Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 240 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 die Nßbifwblt Nr. 240 Hut ab vor Preis und Qualität der S 18»"~f 24»i"""t JMLt CBCHKA'HOTE Vll, Kalseritral« MS IX, AlMrstraft« solche Wunder' zu schaffen. Fische aus dem Eimer? Dieses Volk, das Salz der Erde, scheint so beschaffen zu sein. Auf der andern Seite: In der Tat, Fische aus dem Eimer, die man ruhig mit hohler Hand anpacken darf, ohne daß sie beißen können, ja nicht einmal - den Versuch machen, zu entschlüpfen, mag man sie kochen, backen oder schmoren wollen. Man nimmt uns unser Land weg. Wehren wir uns, so wirft man uns in die Kerker. Man erschlägt unsere Menschen, Und wenn wir uns verteidigen — nun, so sitzen Hinkes und XJrfäli im Gefängnis. Hinter unserem Rücken werden „wichtige konstitutionelle Aenderüngen" vorbereitet, die das letzte Restchen unserer Hoffnung zunichte machen sollen. Einwanderung? Von einer Arbeiterimmigration ist ja keine Rede mehr. (In das einzige Land der Welt, wo es ohne künstliche Fünfjahrpläne keine Arbeitslosen gibt.) Es sind aber auch Anzeichen vorhanden daß bald ein Kreuzzug auch gegen die Mittelstandseinwanderung in Szene gesetzt wird. Denn gleichzeitig mit dem süßen Geschenk der Einwanderungsmöglichkeit von „Kapitalisten" mit 500 statt 1000 Pf. St. geht ein neuer Anschlag einher, der sogar die Einwanderung von Leuten mit vollen 10.000 und 20.000 Pf. St. zu vernichten droht. Man wird nämlich Mittelstandsvisa und sogar solche für ausgesprochene Reiche nur dann erteilen, wenn die Regierung die Ueberzeugung hat, daß sie wirkliche Fachleute und Autoritäten in jenem Fach sind, in das sie ihr Kapital investieren wollen, und wenn ihre Neugründung keine Konkurrenz gegen eine bereits bestehende bedeutet. \ Und wer wird der Hauptfachmann .ühd die Häuptautorität sein? Jener Tausendsassa, der dreinzureden haben wird* ob man wirklich ein Spezialist ist und ob die Fabrik, Gott bewahre, nicht etwa gegen eine arabische .Seidensiederei in Sichern konkurrieren -.lyird;//Herr Ha y m s o n, der wird der 'Regulator der Wirtschaft sein, derselbe Herr Haymsön, der bis jetzt noch keine jiidische Fabrik gesehjen h.at^,den"nunser;Herr Farbstein, das Mitglied der zionistischen Leitung, im Automobil herumschleppen muß, um ihn wenigstens mit einigen jener Fabriken bekannt zu machen, die trotz der Bemühungen Haymsons, sie zu v e r h i n d e r n, entstanden sind. (Es tut mir aufrichtig leid um Herrn Farbsteins; vergebliche Bemühung. Das einzige, das Herr Haymson; von seinen Besuchen nach Hause tragen wird, werden : wohl neue Einwände gegen jüdische Industrie sein...) Das jüdische Volk sieht zu und tut nichts dagegen. * Es ist nicht richtig, daß man nichts tun kann. Jeder: von uns hat die Erfahrung, daß Nichtjuden, mögen sie auch nicht unsere Freunde, sogar unsere Gegner sein, mit uns in der Einschätzung der Lage in Palästina einig sind. Solche Ansichten bestimmen schließlich das Vorgehen von Parlamenten, und Regierungen. Die öffentliche Weltmeinung ist potentiell auf unserer Seite und nicht, auf Seite unserer Unterdrücker in VORANZEIGE Große Herzl-Feier am 11. Mai im Festsaal des Hotel Kontinental. Festredner: Dr.David Rothblum / Reiches erstklassiges künstlerisches Programm *UU Palästina. Würde man die Welt fragen, so bikKiii« man die einstimmig* ' Antwort: O e f f n 61 f ü r die Juden Palästina und Schluß mit der jüdischen Kalamität in den eigenen Ländern! Aber uns belasten zwei, alte Krankheiten, Apathie und Witz, der billige,-dUmme, jüdische Witz. Wer erinnert sich nicht an die Flut des Witeelns über Theodor Herzl und seine ersten .Anhängerl An jene, die jeden Zionisten für einen Dummkopf und sich selbst für große Praktiker hielten! Ich sehe, sie auch heute, die großen Praktiker, die eine ähnliche- Einstellung bekunden zu den Realitäten Palästinas. Wir können über sie zur Tagesordnung übergehen ...v Zu den sonderbarsten Geschöpfen, die in der Welt anzutreffen sind, ist; wohl als .das sonderbarste i der alte, treue Ziömst zu :«ählen.7^r;päuftv kopflos herum, und ruft: Es muß; wa* ge.^chebie.'ni 'Er*ist, überall'und unter den verschiedensten' (jTss'tafteh: und; Namen.. irifcutreffen. (Zum größten -Teil rheinspolitischer Gegner;! warum, das weiß er •: selber nichtig $r | schämt sich abe.f nicht, mir, seinem alten Fr'euridi sem/'pterz .auszuschüttett. Das geht mit einem 'Seufzervor sichÜf Um Hirhrriels' willen, es muß was geschehen! ' Der Leser kennt iHn/ebenfalls. Er mag ihn fragen, was das eigentlich für ein Ding ist, das „geschehen" soll. Vielleicht gehört der Leser selbst zu dieser Sorte von alten, treuen Zionisten. Er mag sich also selber fragen. Die Antwort wird immer die gleiche sein, denn es gibt keine andere: Es ' darf nicht geschwiegen werden,. man muß sich an 'die Welt wenden. Er wendet sich aber nicht an die Welt, er tut überhaupt nichts, denn, er.ist «fr? loyal. Wem -gegenüber loyal, weiß , er nicht.,. Vor ein )fpaac, Jahren konnte er noch be- haup^eii> der, £&\or0fs||£sc||eExekutive gegenüber loyal.sejtjft.'''^Ceutc^-^r bjl^nt er selber seufzend ein, daß es eine Exekutive nicht mehr gibt. Er bleibt einfach loyal der großen;' ^heilig*ri>>Dummheit der Apathie, des Seufzens und Wartens .auf; das ,,Efscher-Tommer-Doch", auf da$-')iWunderV •aufü-jdas' einzige aller-^»Wunder, das > •nremals' eintritt, iäöf 'jenes-lrtärnlich; das' Gott jenen "hilft, die sich nicht selber helfen.'''' Ja,.„man muß s^cji'äri die Welt, wenden''! Und gerade jetzt, bevor .die „kön^ti^utionelle Aenderung" Faktum wird, und bevor man ihr Zeit laßt, sich zu verwurzeln Uhd unsere Wurzeln zu vernichten. Und wenn das die offizielle nationale Bewegung nicht tut, weil es statt der Exekutive einen leeren Raum gibt, so darf das Volk diesem leeren Raum gegenüber nicht loyal sein und muß anderen folgen -— denen„die „tun" werdenl Notizen 16$ 6 SÄ te# In allen ein»chlSgig«n G«- »di«l«eh •rhöl»lid>. Beim Schuhfnach« IfchmSnniie}) beledigt. 