Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 237 (1.4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23? DIE NEUE WELT Seife 3 \ sporadisch Anzeichen bemerkbar, dem Problem Kommunismus und Judenfrage näherzutreten. Es geschieht dies unter dem Druck bolschewistischer Provokationen in den zahlreichen Zentren jüdischer Massensiedlungen. Wort und Schrift dienen einem kommunistischen Kreuzzug hauptsächlich gegen den Zionismus, gegen seine Idee und Praxis, einer Offensive, die mit auffallender Heftigkeit in Szene gesetzt wird. So ist eine Art jüdisch-kommunistischer Literatur im Entstehen begriffen, die aus dem Rahmen parteipolitischer Augenblickstaktik heraustreten und sich zu einer umfassenden Zielsetzung erweitern will. Der Kommunismus betont jetzt auf dem Wege der Propaganda mit besonderer Eindringlichkeit, daß er — die Judenfrage lösen will und kann. Allerdings ist dieser Deklarierung jahrelang eine unterirdische Arbeit vorausgegangen, die nicht ohne Erfolg geblieben ist. Was der zionistischen Welt als „rote Jugendassimilation" und als sogenannter kolonisatorischer „Konkurrenzkampf gegen den Zionismus" der russichen Zionisten bekannt ist, das sind die sichtbaren Symptome. In der großen zionistischen Literatur ist weit und breit nichts vorhanden, das man als ernsthaftes Ma terial in bezug auf diese neue Gefahr ansehen könnte. Der kommunistischen Manipulation, die Judenfrage zu komplizieren und zu verwirren, damit desto leichter der Schlag gegen das Judentum und seinen sichtbaren Träger, den Juden, geführt werden könne, ist bislang nichts entgegengesetzt worden. Der Kampf gegen die liberale Assimilation und die rosarot gefärbte sozialdemokratische Proselytenmacherei hat scheinbar allzu sehr die zionistische Aufmerksamkeit absorbiert, so daß die klaren Parolen gegen den Kommunismus nur von Fall zu Fall ins Licht traten. Aber sobald man sich einer klaren Definition dessen, was Kommunismus ist, bewußt wird, tritt die Notwendigkeit zutage, solche klare Parolen auf weite Sicht hin zu erlassen. Schon die Taktik des Kommunismus in der Form des Bolschewismus hat ergeben, daß er, ähnlich den frühchristlichen Werbemethoden, ein Evangelium predigt, dem sich jeder mit Haut und Haaren verschreiben muß. Es ist dies ein Dogma, das keine Toleranz kennt, das gewillt ist, mit Feuer und Schwert alles niederzuhalten, v/as nur irgendwie in das kommunistische Schema nicht paßt. So verlangt das utopische Ziel einer klassenlosen Gesellschaft die Einbeziehung jeder menschlichen Funktion in den Bereich der kommunistischen Aufsicht. Kommunistische Aufsicht! Kommunistisches Schema! Da der „praktischen" kommunistischen Religion die seelischen Gefühlsreligionen gegenüberstehen, muß die bolschewistische Taktik sich grausamer Religionsverfolgungen bedienen. Sie muß das Einzelleben in allen seinen Aeußeruugen unter Kontrolle setzen, das Buch, die Literatur,, die Bühne, die Wissenschaft; nicht etwa, nur um die Wirtschaftstendenzen zu erleichtern, sondern aus ihrer materialistischen Geschichtsauffassung, die zur Religion geworden ist. Im Kommunismus, der als solche Weltanschaung eine neue Religion geworden ist, liegt die Gefahr für die Existenz der Juden als Volk! Auf den ersten Blick mag diese unsere Schlußfolgerung sonderbar klingen; zunächst in Anbetracht des Umstandes, daß ja die Bolschewiken die nationale Autonomie der Völker auf ihrer Fahne haben und Sowjetrußland selbst sich einen Staatenverband nennt, der sich aus zahlreichen, national autonomen Völkern zusammensetzt; des weiteren in Anbetracht der Tatsache, daß Sowjetrußland wiederholt Versuche gemacht hat, die Juden in bestimmten Landstrichen zu konzentrieren (Krim), ja sogar, bestätigt durch die jüngsten Anfängern, widerfahrenen /f/tt cfteiit*€4\ ^^W^m ^^^r^fW*^** W m w gibt der voigtländer:film die Gewähr zur Erzielung guter Negative. Der 23°ScheIner-Fnm mit der Prüf u ngs-Urkunde In jeder Photohandlung erhältlich. Mitteilungen des Präsidenten der