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Die neue Welt · 1932-03-18 · Heft 235 (18.3.1932) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 235 (18.3.1932)
Date
1932-03-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 2» Aus Deutschland Beilage der »Neuen Well« für Deutschland Filfalredakffon und Administration: Berlin/ Charlotten bürg % foadu'ntstalerstraBe 3« Judennot und Zionismus Sollen die deutschen Zionisten Galuthpolitik betreiben t Von Heinzwerner Goldstein (Berlin) Ein Beitrag zu der in der „Neuen Welt" wiederholt aufgeworfenen Frage, ob die Zionistische Organisation untätig und uninteressiert an der Judennot des Tages und f dem Geschicke der Juden in ihren Wohnländern verharren kann. Es ist ein alter, fast schon geschichtlich gewordener Streit: Sollen wir als Zionisten nationaljüdische Galuthpolitik in Deutschland betreiben? Heute treiben wir keine Galuthpolitik, oder, wenn uns die äußeren Umstände dazu zwingen, gehen wir widerwillig und ohne den nötigen Elan heran. Und doch ist — solange wir im Galuth leben — eine z. B. auf Deutschland konzentrierte zionistische Politik für uns und für die Bewegung ungeheuer wichtig. „Zionistische Politik in Deutschland", scheinbar ein Widerspruch in sich; aber die folgenden Zeilen werden den Knoten zu lö3en versuchen. Alles das, was wir hier vom deutschen Judentum sagen, gilt natürlich auch fast vorbehaltslos für alle anderen Länder des Galuth. Die erste Aufgabe einer Massenbewegung ist es, den größten Teil der jüdischen Menschen zu erfassen. Nur eine große Organisation ist lebensfähig und gibt der Bewegung materiellen wie ideellen Rückhalt. Aus diesen Gruppen kann man leicht eine Elite für den direkten Aufbau Erez Israels schaffen. Diese Organisation isr iür die spezielle politische Arbeit in Deutschland einzusetzen. Die Bewegung muß volkstümi; .h sein, ihr eigentliches Arbeitsgebiet ergibt sich aus den einzelnen Phasen der deutschen Tagespolitik, nur die politische Linie ist im großen bestimmt. Heute erleben wir das groteske Spiel, daß der assimilatorische, antinationale „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (C. V.) unsere Ideologie, die wir schon vor vierzig Jahren als richtig erkannt haben, für seine. Zv/ecke oktroyiert. Ich erinnere nur an die Aufstellung eines eigenen Kandidaten zur Reichstagswahl am 14. September 1930, der als jüdischer Vertreter ein Anhängsel der Staatspartei sein sollte. Das Judentum als politische Gemeinschaf t — als „C. V."-These?! Zur Charakterisierung unserer politischen Lage möchte ich kurz zwei weitere Beispiele anführen, die, aus der Fülle der Ereignisse wahllos herausgegriffen, die Notwendigkeit einer Galuthpolitik auch von unserer Seite unterstreichen sollen. Im Frühjahr 1930 sollten in Thüringen die sogenannten „Ha ß g e b e t e" eingeführt werden, am Rosch haschanah. 1931 waren in Berlin die Naziüberfälle am Kurfürstendamm. Beide Male begnügten sich die zionistischen Organisationen mit kurzen, abweisenden Pressenotizen, sonst schwiegen sie. Der „C. V." dominierte. Er hielt Massenversammlungen ab. Warum verstehen wir es nicht, die deutschen Juden zu erfassen? Selbst wenn man nicht allzuviel von solchen Versammlungen hält: Die Masse will in Bewegung bleiben. Diese Fälle spielen sich am Aufenthaltsort, im Lande, in dem man wohnt, ab, sie gehen jedem persönlich nahe. Wir müssen den deutschen Juden immer wieder auf seine Notlage aufmerksam machen, um