Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 237 (1.4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. »f Hut ab vor Preis und Qualität der S18.-, 24.-, 32.- CEICHKAHDTE VII, KalaerttraÄe 123 IX, AUeratraBe 6 JugendHdier Sturm um die Wiener Judengemeinde «In frivoles Spiel mit den Wünschen der Mittelschüler Nicht wenige von uns werden sich des bangen oder spöttischen Gefühls erinnern, mit dem wir als jüdische Mittelschüler der Vorkriegszeit zu „Religion" gegangen sind, d. h. zum Unterricht für die sogenannten jüdischen Lehrgegenstände: Mosaische Religionslehre und israelitische Geschichte. Das Bangen entstammte einer gewissen Scham bei jenen' Knabe ri, die aus „jüdischem Haus" kamen und hier aus'dem Munde des Religionslehrers die Vorstellungswelt und die Bräuche des'Elternhauses entlaugt, entwertet vorgesetzt erhielten; das spöttische Gefühl fahd sich bei der tiberwiegenden Mehrzahl der Schüler, die sahen, daß der jüdische Gegenstand zu minderwertigsten, mihderwichtigsten herabgesetzt wurde. Die liberalen Väter dieser Jugend sind dahin, eine neue Generation ist auf den Platt getreten, ohne banges und spöttisches Gefühl — zum '„jüdischen Gegenstand". Unsere heutigen Mittelschüler leben in einer Atmosphäre jenes Stolzes, den die Bewegung Theodor Herzls ihnen unbewußt einflößt. Und sie legen sich Rechenschaft ab, wünschen die Nahrung des jüdischen Gegenstandes. Ihnen ist der Religionsunterricht (Lehre und Geschichte) kein toter Gegenstand mehr, den man als Teil des Lehrplans hinnehmen muß. Ihnen ist er Bedürfnis für ihre jüdische Zukunft. Die Jungen empfinden den gegenwärtigen Lehrplan als unzulänglich, veraltet, reformbedürftig. Und sie, denen mehr Wissen um jüdische Dinge, enge Verknüpftheit mit der heutigen Renaissance in Sprache und Geschichte tiefste Herzensangelegenheit ist, wenden sich mit ihren Wünschen analle, die es angeht: an ihre M i tschüler, an ihre Lehr er, an die Parteien der Kultusgemeinde. Sie tun dies in Form einer Rundfrage, deren einzelne Punkte vom tiefen Ernst um die Sache zeugen. Sie fragen u. a.: wie man sich zu dem von den Sozialdemokraten propagierten Vorschlag auf Abschaffung des Religionsunterrichts in den Staatsschulen stelle; zum Unterricht der hebräischen Sprache als lebender Sprache; zur besonderen Berücksichtigung der neuesten Geschichte der Juden. Die Antworten sollen ih einer Broschüre veröffentlicht werden und die Herbeiführung einer Klärung ermöglicher». %; Die Schüler selbst (die zionistischen Verbände) arbeiten eifrig an der. Beantwortung dieser Fragen. Und auch der Verband der israelitischen Religionslehrer ari den österreichischen Mittelschulen hat geantwortet. Seine Vollversammlung hat sich damit beschäftigt und beschlossen: „Der Verband ist überzeugt; - daß die jüdischen Jugendverbände bei ihrer Rundfräge von den besten Absichten geleitet -wurden. Der Verband bedauert jedoch, auf diese Rundfrage nicht eingehen zu können, da eine Regelung des Religionsunterrichtes auf diesem Wege nicht erfolgen kann. Die Verbandsleifung: Dr. Albert Weißkopf m. p., Schriftführer; Prof. Dr. Manfred Papo m. p., Obmann." Unsere jüdische Mittelschuljugend, die in ihrem heißen Drang nach Bildung, nach jüdischer Bildung, sich bei ihren Lehrern Rat suchen will bekommt eine reizende Antwort. „Der Vorstand bedauert . . ." Er