Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 235 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 235 DTE NEUE WELT Seite 5 anschaulichen Auseinandersetzungen mit dem Sozialismus diese nicht bot, benutzte ein junger Mann meinen Angriff pesren die antibiirsrerliche Ideologie der zionistischen Behörden, die sich in der berüchtigten Nalewki- Rede Weizinanns äußerte, zu dem Protest: ,Das hat Weizmann nicht gesagt! Zurückziehen!' Auch einige seiner Genossen brüllten .Zurückziehen!' Was ich natürlich nicht tat. Nach ein paar Minuten, während deren das Publikum nach bekannter neugieriger Art aufgestanden war, um sich die Helden anzusehen, trat wieder Ruhe ein. Dann sprach ich noch etwa eine Stunde, ohne daß einer der Gegner seinen Mund aufgetan hätte. Mein Vortrag endete gegen elf Uhr nachts. Anschließend daran fand ein zweiter Vortrag in Lemberg statt, nur für Parteifreunde, der bis ein Uhr früh dauerte. Um vier Uhr früh reiste ich nach Bielitz weiter, da ich dort vor Schabbat eintreffen mußte. Es ist mir unbegreiflich, daß ein Mitarbeiter der .Stimme' die Rücksicht auf den Schabbat bei einem Zionisten als .Flucht' auslegt. Ich verspreche, daß ich auf diese Art noch öfter vor den Histadruthniks fliehen werde. Indem ich Sie bitte, alle Wiener Parteifreunde von mir herzlich zu grüßen, bleibe ich Ihr ergebener Dr. Wolfgang Weisl. Bohumin, 14. März 1932." Brief aus dem Leserkreis Herr Kultusvorsteher Oskar Freudmo n. ein altbewährter Zionist, schreibt der „Neuen Welt'' aus Graz: „Herr Redakteur! Ich bitte um Veröffentlichung, nachstehender Zeilen: Die .Stimme' vom 25. Februar setzt ihren Lesern die Stilübung eines Herrn f. f., die in einfältig-gequältem Gewitzel Herrn Dr. Weisl zur Zielscheibe nimmt, vor. Das Pamphlet weiß von einem Mißerfolg Doktor Weisls in Lemberg zu erzählen, wobei man nicht erfährt, was eigentlich Weisl dort gesprochen hatte. Man darf in der Politik gewiß nicht zimperlich sein und muß selbst einem ,f. f.' zubilligen, Dr. Weisl solange für einen „Wirrkopf, Ignoranten und geschwätzigen Jünger Karl Mays" zu halten, bis dieser sich nicht zur geläuterten Lebensauffassung und dem Grade hoher Bildung durchgerungen hat, von denen der Aufsatz mit dem charakteristisch-dunklen Titel .Weisl, über dich Galizien' nur so trieft. Was Herr f. f. unter einem Ritter von Jabotinskis Gnaden versteht, wissen wir ebensowenig wie er selbst. Dr. Weisl aber einen Ritter von Habsburgs^ Gnaden zu nennen, ihm einen Strick aus der Nobilitierung seines Vaters zu drehen, bekundet eine geistig-ethische Verfassung, die wohl in der Wienzeile heimatberechtigt sein mag, in den Spalten eines angeblich zionistischen Blattes jedoch nur abstoßen kann. Sein Ansichten über das Problem Konnersreuth hat Herr Dr. v. Weisl nie zum Gegenstand z i onistischer Erörterungen, gemacht; davor bewahrt ihn schon jener in guter Kinderstube erworbene Takt, der Herrn f. f. in nicht minderem Maße fehlt als ein Gefühl für sauberen Stil und die Unverletzlichkeit der deutschen Sprache. Ob ,die heilige Therese am End vor Traurigkeit zu bluten aufhört', mag der mit blendendem Witz ausgestattete Herr f. f. in der .Arbeiter-Zeitung' oder in einem Blatte der Freidenker erörtern. Ablagerungen solchen Geistes gehören in kein zionistisches Organ. Von Herrn Ritter von Weisl kenne ich bloß den Namen und von dem edlen Ritter von der gespaltenen Feder weiß ich nur, daß er sich kühn hinter zwei unschuldigen Buchstaben verbirgt. Sie aber. Herr Redakteur, frage ich: Muß man es sich gefallen lassen, daß sich das Organ, zwar eine Minderheit der österreichischen Zionisten, aber doch das offizielle Landeskomitee vertretend, zu solchen publizistischen Ausschreitungen hergibt?! Mit vorzüglicher Hochachtung und