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Die neue Welt · 1932-03-25 · Heft 236 (25.3.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 236 (25.3.1932)
Date
1932-03-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 236 DIE NEUE WELT Seite I Bei HHmorrhoidalleiden, Verstopfung, Darmrissen, Abszessen, Harndrang, Stauungsleber, Kreuzsöhmerzen, Brustbeklommenheit, Herzpochen, Schwindelanfällen bringt der Gebrauch des natürlichen „Franz-Josef-Bitterwassers immer angenehme Erleichterung. In Apoth. erh. Taufe und »Schmad« Von Dr. H. Rosenblum (London) Nichts ist so amüsant wie die Art, in der sich die Engländer mit ihren Täuflingen auseinandersetzen. Drei solche Täuflinge beschäftigten kürzlicii die englische Presse. Einer der populärsten englischen Täuflinge, der auch im Auslande nicht unbekannt sein dürfte, ist heutzutage Miss Madeleine SI a d e, die Tochter des seligen Adrairals Sir Edmond John Warre Slade. Sie war Gandhis Hauptberaterin auf eeiner Winterreise zur Round-Table-Konferenz in London, wo sie Gegenstand eines erhöhten Interesses seitens der Presse war. Vor sechs Jahren, als Miss Slade 33 Jahre alt war, hatte sie ihre hochgestellten englischen Verwandten und Freunde dadurch überrascht, dafl sie alle mit ihrer hohen sozialen Stellung verknüpften Vorzüge aufgegeben hatte, um, einem inneren religiösen Rufe folgend, vollständig in den Dienst Gandhis und der indischen Sache zu treten. Sie wohnt seither permanent in Indien, wo sie Kleider vom eigenen Webstuhle trägt, täglich um 4 Uhr morgens von ihrem harten Bettlager aufsteht, spärliches Brot ißt und die antibritische B p y k o 11 b e w e g u n g mit der Leidenschaft einer Neubekehrten unterstützt. Der zweite Fall ist der eines anderes Mädchens, einer den äußeren Merkmalen nach „Amerikanerin", jedoch englischen Blutes und englischer Abstammung. Es ist dies Miss Nilla Cram Cook, die Tochter des Dichters George Cram Cook. Dieses 21jährige Mädchen hat sich, bevor sie das Heil des Braihminismus empfing, einer 14tägigen „Reinigungszeremonie des Fastens und Betens im Herzen Indiens unterzogen. „Der Sinn meines Schrittes", erklärte das Mädchen, „ist die Annäherung an Gandhi, der die Verwirklichung aller meiner Träume ist; er ist die Realisierung einer Sehnsucht nach tieferem Lebensinhalt und iah will nun seine treue Tochter werden." Der dritte Fall ist der einer hochadeligen Dame, die kürzlich in feierlicher Weise zum moslemischen Glauben unter dem reizenden Namen Khara-ul-Nissa . („die Schönste der Frauen") übergetreten ist. ,.Das Amüsante bei all dem ist, daß es keinen einsigen Engländer gibt, der dies in irgend einer Form als nationale Schikane auffassen würde. Keine Spur davon. Die englische Presse bringt in großer Aufmachung Aufnahmen, Reden und Gespräche ihrer Täuflinge, ohne auch ein Wort des Aergers über den von diesen betretenen Weg fallen zu lassen. Es herrscht für derlei Dinge ungefähr dasselbe Interesse wie für die Extravaganzen Josephine Bakers, die Mesalliance des schwedischen Kronprinzen und ähnlichen journalistisch gut verwendbaren Stoff. Und damit Schluß. Es geht sonst niemanden weder die religiös kniende Miss Cook, noch die exaltierte Miss Slade noch die offenkundig gut gepflegte Neuakquisition Mohammeds, Kharaul-Nissa, etwas an. Sie berühren keine tieferen Saiten des öffentlichen Empfindens. Warum? Das ist die Frage, die sich jeder jüdische Beobachter dieser eigenartigen Erscheinung stellt. Der Jude ist gwöhnlich von anderen Sentiments in bezug auf seine nationalen „A u s t r i 111 e r" beherrscht. Am wenigsten würde ihm einfallen, einen Täufling: durch Interviews zu belästigen und seine Porträts und Ansichten dem jüdischen Zeitungspublikum zur Bewunderung zu präsentieren. Das Täuflingsproblem ist für jeden von uns ein etwas schmerzliches Erlebnis und wir sind wenig geneigt, daraus eine gewöhnliche Zeitungssensation zu machen, mit der man unbekümmert jonglieren kann, Ist man dieser jüdischen