Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 240 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIENEUE WELT Nr. 240 2 litttUe Her etounslrot t« Simmsbttt utt»(in« öl« DoirsndtjTangsmiittl &rn «tfNn »<tn$ eht|an«t)min «t» ftont K>oty ld* mf hm «rttrtt fcn JSUfMwttif&ittitijt tat. 3. Simon«« irrt ff Iti^t tRftMff^ in» dbcrtttfft an I0«t|^»id)m«<» mtfites Cca^ftnt je^6 anbfr* Katnfcrot 3« fctn snHn gfttatofrfrmthmacn »«» ©M««i«n erWUH* «l«t*nMwlf<tirit ftBiabfttgran 11 JflgUd)*r <pe|ft>ctfattö - Sjporl J Moral durch Juden sehr genau nimmt und täglich Lieder zu singeri weiß von der Korruptionierung der bräven Oesterreicher durch die schlimmen Juden, benimmt «ich sehr zurückhaltend, scheinbar um des ungarischen Barons willen, der zwar in seiner Heimat rassenschützlerische Allüren an den Tag legt, in Wien aber weniger empfindlich ist. Nichtsdestoweniger ist anzunehmen, daß die Elemente, die sich heute in Oesterreich um die Hakenkreuzfahne scharen, den ungarischen Baron, den Hauptbeschuldigten, in die Versenkung fallen lassen werden, um mit desto größerer Wucht die „jüdischen Falschspieler" zu attackieren. Man erinnert sieh noch an die hakenkreuzlerischen Demonstrationen gegen den Remarque-Film „Im Westen nichts Neues" und an den Lainzer Mordprozeß. Im ersten Fall lancierte die sozialdemokratische Kinogesellschaft „Kiba" einen: pazifistischen Film, im zweiten Falle gab es neben dem jüdischen Angeklagten jüdische Anwälte, jüdische Zeugen, eine „Judenpresse" und im Zwielicht des Skandals eine aus abgefallenen, am Rande der Sittlichkeit vagierenden Juden bestehende Gesellschaft. Die Dinge hatten mit dem Judentum, mit dem, was wir nationalbewußte Menschen .als jüdisch empfinden, nicht das geringste zu tun. Aber die Meute machte daraus jüdische Affären. Wieder stehen Menschen jüdischer Abstämmling im Scheinwerferlicht öffentlichen Skandals, wurzellose, dem Judentum entfremdete, völlig assimilierte Individuen, die nichts mit der jüdischen Gemeinschaft verbindet. Sie haben freiwillig, nur ihrem eigenen niedrigen Trieb folgend, den Boden verlassen, auf . dem .Würde, Selbstachtung und Verantwortlichkeit gedeihen können, sie haben bewußt jeden Zusammenhäng mit dem jüdischen Volkstum verleugnet, und plötzlich sind sie als — jüdische Marodeure gebrandmarkt. Ihre Gesellschaft, ihr arisch-adeliges Milieu möge sie nun in Schutz nehmen. Wir haben weder das Gefühl der Genugtuung, noch des Mitleids, noch auch der Verachtung für sie übrig. Belgrad: Jüdische Lieder Wenn die österreichischen 'Kulturverwalter eine staatliche oder gesellschaftliche Rückständigkeit brandmarken wollen, dann sagen sie einfach: Balkan! Es ist das ein Begriff aus dem Vormärz, aus jener Zeit, da die Völker südlich der Donau unter der Gewaltherrschaft der Türken noch zu keiner eigenen Lebensform gelangt waren. Die neuzeitliche Zivilisation und Technik hat auch sie erreicht und sie bedienen sich ihrer wie alle anderen. Und noch immer rufen unsere Knlturverwalter: Balkan! Dieser vielgelästerte, mit herablassender Gebärde behandelte Balkan, bzw. das als Balkansymbol immer wieder genannte Belgrad sendet per Radio jüdische Lieder. Es tut dies nicht im Zeichen einer wohlwollenden Geste gegenüber den jüdischen Mitbürgern; es geschieht aus dem natürlichen Willen, den Schöpfungen jedes Volkes, also auch des jüdischen, die ihnen gebührende, legitime Pflege zuteil werden zu lassen. Auch das Agramer Radio hat jüdische Kunst auf seinem Programm. Bratislava und Budapest senden neue hebräische Musik, in P a r i s sprach J ab o t i n s k y, in London Einstein über das jüdische Aufbauwerk in Palästina, in Polen, das gewiß nicht der Favorisierung seiner Juden bezichtigt werden