Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 239 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seife 4 DIE NEUE WELT .Nf. » Hut ab vor Preis und Qualität der $18.-, 24.-. 32.- CEKHKAHDTE Vii, Kalieritrafto 123 IX, Alt«ntraB« so dekadent ist die jüdische Seele jener, die diese Schmach miterlebt haben, daß<-die Jungen und Mädchen, die „Nieder" schrien, ungekränkt das jüdische Haue haben verlassen können* Man stelle sich vor: In einer rumänischen, magyarischen, deutschen oder polnischen Volksversammlung hätten Volksgenossen das eigene Vaterland und das eigene Vblk mit derartigen Rufen au beschmutzen gewagt. Ich halte es für auegeschlossen, daß sie es gewagt hätten. Aber wenn eine solche Ungeheuerlichkeit vorkäme, die Entrüstung der beleidigten Nation würde keine Grenzen und kein Erbarmen kennen." # In dem Moskauer SensationsprozeB gegen den jungen Juden Moses Stern, der mit dessen Verurteilung und Hinrichtung endete, ereignete sich ein Zwischenfall, Über den die Moskauer Telegraphenfljjenfcir folgendes berichtet: „Der Gerichtshof bewilligt sodann das Ansuchen des Anklägers Kf^lenko auf Einvernahme der Scthwester Sterns als Zeugin. Karassina Stern bestätigt, daß ihr Bruder sie wiederholt bat, ihm einen Revolver zu verschaffen. Dann sagt sie über die Jugendzeit Sterns aus, daß er in der Schule nicht lernen wollte. Als ihr Bruder in Odessa lebte, befand er sich in den Reihen der Armee Pet- Ijuras und in Gesellschaft weifirussischer Kreise. Die Schwester bestätigt auch, daß sich Stern der Sowjetmacht gegenüber stets feindlich verhalten und in Gesprächen mit ihr dies vergeblich zu verheimlichen gesucht habe!** # Diese j ti d i s c h e Schwester, die den jüdischen Bruder kaltblütig dem Henker ausliefert, diese jüdischen Jungen und Mädchen, die fanatisch „Nieder mit Palästina!" brüllen, sie sind Zeugen dafür, wie rasoh und gründlich das Ideal des Klassenkampfes jedes jüdische Gefühl austilgt, bestialisch austilgt. Ein Merkzeichen für jene Juden, besonders für jene Zionisten, die an die Möglichkeit der Verbindung vom Klassenkampfideal mit dem lebenden Judentum, mit dem Zionismus, glauben. Der Pogrom in Griechenland Die Oerfditsverhandliing Am 2. April begann in V e r r i ä in der Nähe von Saloniki der Prozeß gegen eli Personen, die der Aufreizung zu den antisemitischen Ausschreitungen ia_Saloniki im Juli i931 angeklagt sind. Im Verlauf dieser Ausschreitungen wurde bekanntlich das fast ausschließlich von Juden bewohnte C a m p b e 11- Viertel in Saloniki niedergebrannt, ' Hunderte von Juden wurden mörderisch geschlagen, mehrere von ihnen erheblich verletzt. Es gab auch einen Toten. Bei Beginn des Prozesses, zu dem etwa 60 Zeugen geladen sind, kam es zu sehr erregten Auseinandersetzungen zwischen den Verteidigern und den Vertretern der Anklage, als die Frage der moralischen Verantwortung dreier der Angeklagten, des Chefredakteurs' des Salonikier Regierungsblattes „Hayedonai", Bico Fardis, des Präsidenten der Hellenistischen Nationalen Union, Cosmidid, und des Sekretärs der Union, Haritipoulos, geklärt werden sollte. Die Hellenistische Nationale Union ist eine Körperschaft mit ausgesprochen antisemitischen Tendenzen. Der Prozeß findet in Verria, einer kleinen Stadt mit einer Bevölkerung von etwa 40.000 Seelen, unter ihnen 4 00 Juden, statt, weil man bei der Abhaltung des Prozesses in Saloniki antisemitische Kundgebungen und Unruhen befürchtete. Im Verlaufe des Prozesses wurden Juden, die direkte- Opfer des Pogroms waren, als Zeugen vernommen. Ihre Aussagen machten auf das Gericht einen so erschütternden Eindruck, daß der Gerichtspräsident tiefbewegt ausrief, nur Wilde konnten solche unmenschlichen Taten vollbringen. Joseph Romano, ein jüdischer Beamter, des Presse-Büros von Saloniki, gab eine eingehende Schilderung des Pogromverlaufs und der Niederbrennung des von Juden bewohnten Salonikier Wohnviertels Campbell. Die Synagoge von Campbell wurde von den Huligans angezündet, nachdem sie vorher die Thora-Rollen aus der Gesetzeslade herausgenommen und zerrissen hatten. Den Flammen fiel neben den zahlreichen Wohnhäusern auch die neuerbaute jüdische Schule zum Opfer. Eh. schwerer Verlust für die Judenschaft von Saloniki war die Niederbrennung der nach dem katastrophalen Brande von 1917, der den