Zionsgrufl Oskar Freudman n." * Bemerkung der Redaktion. Die „Neue' Welt", ■ sonst ein Blatt, welches Angriffen nicht ausweicht, unterläßt es bewußt, sich mit Schreibern der „Stimme" von der Art des f. f. kritisch zu befassen, Verantwortlich sind nicht diese Schreiber, diese Blutarmen an Geist und Geschmack. Verantwortlich sind die Auftraggeber, die Parteifunktionäre, die Mandatare, die Förderer der allgemeinen Zionisten, welche für „ihr" Blatt agitieren, Geld und Abonnenten sammeln. Herren, die sonst sehr vornehm und Uber jedes schärfere Wort sehr entsetzt tun. Wenn man sie auf die Unflätigkeiten ■ f in der „Stimme" aufmerksam macht, stellen sie sich unwissend und ehrlich empört. Was natürlich nichts als Komödie ist, denn die „Stimme" schreibt dann immer so weiter, wie sie geschrieben hat. Es ist eben sehr bequem, einen ordinären Kerl zu halten und selbst der ganz Feine und Fürnehme zu bleiben. Die Auftraggeber sind verantwortlich, nicht die Schreiber. ©esterreidi Kaffee - Uathvemev Jeder Oesterreicher ist stolz darauf, daß es in Oesterreich den besten Kaf fee der Welt gibt. Nun ist es interessant, festzustellen, daß nirgends so viel Kathreiner getrunken wird wie in Oesterreich. Man sieht daraus, wie gut Kathreiner, dieses heimische Kaffeegetränk, dem verfeinerten Geschmacksempfinden des Oesterreichers angepaßt ist. Gleichzeitig sieht man aber auch, daß der Oesterreicher in Geschmacksfragen stets das richtige Urteil hat. Theodor Herzl in der akademischen Burschen* sdiaft „Albia" Von Josef Fränkel (Wien) Die vorliegende Arbeit über Theodor Herzls Studentenzeit stützt sich auf ein Material, das bisher unbekannt war. In der Hauptsache wurden Kartellnachrichten der „Albia" verwendet, die diese Wiener Studentenverbindung dem Autor zur Verfügung stellte. Wir erfahren zum erstenmal Authentisches aus jener Zeit Herzls, in der die Jüdische Studentenschaft zu nationalem Bewußtsein zu erwachen begann. Die zur Veröffentlichung gelangenden drei Aufsätze Josef Fränkels umreißen gleichzeitig auch die Überale Epoche der österreichischen Studentenverbindungen. I. In den Mitgliederverzeichnissen der liberalen und nationalen Studentengruppen der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts waren jüdische Hochschüler zahlreich vertreten, und so hatten fast alle akademischen Burschenschaften, Verbindungen und Vereine eine „Judengeschichte", Der Antisemitismus, insbesondere die judenfeindlichen Reden des Abgeordneten Ritter von Schönerer, namentlich in Studentenversammlungen iind auf Kommersen, führten zu Reibungen und Wandlungen innerhalb der Studentenorganisationen. Liberale Verbindungen wurden deutschnational, nationale wurden völkisch und völkische wurden rassenantisemitisch. Unter ihnen gab es eine, die einen anderen Weg ging — Assimilanten und Nichtjuden waren ausgeschlossen, sie nahm in ihr Programm die jüdischnationale Idee auf —- es ist dies die jüdisch-akademische Verbindung „Ivria". Viele jüdische Studenten versuchten während dieser Wandlungen der akademischen Verbindungen laut, ja vorlaut ihr Deutschtum zu beteuern, zahlten gerne Kneipen, Wein und Bier, um ja nur in den Korporationen geduldet zu werden. Bs kam sogar vor, daß Assimilanten ihr Kricchertura in antisemitischen Burschenschaften zur Schau trugen. Ein Teil wurde dessenungeachtet ausgeschlossen und ein anderer durfte in den noch heute bestehenden liberalen Verbindungen verbleiben. Wenige fanden den Mut, sich nach den erniedrigenden Judendebatten in den Konventen *) und nach dem Einzug der betonten deutschnationalen Richtung von den Verbin- *) In der Studentensprache die Versammlung der Mitglieder einer Burschenschaft. düngen abzuwenden und stölarzü: erklären: Ich bin Jude, ich gehöre nicht zu