Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 230 (12.2.1932)
- Date
- 1932-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711851--2974-2716305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 230 DIE NEUE WELT Seite) Kann England mdi*, oder will es nicht? Von V. Jabotinsky Ein Brief von irgendwo: „Man sagt, Sie sollen in Warschau erklärt nahen: „England kann nicht"; Großinann aber «voll gesagt haben: „England will nicht". ' Wie erklären Sie diesen Gegensatz? — Und zweitens: Nimmt man an, dafi England wirklich nicht kann, d. h. nicht imstande ist, eine für uns bessere Politik in Palästina zu führen, — dann sieht es ja aus, als ob die zionistische Leitung gar nicht so schuldig wäre? — Und drittens: Sie und Großmann sollen beide gesagt halben, dafi wir Juden von den Arabern mehr Einwanderungszertifikate bekommen könnten, als von den Engländern. Hat also der Brith Schalom recht?" Antwort: 1. Ich erinnere mich nicht genau, wer von uns beiden in Warschau „E n g 1 a n d w i 11 n i c h t" und wer „Englandkann nicht" gesagt hat. War es wirklich meine Wenigkeit, die „kann nicht" sagte, dann bin ich gerne bereit, das nächste Mal zu erklären, daß England nicht will; und Freund Großmann werde ich ersuchen, mir den Gefallen zu tun und zu sagen, daß England nicht kann; ich bin «icher, er wird mir solch eine Kleinigkeit nicht verweigern. Es ist derselbe „Gegensatz", wie beispielsweise in dein folgenden, häufig entstehenden Alternativproblem: Warum weigert sich Hänschen, Fischöl zu verschlucken — weil Hänschen nicht will, oder wirklich nicht kann? Hänschen sagt ganz ehrlich und sogar mit Tränen der innigsten Aufrichtigkeit, daß es die häßliche Arznei einfach nicht schlucken könne, so ekelhaft sei sie; aber Mama verspricht ihm eine große Birne, und er verschluckt das Fischöl — das heißt, der frühere Status von Nichtkönnen war nur Unfähigkeit, stark genug zu wollen. So ist es mit England. Niemand zweifelt daran, daß England stark genug ist, seinen Willen nicht nur gegen eine palästinensische, sondern sogar gegen eine indische Obstruktion durchzusetzen. Dazu aber muß der Wille selbst ein starker Wille sein. Im Fall Indien ist der Wille stark genug (heute; für morgen garantiere ich nicht) — weil hier der unmittelbare Verlust einer riesig reichen Kolonie droht und sogar müde Leute und müde Völker müssen kämpfen, wenn sie sonst mit einem kolossalen und unmittelbaren materiellen Verlust zu rechnen haben Aber in Palästina droht England keine solche Strafe; dort gilt es nur, ein Ehrenwort zu halten?, ein ethisches Prestige zu wahren, vielleicht auch, allerdings in weiter Zukunft, eine Stütze für das Imperium zu schaffen — diese „Birnen" sind nicht so konkret und nicht so unmittelbar, und der müde Wille stockt. „Was?" — fragt der Müde — „13 Jahre arabophiler Politik drastisch umändern? Eine ganze Schar von Beamten in Palästina und in London absetzen? Zänkereien mit Arabern haben? Natürlich, sollte es dazu kommen, besitze ich noch genug Macht, um meinen Willen durchzusetzen; aber wozu? Der politische Lohn-ist weit, und alles Weite ist ja schließlich Hypothese; und der ethische Lohn, das Bewußtsein, ehrlich gehandelt zu haben, ist ja schließlich nicht die große Birne." Das ist genau die psychologische Lage, und alle wissen das. Heißt es nicht wollen? Heißt es nicht können? Es heißt beides. Ob man dieses oder jenes betont, es ändert nicht die Sachlage.' Wie gesagt, reserviere ich mir das Recht, morgen in einer anderen Rede „England will nicht" zu sagen, übermorgen in einer dritten „England kann nicht", dann vielleicht beides; einfach je nachdem, wie es zum Thema paßt. Der Tatbestand bleibt derselbe: eine Nation, die ebensogut wie wir versteht, daß ihre Regierung uns gegenüber unehrlich handelt, aber nicht mehr die Willenskraft hat, sich darob effektiv zu empören. 