ihn dann vor die Frage zu stellen: Ewiges Martyrium, immer als gebückter, um Gerechtigkeit flehender Jude durch die Geschichte zu ziehen oder selbst sein Schicksal in die Hand nehmen, aktiv an dem Aufbau seiner Heimstätte als ein freier, stolzer Jude mitzuwirken? Nur so werden wir eine neue selbstbewußte Generation erziehen! Dann werden die Juden im europäischen Konzert ihre bestimmte Rolle spielen und nicht, wie bisher, überall disharmonischen Klang erzeugen. Um Massen zu beherrschen, ist eine leichtverständliche Presse und eine vom äußeren Elan getriebene Organisation nötig. Dann müsen wir endlich aufhören, uns über Theorien zu streiten, Thesen und Antithesen aufzubauen, wir müssen endlich ein lebendiger Organismus mit allen seinen Nach-, aber auch mit allen seinen Vorteilen werden. Die Diskussionen sollen aus den Sonnabend, den 19. März 1932, 8 Uhr abends, Musikerfestsäle, Kaiser-Wilhelm-StraÜe 31 Thema: Die jüdische Schule in Gefahr! Redner: Dr. Alfred Klee, Dr. Max Kollnescner, Rabbiner Or. Arfur Levy, Alfred ftorger, Prof. Or. Hermann Pick Die Jüdisch Liberalen wollen den Ab^au. Eltetn, Jugendliche! Demonstriert gegen diese Beschlüsse! Erscheint jn Massen! Tagesereignissen schöpfen, die Presse wird primär die Judennot der betreffenden Orte behandeln müssen. Est wenn wir die Galuthorganisationen geschaffen und unsere zionistische Bewegung rekonstruiert haben, werden unsere politischen Führer entschiedener vor den Völkerbund und vor die Mandatarregierungen treten können, denn sie wissen dann, daß eine Masse tatbereiter Menschen hinter ihnen steht. Nur eine starke und entschiedene Galuthpolitik kann unsere Palästina-Politik stärken! * Partei oder Sekte? Anschließend bringen wir den Ausschnitt aus einem Artikel des Herrn Dr. Wolf he im (Erfurt), welcher das gleiche Thema behandelt und vor längerer Zeit in der Berliner „Jüdischen Rundschau" erschienen ist. Doktor Wolfsberg forderte schon damals vom deutschen Zionismus, leider vergeblich, aktive jüdischnationale Landespolitik, zionistischen Anteil am Schicksal der Juden in ihren Wohnländern. Er schreibt u. a. zur Stellung des deutschen Zionismus zum deutschen Judentum wie folgt: „Der Zionismus behauptet stets und mit Recht, nicht eine Partei, sondern der legitime Vertreter des gesamten Judenvolks zu sein. Der deutsche Zionismus steht aber dem deutschen Judentum kaum mit der geistigen Haltung einer P a r t e i, sondern vielmehr mit der einer esoterischen Sekte gegenüber. W o haben wir uns schon einmal um die wirk- 1 i c h e n Lebensinte r e ssen des deutschen Juden gekümmert? Heißt denn Zionismus, als national-soziale Freiheitsbewegung des jüdischen Volkes gesehen, nicht auch Anteilnahme am Schicksal der Teile, die im Galuth leben? Einzelne Zionisten. haben in dieser Richtung gearbeitet, die Z. V. f. D. als solche hat in ihrer augenblicklichen Einstellung hierfür kein sonderli c Ii e s I ri t e r e'Vs e. Das alles wird nicht aus einer Doktrin heraus gesagt, sondern führt zu höchst praktischen ^onsequerizeiv Wie können wir. uns darüber wundern, daß der Einfluß des C. V. im deutschen Judentum immer noch stark ist? Wir zwingen ja den deutschen Juden, mit all den Nöten, Forderungen und . Aufgaben .; des Tages beim C. V. Schutz zu suchen, da wir uns um diese Dinge allzu wenig kümmern. Der C. V. mag diesen Forderungen nur falsch und schlecht genügen, aber jedenfalls ist er da und tut irgend etwas. Daß dann sein