etich.» ** Z& diesen1 wenigen gehörte Theodor Herz 1. Im März 1881 wurde die „Akademische Lesehalle" nach einer Rede des Abgeordneten Schönerer auf dem „Lessingkommers", kurz darauf auch der „Deutschösterreichische Leseverein" von der Polizei aufgelöst. Einige Hochschüler versuchten nun, einen „Verein der deutschen Studenten in Wien" zu organisieren, andere wiederum traten in die bestehenden Verbindungen oder Burschenschaften ein. Theodor Herzl, der Mitglied der „Akademischen Lesehalle" war, trat im Wintersemester 1880-81 in die Burschenschaft „Albia" ein..Bunte Kappen und Bänder, Kneipen und Mensuren, wie.;'auch die Freundschaft zu einigen Alben, besonders zu techn. Franz Stärk reizten den jungen stud. jur. Theodor Herzl, in die „Albia" einzuspringen. Die Burschenschaft „Albia" (blau-weiß-gold), ursprünglich „Lipensia" (gold-blau-weiß), wurde im Jahre 1871 gegründet. Ihre Mitglieder stammten aus Böhmisch-Leipa, später gab es auch , Studierende aus Nordböhmen. Im Jahre 1879 hatte die „Albia", den Vorsitz im „Wiener konservativen Deputiertenkonvent", spielte eine bedeutende Rolle unter den Korporationen und im österreichischen Studentenleben. Die Alben selbst waren stramme, fesche, vornehme Kerle, die besonders gut die Klinge führten, oft Duelle hatten, so zum Beispiel im Jahre 1881, als Herzl dorthin eintrat, über 75 Partien. In der „Albia" gab es wegen der „progressiven" oder „konservativen" Richtung stets Kämpfe und Auseinandersetzungen, und aus diesem Grunde fanden oft Austritte oder Ausschlüsse der „Progressiven*4 oder „Konservativen", je nach der herrschenden Majorität, statt. Im Jahre 1880-81 hatte die „Albia" noch kein bestimmtes Programm; sie befand sich in der Sturm- und Drangperiode. Unter den damaligen Aktiven, den techn. Franz Stärk, techn. Ottomar Partes, jur. Hans Pischek, jur. Paul von Portheim, agr. Eduard Hönig, techn. Emmerich Egerer, jur. Franz Zillner, phil. Hans Schmidkunz, befanden sich nebst Theodor Herzl noch zwei jüdische Studenten, techn. Albrecht Grünwald und jur. Edmund Lang. „In Wien studierte ich die Rechte, nahm an allen Studententorheiten teil und trug die bunte Mütze einer Verbindung." ») Herzl nahm in den ersten Semestern seiner aktiven Zeit regen Anteil am Leben und Treiben der Burschenschaft. Zweimal täglich, von 1 bis 3 Uhr I Hoffenden Frauen und jungen Müttern verhilft das natürliche „Franz-Josef-Bitterwasser zu geregelter Magen- und Darmtätigkeit. In Apotheken erhältlich. mittags und von 5 bis 7 Uhr abends, beteiligte er sich I an den offiziellen Fechtstunden und weilte außerdem in einem Kurs, wo er besonderen Unterricht bei einem Fechtmeister erhielt. Im Sommersemester 1881 wurde zwischen der „Albia" und „Allemania" eine Bestimmungsmensur3) Zwischen dem „Albiafuchs" *) Theodor Herzl und „Allemaniafuchs" Karl Koch vereinbart, und am II. Mai 1881 versammelten sich die Alben und Allemanen auf der Markenbude, um der Mensur beizuwohnen. Zur rechten Seite Herzls stand sein Sekundant'"1) techn. Franz Stärk, und zu seiner linken sein Testant0) jur. Hans Pischek, während phil. Julius S e r a p h i n i der Sekundant und phil. Gabriel Köthmayer der Testant des Gegenpartners waren. Die Partie fand zur festgesetzten Stunde am festgesetzten Ort statt, dauerte 15 Minuten und der Unparteiische,7) der „Teutone" von Strohbach, verkündete zum Schluß: ausgeschlagen, unentschieden. Dr. S c h e r z i n g e r, der Badearzt, bemühte sich nach der Mensur um Herzl und nähte ihm die Wunde, und Dr. Roth tat dies bei Karl Koch, da beide Paukanten verletzt waren und je einen „Blutigen" bezogen hatten. Herzl erschien oft auf der Albiabude in „Geyers Restauration" (Wallnerstraße) in der „Protiwiner Bierhatte" (Heugasse), im „Couleurcaf6 Kreß" (Favoritenstraße), war