2. Aber mit der Schuld der zionistischen Leitung hat das nichts zu tun: diese Schuld bleibt bestehen, ungeheuer schwer, wie sie seit langem war, und jetzt noch schwerer. Beinahe zehn Jahre lang hat diese Leitung mit ihrer Ja-Sagerei geholfen« in Palästina unzählige Präzedenzfälle gegen den Zionismus anzuhäufen, in Palästina eine antizionistische Tradition zu schaffen und diese Tradition in allen Winkeln des dortigen Lebens einzubürgern und einzuwurzeln. Vor acht Jahren war dieser Prozeß erst bei seinem Anfang; es wäre damals ganz leicht gewesen, ihn durch strammere Gegenwirkung abzustellen und in eine uns günstige Richtung zu. lenken. Vor fünf Jahren war es schon schwerer, aber doch leichter als jetzt; sogar vor 2% Jahren, nach der Erschütterung von 1929, war es immer noch bei weitem nicht so schwer wie jetzt. Das alles ist natürlich und selbstverständlich. Je länger ein Unkraut sich ungestört verbreitet, desto schwerer wird es sein, es loszuwerden. Einen Stall nach 24 Stunden von Unrat zu reinigen — das kann ein gewöhnlicher Knecht; für den Stall des Augias aber, der Gott weiß wie lange keinen Busen gesehen hatte, mußte man Herkules zu Hilfe rufen. England ist heute, anno Domini 1932, psychologisch kein Herkules; daraus folgt nicht, daß England anno Domini 1926 oder sogar 1929 nicht imstande gewesen wäre, den palästinensischen Stall in Ordnung zu bringen — weil erstens der Stall noch nicht so miststrotzend war, es fehlten dort noch ein Shaw- Bericht, ein Passfield-Weißbuch, ein Simpson- Bericht und ein MacDonald-Brief, — und zweitens war England bedeutend mehr herkules ähnlich, als es jetzt, nach diesen fatalen zwei Jahren Sozialistenwirtschaft geworden ist. Hätte der XIV., der XV., ja sogar noch der XVI. Zionistenkongreß die alte Leitung beseitigt und einer neuen Leitung eine neue Vollmacht gegeben, wäre es noch möglich gewesen, die Lage zu retten. Die Kongresse haben es aber nicht getan, und die Leitung hat fortgesetzt, jeden neuen Fortschritt der antizionistischen Tradition durch Mitwirkung oder Apologetik zu sanktionieren, und auf jedem Stück Unrat im Stall steht jetzt der Stempel „unserer" eigenen Zustimmung ... Die Schuld der Leitung? Sie ist unermeßlich, ungeheuer; bei einem normalen Volk hätte man solch eine Regierung vor Gericht gestellt und grausam bestraft. Diese Leitung trägt die Hauptschuld an allem, an allen Uebeltatcn Englands, an allen Freveltaten des arabischen Mobs — weil sie alles sanktioniert, nie eine Gefahr hervorgesehen, jede Warnung höhnisch abgewiesen, keine einzige Position zu verteidigen versucht hat. Wir Revisionisten sind sachich und patriotisch. Da es jetzt endlich gilt, Englands Missetat vor der außerenglischen Welt bloßzustellen, mögen wir es manchmal für unsachlich und unpatriotisch er- 45J$<^aImKathreinerfo)ie» basfelbt tvh ein iölao #icn £*MlHijtJ* Kathreiner. Xlttb ~ fcoln?! tYt vv vizi mrfjr tusrt* als Jtojfet / kennen, die Missetat unserer eigenen Leitung zu stark zu betonen. Es gehört, es sollte wenigstens gehören: zur Idee d-erEinheitsfront. Aber daraus die Folgerung zu ziehen, daß die talent- und gedankenlose Politik der letzten 10 Jahre Zionismus nunmehr „entschuldigt" sei — da, bitte sehr, irren sich die Herren Advokaten. Blindheit, politisches Analphabetentum, Groß- und Kleinkorruption, sogar Verrat — das sind einige der Namen, dieses in Ruin und Verzweiflung untergegangenen Systems; und, insofern es für Zwecke unserer eigenen Volkserziehung notwendig sein wird, werden wir nicht erlauben, daß man es bei uns vergißt. 