Mentalität verfallen, so muß einen der englische Freimut wirklich überraschen. Denn die angeführten Tauffälle der englischen Damen enthalten außer den Elementen religiöser Abkehr und schreienden Traditionsbruches (die dem Engländer kaum imponieren dürfte) auch noch das Merkmal des ausgesprochenen nationalen Verrats: nicht nur daß die Leute ihre herkömmliche Religion und Nationalität als Abtrünnige aufgeben, sie treten als Söldner restlos einem Lager bei, wo Kampf gegen England höchstes Gebot ist. Das Empfinden der Öffentlichkeit sollte also durch solche Demonstrationen ganz besonders gekränkt werden. Und doch —• dieses aufsehenerregende Desinteressement! Rätsel? Alles eher als das. Warum wird der Jude so gereizt, wenn er das Wort „Austritt" hört? Weil er einer verfolgten Nation angehört und weiß, daß eine Abkehr von dieser nichts anderes als den Uebertritt aus einer zurückgedrängten und besudelten zu einer herrschenden und besitzenden Gemeinschaft bedeutet — was nicht gerade als Heldentat gewertet werden kann. Sich in das Lager des Wirtsvolkes hinüberzu retten, wie es beispielsweise einige brave Professoren der Wiener Universität taten, um aus ihrem Versteck mäuschenstill das malerische Bild jüdischer ^Auchspßxt ntuhmübajgs erhalten Sie mit dem VOIGTLÄNDER-FILM bei Momentaufnahmen aas freier Hand gut durchgezeichnete Negative Der23°5cheiner4'ilmmitderPRÜFUNGS-URr<UNDE in jeder Fotohandlung erhältlich* Pogrome und Autodafes zu betraditen, ist eine Handlung, die keine „religiöse" oder sonstige „Ueberzeugu'iig" reinwaschen kann. Denn Würde- und Charakterlosigkeit lassen sich durch keine „Ueberzeugung"' entschuldigen. Niemand verlangt natürlich, dafl Durchschnittsleute sieh ähnlich Byron und Garibaldi für alle Schwachen und Unterdrückten einsetzen. Aber Menschen mit etwas Sinn für die sogenannten „irrealen Wert e" sollten ein gewisses sittliches Minimum besitzen und dieses ist: mindestens dem eigenen Volk, wenn es in Nöte gerät, nicht den Rücken zu wenden. Hat man diese Grenze überschritten, so soll man keinen Anspruch auf Achtung erheben: Ratten, die sich aus einem sinkenden Schliff in aller Eile retten, brauchen nicht von Achtung und Ehre sprechen, auch wenn es Rotten sind, die Professoren- und Doktortitel haben. Diesbezüglich sind die Armenier und Inder mit den Juden zweifelsohne einer Ansicht. Ganz anders ist es bei den Engländern. Dieses Volk ist bekanntlich weder bedrängt noch machtlos. Eine Abkehr von ihm ist infolgedessen alles eher denn ein moralisches Vergehen. Die Abtrünnigen verlassen hier kein verfolgtes und besudeltes Volk und schließen sich nicht einem Volke an, das ihnen mehr als das englische bieten .kann« IJnd, da esw so. ist, nimmt man hierin akademi§dien Burschen; £^// Ä j RtfinauÄ« KJllto?m W§aW* »glich >!fw«Rnms. w&br* zulande den Abtrünnigen ihren Schritt nicht sehr übel, denn sie lassen niemanden im Stich und sind jederzeit imstande, die Öffentlichkeit darin zu überzeugen, daß sie ihre Tat aus purem Idealismus begangen "haben. Daß es sich hier wirklich um nichts als Idealismus handelt, zeigt übrigens die ganz kleine Zahl der Abkehrfälle. Die unerhebliche Zahl der Täuflinge nimmt diesen sodann jede nationale Gefahr, auch wenn sich die Abtrünnigen mit dem Gandhismus verbinden. Bei den Juden dagegen könnten die Täuflinge eine ansehnliche Armee bilden; wenn diese, wie manche Taufideologen behaupten, wirklich aus Idealisten bestünde, so würde das Judentum in der Welt eine geradezu pathologische Art des Idealismus repräsentieren... Eine Abkehr bei den Engländern ist tatsächlich nichts als Gemeinschaftswechsel. Bei den Juden ist es mehr: es ist Gemeinscihaftswechsel plus Dolchstoß, Verrat. Deshalb lautet auch der jüdische Begriff „Schmad" viel härter als der üblidie Begriff „Taufe4*. Taufe ist im Grunde eine teilnahmslose Bezeichnung für eine gewisse Aktion, während „Schmad" sowohl die Bezeichnung «wie die gleichzeitige Ablehnung dieser A'ktion beinhaltet, „Was