will, kann man durch das Radio Vorträge über jüdische Fragen in Hebräisch und Jiddisch hören. Und vor ollem: die Balkanstadt Belgrad, sendet jüdische Lieder. Jüdische Lieder für eine Stadt, die weniger Juden zählt als ein Gäßchen in der Leopoldstadt oder der Brigittenau, wobei gar nicht betont werden soll, daß die österreichische Radiomonopolistin „Ravag", den Prozentsatz der jüdischen Gesamtbevölkerung als Maßstab nehmend, gewiß mehr als 50.000 Radioabonnenten zählt Scheinbar hält sich unsere „Ravag" an den sinn- und wahrheitvollen Spruch: Austria erit in orbe ultima! Jüdisches Norizburii Von Ludwig Bato Ostern Das Streben, alles Jüdische der niohtjüdisohen Umgebung anzugleichen, kommt allmählich auch schon in der Bezeichnung jüdischer Bräuche und Feste zum Aufdruck. Nur nicht auffallen! Man läuft ja letzten Endes Gefahr, durch ein hebräisches Wort allzu jüdi*oh zu erscheinen, was man doch vermieden haben möchte. Im Vertag Rowohlt sind vor kurzem Sdwmarjahu Lewin« Kindheitaerdnerungen in deutscher Uebcrsetzung anschienen, ein Buch, das von *aIobeit „Verdeutschungen" geradezu wimmelt. Am gelunfeneion i*t wohl die „Einsegnung", worunter die Übersetzerin das Barmizwah-Fest versteht. Eine Kon«eMioa *n den Pro teBtantismu«, der die Komfirmajfion mit diesem Worte bezeichnet. Was sollen aber wir dazu sagen, die in einem katholischen Lande leben, wo nur Leichen eingesegnet werden? Oler Vor einigen Tagen ist in Budapest eine jüdische Person liohkeit gestorben. Um ihr Andenken zu ehren, ver anstaltet die dortige jüdische Gemeinde ein „Requiem" — diesmal nach katholieohem Vorbild. Die beharrlichste und gleichzeitig geschmack Joseste „Verdcutfichchriistlichuaiig" jüdischer Begrifife ist aber die Bezeichnung Ostern für unser altes Pressaohfest. Hiebei fallt noch erschwerend in die Waageohale, daß das hebräische Wort in „Passah" eine deutsche Form hat, die zur ^ot gleichfalls angewendet werden könnte. Das christliche Fest Ostern ist vom jüdischen Pessaehfeet so . wesensversohieden, daß die Bezeichnung des letzteren mit dem Namen des ersteren geradezu unsinnig ist und 'einer Falschmeldung gleichkommt. Aber dieser Mummenschanz geht so weit, daß auch schon die in der Tradition für Pessach gebotenen Speisen und Getränke mit dem Osterfeste in Zusammenhang gebracht werden. So schreibt ein Frankfurter jüdisch-orrÜhodoxer Führer eine antizionistisohe Broschüre, worin er sich eingehend mit dem Backen der „Osterbr ote" in Palästina befaßt. Also selbst die im jüdischen Lande erzeugten Mazzoth führen schon den stolzen Namen „Ostetfbrote"! Mazzoth ist wohl zu viulgär. Aiber sieht man sich die Inserate um diese Zeil in jüdischen und niontjüdisohen Zeitungen an, da merkt man, daß heutzutage' auch schon eine Anzahl von Mazzothbäckereien ihre Osterbrote anpreisen. Ein ostjüdischer Verein der Leopoldstadt veranstaltet ^elfcftl eine „0* te^ak^on". Welcher Unsinn! jüdisehe Arme sollen a5^ Pessach, mit Mazzoth und Kartoffeln versörgt we^erfpund so etwas nennt sieh Osteraktion. Nachstehe %iM einer den übet Pessach handelnden Talmud/traktat Pessachim mit Ostern übersetzen. Jüdische Restaurateure laden ahre Gäste zu feierlichen „Öe t er abend cn" ein, worunter .wohl die Sederabende zu verstehen sind, und Weinhändler bieten ihre „Osterweine" an. Natürlich gibt es auch allerhand „unjter Aufsicht des Rabbinats" er- Bei Gallen- und Leberleiden, Gallensteinen und Gelbsucht regelt das natürliche „Franz-Josef-Bitterwasser, die Verdauung.in. geradezutvollkommener Weise. zeugte O s t e r ß p e i re n. und O s t e r ib ä c k e r e i e n. Es drängt sich einem die*' Krage auf, ab man ini-cöiit zum Osterwein und Oßterbrot stilgerecht am besten einen O s t e r s c Ji'in