Einfluß unter den deutschen Juden nicht auf das Gebiet des Abwehrkampfes beschränkt bleibt, sondern ihm und seinen Führern dann auch die beliebten Schauermärchen über den Zionismus und die grotesken Gerüchte über Palästina glaubt, ist klar wie der Tag." Berliner Nachrichten Tel Chaj Fonds-Koritinentalbüro. Das Kontinentalbürö des Tel Chaj Fonds befindet sich nunmehr:'Berlin- Charlottenburg, Joachimsthalerstraße 3/11; Stammtisch. Die Revisionisten Berlins treffen sich jeden Dienstag, ab 8 Uhr abends, im Cafe Telschow (I. Etg.), Hardenbergstraße, direkt am Bahnhof Zoo. Auch die von auswärts in Berlin eintreffenden. Gesinnungsgenossen werden auf diese Zusammenkünfte aufmerksam gemacht. Tel Chaj-Feier. Der Brith Trumpeldor veranstaltet am 20. März 1932 eine Trumpeldor-Feier im internen Kreise. Vom Revisionistischen Landesverband. Der Landesverband der Zionisten-Revisionisten für Deutschland hat soeben Nr. 4/II seiner Rundschreiben an die Ortsgruppen und Gesinnungsgenossen herausgegeben. Dasselbe enthält einen Aufruf an alle Ortsgruppen, dem soeben in Berlin eröffneten Kontinentalbüro des Tel Chaj Fonds jedwede Unterstützung angedeihen zu lasen. Das Rundschreiben enthält außerdem eine ausführliche Auseinandersetzung über die Affäre Bentwich, und über die während seiner Vorlesungen an der Jerusalemer Universität vorgekommene Demonstration der revisionistischen Jugend. Den Abschluß des Rundschreibens bildet ein Tätigkeitsbericht über die einzelnen revisionistischen Ortsgruppen Deutschlands. Frankfurt a. M. Am 5. d. M. fand eine von der Revisionistischen Union gemeinschaftlich mit dem „Geserd" veranstaltetet kontradiktorischer Abend statt, bei welchem Herr D r. Arnsberg und der Führer der jüdischen Kommunisten in Frankfurt a. M. sich gegenüberstanden. Der Abend bedeutet einen großen Erfolg für die revisionistische Sache. Betar-Deutschland: Nr. 4 der Betar-Zeitscbrift in deutscher Sprache, „Hamischmar", ist vor einigen Tagen erschienen. Das Heft ist dem Andenken Josef Trumpeldors gewidmet. Außerdem bringt dieses Heft einen ideologischen Artikel über die Stellung des Betar zur Histadrut sowie Bilder und Episoden aus dem Betarleben in der ganze^u Welt.. — „Hamischmar" ist zum Preise von 10 Pfg. plus Porto bei der Redaktion zu beziehen. Um den Bezug zu erleichtern, wurde ein Abonnement eingerichtet. Preis: 6 Hefte (halbes *Jahr) in Deutschland, Oesterreich und Danzig M. 1.—, in den anderen Ländern M. 1.30. — Redaktion: Zwi Berest, Bcrlin-Wlm., Zähringerstraße 34. Postscheckkonto: Hans Eger, Berlin 03.289. Herberl Samuels wahres Gesicht Wenn Mut und Charakter fehlen. — Er begnadigt den Christen und läßt den Juden hängen. Wir hatten oft genug Gelegenheit, Herbert Samuels Wesen im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Oberkommissär und als jüdisch-patriotischer Politiker zu zeichnen. Nun veröffentlicht das New Yorker jüdische „Morning Journal" eine Charaktistik Herbert Samuels unter dem Titel „Die Tragödie Herbert Samuels", in der bezeichnende Falle aus dem Wirken des englischen Innenministers angeführt werden. Wir veröffentlichen die wichtigsten Stellen des Aufsatzes. Unsere Behauptung, daß Samuel trot;z glänzendster Eigenschaften seelisch ein Ghettojudß iüt, daher zur Führung nicht taugt, findet ihre Bestätigung. Noch vor drei Monaten war Sir Herbert Samuel einer der erfolgreichsten und populärsten Staatsmänner Englands. Er vertrat in der Regierung nicht nur