Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 234 (11.3.1932)
- Date
- 1932-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 234 DIE NEUE WELT Araber auf Jüdischem Nationalfonds*Boden ♦ ♦ ♦ Friidife der „Aqency,Politik" Im Dezember des Vorjahres berichtete die „Neue Welt" über einen aufreizenden Zwischenfall, der sich bei Besiedlung eines dem Jüdischen Nätionalfonds gehörenden Bodens (Chavarith-Boden) durch jüdische Arbeiter ereignet hatte. Als die vom Nationalfonds hindirigierten Juden die Bearbeitung des Bodens in Angriff nahmen, erschienen arabische Beduinen auf dem Grundstücke, verdrängten die Juden und setzten sich fest. Die angerufenen Behörden (Polizei und Regierung) verweigerten ein aktives Eingreifen zwecks Herstellung des Rechtszustandes und versprachen nur baldiges Entscheiden. Nach wenigen Tagen stellte dann' die Palästina-Regierung an den Jüdischen Nationalfonds das ungeheuerliche Ansinnen, die jüdische Arbeit einzustellen, den Eindringlingen das Feld zu räumen und den Raub durch Verpachtung des Bodens an die Araber förmlich zu legale sieren. Längere Zeit hindurch Schweigen, das nichts Gutes besagte. Nun wird gemeldet, daß das Unglaubliche Tatsache wurde: Die jüdischen Arbeiter haben den Boden geräumt, die Araber bleiben und der Nationalfonds-Boden wurde an sie verpachtet. * Die Jüdische Telegraphenagentur meldet aus Jerusalem: Das Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonds in Jerusalem ersucht die Jüdische Telegraphenagentur um die Verbreitung folgender Erklärung: Eine größere Gruppe Beduinen, die vor der Erwerbung des Vadi Havarith-Bodens durch den Jüdischen Nationalfonds diesen Boden in Benützung hatte und von dbjt auf das benachbarte sogenannte Sheikh Mohammed Basset-Gebiet, das der Palästina-Regierung gehör t, übersiedelt war, besetzte plötzlich Anfang Dezember 1931' Vadi Havarith-Boden des Jüdischen Nationalfond* und brachte dorthin ihre Z e 11 e und ihr V i e h. Als der Nationalfonds die Angelegenheit bei der Regierung zur Sprache brachte, machte die Regierung dem Nätionalfonds/den Vorschlag, daß dieser der Regierung 50 0 0 Du na in Vadi Havarith-Boden für eine Zeitdauer von zwei Jahren in Pacht gebe; die Regierung werde für diese Zeit die Beduinen a.uf dem Boden unterbringen. Zur Begründung dieses Angebotes erklärte die Regierung, das bisherige Lager der Beduinen liege infolge des dauernden Winterregens, unter Wasser und werde wohl bis Ende des Winters nicht benutzbar sein. Die Antwort des Jüdischen Nationalfonds lautete: Der Boden im Vadi Havarith ist vom Nationalfonds durch 1 egalen Kauf erworben worden. Die Beduinen haben alle volle Entschädigung für jeden nvögliche nVerlusterhalten, der Nationalfonds habe ihnen gegenüber keinerlei Verpflichtung übernommen. Die Regierung, die die Entwicklung der Allgelegenheit des Vadi Havarith-Bodens seit dessen Erwerbung durch den Jüdischen Nätionalfonds genau verfolgt hat, ist verpflichtet und auch in der Lage, die notwendigen Schritte für die Unterbringung der Beduinen auf ander e.m B o d e n zu ergreifen. Im Hinblick auf die dringenden Bitten der Regierung hat sich der Jüdische Nationalfonds uichtsd,es to weu ige r gz wun gen gesehen, in Verhandlungen mit der Regierung bezüglich des Vadi Havarith-Bodens zu treten. Diese Verhandlungen zogen sich etwa zwei Monate hin. Für den Nationalfonds führte das, Politische Departement der Jewish Agency die Verhandlungen. Man kam tiberein, daß der Nationalfonds der Regierung die Hälfte des für die vorübergehende Unterbringung der Beduinen benötigten Gebietes in Pacht geben soll. Das ursprünglich angeforderte Gebiet wurde auf 2965 Dunani reduziert. Auch wurde die beanspruchte Pachtfrist herabgesetzt in der Weise, daß sie schon am 1. Oktober 1933 zu Ende geht. An diesem Tage muß der Boden in den vollen Besitz des Nationalfonds zurückgehen. Außerdem gab der High Commissioner die Zusicherung, daß im Verlauf der Pachtzeit die Regierung alles, was in ihrer