größten Teil der Salonikier jüdischen Wohnhäuser vernichtete, durch das American Joint Distribution Committee für die Abbrändler erbauten neuen Wohnhäuser. Romano schloß seine Aussage mit den Worten: Ich verzeihe den Uebeltätern, wie der Jude Jesus es getan haben würde; denn sie wissen nicht, was sie tun. Es folgte das Verhör von drei anderen jüdischen Opfern des Pogroms,_ die plastisch schilderten, wie der aufgehetzte Mob gegen die jüdischen Bürger Salonikis wütete. Nachdem die Ausschreitungen den ganzen Tag über gedauert hatten, umzingelte der Mob spät in der Nacht das Stadtviertel Campbell, goß überall P etroleum aus und zündete es an. Rings um Campbell entstand auf diese Weise ein Flammenring, der auf das ganze Stadtviertel Übergriff. Die jüdischen Einwohner sollten Bomit in ihren IJäusern in den Flammen umkommen. Verschiedenen glücklichen Umständen ist es zu verdanken, daß die Juden, die von den Huligans immer wieder in die brennende Stadt zurückgetrieben wurden, sich am Ende dennoch retten konnten. Die Zeugen erzählten, wie die Pogromanstifter unter dem fortwährend ausgestoßcneq Gebrüll „Tötet die Juden!" die Bevölkerung dazu aufstachelten, sich ihnen anzuschließen und die Juden anzugreifen. Die Agitatoren hielten Reden, in denen erzählt wurde, die Juden seien Verräter und Feinde des Vaterlandes und hätten sich mit den Bulgaren und anderen Feinden Griechenlands gegen das eigene Land verbunden* Ein Offizier der Luftstreitkräfte, der ebenfalls Zeuge. des Pogroms war, rührte mit seiner Schilderung der Vorgängeden Gerichtspräsidenten, die Jury und den Staatsanwalt zu Tränen und veranlaßte sie zu Ausrufen der Empörung. Er schilderte, wie alles vorbereitet worden war, um die jüdischen Einwohner in den F1 a m m e n u m k o m m e nf z u 1 a s t e n, und wie er,, der Zeuge, einen jüdischen Apotheker;aus seinem ganz von den Flammen eingeschlossenen Hause unter eigener Lebensgefahr herausholte und so vor dem sicheren Feuer- DieWiener Molkerei bringtauch heuer Pessach-Xesohermilch in allen ihren Filialen zuMÜerkäui Die Possach-Koschermilch wird in ihren Meieteien in Niederös'erreich unter streng ritueller Aufsicht der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr W. Rosemann bestellten religiös verläßlichen Organe awjtyo erzeugt. Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe resp. einer Schleife versehen mit dem Aufdruck nse i»3:ä^n : Vom 20. April bis 28. April in a l 1 e n Verkaufsstellen erhältlich WIENER MOLKEREI tode rettete. Als der Zeuge geendet hatte, wandten sich der Gerichtspräsident und der Staatsanwalt mit empörten Worten gegen die Pogromanstifter und riefen, was in Campbell im Juli 1931 geschehen war, erinnere an die schlimmsten Zeiten des Byzantinischen Reiches. Der jüdische Deputierte von Saloniki/Bessanchi, der gleichzeitig Mitglied der Exekutive der Zionistischen Organisation Griechenland ist, erklärte als Zeuge, die Ursache der gefährlichen Unruhen sei in der systematisch geführten Haßpropaganda und in den ausgestreuten Verleumdungen über angebliche staatliche Untreue der Juden zu suchen. Das von der antisemitischen Presse und den Agitatoren in Saloniki verbreitete Gerücht, daß ein Vertreter der Salonikier jüdischen Sportorganisation Makkabi einem in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, Stattgefundenen Kongreß der Mazedonischen Organisation beigewohnt und dort erklärt hätte, die Juden Salonikis stünden auf der Sei4? der mazedonischen Bulgaren, deren Ziel es sei, Saloniki von Griechenland zu trennen und es Bulgarien einzuverleiben, sei von Anfang bis zu Ende erfunden. Deputierter Bessanchi erhob gegen die Hellenistische Nationale Union, deren Präsiden Cosmidid und der Sekretär Haritipoulos auf der Anklagebank sitzen, die Beschuldigung, einen nicht nur von nationalen, sondern auch von den Gesichtspunkten der wirtschaftlichen Konkurrenz diktierten Krieg gegen die Juden Salonikis nach einem genau vorgefaßten Plan inauguriert und zur Durchführung gebracht zu haben. Ziel dieser Kampagne ist, die Juden, die seit unvordenklichen Zeiten in Saloniki wohnen und Wirtschaft und Kultur Salonikis einst zur Blüte gebracht haben, durch Gewaltmittel und durch wirtschaftliche Konkurrenzmittel zu zwingen, aus dem Lande auszuwandern. Nach Bessanchi wurde der jüdische Deputierte Dos bestbekannte RESTAURANT A. BARSCHAK Wien II, Gr. Schiffg. 