eine alte, angesehene Partei, sondern er verkörperte auch die Meinung der fortschrittlichen Elemente. Um ihn konzentrierte sich die Opposition gegen die wachsende Reaktion der Konservativen. . . Aber jetzt ist es in England klar geworden, daß ■Herbert Samuels Stern unterzugehen beginnt. Politisch und moralisch bröckelt seine Position ab. Hiefür gibt es mehrere Ursachen. Ich will bloß die rein persönliche Ursache hervorheben, die sozusagen die persönliche Tragödie Herbert Samuels bedeutet. Unter den Juden ist Herbert Samuel hauptsächlich als erster Oberkommissär von Palästina bekannt. Damals wurde er bei uns berühmt, verlor aber viel von seiner Popularität. In England allerdings kannte man ihn schon früher als einen Mann, der im politischen Leben wichtige Stellungen einnahm. Aber damals schon hatten die O s t j u d e n in. England eine Aversion, gegen Herbert Samuel, ja er war bei ihnen verhaßt. Noch jetzt kann man auf East-End (Londoner Judenviertel) unangenehme Worte über Herbert Samuel hören. Es war im Weltkrieg, da Herbert Samuel das Amt des Innenministers innehatte; ein undankbares Ressort, in das Angelegenheiten der Polizei, 'der Spionage, der Gefäng- •nisse, der Todesurteile, der Einwanderung und Ausweisung von Ausländern u. a. fallen. Ein Mensch mit edlem Herzen und festem Charakter kann hier viel Gutes „tun, weil er mit den Dingen des alltäglichen, praktischen Lebens zu tun hat. Die meisten Reformen in England wurden von Innenministern durchgeführt. Aber um -ein großer Innenminister zu sein, bedarf es zweier Dinge: einer normalen Zeit und einer starken Persönlichkeit. Herbert Samuel entbehrte beider. Was die Zeit anbelangt, fiel seine Tätigkeit in den Weltkrieg, der Panik, Hysterie, Angst vor Spionen usw., hervorrief. Auch heute sind die Verhältnisse in England unnormal, es herrscht Verdacht gegen „Fremde" und die Reaktion marschiert. Doch mehr noch .'als die Umstände stefyt Herbert Samuel jetzt seine Persönlichkeit im Wege. Jeder weiß, daß Herbert Samuel ein glänzender Redner, ein. Mann von Prinzipien, ein Mensch . des Fortschritts ist; was ihm aber fehlt, ist: Mut, Mut des Geistes und Unerschrockenheit. Diejenigen, welche Herbert Samuels Tätigkeit in Palästina beobachteten, haben schon seit langem dieses negative Moment seines Charakters bemerkt. Die letzte Zeit hat wieder den Beweis erbracht, daß es ihm an Mut fehlt. Er hat zwar die Juden gern, hat aber nicht den Mut, es zu beweisen, selbst wenn er dazu Gelegenheit hätte. Es ist wahrlich tragisch. Herbert Samuel steht noch nicht ganze drei Monate auf seinem Posten als Innenminister und schon wird es klar, daß dieselbe Art der Tätigkeit, die er in Palästina als Oberkommissär zeigte, auch jetzt in England zum Durchbruch kommt. In England besteht jetzt eine starke Bewegung gegen Ausländer. Die meisten „Ausländer'' sind Menschen, welche hier bereits seit Jahrzehnten wohnen, sich hier ihre Existenz aufgebaut und Familien gegründet haben, darunter bedeutende Künstler, Musiker, Schriftsteller, und jetzt durch die unerhörte Äusländerhetze bedroht sind — größtenteils Juden. Und Herbert Samuel, der Innenminister, der hier zu entscheiden hat, stellt sich als fortschrittlicher Mann nicht nur nicht gegen diese finstere Reaktion, er überspannt sie noch, ist noch päpstlicher als der Papst. E r w e i s t sie aus. Menschen, denen die einzelnen Fälle bekannt sind,

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