Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 238 (8.4.1932)
- Date
- 1932-04-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 238 DIE NEUE WELT Seife 9 essen der verschiedenen christlichen Religionen wahr. Wenn man nun, meint die Zeitung, darangeht, dieses System zu reformieren, so müsse der jüdischen Gemeinschaft in England, die inzwischen an Zahl und im sozialen Standard sehr gewachsen ist, ein Sitz im Oberhaus eingeräumt werden. Der Oberrabbiner des Britischen Reiches sollte im Oberhaus die Interessen der jüdischen Religion vertreten. * Ein Jüdisches Hans in London. In der Vorwoche wurde das Jüdische Haus in London eröffnet. Das Haus, Kostenaufwand rund 100.000 Pfund, ist ein Monumentalbau von acht Stockwerken und soll die religiösen, sozialen und erzieherischen Institutionen der Londoner Juden'heit beherbergen. Später sollen ein jüdisches Museum und eine jüdische Biibliothek dem Hause angegliedert werden. * Der neue anglikanische Bischof in Jerusalem. Reverend G. F. Graham-Brown, Oxford, ist vom Erzbischof von Canterbury zum anglikanischen Bischof von Jerusalem ernannt worden* Bischof Graham-Brown weilte als Führer der S t udenten von Wyoliffe-Hall in Oxford während der Unruhen im Herbst 1929 in Jerusalem. Die Studenten spielten eine wichtige Rolle bei der Verteidigung Jerusalems gegen die Aufständischen und ernteten den Dank der an gegri f f eilen jüdischen Bevölkerung. Einer der Oxford-Studenten wurde bei den Kämpfen getötet, zwei wurden verwundet. * Juden unter den Gründern der Faschistenpartei. Aus Anlaß der Wiederkehr des Gründungstages der Faschistischen Partei in Italien (die Gründung erfolgte am 23. März 1919 in Mailand) veröffentlichen die römischen Zeitungen die Namen der Teilnehmer an der Gründungsversommilung. Unter diesen sind eine Reihe Juden. Von den Teilnehmern an der Gründungsversammlung sind jetzt von Mussolini ausgezeichnet worden u. a. Ing. F e r r a r a, Vittorio Tedesch i, Ines Norsa, der bkannte Gelehrte Prof. Giorgio del Vecchio, der frühere Rektor der römischen Universität. * Oberrabbincr Da Fano 85 Jahre. Die jüdische Gemeinde von Mailand veranstaltete aus Anlafi des 85. Geburtstages ihres Oberrabbiners Alessandro Da Fano, Vorsitzenden des italienischen Rabbiner-Kollegiums, eine Feier. Oberrabbiner Da Fano erhielt aus allen Teilen Italiens Glückwünsche. Alessandro Da Fano ist ein persönlicher Freund von Papst Pius XL, den er, als dieser noch Kardinal in Mailand war, in hebräischer Sprache und Literatur unterrichtete. Streng rituell... wirdKunerol erzeugt, in modernen, appetitlich reinen Anlagen, die vom Publikum jederzeit besichtigt werden können. Kunerol ist garantiert reines, 100%«ges Pflanzenfett Seine besonderen Vorzüge sind: Großer Nährwert, leichte Verdaulichkeit und lange Haltbarkeit Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt 100% REINES KOKOS NUSS FETT Budape§fer Brief Liberale Politiker in der Kultusgemeinde — Liebedienerische Presse — Personenkult — Der unantastbare Präsident — Miß Hungaria — Die G'-neindepaschas — Antisemitischer Rabbiner— Neue Jugend Die große Budapester jüdische Gemeinde wird von einer Clique verwaltet, auf Grund eines vollständig veralteten Wahlstatuts. Verkrachte liberale Politiker oder solche, die um den Verlust ihrer politischen Mandate zittern, drängen sich in den Vorstand der Gemeinde, von dem schlecht verhehlten Wunsche geleitet, sich im Kreise der Kultussteuerzahler für die nächsten politischen Wahlen Stimmen zu sichern. Die Situation wird durch folgenden Fall erhellt: Der Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. Samuel Glückst hat, war bisher als liberaler Gemeinderat einer der Vertreter der Stadt Budapest jm Ober hause. Nie noch trat Glücksthal in den Vertretungskörpern als Jude auf. Immer nur als „Magyar" und Liberaler. Jetzt aber, da die Stadt Budapest auf Grund eines Beschlusses der Parteien Doktor Glücks4* ' nicht mehr ins Oberhaus entsendet, entsteht ein großer Lärm in der Assimilantenpresse ob dieser den Juden angetanen Schmachl Bemerkt sei, daß das in Stelle Dr. Glücksthals gewählte neue liberale Mitglied des Oberhauses ebenfals Jude ist. Die gesamte jüdische Presse — und da macht auch die