Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 231 (19.2.1932)
- Date
- 1932-02-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 25i CHE NEUE.IVTELT Settel hatten, als Greueltaten an Christen zu begehen, Greueltaten, die jetzt bekannt worden sein und die Gerichte beschäftigen sollen. In der Darstellung der „Reichspost" seht die Umsturzzeit in der Slowakei wie ein von jüdischen Missetätern (wie sie sagt) angerichtetes Christen« gemetzel aus, für das sich jetst jeder Slowake revanchieren sollte. Nur jeder Slowake? Öle „Reichspost" ist nicht in den slowakischen Wäldern beheimatet, sondern wird von österreichischen Bürgern gelesen; Dfcnen will sie das Gruseln beibringen, jeden Tag und besonders in einer Zeit, wo politische Entscheidungen vor der Tür stehen. Sie zeigt unmittelbar vor den Gemeinderatswahlcn, die die Christlichsozialen jetzt unbeschwert von allerlei weniger christlichen Anhängseln und Bindungen bestreiten wollen, ihr wahres .Gesicht. Ihr Antisemitismus ist echt. — Dazu kommt aber noch der Umstand, daß Teile der österreichischen Judenschaft dem Gegenpol der Christlichsozialen, den Sozialdemokraten, nachlaufen und so. den fragwürdigen christlichsozialen Agitationsstoff um den scheinbaren Nachweis; reicher machen, die Juden stünden samt und sonders im marxistischen La ger — obwohl deutlich ist, und das gewiß auch der „Reichs« post", daß die Sozialdemokraten am allerwenigsten einen Judenschutaf darstellen oder etwa die Existenzangst der Juden barmen wollen. Die vereinzelten" sozialdemokratisch-jüdischen Pfründenbezieher können die Verarmung und Verelendung der jüdischen Massen nicht verschleiern. An die österreichische Regierung allerdings wäre die bescheidene Frage zu stellen, ob sie denn Oesterreich für so konsolidiert hält, daß sich das Organ ihrer Partei offene antisemitische Giftmischerei ohne Schaden für den Staat leisten'kann. . ' Charbin unter Feuer — Bestattung jüdischer Toter ersenwert Chorbin, 1*. Februar. (J. T. A.) Die Stadt Gharbin steht seit einiger Zeit im Zentrum der Kämpfe zwischen den japanischeu und den chinesischen Truppen. Da der außerhalb der Stadt gelegene j.ti'd i s c h e F r ise d h o f mitten > im Kampfgebiet liegt, ist die Bestattung jüdischer Toter »ehr erschwert. Nur wenn eine Kampfpause eintritt ^— dies ist oft erst nach mehreren Kampftagen der Fall—*- ist .esmöglich, an die Massenibestattung der: inzwischen* verstorbenen Mitglieder der Gemeinde heranzugehen. Die Kämpfe erfordern unter den Einwohnern Charbius viele Todesopfer. Jüdische Opfer waren bisher nicht zu beklagen. '. Mißerfolge in der jüdischen Aafljauarbeit Moskau, 13. Februar. Abram Mereschin, Mitglied des Kollegiums der Regierungskommiesion für jü d i s c he Au f jt> au ärbe i t Komzet, der als der geistige Initiator des gesamten Komzet« Werkes seit der Gründung des Komzet imJJafhre 1924 gilt, ist nunmehr zusammen mit dem bekannten1 Agronom G o 1 d e und dem früheren Sekretär - der Jewsekzia Tschemeriski aus dem Komzet-Köilegiüm ausgetreten. Man macht Mereschin, »Golde und; Tscheineriski für die Mißerfolge in der Körazet-Arbeit; besonders auf dem Gebiete der jüdischen L a n d a ns i e d 1 u n g, verantwortlich. Man . wirft ihnen Bürokr a t ism us und Unfähigkeit vor. An Stelle von Mereschin wurde der Agronom