bedauert wohl, daß jüdische Mittelschüler mehr Jüdisch verlangen — gar bei Herren, von denen die einen ihre Zöglinge zu Weihnachten unterm Christbaum sitzen sehen, die anderen ihre Zöglinge unter dem freidenkerischen roten Banner der Sozialdemokraten marschieren sehen.möchten! So antworteten die israelitischen. Religionslehrer. Und die Parteien der israelitischen ''Kultusgemeinde? Sie lassen kühl die Jugend an sich herankommen. Was soll ihnen, den bequemen Herren im Klubfauteuil, das stürmische Temperament der Knaben und Kinder/ die in ihrer Zum Landraub in Palästina ECKSTEIN'S illilllllllllllllllillilllllllllljlülltillllliilllülillii' n , FAMILIEN Rcatauration, Kaffee a-j« / Tüglich 9-Uhr-T«« SEMHERING ll&Vm MISS:"49 Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12.- aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm¬ und Kaltwasser In Jedem Zimmer. / Auskunft unter Telephon U-27-8-24 Forderung nach Rücktritt des Nationnlfonds- Direktoriums Die „Neue Welt" hat über die von der Palästina- Regierung erpreßte Verpachtung von Nationalfonds-Boden (Wadi Chawarith) an Araber berichtet Die Angelegenheit hat Entrüstung gegen die Palästina-Regiernng und Mißtrauen gegen die verantwortlichen zionistischen Föhrer hervorgerufen. Die Londoner Exekutive der Zionistisch-revisionistischen Weltunion übermittelt der „Neuen Welt" folgende Resolution zum Abdrucke: Das revisionistische Exekutiv-Komitee in London stellt fest: daß die von der Palästina-Regierung in der Wadi- Chawarith-Affare angewandte Methode des Druckes einen Schritt darstellt, der das Mandat, die Gesetze Palästinas und die moralischen Grundlagen von Staat und Gesellschaft verletzt; daß diese Methode eine Ermutigung für die agressiven Elemente im Lande bedeutet, die fortfahren, in das von Juden rechtmäßig erworbene Land gesetzwidrig einzudringen; daß der Vorwand, jüdischen Boden „zeitweilig" wegzunehmen, nur eine Täuschung ist, da sowohl aus der Erklärung der Eindringlinge wie aus der Praxis der Palästina-Regierung klar hervorgeht, daß. die von den Beduinen erfolgte Besetzung des Wadi-Chawarith-Bodens unter diesem oder jenem Vorwand permanent bleiben wird; daß das vom Zionisten-Kongreß als Verwahrer gewählte Direktorium des Jüdischen Nationalfonds, dessen heiligste Pflicht die Intakterhaltung des Landbesitzes des jüdischen Volkes war, dem ausdrücklich untersagt war, solche Ländereien an Nichtjuden zu veräußern, kein Recht hatte, seine Zustimmung zu einer Maßnahme zu geben, die einer zwangsmäßigen Enteignung jüdischen Bodens gleichkommt und aller Voraussicht nach als Präzedenzfall für weitere arabische Gewaltakte dienen und zu anderen Veräußerungen führen Wird; daß es vielmehr die klare Pflicht des Direktoriums des Jüdischen Nationalfonds war, seine Zustimmung zu dieser gesetzwidrigen Landenteignnng zu verweigern und die Regierung vor die Wahl zu stellen, entweder das Land an den rechtmäßigen Besitzer, den Jüdischen Nationalfonds, zurückzugeben oder vor der ganzen Welt als Helfer und Unterstützer gesetzloser Gewalt bloßgestellt zu sein; daß das Direktorium des Jüdischen Nationalfonds dadurch, daß es vor Erfüllung seiner Pflicht zurückschreckte und seine Einwilligung zu der sogenannten „Pacht" des Wadi Chawarith-Bodeiis gab, sowohl die Handlung der Regierung wie den provozierenden Präzedenzfall