Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 239 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 239 DTE NEUE WELT Seite) Aus Polen Boykott und Pogrom Posen. In der Posen benachbarten Stadt C u r n i k kam es nach einer Versammlung der Großpolen (Nationa-ldemokraten), in der scharf gegen die Juden gehetzt wurde, zu schweren antijüdischen Ausschreitungen. Die Versammlungsteilnehmer zogen zum Marktplatz, wo gerade ein Jahrmarkt abgehalten wurde, fielen über die Warenstände jüdischer Händler her und raubten sie vollständig aus. Polizisten, die einschreiten wollten, wurden fürchterlich geschlagen. Erst als der Pölizeikommandant von der Waffe Gebrauch machte und einen der Räuber durch Bauchschuß verletzte, zogen sich die Exzedenten zurück. Es wurden 22 Personen, unter ihnen die großpolnischen Führer des Ortes, verhaftet. Lodz. Anth smitische Boykott-Agitatoren greifen neuerdings zu folgendem Mittel, um christliche Käufer von jüdischen Geschäften fernzuhalten: Vor jüdischen Geschäftsläden werden Stinkbomben zur Explosion gebracht oder übelriechendes Pulver ausgestreut. Auf dem Lodzer Marktplatz wurden am Gründonnerstag von Studenten, die die Boykott-Propaganda leiten, solche Tumult« inszeniert, durch welche alle Käufer vertrieben wurden. Zahlreiche jüdische Händler, die monatelang auf eine solche Verdienstmöglichkeit warten, wurden so um ihre Hoffnung betrogen. Warschau. Aus Mijesko-Gura, Kreis Ra^cz, wird telegraphiert, daß am 20. März mittags, als das Geschäft auf dem dortigen Jahrmarkt in vollem Gange war, eine Bande Hul'gans die jüdischen Händler überfiel, sie mörderisch schlug uud des gesamten Warenbesitzes beraubte. Die flüchtenden Händler wurden von den Huligans bis auf die Landstraßen verfolgt, zum großen Teil dort eingeholt und abermals geschlagen. Die Fuhrwerke der Händler wurden zertrümmert. Die Polizei verhaftete einige Huligans, mußte sie aber freilassen, da die Exzedenten eine drohende Haltung gegen die Polizisten einnahmen. Pech! Viel Aufsehen erregt es, daß bei der in Warschau vorgenommenen Preisverteilung im Internationalen Chopin-Wettbewerb für Pianisten von 15 zur Verteilung gelangten Preisen 14 an jüd ische Pianisten fielen. Die Jury, die bis spät in die Nacht hinein tagte, verlieh den ersten Pres dem russischjüdischen Pianisten Aletander Uninski, den zweiten Preis dem blinden ungarischen Juden Imre (Akiba Jizchak) Ungar, den dritten Preis Abraham Lufer (Kiew), weitere Preise erhielten Borislaw Cohn (Warschau), Ludwig Kempner (Ungarn), Sagalow (Rußland), Leon Barinski (Polen), Gutmann (Rußland), Karoly (Ungarn), Kurt Engel (Wien), Großmann (Rußland), Joseph Wagner (Breslau), Marilo Jonas (Warschau), Lilli Herz (Ungarn), Susanne de Meyer (Holland), Iso Ellinsohn. Sämtliche Genannten sind Juden. Die polnische antisemitische Presse regt sich darüber auf, daß die internationale Chopin-Konkurrenz fast nur jüdischen Pianisten Siege gebracht hat, und tadelt die internationale Jury, daß sie auf polnischem Boden solche Entscheid Scheidungen gefallt hat Dieses Siegel bürgt... daß Kunerol streng rituell erzeugt wird und daher auch für Strenggläubige ohne Bedenken für die Zubereitung von Osterspeisen verwendet werden kann. Kunerol ist ein völlig reines Pflanzenfett, nahrhaft, leicht verdaulich und fast unbegrenzt haltbar. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT 'r»"'r! Aus Deutsch!an Beilage der »Neuen Welt« luv Deuffdiland Fflialfedaktion and Administration t Berlin, Charlottenburg % loadifmstafevsfraße 3'H lllllllllllllllllilllllllllllllllllllllMIU Sturm i'n der Berliner Judengemeinde Die Zionisten,verlassen die Sitzung. — Lärmszenen In den Berichten der „Neuen Welt" wurde wierfprholt darauf hingewiesen, daß die Kompromißpolitik der zionistischen Vertreter in der Judengemeinde zu keinem Ziele führen kann. Die Berliner allgemeinen und linken Zionisten, welche Schildträger der .»Erweiterung der Jewish Agency durch Nichtzionisten" waren, höhen diese Idee auch auf die Gemeindepolitik übertragen. Man gab den Kampf gegen die Assimilation auf und suchte ihr Sympathieerklärungen und Geldunterstützungen für den „wirtschaftlichen" Aufbau Palästinas abzuschmeicheln. Diese Politik hat ebenso in der Berliner Judengemeinde versagt wie in der Zionistischen Weltorganisation. Das notwendige Resultat war nicht Versöhnung, sondern steigender Ueberraut der Assimilation und Krach, Unmöglichkeit jeder Zusammenarbeit. In der Sitzung des Gemeindevorstandes am 7. April kam es, wie es kommen mußte. Tn früheren Sitzungen hatten die Assimilanten hintereinander die Subvention für die Universität in Palästina, die Subvention für „H e c h a 1 u z", die Organisation für Vorbildung junger Palästina-Wanderer, gestrichen und das von der früheren zionistischen Majorität errichtete jüdische Schulwerk abzubauen begonnen. Nun legte der Vertreter der „Jüdischen Volkspartei", der Zionist Dr. KoIIenscher, folgende Anfrage vor: „In einer Repräsentantenversammlung hat ein Mitglied der liberalen Fraktion bei einer Beratung einer alsdann abgelehnten Vorlage des Gemeindevorstandes, durch die dem Hechaluz entsprechend einer langjährigen Uebung der Gemeinde eine Subvention von Mk. 2000 wieder bewilligt werden sollte, folgendes ausgeführt: «Eine Unterstützung der jüdischnationalen Idee sei für ihn eine ebenso schwere Sünde wie der Genuß verbotener Speise für den Orthodoxen. Seine religiöse Ueberzeugung gebiete ihm, ausnahmslos gegen die Unterstützung zionistischer Bestrebungen zu sÜMwen.' Wie eine Reihe von Abstimmungen der derzeitigen Repräsentantenversammlung bewiesen hat, billigt dfe Mehrheit der liberalen Fraktion diese Gesinnnngsart. Hierdurch ist der Bestand der Gemeinde aufs schwerste gefährdet, denn sobald die zitierte Einstellung als offiziell empfunden wird, müssen die Anhänger der nationalen Auffassung des Judentums ohne Unterschied des religiösen Standpunktes den Schluß ziehen, daß für sie in der jüdischen Gemeinde kein Raum mehr ist. Die Einheitsgemeinde kann eben nur von Bestand sein, wenn; Mitglieder^ st^g*4&ß^gegründete Gefühl si ihii' für' &reijichl& ^AüfMsurig-Ehtgegenalle ihre < haben, bei kommen zu finden. Wir ersuchen daher den Gemeindevorstand, seine ganze Autorität für eine Bekämpfung der ... eingangs wiedergegebenen Einstellung einzusetzen." Der Vorsitzende Dr. Kleemann gab auf diese Anfrage eine Antwort* die nur als Verhöhnung aufzufassen war, und der Führer der liberalen Fraktion stellte den Antrag auf Schluß der Debatte, d. h. Uebergang zur Tagesordnung. Der Führer der Zionisten, Dr. Klee, bat um Ablehnung des Antrages, da er und seine Freunde sonst die Sitzung verlassen müßten. Der Antrag wurde trotzdem angenommen. Darauf verließen die Mitglieder der volksparteilichen Fraktion unter Führung von Dr. Klee den Sitzungssaal, während die Mehrheit der Galeriebesucher ihnen Beifall klatschte. Nachdem der Exodus beendet war, ging auf der Galerie ein ungeheurer Sturm los Galeriebesucher riefen den liberalen Repräsentanten zu: „Ihr wollt die Hitler-Diktatur, das Dritte Reich!" Man hörte auch die Rufe „Woyda-Hitlerl". Plötzlich erschienen einige volksparteiliche Repräsentanten auf*der Galerie. Alfred Berger rief: «Hier ist unser Platz, hier bleiben wirl" Prof. Heinrich Löwe, Dr. Oskar Wolfsberg und Berger versuchten, von der Galirie aus Ansprachen zu halten. Nun brach ein Sturm auf der Seite der tliberalen Repräsentanten im