Boris Trotzki zum Mitglied des Komzet- Kollegiums ernannt. Er wird die Aufgabe haben, den Komzet-Apparat zu reorganisieren. Die Verwaltung des Komzet wird durch Vertreter der Volkskommissariate für; Landwirtschaft und Finanz und. der anderen Behörden, mit denen Komzet direkt zu tun hat, ergänzt Werden. Die praktische Arbeit wird , vom Vorsitzenden Smido witsch geleitet werden./ Jüdische Neusiedler werden geworben Moskau, 10. Februar. (J. T..A.) Der ukrainische Komzet versandte soeben 2000 Sicdlungsordera für Juden, denen in den jüdischen Rayons der Ukraine Siedlungsland zur Verfügung steht. In die jüdischen Städte und Stadtchen wurden Werbeagenten zur Anwerbung der 2000 Neusiedler entsandt. * Die Nachricht steht zu den ewigen Meldungen vom jüdischen landwirtschaftlichen Paradies in der Ukraine in Widerspruch. Warum Werbeagenten? Jüdische Not in Amerika New York, 12. Februar. Auf der 32. Jahrestagung der Jewish Charities of Chicago teilte der Direktor dieser Organisation,- Samuel A. G o 1 d s m i t h, mit, daß gegenwärtig 50.000 Juden in Chikago erwerbslos sind und daß das Problem, wie man zahlreiche dieser Familien durchbringen kann, im Verlauf dieses Jahrzehnts' gar nicht gelöst werden kann. Im Jahre 1931 gab es einen Tag, an dem 20.950 jüdische Personen durch die Jewish Charities betreut worden sind. Die charitativen Leistungen im Jahre 1931 haben sich gegenüber 1930 um (00 Prozent, gegenüber 1929 um 200 Prozent erhöht. Das Budget für 1931 weist ein Defizit von 166.128 Dollar auf. Zur Deckung der außerordentlichen Bedürfnisse im Jahre 1932 werden die Chicago Jewish Charities eine zusätzliche Summe von 300.000 Dollar aufzubringen haben. OER FILM OER GRÖSSTEN DARSTELLERI Grete Mosheim, Hans Rehmann. Friedrich KayOler. Raou1 Aslan, Theodor Loos Der Geschichte frei nachgestaltet von Hans Müller Produktion: Ernst Hugo Correll Regie: Gustav Ucicky Musik: Schmidt-Boelcke Vater Mitwirkung von ROdERT LiEBMANN heiauegep-bpn von d«r Vorher: Aufforderung «um Tanz, von Carl Maria v. Weber. Ausgeführt vom Berliner aymphonieorchester und der Tanzgruppe der Staatsoper Berlin Uraufführung tfiBllohi Gartenbau-Kino, L Stüfa-xino, U Ufo-Ton-Kino. II. Kolosseum-Kino. IX. Aus Theodor Herzls Sdiul* und Universitätezeft Von Dr» Tuto Nußenblafl Die rückschauend niedergeschriebenen Worte Herzls über jene jugendliche Zeit werden verständlicher, wenn man sich eben an die Worte erinnert, die auch aus einer ähnlicher Stimmung, aber in späteren Jahren geboren wurden. „Hinfahren, ehe dieses Werk vollbrachtV Ja, Herzl, der Führer des jüdischen Volkes, bewertete seine ganze Vergangenheit, soweit dieselbe nicht «einer jüdischen Politik nutzbar gemacht werden, konnte, als eine vergeudete Zeit! Wunderbär erklärt uns diese Stimmung ein Gespräch, das "Herzl "mit Stephan Zweig, ^iaem jün in .„Zeitgenossen über Hei^l*'.