sanktionierte und durch die Veräußerung des Bodens.. des Jüdischen,, Nationalf <pnds, an Nicht juden die Bestimmungen des Jüdischen' NütiOnalfonds verletzte. Das Exekutiv-Komitee fährt in der Unterstützung des Jüdischen Nationalfonds fort, verlangt jedoch die Resignation des Direktoriums dieses Fonds, als die einzige Möglichkeit, das öffentliche Vertrauen in die Verwaltung des Fonds und seines Eigentums wiederherzustellen. Herzensnot an die Weisheit der jüdischen Gemeindeführer appellieren? Diese haben bekanntlich andere Sorgen, vor allem die eine, sich um jeden Preis die bequemen Klubfauteuils auch weiterhin zU sichern, d. h. die bevorstehenden Wahlen hinauszuschieben. Die jüdische Jugend will die Sprache und Geschichte ihres Volkes an ihren. Schulen lernen. Der Verband der Religionslehrer winkt ab, die Herren des Kultusvorstandes schweigen. Arme jüdische Knaben! Werden sie jetzt schon das frivole Spiel begreifen, das mit ihrem schönen Sehnen nach jüdischen Werten gespielt wird? o. r. Au§ Polen Beginn einer neuen großen Palästina-Wanderung Der Vorsitzende der P o 1 n i s c h - P a 1 a s t i n *• ns i s c h e n Handelska m m e r in Warschau, Leon Levite, machte in einer Pressekonferenz folgende Mitteilungen über das jetzt zu beobachtende gesteigerte Interesse d e r p o1n i s c he n Juden und der Juden anderer Lander an Palästina: „Wir sind selbst von einem plötzlich einsetzenden Touristenstvom aus Polen nach Palästina überrascht worden. Wir hatten bei der polnischen Regierung um verbilligte Reisepässe für 1250 Touristen nachgesucht und glaubten, daß so viele Pässe auch nicht annähernd beansprucht werden würden, aber heute schon sind mehr als 2200 Juden nach Palästina abgereist und immer noch besuchen uns Abordnungeu von Touristengruppen mit der Bitte, weitere Exkursionen zu organisieren. Ks fehlt fast schon an Schiffs r a u m für einen so großen Touristenstrom. Außerhalb des Rahmens all dieser Exkursionen begeben sich isoliert mehrere reiche Kaufl eilte und Industrielle nach Palästina. Ein starker Touristenstrom geht auch aus England, Deutschland, Rumänien usw.; allein aus Amerika sind drei Touristenschiffe »ach Palästina abgegangen. Man müßte kurzsichtig sein, ivm nicht zu seilen, daß diese Touristenströme mehr bedeuten als eine saisonmäßige Touristenbewegung; sie sind deutliches Symptom einer neuen großen Alijah (Wanderung nach Palästina). Die immer schwieriger werdende ökonomische Lage der Juden in den verschiedenen Ländern veranlaßt taustmUe Juden, Union der Zionisten-Revisionisten Mittwoch, den 6. April 1932, 7.9 Uht abends, im Hersl-Saat dos Verbands* heimt, II., Untere Augartenstraße 38 VORTRAG Gegenstand: Was geht in Palästina vor? Referent: Dr. S. Wolf Regiebeitrag 20 g Freie Aussprache eine Uebersiedlung nach Palästina, wo auf keinem Felde noch die wirtschaftlichen Möglichkeiten erschöpft sind, in Erwägung zu ziehen. In diesem Sinne sind die heutigen Touristen Vorposten der neuen, der fünften, Alijah. Die Aussichten dieser fünften Alijah sind weit besser als die der 1925 in Angriff genommenen vierten Alijah. Damals war das Land für die Aufnahme einer tieuen Immigration nicht vorbereitet. Heute hat sich vieles geändert: Es gibt bessere Verkehrsmittel, das große Ruthenbergsche Elektrizitätswerk, vergrößerte Und Verfeinerite Oranigenk u 11 u r, erweitertes