von Anfang an bei den Mitgliedern als Persönlichkeit anerkannt, beliebt und durch seine jouralistische Tätigkeit populär. Er nahm an den Konventen der „Albia" teil, die sich besonders mit Angelegenheiten der Kartellburschenschaft „Teutonia** (Pra<;), der Kartellmensuren, des Kremser Burschentages, des Turnvereines und des Streites zwischen Alben und Cimbern beschäftigte. Bezeichnend ist übrigens, daß Herzl den Anlaß „Turnverein" zu einer Kommentweiterung8) über Tragen des Vereinsbandes, über Mitgliedschaft beim Verein zu benützen versucht hat.9) Sehr rege beteiligte sich Herzl an den Kneipzeitungen und ein besonderes Echo fand ein „Heldenepos", die „Hakenquart", welches der „Fuchs" Herzl seinem „Leibburschen"10) Stärk gewidmet hatte. Herzl hat sicherlich einige schöne und sorgenlose Semester in der „Albia" verbracht. Er nahm an den Kneipen teil, trank Bier, spielt- Karten, sang Lieder, machte mit den Alben Ausflüge und trug mit Stolz das Albiaband. Nach seiner „Burschenprüfung"") — schon die Zulassung zur Prüfung bildete im Konvent eine große Debatte, da er einige Gegner und nur eine Mensur hinter sich hatte — wurde er in kurzer Zeit „inaktiver Bursch"1'). Doch schon als „Bursch" besuchte er nicht mehr regelmäßig die Budenabende; er war mit der Ent- Wicklung der „Albia", mit dem Liebäugeln einiger Alben mit deutschvölkischen Anschauungen nicht einverstanden. Während die anderen jüdischen Alben, dem Zeitgeiste entsprechend, sich immer mehr völkisch gebürdeten, sich mehr „deutsch" als die wirklichen Arier fühlten und bei jeder Gelegenheit ihre germanische Weltanschauung betonten, war es allein Theodor Herzl, der dagegen auftrat und mit sich selber zu Rate ging. Herzl erregte deshalb durch seine Referate in der „Albia" Mißtrauen, da „er mit offenem Spott oder verstecktem Hohn Übergossen hat, was den Bundesbrüdern lieb war."18) Die „Albia" trat zwar keiner politischen Partei bei und für sie war auch nicht alles heilig, was der Nichtakademiker Ritter von Schönerer in Studentenversammlungen sagte, doch genügte das bloße Sympathisieren vieler Alben mit völkischen Anschauungen, um in Herzl eine innere Wandlung zu erwecken. Er begann zu fühlen, daß er in der „Albia", die den neuen Idealen im stillen huldigte, nicht hineinpasse. Herzl „beanspruchte eine Ausnahmsstellung bei einer Leistung für den Bund, die unter dem Durchschnitt stand; er war weder bei seinen wenigen Stammesgenossen noch bei den weitaus zahlreicheren Blutsdeutschen beliebt in der Zeit der kurzen Aktivität. Er hatte sich unter den Bundesbrüdern nicht wohlgefühlt und ist fast allen ein fremdes Element geblieben".14) Herzl fühlte instinktiv in den Debatten — und in Debatten über Anschauungen war Herzl immer scharf —• daß seine Stammesgenossen Assimilanten und die Blutsdeutschen werdende Antisemiten seien. (Ein zweiter Artikel folgt.) ») Aus Theodor Herzls Selbstbiographie. •) Ein zwischen Mitgliedern zweier Burschenschaften ausgefochtenes Duell, welches gewöhnlich auf 15 Minuten Fechtzeit lautet. Während dieser 15 Minuten gilt als Abfuhr, wenn einer der Fechter eine Verletzung erhält, die ihn kampfunfähig macht. *) Ein im ersten und zweiten Semester befindliches Mitglied einer Korporation. 8) Kampfzeuge. 8) Der die Arme des Fechters in der Pause stützt. 7) Er überwacht den Verlauf der Mensur und verkündet das Resultat. 8) Formen des studentischen Verkehrs, ") Aus der Albiageschichte. w) Jeder „Fuchs" wählt sich einen Freund, der ihn im Burschenkonvent vertritt. u) Jeder „Fuchs" muß eine Burschenprüfung ablegen, um ein vollwertiges Mitglied, ein „Bursch" zu werden. u) Ein „Bursch", der von vielen Pflichten, Besuch der Budenabende usw. befreit ist. *') und ") Aus den Kartellnachrichten der Albia.