k e n verzehren soll? ». - ■. i >: Der juclenfreundliclie Lueger Oft begegnet ■ man; 'in uAssinri<lantettkreiseh, die sich Über daß Wesen der Judenfrage noch immer kein Bild machen können oder * wollen, die Tendenz, die größten Antisemiten als J u d e n f r e u n d c hinzustellen. Lueger? Aber ich bitt* Sie sehr, der war ja gar kein richtiger Judenfeind! So war am Ostersonntag im „Neuen Wiener Journal" in dem Anfatz eines (ungarisch-jüdischen Journalisten folgende« zu lesen: „Karl Lueger war?ein treuer Gast Abbazias. Von der Beisitzerin der Pension „Wienenheim" eingeladen, kam Dr. Karl Lueger zufällig neben dem A b fo a z i a n e r Rabbi n'e r zu sitzen. Lueger und der Rabbiner unterhielten sieh vorzüglich während des Diners. Dies gab dein:Rabbiner den Mut, eich an den wegen seiner antisemitischen Einstelluing bekannten Dr. Lueger mit der Bitte um eine Spende für den zu errichtenden jüdischen Friedhof zu wenden. Auf die Frage Lueger«: „Was werden meine Wiener dazu sagen, wenn ich für jüdische Zwecke Geld epende?" entgegnete dihm schlagfertig der Rabbiner: ,„Ieh verlange ja nichts für lebende Juden, für Juden, die schon g estorben sind, kann auch ein Dr. Lueger etwas spenden..." Lachend zog der Bürgermeister seine .Brieftasche und iiibevgab dem erfreuten Rabbiner ' für seine toten Juden hundert Kronen..." .., Rührend, nidvt wahr? . Tränen steigen einem in die Augen. Aber was tut Gptt? Die ganze Sache ist nicht wahr. In Ahbazia hat es zu Luegers Zeiten weder eine jüdische Gemeinde noch einen.Rabbiner gegeben, demzufolge wurde auch für einen jüdischen Friedhof nicht gesammelt. Starb ein Jude in Aibbazia, so fand er sein Grab entweder in Fiume oder in der Selbstmördereeke des christlichen Friedhofes in Abbazia seilbet. Als die Italiener nach Aibbazia kamen, schenkten {de, aus freien Stücken der damals in Gründung begriffenen kleinen jüdischen Gemeinschaft Grund und Boden; zur Errichtung eines eigenen jüdischen Friedhofes^,: Luegers Spende hatte daran keinen Anteil. Das ist die Wahrheit, der die rührselige Geschichte durchaus nicht entspricht. Aber was verschlägt's, ich wette, nächstens wird schon über Hitler und S t a r h eanb e r g irgend eine niedliche Geschichte aus der Freder eines Sohmocks erscheinen, aus der klipp und klar hervorgeht, daß die Juden die geheime Liebe de« Naziführers und des Heimwehrfürsten sind. UimUingst versuchte man'« ja, dem deutschen Kronprinzen nachzuweisen, der Hohenzoller rückte aber sofort mit der Dementierspritze heran und löschte prompt das ob seiner vermeintlichen Judenfreundliöhkeit angezündete jüdische Jubelfeuer. Iah denke mir oft, daß Haman selbst, hätte er in unseren Tagen gelebt, in den Geruch der Liebe zu den Juden verfallen wäre. Bald wäre über ihn eine „wahre" Geschichte in Umlaiuf gesetzt worden. Rtwa sichere kapitaltanlage höh« Verzinsung befriedigende tätigkeit bieten privatwirtschaftliche Unternehmungen in beratung Vermittlung Verwaltung durch Julius berger Jerusalem p. o. b, 835 so: Also Haman saß bei einem Bankett neben dem Rabbiner von Suea und da . . . Und die Juden würden sioli die Anekdote glückselig zu Gemiite führen. Eine Mordanklage zusammengebrochen. Wilna, 15. April. Die Kette der kleineren Prozesse vor den Wilnaer Gerichten im Zusammenhang mit dem antisemitischen Pogrom am 10. November 1931, bei denen hauptsächlich Juden angeklagt und zum großen Teil auch verurteilt worden waren, obwohl die Juden die Angegriffenen waren und an diesem Tage Hunderte jüdische Geschäfte geplündert oder zerstört und zahlreiche Juden verletzt wurden, ist nun durch einen Prozeß unterbrochen, der die gespannteste Aufmerksamkeit der polnischen Öffentlichkeit fand. Es handelt sich diesmal um