und verbessertes Kreditsystem, verbilligten Häuserbau (um die Hälfte billiger als 1925) u. a. m. 1925 müßten jüdische Wirtschaften aus Kreditmangel untergehen, heute erhält man in Palästina Kredite zu 6 bis 8 P r o z en t. Zwar hat-die Palästina-Regierung den Vermögenszensus für Mittelstandseinwanderer von 1000 Pfund auf 500 Pfund herabgesetzt, dafür aber müssen die Einwanderer Vorkenntnisse in dem Faoh nachweisen können, dem sie eich in Palästina widmen wollen. Beste Aussichten bestehen für Handwerker und Kleinindustrielle. Emanuel Neuman richtet jetzt in Palästina ein Informationsbüro für Einwanderungswillige ein; mit diesem Büro wird ein in Polen eingerichtetes Informationsbüro zusammenarbeiten." Levite schloß: „So erfreulich der neue Drang nach Palästina an sich ist,- so vorsieht ig und planmäßig muß der neue Wanderstrom reguliert werden, damit die Fehler von 1925 vermieden werden." ..... Kampf um die Sonntagsruhe in Polen Unter dem Vorsitz des Handelsministers Zaszicki wurde im Handelsministerium eine Konferenz abgehalten, in der über Einführung von E rleichterungen für den polnischen Handel beraten wurde. Der jüdische Deputierte aus Lemberg, Ignati Jäger, hielt einen längeren Vortrag über die Folgen des Sonntagsruhegesetzes für den jüdischen Handel und richtete die folgende „letzte Mahnung" an die Regierung: Für die jüdische Kaufmannschaft in Polen hat bereit» die zwölfte Stunde zu schlagen angefangen. Kommt der Staat der Kaufmannschaft nicht zu Hilfe, so ist sie dem Untergang geweiht; dies aber wird für den polnischen Staat von den schwersten folgen sein. Der Todeskampf der jüdischen Kaufmannscha f t wird beschleunigt durch den Zwang, zweieinhalb Tage in der Woche zu feiern, dabei aber die Steuern für die volle Arbeitswoche zu leisten. Im Rahmen der Notaktion für den Handel müsse eine Erleichterung der »So.nn(ta.gsrohe in dem Sinne Platz greifen, daß es Juden erlaubt sein soll, an Sonntagen und an c h r i s tliehen Feiertagen von 7 bis 10 Uhr morgens und von 3 bis 6 Uhr nachmittags zu arbeiten und Handel zu treiben. Die Zwangssonntagsruhe für die jüdische Bevölkerung schädige die gesamte nationale Wirtschaft Polens, sie ist auch für große Teile der christlichen Bevölkerung unerträglich. Gegen die Ausführungen Ignati Jägers trat der D d r e k it o r der P o s e n e r Handelskammer, Szikorski, auf, der im Namen des christlichen Haudelsstandes gegen jeden Versuch, das Sonntagsruhegesetz anzugreifen, protestierte. Aufruf zur Wellkonferenz z/Tolzereih Haaretz" Die Bewegung „Totzercth Haaretz" bezweckt die Hebung des Verbrauches von Palästina-Erzeugnissen in aller Welt. Im April 1932 wird in Tel-Awiw eine Ausstellung stattfinden, die unter dem Namen „Orient-Messe" weit und breit bekannt ist. Zu dieser einzigartigen Ausstellung im Rahmen einer jüdischen Stadt, wo jeder Stein durch jüdische Hände eingebaut wurde, wird die landwirtschaftliche und industrielle Produktion der jüdischen Bevölkerung Palästinas einen Ehrenplatz einnehmen. Die Ausstellung wird dadurch zu einer wirklichen Zusammenfassung des erzielten Fortschrittes und verdient wohl die allergrößte Unterstützung seitens des Weltjudentums. Die wirksamste Unterstützung liegt darin, daß sich alle jüdischen Gemeinschaften der Bewegung „Totzereth Haaretz" anschließen, welche die Erschließung der