^ Zweig berichtet: „Üeberhaupt'V sagte Herzl, „mein Fehler war, daß ich zu spät; begönnen habe. Viktor A d l er» der war: mit dreißig 'Jahren Führer der Sozialdemokratie, in seinen besten, ureigentlichen Kampf jähren, und von den Großen der Geschichte will ich gär nicht reden." In Herzl war ein ungewöhnlicher Tatendrang aufgespeichert. Der Kampf in ihm war ein gewaltiger. Er rang nach künstlerischem Ausdruck, er fühlte, daß er schreiben müsse. Er in u ß t e Schriftsteller werden. Aber für ihn war da« Wort eine Tatansage. Er mußte auch handein, agieren. So schrieb er Dramen und Dialoge. In jener Zeit, da er Hörer der Rechte an der Wiener Universität war, war er unermüdlich schriftstellerisch tätig, wenn auch zunächst nicht erfolgreich. Und neben dieser schriftstellerischen Tätigkeit gestaltete er noch ein besonderes Werk", seine eigene Seele. In unzähliger Selbstbespiegelungen, erhalten in vielen Notizen, ging er mit sich scharf ins Gericht. Die Lektüre fremder Werke rief iu ihm eigene Gedanken wach, und so entstanden seine unbekannt gebliebenen „Lesefrüchte', welche man natürlich nicht so werten kann wie die mit rückhaltloser Wahrheit niedergeschriebenen. und allgemein bekannten „Tagebücher". .< . Aeußerlich fand sein Tatendrang einen Atb- Aber Brajne bekam kein Kind. Einige Jahre hindurch nach der Hochzeit fuhr Brajne zu Aerzten, fuhr nnd kam zurück und fuhr wieder, bis sie dessen müde lyurde. Die Aerzte nahmen ihr jede Hoffnung auf ein Kind. Gott hatte Brajne das Mutterrecht abgesprochen. Schwere Wqlken überzogen Brajnes Himmel. Es schien ihr oft, daß sie sich mit Boruch nur zufällig in feinem Haus befinde, zu ihm kein anderes Verhältnis habe wie Weibsperson zu Mannsperson, daß Boruch nicht glücklicher und nicht unglücklicher wäre, wenn sich an ihrer Statt eine Spre oder B.lumke oder Rifka befände. Bisnun hatte sie sich über Boruch nicht zu beklagen, Im Gegenteil zeigte er vjel Getreuschaft, ließ sie bei jeder Gelegenheit hören, daß er sie liebe, aber gerade diese übermäßige Getreuschaft erweckte ihren Verdacht. Warum so viel? Will er sich nicht dadurch selbst betäuben? Seine abgekühlten Gefühle zu mir vor sich selbst verbergen? Wußte sie doch,, daß ihr Vater nie zur Mutter sagte, er habe sie Heb, Dienstmädchen verschaffte er ihr immer wieder. Je mehr ein Djenstmädchenim Hause, um so weniger Arbeit für sie selbst. Es begann-, ihr immer klarer in die Alf gen zu springen, daß ihr Umgang mit Boruch auf ihren schönen zwei „Kinderaagen'V die er so gerne küßte, beruhte, auf ihrer klaren Stirn und <kn rosigen Wangen, die schon, als sie noch klein war, jedem den Kopf verdrehten. Und es wird die Zeit kommen, so fürchtet sie, daß die Augen fahl werden, die Stirn runzelig. Die Wangen beginnen schon einzufallen, die Rosen auf ihnen welken -da wird sie sich schämen müssen, mit Boruch allein im Zimmer zu sein. Wie sie sich fürchtet vor dieser Zeit! Vor dem Kommenden fürchtet sie sich. Das Gegenwärtige fällt ihr schwer.- Schwer fällt es ihr, mit dem alltäglichen Verkehr mit Boruch zufrieden zu sein. Manchmal scheint es ihr auch, Boruch sei damit zufrieden, daß sie kein Kind gebäre. Ihm fehlt es ja nicht, er bat ja ein Kind. Sie beneidet ihn,, vergönnt, es ihm nicht.- Frühzeitig war ihr der einzige Bruder gestorben. Eltern hatte sie seit langem, nicht mehr. Elend wie ein Stein war sie zurückgeblieben/ Niemandem wird sie fehlen, wenn sie stirbt. Ein andermal kommt sie auf den-Gedanken, das sei Strafe Gottes dafür, daß ihr Mann sein Kind verlassen habe, und sie wird ihm über alle Maßen böse. Und es kommt ihr im Augenblick vor, daß, wenn er das Kind jetzt zu sich brächte, sie nichts dagegen hätte. Auch Boruch war es nicht leichter ums Herz. Seitdem er die Hoffnung