U. S. S. R. K a 1 i n i n, eine jüdische Republik (Biro-Bidschan) zu installieren sich anschickt; schließlich in Anbetracht der Erfahrung, daß diesen Plänen und Absichten die Anerkennung des Jiddisch als jüdische Volkssprache, die Errichtung jiddischer Elementarschulen und höherer Lehr-, Bildungs- und Kulturanstalten mit jiddischer Sprache vorausgegangen sind. Oberflächlich gesehen, wirken diese Momente als Maßnahmen zur Konsolidierung eines jüdischen Volkes in Sowjetrußland analog den Maßnahmen für andere in Sowjetrußland lebende Völker. Allerdings nur obereinen nur mii der einzigen schwedischen Weltmarke flächlich gesehen! Denn was ist der Inhalt dieser auf das jüdische Volk gerichteten Kolonisierungs- und Kulturbestrebungen? Wir wissen, daß die Sowjetunion seit ihrem Bestand einen Deklassierungsprozeß der jüdischen Massen forciert, die seit Jahrhunderten einen bestimmten Wirtschaftskörper darstellen: Kleinbürger, Händler, Handwerker, mittlere Intellektuelle und der in diesem Rahmen wirkende manuelle Arbeiter. Sie machten ein Milieu ausj das in Sowjetrußland selbst sein eigenes, mit anderen nicht zu vergleichendes Leben führte; ihm waren auch demgemäß milieubedingte religiöse, kultische, geistige, sprachliche Lebensformen eigen. Es war das, was man als die spezifische Form des Diaspora- Judentums in Rußland ansehen konnte. Wirtschafts-, Kult-, Sprach- und Lebensform bildeten eine ffck. Der spannendste und Heiterste film des Jährest I W KÄTHE u HAGyu„d HflllS AIBERS »DER SIEGER« tt der in! von Leonhard Frank und Robert Liebmann Musiki Werner R. Heymann Lledertexie: R. üilDeit, S. Liebmann, M. Kolpe Regle: Hans Hlnrlch und Paul Martin Täglich: GARTENBAU-KINO, I. UFA-TON-KINO, II. STAFA-KINO, VII. KOLOSSEUM-KINO, IX. | geschlossene Einheit, deren einzelne Teile ineinander verflochten, voneinander nur gelöst werden konnten unter der Gefahr, die Existenz des Ganzen ins Wanken zu bringen. Und tatsächlich hat schon der wirtschaftliche Deklassierungsprozeß die Auflösung des spezifischen jüdischen Lebens in Rußland im Verlauf der wenigen Jahre der Bolschewikenherrschaft in Rußland in die Wege, geleitet. Nun die Sprache! Das Jiddisch als Attribut des Milieus (schon in seinem linguistischen Element) mit der spezifischen Kultform aufs engste zusammenhängend, kann, davon losgelöst und zum Träger eines rein sprachlichen Allerweltmittels transponiert, aus hunderten Gründen kein national erhaltendes Attribut abgeben. Mehr als anderswo kommt es in diesem Fall auf den Geist an: Es ist etwas anderes, wenn man in Jiddisch eine chassidische Legende festhält oder wenn in Jiddisch der Mechanismus eines Dampfpfluges erklärt wird. Wenn sich also auf der einen Seite der wirtschaftliche Deklassierungsprozeß als ein Moment der volkliehen Auflösung erweist, so ist auf der anderen Seite die Tendenz, das Jiddisch seines Inhalts zu entleeren, eine Verstärkung der Assimilationsmethode. Unter diesem Gesichtswinkel allein müssen sich die Kolonisationsbemühungen — für einen Augenblick die ehrliche Absicht angenommen — als wertlos im Sinne der Erhaltung des jüdischen Volkskollektivismus zeigen. Diese das Gesamtproblem nur streifende Betrachtung birgt in sich alle Elmente, die zur Gegenüberstellung von Kommunismus und Judenfrage erforderlich sind. Ein Fünf jahresplan für den Kamp! gegen die Religion Das Moskauer Organ der jüdischen Gottlosen „Apikoj res" führt aus, mit Beginn des zweiten Fünf jahresplanes der Sowjetunion beginne für die Gottlosen ein Fünfjahresplan der Bekämpfung der Religion. Die Ursachen, die den »religiösen Aberglauben" speisen, müssen verschwinden, und die Klassen, die an der Existenz einer Religion interessiert sind, müssen mit den Wurzeln aus der russischen Erde herausgerissen werden. Das Präsidium des „Verbandes der kriegerischen Atheisten" hat in einer Resolution; ein Programm der Religionsbekämpfung in 13 Punkten aufgestellt, das während des zweiten Fünf jahresplanes zur Durchführung gelangen