Saale aus, so daß die Ansprachen von der Galerie nur halbverständlich waren. Die volksparteilichen Abgeordneten riefen: „Wir werden weiter kämpfen!" Schließlich verließen auch die liberalen Abgeordneten den Saal. Das Licht wurde abgedreht und die Galerie geräumt, wobei die Galeriebesucher „Hatikwah" anstimmten. * Die Jüdische Volkspartei hat in tiefer Besorgnis erlassen: „Die Jüdische Volkspartei hat in tiefer Besorgnis um die Aufrechtenhaltung der Einheitsgemeinde erneut Vermittlungsvorschläge eingebracht, um endlich den in dieser Zeit schwerster politischer und wirtschaftlicher Bedrohung besonders notwendigen Frieden herzustellen und den Weg für sachliche Arbeit freizumachen. Die liberale Vorstandsmehrheit ist auf diese in versöhnlichstem Geiste gehaltenen Vermittlungsvorschläge nicht eingegangen. Die liberale Mehrheit der Repräsentantenversammlung hat es ebenfalls nicht für erforderlich gehalten, diese Vermittlungsvorschläge zu beachten. Sie hat vielmehr durch brutale M a j o r i s i e r u n g die Repräsentanten Versammlung an jeder Aussprache gehindert. Die Mitglieder der Fraktion der Jüdischen Volkspartei haben daraufhin geschlossen die Sitzung ver- , lassen, uro durch diesen schärfsten Ausdruck ihre« Protestes die Berliner Judenheit auf die ungeheure. Gefahr einer Zerschlagung der Einheitsgemeinde hinzuweisen. Die Jüdische Volkspartei ruft alle verantwortungsbewußten Juden Berlins auf, gemeinsam mit ihr den Kampf für die Einheit der Gemeinde durch Gleichberechtigung aller Richtungen zu führen. Rundschau Das heimatlose deutsche Judentum , In der europäischen, in der deutschen Wirklichkeit sind Veränderungen vor sich gegangen; Veränderungen solchen Grades, daß sie nicht einmal von solchen Menschen übersehen werden können, die seit vielen Jahrzehnten den augenscheinlichsten Symptomen dieser1 Wandlungen blind gegenüberstanden und allen diesbezüglichen Aufklärungen unzugänglich waren, voh jenem jüdischen Bürgertum Deutschlands, das' unmittelbar neben sich den mächtigen Prozeß der deutschen und der jüdischen Strukturwandlung abrollen sah. Nun sieht sich endlich auch das jüdische Bürgertum Deutschlands, d. h. der Teil, der hinter der Fahne des C. V. (Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) steht, veranlaßt, sich darüber Gedanken zu machen. Ein Herr Dr. Herzberg befaßt sich in der „Central-Vereins-Zeitung" mit dieser Wandlung und fragt aufgeregt, wo das deutsche Judentum heute stehe. Nachdem er festgestellt hat, daß die alte liberale Zeit, welche die Emanzipation gebracht hat, vorbei, unrettbar vorbei ist", daß ferner das deutsche Bürgertum sich in den Irrationalismus flüchte, in dem das hergebrachte Denken des deutsch-jüdischen Bürgertums keinen Platz habe, anderswo eine Zufluchtsstätte im Geistigen und Politischen suche und innerhalb dieses Zustandes „immer mehr und mehr geistig und politisch heimatlos geworden sei." Geistig und politisch heimatlos! Richtig. Herr Dr. Herzberg sucht für seine Leute eine Lösung, eine Beseitigung dieser Heimatlosigkeit. „Es gilt", ruft Dr. Herzberg aus, „das Gefühl des Alleinseins zu beheben, dem einzelnen das Wissen um die Zugehörigkeit zu einem sinnvoll werthaften Ganzen zu vermitteln." Welchen Weg soll also das deutsche Judentum gehen? Vielleicht den natürlichsten, zwangläufigsten, täglich durch das Geschehen bestätigten Weg, den der Zionismus weist? Der Zionismus, der für die Juden der ganzen Welt Beseitigung der geistigen und politischen Heimatlosigkeit, also geistige und politische Heimat bedeutet? Nein, sagt Herr Herzberg. „Aus Selbstachtung (!) nicht." Denn Herr Herzberg will nicht einen Weg, der „von aller Zukunft fortführt", womit er wohl das Leben der Juden als