2«n»r«l»«»k««*'» B r »• P * I m «, Wie« VI. Ein Berliner Wahlkuriosum. Zur Erleichterung der Stimmabgabe v.vön Krankenhauspatienten besuchte am Tage der Reichspräsidentenwahl ein f 1 i e g e nder Wahlvorstand die Krankenhäuser und nahm von Bett zu Bett von den Patienten die Stimmscheine in verschlossenen Umschlägen entgegen. Im Krank e nhaus der Jüdischen Gemeinde in der Exerzierstraße, in welchem jederzeit auch eine Anzahl nichtjüdischer Patienten untergebracht ist, war das Ergebnis das' folgende: Hindenburg 238, Hitler 8, Thälmann 22 Stimmen. Christen jüdischer Nationalität. In der Tschechoslowakei haben sich, wie das Statistische Staatsamt mitteilt, 28 Personen römisch-katholischer Konfession izur jüdischen Nationalität bekannt. Den Mitteilungen des Statistischen Staatsamtes ist ferner zu entnehmen, daß es in der tschechoslowakischen Armee 30 römisch-katholische und 8 evangelische Geistliche, aber keinen einzigen Feldrabbiner gibt. Zwei Monate schweren Kerkers wegen Beschimpfung des Judentums. Der römischkatholische Kirchenbeamte Bartolomei Am'brisko in Michalovce (Tschechoslowakei) wurde von der Staatsanwaltschaft in Kaschau wegen Beleidigung von Juden und Judentum auf Grund des Gesetzes zum Schutze der Republik unter Anklage gestellt. Er wurde vom Kaschäuer Strafkreisgerioht zu zwei Monaten schweren Kerkers-verurteilt.; Antisemitischer Exzeß in Ungarn* In N'agy--Koerbes haben Huligans die . Fenster »4er Synagoge und vieler.jüdischer Häuser »zertrürnnjert. Jüdische Firmen der Stadt, die Arbeiter in großer Zahl beschäftigen, haben. ihre Betriebe geschlossen und erklärt, sie würden sie nur dann öffnen, wenn die Behörden in der Lage sind, die Garantie für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu übernehmen. Zehn der antisemitischen Exzedenten wurden verhaftet. . 1.220.658 Juden in Amerika geben Jiddischais ihre Muttersprache an. Nach den soeben veröffentlichten Ergebnissen der letzten Volkszählung haben 1.220.658 Juden in Amerika, davon allein 65 6.46 6 in New York, 68.264 in New Jersey und 22.505 in Connecticut, Jiddisch als ihre Muttersprache angegeben. , 90 Jahre der Bnei Brith in Amerika, In Cincinnati, dem Zentralsitz des U n a b h ä n g i g e n, O rdens Bnei Brith in Amerika, werden Vorbereitungen zur Feier des .90. Jahres des Bestehens des Ordens in Amerika, der ältesten jüdischen Organisation in den Vereinigten Staaten, getroffen. Der Orden Bnei Brith wurde im Oktober des Jahres 1843 in New York gegründet, als in den gesamten Vereinigten Staaten nur etwa Ein verwaistes Leben Von Jehuda St.einbcrg (Fortsetzung.) 11. Teuer bezahlte Boruch die unbedachten Worte, die! sich damals seinem Mund entrissen hatte». Es war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie tief er Brajue beleidigt hatte. Er wollte sich vor ihr rechtfertigen, sich bei ihr: entschuldigen, aber Brajne gab kein Zeichen eines Ent-i gegeakommeas von sich und keine Möglichkeit, sich zu verantworten. Nicht weniger litt er seitens Awrejmel, Er bemerkte, wie Awrejmel ein anderer geworden war: er gehorchte, noch bevor man ihn aufforderte, er nahm weniger Raum in der Wohnung ein, er redete weniger als früher, folgte fast wie ein Bedienter. Ein kalter Wind ging durch die Wohnung, man wußte nicht, von wannen er kam. Er sieht sich das einemal wie ein Tyrann, der Menschen plagt, das anderemal wie ein Gepeinigter zwischen zwei stillen Tyrannen. Beide sind sozusagen übereingekommen, ihn zu peinigen, sich ihm zu entfremden, ihn allein zu lassen. Und wieder kommen wie zur Strafe jene dumpfen Gedanken über ihn; er wird darob bös, über sich selbst und schämt sich seiner niedrigen Gedanken wegen ... Der Winter ist hereingebrochen. Der. Teich ist