zionistische keine Ausnahme — ist auf einen, im Auslände ganz unbegreiflichen Personenkult eingestellt. Jede Woche werden diesem oder jenem „hervorragenden Führer** der jüdischen Gemeinde oder auch nur eines Tempelvereines spaltenlange Lobhymnen gesungen. Alle sind unfehlbar und jede Art von Kritik ist streng verpönt Fast jede Woche wird das Konterfei eines dieser „Führer" der staunenden Mitwelt gezeigt oder es werden ausführliche Berichte über ein zu Ehren dieser „Großen" veranstaltetes Festessen gebracht Eine ganz besondere Stellung nimmt hiebei der Präsident der Gemeinde, Hofrat Samuel Stern, ein. Seine Person ist Tabu. Selbst in der zionistischen Presse wird man es niemals wagen, an ihr Kritik zu üben. Im vergangenen Herbst ersetzte die Kultusgemeinde die alte Orgel ihres Tempels in der Tabakgasse und ließ sich dabei um den immerhin respektablen Betrag von 10.000 Pengö die größte Orgel des Landes bauen. Niemand wagte in der Presse die Bemerkung, daß in ' r Zeit furchtbarster Wirtschaftskrise die Gemeinde wohl dringendere Ausgaben habe, als eine neue Orgel bauen zu lassen. Nun brach vor wenigen Wochen ein Streik der Assistenzärzte in der Klinik der Kultusgemeinde aus, die eine geringe Erhöhung ihrer Besoldung verlangten. Die Forderung wurde nun unter Hinweis auf die Ebbe in den Gemeindekassen glatt verweigert Tiefes Schweigen im Blätterwalde oder Angriffe auf die Aerzteschaft. Hofrat Stern steht über jeglicher Kritik. Als Stern vor wenigen Jahren zum Präsidenten gewählt wurde, gab er das feierliche Versprechen, das alte reaktionäre Statut abzuschaffen und durch eine neue, demokratische Wahlordnung zu ersetzen. Er denkt nicht daran, sein Wort einzulösen und er wird auch nicht daran erinnert. Stern gab sich den Anschein, den Anschluß an die ausländische Judenheit zu suchen, und rief zu.diesem Zwecke ein mysteriöses Komitee „Ungarisch- Jüdische Union" ins Leben, das aber bisher nur die Geschäfte der Bethlen-Regierung besorgte und seit Jahresfrist überhaupt kein Lebenszeichen mehr von sich gibt Wo ist die Verbindung mit den Brüdern im Auslande? Niemand wagt da zu mahnen. Und so bleibt es weiter bei der Schande der " oliertheit des ungarischen Judentums, * Wie gedankenlos, ich möchte fast sagen automatisch, dieser Personenkult betrieben wird, beweist nachstehender Fall. Vor einigen Tagen ist der Generaldirektor der Nasicer Tanninfakrik, Hermann Rosenbaum von Gyurgyeväc, gestorben. Das sattsam bekannte Assimilantenblatt .,Egyenlös6g" säumte nicht, die Trauernachricht mit der Bemerkung zu bringen, daß mit Rosenbaum eine der markantesten Persönlichkeiten des jüdischen Lebens in Ungarn dahingeschieden ist Das Blatt war schon ausgedruckt, aber nicht versendet, als in den Budapester Tageszeitungen die Parte des Verstorbenen zu lesen war, die die Mitwelt darüber belehrte, daß die markante jüdische Persönlichkeit nach« römisch-katholischem Ritus zu Grabe getragen werden wird * Noch krasser ist folgender Fall. In Ungarn besteht ein stillschweigendes Uebereinkommen in den hiefür zuständigen Kreisen, daß keine Jüdin mehr des Ehrentitels „Miß Hungaria" gewürdigt werden soll. Die erste Schönheitskönigin war nämlich eine Jüdin, welcher Umstand in rassenschützlerischen Kreisen viel böses Blut machte. Heuer ist nun Fräulein Ica Lampl als Nervenleidenden und Gemütskranken schafft da« überaus milde, natürliche „Frnnz-Josef"-Bitterwasser regelmäßigen Stuhlgang, gute Verdauung, erhöhte Eßltwt. Siegerin aus der Wahl der ungarischen Schönheitskönigin hervorgegangen. Lampl? Ja, der Vater ist ein braver jüdischer Arzt in Budapest, der seine Tochter vorsorglich, wie jüdische Eltern zu sein pflegen, taufen h>ß. Nun hat sich der Pester Israelitische Frauenverein nicht entblödet — man kann es ja nicht anders sagen — zu Ehren der getauften Schönheitskönigin einen „Kulturnachmittag" zu veranstalten. Der befragte Sekretär des Frauenvereines meinte, Hauptsache sei, daß viele Gäste zur Veranstaltung kommen ... * Diese rücksichtsvolle Milde Taufjuden gegenüber wird würdig ergänzt durch die Verbissenheit, mit der sich das offiziele ungarische Judentum den Aeußerungen des neuerwachten jüdischen Volkstums entgegenstemmt. Ein weißer Rabe unter