sol\. Oscher richtete fragende Blicke auf sie. Er sieht nicht, auf welche Weise die Armen gespeist werden sollen. „Halt! Eine mathematische Rechnung! Jetzt gebt euch zufrieden. Vierzig arme Mädchen werden doch sein bei uns? Wenn sie nur Hemden nähen, verdient ein jedes doch 30 Kopeken den Tag. Vierzig mal fünfzig — habt ihr 20 Rubel den Tag, 120 die Woche, 500 . . „Nun, und die Knaben, wo bleiben die?" stellte Reiter die Rechnung auf. „Wir werden mit ihnen eine Musikkapelle aufstellen! Sie werden auf fremden Hochzeiten spielen." „Es gibt noch andere Quellen hier; auf Beschueidungen u,id Hochzeiten werden wir unsere Waisen schicken, sie sollen in schöner Ausstattung gratulieren gehen. Die Festteilnehmer werden sie sicher dafür belohnen." ,Jch hab' eine neue Quelle: Es gibt Reiche, die keine Kinder haben; bald stirbt jemand und kein Name bleibt nach ihm zurück. Arme Leute, das weiß man doch, vermehren sich. Für sie sind neugeborene Kinder mehr als verstorbene Ahnen. Wir weiden eine neue Steuer machen. Ein Name nach einem verstorbenen Reichen •— ein Fünferl!" Oscher konnte den Berechnungen nicht mehr folgen. Awrejmel saß die ganze Zeit abseits und hörte das Geplauder an. Ihm schien, als ob die Gäste eher wichtigtuerisch als dumm seien, daß sie au das, was sie sagen, selbst nicht glauben. Es gelüstete ihn, sie zu entlarven. „Kennen Sie die Witwen und Waisen und die armen Leute?" wandte er sich an den grobschlächtigen Samuel Herzberg. „Ich kenne sie nicht! Fürchten Sie etwa, daß es deren wenige in der Stadt gibt!" „Aber Sie kennen sie nicht? Sie haben sie nie gesehen." „Nun, und?" „Warum sagen Sie dann, daß es Ihnen das Herz zerreißt? Das Herz zerreißt nur über ein Leid, das man mit eigenen Augen sieht." Herzbergs volles Gesicht färbte sich dunkelrot und sah noch voller und grobschlächtiger aus. „Ob ich sie nun kenne oder nicht, Sie werden doch nicht leugnen, daß der Einfall gut und von Wert ist." „Was ist von Wert? Achtzig Hemdeu in der Woche herzustellen und vierzig Musikanten jährlich im Städtchen aufzuziehen?" „Aber man kann doch probieren. Was ist dabei zu verlieren? So oder so, Zeit haben wir alle überflüssig," „Dann sagen Sie es gleich. Sie haben .lichts zu tun und suchen die Zeit totzuschlagen. Wenn dem aber so ist, weiß ich eine andere Geldquelle. Soll jeder von euch jedem Waisen 5 Rubel für den Monat Lehrgeld zahlen, d. h. dafür, daß sie euch zur Verfügung stehen, euch die überflüssige Zeit abnehmen und euch einen guten Namen machen. Nur ein Hindernis mag es geben. Möglicherweise wird solch eine Waise einen höheren Kurs ansetzen." Die Gäste blickten einander au. Oscher schlug, sich rasch auf die Seite Awrejmels, genau so wie er sich früher Herzberg angeschlossen hatte. Falten legten sich auf seine Stirn, er wollte anscheinend ausrechneu; wieviel Hemden jahrlich von der Schule erzeugt werden könnten und wo man sie anbringen kann. Im Zimmer wurde es still. Das Tönen einer Saite wurde hörbar: Sum! Reiter wollte sich so bemerkbar machen, Awrejmel wurde es auf einmal schwer, unter.den Gästen zu sitzen. Er erhob sich, ließ allen zusammen ein „Gute Nacht" zurück und ging hinaus.. „Dorfbursche", warf ihm einer aus der Gesellschaft leise nach. Mirjam nahm sich seiner an. „Aha", winkte Herzberg den anderen frech zu. „Siehst, wie man justament und geradeaus auf die weheste Stelle getroffen hat." Mirjam wurde rot. „Na, Witwen und Waisen", sagte sie zornig, „das, das ist ein Handtuch, in dem sich jeder Schmutzfink seine Hand abwischen darf. Aber ich, ich will dir das Vergnügen nicht antun, zum Stoff deines frechen Winkens und Redens zu dienen. Ich erlaube das niemand." Oscher runzelte noch tiefer die Stirn. Den Gästen wurde es ungemütlich. Man ging einzelweis auseinander. Oscher war allein nachdenklich zurückgeblieben. Er war mit dem Benehmen unzufrieden, das Mirjam letztens Awrejmel gegenüber zeigte. Soll es nur nicht zu Streitereien und einem bösen Ende führen, dachte er, (Fortsetzung folgt.)