakob Wassermann hat im Goethe-Jahr < geschwiegen. Das ist verwunderlich. Denn gerade er hätte diesmal Gelegenheit gehabt, ein besonders reizvolles „Goethe und . . .", etwa „Goethe und meine Ahnen", als innerstes Bekenntnis der deutschen Welt hinzulegen: gerade Jakob Wussermann, der mit Stolz betont, daß seine Ahnen seit Jahrhunderten in deutschem Boden wurzeln und aus denselben alten Quellen deutscher Kultur getrunken haben, wie sein verstorbener Kollege Goethe. Er selbst hat geschwiegen, dafür sprechen andere für ihn. Wieder einmal die Herren vom Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. In ihrer Goethe gewidmeten Vereinsnuramcr. erzählen sie, daß ihr Goethe über jeden Antisemitismus erhaben war und gelegentliche Unfreundlichkeiten gegen Juden sich nur auf •solche beziehen».-: die nicht'so? fortschrittlich waren wie etwa die. Autoren ^des Centralvereins-Organs; auf solche Juden, wie sie der Frankfurter Ghetto beherbergte; auf rückschrittliche, in der. Tradition beharrende, das Juden- ' deutsch redende deutsche Israeliten. Ja, auf diese hatte es Goethe scharf, ebenso scharf wie Jakob. Wassermann, der Deutschjude, der diese Elemente als verwildert, verwahrlost, beutegierig, kulturfeindlich bezeichnet hat. Goethe war gerecht, sagen die Gesinnungsfreunde des Israeliten Wassermann. Denn mit der parfümierten, weihrauchumringelten, geistreichen Salondame Rahel Varnhagen, die bestimmt keine kodiere Küche führte, verstand er sich sehr gut. Und wie hätte er — so protzen die C.-V.-Israelifen überzeugt — ihnen recht gegeben, daß sie als Muster jüdischer Kulturleistung für die deutsche Welt Männer wie Felix Mendelssohn, Heine, Börne, Marx, Lassalle hinstellen, Männer, die dem jüdischen rückschrittlichen Kaftan entsprungen und in die fortschrittliche christliche Kutte geschlüpft sind! Schade, daß Jakob Wassermann uns sein „Goethe und... . ." nicht geschenkt, hat. Denn Goethe hat zwar seine rückschrittlichen Ghettoahnen abgelehnt, ihn aber, den fortschrittlichen, „im Geiste lebenden" Enkel hätte er bestimmt zum literarischen Tee geladen. r. Politische Aktion der Revisionisten Deutschlands; Das revisionistische Exekutivkomitee hat den 11. März 1932 als'den Tag'der'Manifestationsaktion proklamiert, an dem das bekannte Manifest des Exekutivkomitees der jüdischen und'nichtjüdischen Oeffentlichkeit zur Kenntnis gebracht werden sollte. In diesem Manifeste protestiert das revisionistische" Exekutivkomitee gegen das Vorgehen Englands in Palästina. Wie bekannt, wurde diese Aktion in den meisten Ländern durchgeführt und in Genf, dem Sitze des Völkerbunds, fand eine Pressekonferenz statt, bei der Dr. Soskin den Vertretern der internationalen Presse die entsprechenden Erläuterungen gab. Unter anderen brachte auch das „Berliner Tageblatt" eine ausführlichen Bericht. Im Einvernehmen mit dem Exekutivkomitee in London hat der Landesvorstand der Zionisten-Revisionisferi in Deutschland von der Aktion am 11. März Abstand genommen, weil um diesen Zeitpunkt die Kampagne für die R e i c h s p r ä s i d e n t e n tv a h 1 den Höhepunkt erreichte. Der Landesvorstand der Zionisten-Revisionisten hat in einer seiner Sitzungen beschlossen, alle Wahlen abzuwarten, und erst dann mit diesem Manifest vor die jüdische und nichtjüdische Oeffentlichkeit zu treten. 'In .'dieser Woche, begab sich nun Herr Lichtheim, der Vorsitzende des revisionistischen Landesverbandes für Deutschland, in das Außenamt der deutschen Regierung und überreichte das Manifest.* Dasselbe wurde vom Landesvorstande auch an folgende Persönlichkeiten versandt: An alle Mitglieder des Reichstags, an die Mitglieder der Reichsregicrung, an die Mitglieder der preußischen Regierung, an die auswärtigen Botschaften und Gesandtschaften in Berlin, andie führenden Persönlichkeiten der Finanz, Kunst und' Wissenschaft, an die führenden jüdischen Persönlichkeiten, an alle Mitglieder des deutschen Pro-Palästina-Komitees ü. dgl. m. Zugleich wurde das Manifest in allen Orten, wo revisionistische Ortsgruppen bestehen, an die führenden' jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten des betreffenden Landes und Ortes gesandt, auch an die ge-" samte deutsche Presse. Der Landesvorstand der Zionisten-Revisionisten für Deutschland' hat dem Manifest ein- Begleitschreiben beigefügt, das folgenden Wortlaut hat: „Euer Hochwohlgeboren! Wir überreichen Ihnen ergebenst nachstehende Erklärung, die soeben von der Weltunion der Zionisten-Revisionisten (Zentrale in London) an die jüdische Oeffentlichkeit erlassen wurde. Die Union verfolgt seit langem'mit wachsender Besorgnis die Haltung Englands in Palästina u.nd mußte in den letzen Jahren wiederholt darauf aufmerksam machen, daß die Mandatarmacht 'sich mehr und mehr den Verpflichtungen zu entziehen sucht, die ihr aus der' Balfour-Deklaration und dem vom Völkerbund bestätigten Mandat über Palästina erwachsen. Die Ereignisse der . letzten Zeit haben es uns. als unsere Pflicht erscheinen lassen, sowohl an das jüdische Volk wie auch an die gesamte Oeffentlic h k e i t aller zivilisierten Staaten zu appellieren und gegen das mandatwidrige Verhalten Englands in Palästina. Protest zu erheben. Dieser Protest ist in dem nachstehend abgedruckten Manifest der Weltunion der' Zionisten-Revisionisten nunmehr in aller Form nieder-, gelegt worden, und wir nehmen an, daß der Inhalt dieses Manifestes das Interesse Euer Hochwohlgeboren finden wird."__ KmimiiätenUabineU Nach der Wahl Hindenburgs Der bekannte Publizist J. K1 i n o w, der Berliner Korrespondent der Warschauer jiddischen Tageszeitung „Hajnt" bespricht im „Hajnt" die . Lage in Deutschland :,nach der Wahl Hindenburgs. Klinöws Aufsatz entnehmen wir folgenden Passus» Wenn manchmal der Beweis für das jüdische Kuriositätenkabinett nicht gerade zur Hand ist, so hatten wir jetzt Gelegenheit, ihn zu finden: in der Berliner „Jüdischen Rundschau", in der letzten Nummer vor den Hindenburg-Wahlen. Die zionistische Zeitschrift besprach sachlich die Lage, gab eine Analyse. Als es aber dazukam, eine Parole für die Wahlen zu geben, konnte sich die „Rundschau" nur abringen zu sagen: Man stimme gegen Hitler! Nichts sonst. Nur gegen Hitler... Den Sozialdemokraten durfte es passen, offen und klar die Parole für Hindenburg auszugeben. Die zionistische „Rundschau" ist anscheinend zu radikal für so etwas. Man kennt den Grund. In der deutschen zionistischen Organisation tummeln sich' allerlei Seelchen, ein Gemisch von zuckersüßen Zionismus-Pazifismus-Kommunismus, dem wirklichen Leben fern, vollgepropft