Macht liegt, tun wird* um eine endgültige Lösung der Frage der Vadi Havarith-Beduinen herbeizuführen. Während der Pachtfrist dürfen keine dauernden Inventarstücke, wie z. B. Gebäude, Plantagen usw., auf dem gepachteten Boden errichtet weiden. Der Subpachtvertrag, den die Regierung mit den Beduinen abschließt, muß die Bestimmung enthalten, daß diese Pacht den Beduinen keinerlei neuen Rechte auf den gepachteten Boden einräumt. Die Regierung hat es ferner auf sich genommen, daß sie im Falle einer neuen Gesetzgebung die besonderen Verhältnisse, unter denen diese Pacht abgeschlossen wird, in Betracht zieht, in der Weise, daß die Eigentümerrechte des Nationalfonds hinsichtlich dieses Bodens durch die Pacht in keiner Weise irgendwie eingeschränkt oder beeinträchtigt werden könnten. Die Regierung hat sich verpflichtet, dem Jüdischen Nätionalfonds den vereinbarten Pachtzinszu zahlen und auch Entschädigung für die Unterbrechung der Kultivierung des in Frage stehenden Bodens und für etwa entstehende andere mit der Pacht zusammenhängende Schäden zu leisten. * Ein Satz dieser Erklärung macht den unseligen Ausgang der Angelegenheit begreiflich: „Für den Nationalfonds führte das Politische Departement der .Jewish Agency' die Verhandlungen." Die verhängnisvolle Weizmann-Politik der „E rweiterung der Jewish Agency durch Nichtzionisten", das,heißt der Einbeziehung von n i c h t nationa 1 en, niehtzionistdschen Ele- DARMBÄDER in der Kuranstalt neuesten Systems mit höchstem Komfort _unter facharaülctter Aufsicht DIANABAD Auch all« anderen Kuren an der Marienbrücke in htrvorra» ender Qualität zu billigen Preisen menten in die Leitung des zionistischen Werkes und der zionistischen Politik, hat hier eine traurige Frucht gezeitigt. Der materielle Erfolg dieser famosen „Erweiterung" ist ausgeblieben, dafür hat sie sich moralisch voll und ganz, politisch vernichtend ausgewirkt. In der letzten Nummer der „Neuen Welt" wurde von einer Resolution der „AUgern einen Zionisten Palästinas" berichtet, welche auf den Zustand hinwies, daß die Zusammensetzung der politischen Leitung in Jerusalem — eben dieses „Politische Departement der Jewish Agency" — eine fürchterliche Gefahr bildetl Drei Nichtzionisten und ein Parteizionist (Dr. Arlosoroff), der eine Politik vertritt, welche vom Zionistenkongreß abgelehnt wurde! (Allerdings, reichlich spät haben sich die Allgemeinen Zionisten Palästinas besonnen. Sie haben ja auch für die „Erweiterung" begeistert gestimmt.) Diese Männer halben die Verhandlungen geführt und das Resultat ist: Heiliger, für ewige Zeiten unveräußerlicher Boden des jüdischen National* fonds ist arabischen Beduinen ausgeliefert worden. Die zionistische Organisation und der Nationalfonds sind in die schwerste Vertrauenskrise geraten. Daran können entschuldigende, glättende Floskeln leider nichts ändern. Notizen Die spanische Regierung sendet eine Kommission zur Begrüßung der sephardischen jüdischen Gemeinden auf den Balkan. Der Unterrichtsminister der spanischen Republik Dr. Fernando de los Rios teilte in einer im Studentenheim in Madrid gehaltenen Ansprache mit, daß die spanische Regierung beabsichtigt, eine Kommission von Intellektuellen zu ernennen, die alle sephardischen jüdischen Gemeinden in den Balkanländern besuchen und ihnen, als den Abkömmlingen der unter der Inquisition im Jahre 1492 aus •••!«•:*?« | S>4& ecite&iftn mit£eghimatiön Sit haben ein Anrecht darauf) etwas mehr über ckafftm, deaSie kaufen, zu wissen, als die üblichen allgemeinen Angaben. DecVoigtländec-Filin (23cScK) ist der eeste film der Welt, der Ihnen, seine fäcbenempftndUchfeeil und seine Gradation durch Kurven zeigt und dec über Empf^ einer neutralen Pcöfsteile bringt, Eine Polfungsuriuinde des Vetsudistabotaiöcuuns der »Photogtä* pfuschen Industrie», Berlin, liegt jeder fümpackung bei und gibt Ihnen die Sicherheit^ daß der püm wirklich halt, was Voigtländer uerspetcht Ein verwaistes Leben Von Jehuda Steinberg (Fortsetzung) VII. Als