ihnen ist der Präsident der Szegedinex Kultusgemeinde, Dr. Biedl, der in einer mutigen **Äe nachwies, wie lächerlich es sei, wenn sich Juden bemühen, als Magyaren zu gelten. Den meisten in diesem Kreise aber ist kein Mitel zu schlecht, um dem Zionismus eins am Zeug zu flicken. Da traf vor kurzem der Abgesandte der zionistischen Exekutive Dr. Werner Bloch auf seiner Tournee durch Ungarn in Debrezin ein. Flugs gab der Präsident der jüdischen Gemeinde — wohl durch den Budapester Kollegen Hofrat Stern beraten — das Verbot an sämtliche Angestellte der Gemeinde und namentlich an die Lehrer und Professoren des jüdischen Schulwerkes hinaus, die zionistiche Versammlung zu besuchen. * Aber all dieser unwürdigen Assimilationssucht setzt eine Affäre die Krone auf, die wohl geeignet ist, selbst die in Schlaf gelullten jüdischen Gemüter etwas unsanft aufzurütteln. Dr. Kornel Heves, liberaler Rabbiner von Szolnok in der ungarischen Tiefebene, ist kein Neuling im jüdischen Leben, hat er doch schon vor zwei Jahren Anlaß zu einem Skandal gegeben. Er veröffentlichte damals aus Anlaß des Rosch-Haschana- Festes ein Gedicht — offenbar zur Hebung der Festesfreude —, worin er allen Juden, die sich um Zion und seinen Wiederaufbau bemühen, furchtbare Flüche und Verwünschungen entgegenschleuderte. Selbstverständlich erschien dieses dichterische Produkt im „Egyenlös6g". Die Folge war, daß der fluchende Rabbiner, als er einige Monate später an einem öffentlichen Vortragsabend der Ungarische Jüdischen Literarischen Gesellschaft in Budapest wieder einmal einige Gedichte hätte zum besten geben sollen, von der anwesenden Jugend durch eine würdige und nachdrückliche Demonstration daran gehindert wurde, auch nur den Mund zu öffnen. Nun macht der saubere Herr Rabbiner wieder einmal von sich reden. Er kam auf den sonderbaren Einfall, eine alte antisemitische Anekdote in „poetischer" Form zu verarbeiten und in seinen neuen Gedichtband aufzunehmen. Ja, um diesen neuesten Erguß seiner Seele der Welt nicht länger vorzuenthalten, ließ er ihn in einem Szolnoker Blatt gewissermaßen als Kostprobe im voraus abdrucken. Es handelt sich dabei um den alten, schalen Hitz, wonach die Geistlichen der drei Religionen in der Grabstätte eines Verstorbenen im Sinne seiner letztwilligen Verfügung je zweihundert Gulden hinterlegen sollen. Und in der Tat entsprechen der katholische und der evangelische Pfarrer diesem Wunsche, indem jeder von ihnen zweihundert Gulden in barem Gelde ins Grab legt Dann kommt der Rabbiner, dem der Dichter den Namen Nathan gibt, und nimmt die vorhandenen vierhundert Gulden an sich und legt an ihrer Stelle — einen Wechsel über sechshundert Gulden aufs Grab. Diese unerhörte Herabsetzung des Judentums und Beschmutzung des eigenen Standes haben selbst in Ungarn, das an starken Tabak gewöhnt ist große Empörung hervorgerufen. Sie äußert sich zunächst in der einmütigen Stellungnahme der jüdischen Presse, die, bis auf das „Egyenlös6g", welches schützend seine Fittiche über Heves breitet, den würdelosen Rabbiner auf das heftigste angreift „Zsido Szemle" fordert sogar den Landes-Rabbinerverband auf, den selbstvergessenen Rabbiner vor Din Tora zu laden. Heves gehört der alten Generation an, die mit dem neuen Judentum gar keine Verbindung hat Es ist nun erfreulich, daß der Nachwuchs des ungarischen Rabbinerstandes seine Kräfte aus dem lebendigen Judentum schöpft. Dieser Tage fand an der Landes-Rabbineranstalt die feierliche Uebergabe der Rabbinerdiplome an fünf Kandidaten statt, die sich übrigens bereits alle in fester Stellung befinden. Einer von ihnen, der im Vor- , jähre ein Semester an der hebräischen Universität in Jerusalem gehört hatte, feierte bei diesem Anlaß in einer begeisterten hebräischen Rede das Erwachen des jüdischen Volkes, seiner Erde und Sprache. Aber auch sonst regt es sich in der Jugend. Die Schomer- Bewegung faßt allmählich Wurzel im ganzen Lande, ebenso der BrithTrumpeldor, der erst vor kurzem in Budapest zwei Heime eröffnet hat Die Jugend ist sich der schweren Arbeit bewußt, die ihrer harrt, Sie wird das Judentum von dem vielen Schutt zu reinigen haben, den zwei Assimiiantengenerationen aufgehäuft haben. Jomtow Lipraan,