den Tod des polnischen Studenten Stanislaus Waclawski, der während des Angriffes der nationaldemokratischen auf die jüdischen Studenten vor der Universität durch einen Steinwurf getötet worden war. Erst später tauchte die Legende auf, Waclawski sei von Juden ermordet worden. In ganz Polen veranstalteten die Nationaldemokraten Trau er feiern für Waclawski, die zu einer beispiellosen Judenhetze ausarteten und zu schweren Angriffen auf die jüdische Bevölkerung führten. Die Anklage, Waclawski getötet zu haben, richtet sich gegen den 23jährigen Handelsangestellten Leib Z a 1 k i n d und den ebenfalls 23jährigen Schlosser B ajuch Ogns. Hauptzeugen der Anklage sind der Chef der Untersnchungspolizei Kommissar W a s i 1 e w s k i,' der Verfasser des den Gerichtsakten beiliegenden Memorials, in welchem den Juden die Hauptschuld an den November^ ereignissen zugeschoben und ihnen Provozierung der christlichen Bevölkerung und der nationaldemokratischen Studentehschaft vorgeworfen wirdi ferner eine gewisse Kazimiera Lepkowska, die behauptet, Angenzeügin der Mordtat gewesen zu sein, und die die Angeklagten als die Täter erkannt haben will. Die Angeklagten Zalkind und Ogus sagen aus, daß sie mit den Vorgängen, in deren Verlauf Waclawski getötet wurde, nichts zu tun hatten, sich gar nicht am Ort der Tat aufgehalten und Waclawski niemals gesehen haben. Die polizeilich herbeigeholte Hauptbelastungs'zeugin Kazimiera Lepkowska machte derart verwirrte Aussagen, daß sich ihre Unzuverlässig keit auf den ersten Blick herausstellte. Ihre anfängliche Aussage, sie sei Studentin gewesen, hat sich) als Lüge erwiesen, ferner mußte sie zugeben* daß sie vor einiger Zeit in eine Betrugsaffäre verwickelt gewesen war. Schließlich gestand sie, daß sie keineswegs Augenzeugin der Tötung Waclawskis gewesen war, woraufhin der Staatsanwalt die Verhaftung diese» Zeugin verfügte und die Anklage gegen Zalkind und O g u s zurückzog. Leon Blum 60 Jahre alt In diesen Tagen vollendete Leon Blum, 3er Führer der französischen Sozialisten, sein 60. Lebensjahr. Die französische Arbeiterschaft huldigte aus diesem Anlaß ihrem Führer und die Führer der Arbeiterschaft in allen Ländern standten ihre Glückwünsche. Leon Blum wurde 1872 in Paris geboren, widmete sich zunächst der Literaturwissenschaft und veröffentlichte schon 1891 kritische Beiträge in mehreren kleineren Zeitschriften, hauptsächlich in der „Revue Blanche", auch Novellen und Studien über Politik und Sozialökonomie« Im Jahre 1903 redigierte er den literarisch-kritischen Teil im „Gil Blas" und wurde 1904 Mitarbeiter der „Humanite". Er veröffentlichte folgende Bücher: Nouvel* les conversations avec Eckerman (1901); En lisant, reflexions critiques (1906); Au Theatre, reflexions critiques (1906 und 1909). Besonders großen Erfolg hatte sein Buch „Du Mariage" (7. Auflage 1907). Im Weltkriege und nach dem Weltkriege entwickelte Blum eine viel beachtete politische und Friedenstätigkeit. Als einer der Führer der französischen sozialistischen Partei wurde er 1919 und 1924 in die Deputiertenkammer gewählt. 1928 erlitt er eine Niederlage und kam 1929 durch Ersatzwahl in die Kammer. Er ist heute Vorsitzender der sozialistischen Fraktion und anerkannter Führer der Partei. Er gehört auch dem Vorstand der Zweiten Internationalt an. Er ist Gründer und Chefredakteur des Parteiorgans „L e P o p u 1 a i r e". Leon Blum hat sich, im Gegensatz zu fast allen Sozialistenführern jüdischer Abstammung, jederzeit stolz zu seinem Judentum bekannt. Seit einer Reihe von Jahren bekundet er weitgehendes Interesse für jüdische Angelegenheiten, ist Mitglied des französischen Pro-Palästina-Komitees. Dem Keren Hajessod hat er große Dienste geleistet.