auf ein Kind aufgegeben* hatte, sehnte er »ich nach Awrejmele. (Fortsetzung folgt.) fluß. Er wurde Mitglied der Akademischen L e s e h a 11 e iu Wien. Als Theodor Herzl Mitglied der Akademischen Lesehalle, die man zum Unterschied von anderen in jener Zeit in Wien bestehenden Lesehallen kurz die Halle nannte, zählte dieser populäre Studentenverein bereits acht Jahre seines Bestandes. Die Akademische Lesehalle wurde im Jahre 1870 gegründet. Nach ihren Statuten hatte sie einen kosmopolitischen Charakter und zählte zu ihren Mitgliedern hauptsächlich deutsche und slawische Studenten, später kamen auch ungarische Studenten'hinzu. Nach der uns aus unserer Geschichte bekannten doppelten Buchführung müssen wir hier eingedenk sein,"daß der Halle eine perzentuell hohe Zahl jüdischer Studenten angehörte, die einfach als Juden nicht da waren, sie galten als Angehörige der erwähnten Nationen. Die Leitgedanken der Akademischen Lesehalle waren die Prinzipien „der Gleichheit und Freiheit der akademischen Bürger". Die Präsidenten des Vereines waren unter anderen Dr. S c h a 1 k (der Bruder Franz S c h a 1 k s), Dozent Dr. S t ö r k, Dr. S t r a u c h e r, Dr. Adolf B a c h r a c h, Dr. Adolf Gelber, Dr. S c h m e 1k e s, Dr. Jeanne. Als Glanzzeit des .Vereines galt die Aera Dr. Bachrachs. Geheime* Justizrat und Regierungsrat Dr. Adolf B a c h r a.c h, dem ich an dieser Stelle für die freundlichen und bereitwilligen Mitteilungen über jene Zeit bestens danke, gab den Tendenzen der „Halle" Ausdruck in seinen glänzenden Formulierungen, die bis zum plözKchen Gesinnungswechsel der Halle als beliebte geflügelte Worte galten. Diese Leitgedanken lauteten:. „Im Tempel der Wissenschaft ist jeder Betende gleich"; und „Die Akademische Lesehalle ist ein,Hort vaterländischen Bewußtseins an der Wiener Universität". Beide Leitgedanken wurden von der Wiener Studentenschaft später verraten. Im Tempel der Wissenschaft -wurde bald angefangen zu raufen, was noch bis heute andauert, und der Hort vaterländischen. Bewußtseins bedeutet heute nichts anders als: antisemitische Betätigung. Die Geschichte der Akademischen Lesehalle läßt sich an Hand der in der Tagespresse in Wien erschienenen Berichte und jener, die in der Zeitschrift „Alma mater", die als Sprechorgan der Wiener Studentenschaft unter der Redaktion von Max Breiteustein erschienen ist, verfolgen. Max Breitenstein begann die „Alma mater" im Jahre 1876 herauszugeben. Die erste Nummer erschien am 1. Oktober 1876. Die durch fünf Jahre an .jedem Sonntag erscheinende Zeitschrift war von Breitenstein objektiv und vornehm geleitet. Auch spärliche jüdische Meldungen fanden dort Platz und 6qhon in der ersten Nummer finden wir in dem Orgau, das von der gesamten Studentenschaft abonniert war, eine Anzeige über die jüdische Geschichte von Prof. Graetz. Der Kuriosität halber erwähnen wir dies. Scheinbar haben die deutschnationalen Studenten von dieser Annonce keinen Gebrauch gemacht. Sie haben auf die „Protokolle der Weisen von Zion" gewartet , . . Bemerkenswert ist auch, daß der Redakteur Max Breitenstein später nach Absolvierung seiner Studien den noch heute von seiner Witwe geleiteten Dr. M. Breitensteia*V*irlag in der Währingeistraße begründete, in dem Theo-, dor Herzls „Judenstaat" im Jahrf i896 enschiett,