erstarrt. Noch einige Male hat er mit dem. Frost gerungen: der hat ihm die Ufer feetgeachmiedet — auf , daß-es dort friere! Als wollte es in der Mittei gehen, ~-' das schmale,, lebendige Teicbjeni! Nur. daß das, schmale, lebendige Teichlein immerwährend Stücke Eis, heranschweramte an die Ufer. Und die Ufer wuchsen hinein \ zur Mitte zu. . ..Vorige Woche gegen, j^bend war noch der, Teich; vorhanden;, fröhlich tat er Gottes, Willen und'eilte, hin', zum Meer. Bei Nacht stürmte ein Wind auf ihn zu, ver4 stellte ihm.den Weg, glättete.,ß.n hart und flog davon, [ Tanzen könnte man jetzt schon auf,ihm; er wird; sich, nicht aufraffenI Er wä,rmt von unten, die Fische* mit einer Decke von.Schnee und Eis. , Schichten von Fichteustämmen liegen an dem Ufern, blicken dort hinauf, woj^er,,sie gekommen sind. Esgefriert in ihnen der noch gebliebene Saft. Sie wollen \ singen: „Ob unserer Sünden müssen wir die Wanderung; antreten!" Und rasch werden Bauern, mit ihren; Schlitten hier ankommen und.die gefallenen Helden von. den Karpathenbergen übernehmen und sie irgendwo verbauen in Gebäuden. Werdendste auch dort noch gedenken der Gegend, von der sie gekommen sind? Einen Schaden hatte Bpruch davongetragen; ein großer Holztransport fror ihm,'irgendwo auf der Fahrt beim Ufer ein *~ ein Teil seines Kapitals wurde ihm so gelähmt. Eine Operation wird> er durchführen müssen, d. h. sich damit abfinden, dort: an Ort. und Stelle au verkaufen um jeden Preis, -mit.Verlust. Der Zufall verminderte ein wenig das Unglück, das ihn betroffen hatte. Seine Gedanken wurden ein bißchen in eine , andere Richtung gedrängt. So heilt ein Uebel das andere,, Wenn es einen Gradmesser gä]be zur Feststellung von- Schmerzen, müßte man erkennen, daß zwei Zähne im Mund nicht mehr wehtun, als ein Zahn. Awrejmel begann, öfter zu Osoher zu gehen und die ganze Zeit im Zimmer Mirjams zu verbringen. Mirjam wurde von Tag zu Tag mehr abgesondert, böser und gereizter. Der fürsorgliche Vater bemerkte das und erklärte es sich damit, daß die Gespräche, die Awrejmel mit ihr führe, nicht mehr „kindlich" seien ... „Bauen sie' vielleicht Pläne wegen einer gemeinsamen Zukunft?" ging es ihm durch den Kopf. Ihn ließ das nicht ruhen. Er versuchte zuerst, Mirjam seine Gedanken anhören, zu. lassen, lind seine Gedanken hatten den einen Inhalt; Lieben sei keine Sünde, im Gegenteil, ein natürliches Gefühl, aber ein Mädchen dürfe ihr Liebesbediirfnis nur auf seinesgleichen einstellen, nicht auf das, wo es gemäß den „Umständen" nicht enttäuscht sein, sondern was es auch wirklich erreichen kann. Oscher bemerkte, daß Mirjam seine Ausführungen ungeduldig anhöre; nicht etwa, daß sie sie nicht verstand, sondern weil sie sie nicht verstehen wollte. Noch bevpr sie zu Ende hörte, machte sich auf ihrem Gesicht eine Grimasse, bemerkbar, die bedeutete; „Umsonst dein Reden! Ich bleib bei meinem Standpunkt!" Oscher sohjekte sich an, auf Awrejmel selbst einzuwirken. In einer der Winternächte, da Awrejmel den Heimweg antrat,; begleitete Oscher ihn. Still wandelte ein voller Mond auf dem gefleckten Himmel und gähnte sich seinen Weg durch rauchige Wolkenfetzen, Schweigend, voller Geheimnisse, blickt er auf die weiße Winterdecke herab. Bald sieht es aus,