dem Russen wohltut, bringt den Deutschen um" — sagt ein russisches Sprichwort. Was den Engländern einen interessanten Lesestoff bietet; bedeutet den Juden — Schmach und Schmähung. Es scheint« daß ein freies, staatsrechtlich organisiertes Volk nicht nur seinen Nationalisten und Patrioten, sondern selbst seinen Täuflingen bessere Chancen zu bieten vermag»,. // Von Josef Frankel (Wien) Wir verfolgen Herzls Tätigkeit in der „Albia" bis zu dem Augenblick, da sie sich unter antisemitischen Einfluß begibt und dazu beiträgt, daß Herzl seinen Austritt anmeldet. Die Figur Hermann Bahrs erscheint hier in eigentümlicher Beleuchtung. II. Die Judenfrage wurde in der damaligen Zeit in fast allen Burschenschaften behandelt und auch in der „Albia" diskutierte Herzl viel über diese Frage. Lebhaft interessierte sich Herzl für die Probleme Antisemitismus und Judentum, er las antisemitische Bücher und einen besonders starken Eindruck, „wie wenn er einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte"10), machten i auf ihn Eugen D ü h r i n g s Bücher „Die Judenfrage als | Frage des Rassencharakters", die „Ueberschätzung | Lessings und dessen Anwaltschaft auf die Juden", „Der 1 Ersatz der Religion durch Vollkommenes und Ausscheidung alles Judäertums durch den modernen Völkergeist"* All dies — Schönerers Ansprachen auf Kommersen, Dührihgs antisemitische Bücher und die Debatten in der „Albia" — erweckten in Herzl ein Gefühl der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und führten zur ersten intensiven Beschäftigung mit der Judenfrage. Der Weg Herzls wurde aber erst durch die Rede Hermann Bahrs auf dem „Richard-Wagner-Kommers" klarer. Er führte zum gänzlichen Bruch mit der „Albia" und zu seinem freiwilligen Austritt aus der nun völkisch werdenden Burschenschaft. Im Jahre 1882 wurde der „Verein deutscher Studenten in Wien" gegründet und Hermann Bahr wurde in die Vereinsleitung gewählt. Der Verein war antisemitisch. Bahr trat auch der Burschenschaft „Albia" bei und während Herzl schon „inaktiver Bursch" war, ein Schriftsteller, der bereits einige Dramen geschrieben hatte, stolzierte Hermann Bahr im „Fuchsenband" und machte die ersten journalistischen Versuche. Der „Verein deutscher Studenten in Wien" machte kurz nach dem Tode Richard Wagners Vorbereitungen zu einem großangelegten „Richard-Wagner-Kommers" und die konservativen Couleurs wollten keine starke Vertretung der „Albia" an diesem Kommers zulassen. In diesem Prestigekampf „siegte" die „Albia" und durfte sowohl einen Vertreter ins Komitee entsenden, als auch einen Redner stellen. Als ihren Sprecher bestimmte die „Albia" Hermann Bahr. Am 5. März 1883 fand im Sophiensaal der „Richard- Wagner-Kommers" statt, welcher sich zu einer großdeutschen Manifestation der Wiener Akademiker entwickelte. Natürlich spielte Hermann Bahr auf diesem Kommers die erste Geige und seine Rede bildete den Höhepunkt des Kommerses. In seiner Ansprache beschäftigte sich Bahr nicht mit der Musik Wagners, sondern proklamierte in leidenschaftlichen Worten den „Wagner-Antisemitismus" und legte sein großdeutsches Glaubensbekenntnis, gemengt mit antisemitischen Phrasen, ab. Antisemiten und Großdeutsche jubelten Bahr nach seiner gelungenen antisemitischen Rede zu, — die Polizei aber verfügte die Unterbrechung des Kommerses und man durfte nur noch den „Trauersalamander"10) reiben — besonders taten dies stud. jur. Hermann Bahr und Abgeordneter Ritter von Schönerer. Der Verein wurde von der Polizei aufgelöst und Hermann Bahr vom Akademischen Senat relegiert. So gab Bahr der „Albia" eine neue Richtung und brachte den völkisch-arischen Geist in die Albiabude. Die „Albia" wurde in den nun folgenden Streit der völkischen Studentenschaft mit dem Rektorat der Wiener Univerai- ") Aus den zionistischen Schriften. *•) Ein studentischer Brauch, bei welchem Biergläser, bevor man sie hebt, am Tisch gerieben werden.

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