3, Tel. A-4Ö-4-39 FIIIRUCHI veranstaltet wie alljährlich IEDERABENDE in traditioneller"iVefse. Einen wahren Pessachgenuß für den verwöhnten Feinschmecker bedeuten unsere Spezialitäten In Palastinoer und ungarischen Weinen. Dos Geschart steht unter Aufsicht des «hrw. Robb. Josef Bobod Isaac Schaki, der der antivenizelistischen Opposition angehört» als Zeuge vernommen. Deputierter Schaki erklärte, der Pressechef der Regierung Venizelos sei verantwortlich für die antisemitische Pressekampagne, die den Angriff gegen die Juden einleitete. Der Prozeß dürfte noch eine Woche dauern. Hakenkreuzler/ Katholiken und liberale Juden Unter den Momentaufnahmen vom deutschen Reichspräsidenten-Wahltag stiebt eine hervor, die aus Frankfurt am Main kommt — nicht etwa ihrer tragischen. Note willen; denn man ist sieh der Gefahr der hakenkreuizlerischen Welle im allgemeinen bewußt Die Frankfurter Momentaufnahme trägt mehr grotesken Charakter, indem sie besagt: Im israelitischen Krankeinhaus erhielt Hitler 95 Stimmen von zirka 200. Man kann wohl nicht annehmen, daß „israelitische Patienten" ihr Krankenlager verließen, um Hitler zum Reichspräsidentenstuhl zu verhelfen, und geht, daher in der Annahme nicht fehl, daß es die deutscharischen Angestellten des Hospitals, Diener, Wärter, Aufsichtspersonen usw., waren. Vielleicht haben diese Herrschaften die löbliche Absicht, ihre israelitischen Pfleglinge zuerst gesundzuptflegen, damit dann das Judeniblut desto lebhafter vom Messer sp ritzen könne., Oder (weniger teuflisch gedacht: Solange :die Juden nooh, in Deutschland sind, ist es vernünftig, sich durch sie versorgen au lassen. Wenn des Dritte Reich kommt,' expedieren wir sie ohnedies ü.ber die Grenze! So denk* soheinbar das deutscharische Personal im israelitischen Krankenhaus von Frankfurt. Und die deutschen Juden? Mit wollüstiger Selbstbefriedigung stellen sie fest, daß es im Deutsehen Reiche ja bloß 13 Millionen HitlerrAntisemiten gebe, denen fast 20 Millionen braver Bindenburgianer gegenüberstehen^ darunter im Geist des Alten Testamente auf gewachsene K a t h o 1 i k e n, die das äuserwählte Volk Mosis wie sieh selbst lieben und den Juden kein Haar krümmen. Es gereicht ihnen z. B. zur Genugtuung, daß ein autoritativer .Mensch, der Jesuitenpater Franz Sladeczek aus Dresden — so berichtet. die judenliberale „Vossische Zeitung" — in der Katholischen Volkshochschule unter dem Thema »Wie stellt sich die Katholische Kirche zum Judentum?" den — Rassennntisemitismus ablehnte und die christliche, katholische Forderung aufstellte, „den einzelnen Menschen d eis auserwäihlten Gottesvolkes aus dem Evangelium heraus zu lieben". Bis hieher war . der katholische Theologe, brav. Aber wehe, wehe! Plötzlich tritt nicht dieser, sondern der verkappte Politiker hervor. Der ist nicht mehr christlich, nicht mehr katholisch, nicht mehr kirchlich. Ein böser Geselle unser, Josuitenpater! Er stempelt nämlich am Schluß seines Vortrages die deutschen Juden kurzerhand zur .^nationalen Minderheit'*, fordert die> restlose Aufhebung der Emanzipation und erzählt auch „sonst noch Märchen aus, der nationalsozialistischen A n t i s e m i t e n k ü c h e". Und immer wieder, sohreit die „Vossisohe Zeitung", beruift sich der Jesuitenpater auf die kirchliche Autorität. Welche Kühnheit von einem Hindewburg-Wähler, von einem politischen Gesinnungsgenossen also, Hitler-Gift in der Katholischen Volkshochschule von sich zu geben! Die 20 Millionen Hindenbürg-Wähler gaben den liberaljüdischen Assimilanten Deutschlands volle Beruhigung. Sie lebten im Wahn, daß 20 Millionen prosemitisciher Wähler 13 Millionen antisemitischer gegenüberstehen und damit ihre physische und staatsbürgerliche Existenz gewährleistet ist. Der Jesuitenpater müßte ihnen jetzt die Augen geöffnet haben, gezeigt hmben. was die zionistische These seit jeher besagt hat. Im Judenpunkt, das hat wiederum die Parteien>konßtellatioh anläßlich der Reiohspi'üsideuteuwahl bewiesen, sind sie alle gleich. Eine gute Hälfte der Hiudenburg-Wähler rekrutiert sich aus Deutschen, die an Hitlers Antisemitismus am wonigsten etwas auszusetzen haben. Diese Erkenntnis sollten unsere liberalen Juden aus den Worten des katholischen Paters ziehen.