Awrejmel das erstemal seinen alten Lehrer Oscljer Goldmann zu Hause besuchte, schien es ihm auch hier, daß er alles nicht in seiner Wirklichkeit sähe. Er hatte auch das Waisenmädchen nicht so anzutreffen geglaubt. Er war daran gewöhnt, sich sie als Kind, als kleines Mädchen zu denken, so, wie Oscher ihm zum erstenmal von ihr sprach und er sich sie damals ausmalte. Er selbst war herangewachsen, aber die Bilder seiner Kindheit hatten sich nicht verändert. Im Kopf hat er jene kleine Mirjam und vor ihm steht ein blondes Mädchen, etwas größer als er, mit vollem rundem Gesicht, blauen flinken Augen, die von. all dem, was es spricht und erzählt, wissen lassen, daß noch viel mehr nicht gesagt wurde. Das ist gar kleines Mädchen, das elend und verlassen ist, Mirjam kann zwar anfangs nicht geradeaus in die Augen blicken, aber so oft sie den Blick erhebt, rührt es im Herzen, und es ist gut, daß sie bald die Augen wieder abwendet. Das war Awrejmele genehm; denn er, der im Dorf aufgewachsen ist, konnte ebensowenig jemand in die Augen blicken, Aber Bejle, Oschers Weib, kam ihnen zu Hilfe. Sie lachte Mirjam aus. „Sieh nur, ich bitte dich, was sagt man zu der da? Man könnte schwören, daß sie bei ihm noch nie ein Wort gehört hat Pflegtest doch zu sagen, du sehnst dich nach ihm. Als sie klein war, platzte sie aus dem Schlaf in Weinen aus: man schlägt Schlojmelel Hier hat man dich nämlich Schlojmcle genannt. Kein böses Wort durfte man über Schlojmele sagen lM Mirjam blickte böse von unten hinauf. Aber die gute gesprächige Frau hörte nicht auf. Sie ging ins Nebenzimmer und brachte von dort einen Blumentopf. „Erkennst du das?" wandte sie sich lächelnd an Awrejmele. (Frauen, die keine Kinder haben, nehmen sich frühzeitig das Elternrecht, junge Leute zu duzen.) „Erinnerst dich, hast ihr einen Apfel geschickt. Der ist bei ihr gelegen, bis er zu faulen begonnen hat Da hat sie geweint und der Vater lehrte sie, Körnchen in den Topf säen. Schöne Aepfel werden wachsen, versprach er ihr. Sieh nur, wie das ausgewachsen ist." Mirjam wurde rot. Sie hielt es nicht aus und flüchtete in das nächste Zimmer. „Aus", lachte die kinderlose Mutter, „niemand wird sie rasch versöhnen. Versuch du's. Ich habe mich versündigt, ich bestrafe mich damit, hinauszugehen." Awrejmel fand Mirjam in Tränen. Den Grund der Tränen hatte er vergessen. Vor ihm stand ein weinendes Waisenmädchen. Seine Phantasie drängte ihn, sich zu denken, daß die „auferlegten" Eltern sie quälen, daß sie ein unglückliches Waisenkind sei. Er fühlte «ich als Bruder au ihr. Er ging sofort auf sit zu und ergriff ihre Hand. Trösten wollte er sie, wollte ihr sagen, daß sie nun nicht mehr allein sei. Es hatte sich bei ihm im Kopf eine Theorie herausgebildet, daß Eltern Kinder als wertlose Sache betrachten. Wem die Kjnder im Weg stehen, der schiebt sie beiseite. Wer sie braucht, der klaubt sie auf, nimmt sie sogar von der Gasse und überwirft sie mit Wohltun. Und die Kinder müssen alles über sich ergehen lassen. Kinder kosten zwar die Eltern viel Mühe, aber wer hat den Wert des Leids abgeschätzt, das Kinder spüren, wenn sie die Eltern „lieben", für die Wohltaten dankbar sein müssen? Wer hat das Vergnügen abgeschätzt, das Eltern gerade ob dieser Mühe empfinden? Gerade das brauchen sie doch. Er hatte sich die Neigung angewöhnt, in jedem Kind ein unglückliches Wesen zu sehen, das sein Unglück nicht kennt, und in Mirjam eine Unglückliche, die sehr wohl ihr Unglück fühlt und kennt. Er ergriff ihre Hand wie die einer Schwester, richtete auf sie sein weiches kindliches Augenpaar und lachte auf. Kein Tropfen Kummer war in dem Lachen. Das verdroß ihn. Der erste Besuch war nicht der letzte. Und je heimischer er im Hause Oschers wurde, um so verdrießlicher empfand er es, eine Waise zu suchen und nicht zu finden. Er überzeugte sich, daß Mirjam weit entfernt davon war, unglücklich zu sein. Im Gegenteil liebte sie die ihr auferlegten Eltern wahrhaftig. (Fortsetzung folgt.)