3. Daß man bei den A ra be rn mehr Konzessionen bekommen kann als bei jener britisch e n A dm i n ist r a t i on, die wir kennen — das ist nichts Neues. Das haben viele Revisionisten oft und offen gesagt. Ich, zum Beispiel, habe darüber seit Jahren viele Artikel geschrieben, im „Rasswjet", im „Doar Hajom", im „Hajnt". Es besteht ja kein Zweifel:, die feurigsten arabischen Nationalisten sind bereit, ganze .zehn Prpzent mehr Einwanderungszertifikate jährlich zu gewähren, als uns die Engländer seit 1929 jährlich gewährt haben; Warum nicht? Die; Araber vermehren sich mit 16.000 Seelen pro Jahr, die Juden mit 4000; was schaden da noch 500. Immigranten, besonders wenn mit ihnen so viel Geld aus dem Auslande kommt? Die Araber sind ja keine Kannibalen. Sie haben nichts gegen ein jüdisches Ghetto im Lande, jedes anständige Lnd hat ein Ghetto; sogar nichts gegen ein Ghetto, wo. man etwas hebräisch plaudert;, nicht _ einmal gegen ein Ghetto, welches sich einbildet, es sei ein „geistiges Zentrum" fürs auswärtige Judentum-Nur eine Bedingung: das Ghetto soll ewig ein Ghetto — das heißt eine Minderheit — und das auswärtige Judentum ewig auswärtig bleiben. Eine ganz kleine Bedingung ist es; bloß Verzicht auf Zionismus. Volksverrat ist oft rentabel: darin hat der Brith Schalom und der Meinekestraße-Zionismus vollkommen recht. Wegen Raummangels entällt heute die Fort, setzung des Artikels „Aas Theodor Herzls biuul. und Uuiversitätszeit" von Dr, T. Nnssenblatt, AUS PALKSTINA. Der High Commissioner beim König von Aegypten Kairo, 3. Februar. (J. T. A.) Der High Commissioner General Sir Arthur Wauchope ,traf Am 1. Februar in Kairo ein und wurde von König Fuad empfangen. Der High Commissioner unterhielt sich mit . dem König von Aegypten eingehend über Fragen Palästinas. Am Abend des 1. Februar fand General Wauchope zu Ehren ein Dinner statt, dem prominente ägyptische Politiker und englische Persönlichkeiten in Aegypten beiwohnten. Am 2. Februar kehrte Sir Arthur Wauchope mittels Flugzeugs nach Jerusalem zurück. Das Resultat der Wahlen zum Jerusalemer Wand Hair Jerusalem, 3. Februar. (J. T. A.) Am 2. Februar fanden in Jerusalem die Wahlen zum Waad Hair (Rat der Jüdischen Gemeinde) statt. Von etwa 14.000 Stimmberechtigten waren 5735 an der Wahlurne erschienen. Von den 31 Sitzen des Rates entfielen auf die Arbeiterpartei 11, auf die Toschaw-Partei (Gruppe der alteingesessenen Bürger, die eine Loslösung der Juden von der bisherigen Stadtverwaltung und die Schaffung einer gesonderten .jüdischen Stadtverwaltung erstrebt) 8, auf den Misrachi 4, Yemeniten 3, Allgemeine Zionisten 2, Verband orientalischer Gemeinden 2 Sitze, die Fr au e n p a r t e i. erhielt 1 Sitz, Zum Frencli-Bericht Jerusalem. (J. T.-A.) Die Palästinaregierung veröffentlicht ein Kommunique betreffend den F r e n c h- Bericht, das — ähnlich dem bereits mitgeteilten Kommunique des Colonial Office in London — die Mitteilung enthält, daß Lewis French bereits einen einleitenden Bericht deni High Commissioner unterbreitet hat und daß ein detaillierter Bericht vort French, der sich mit den unmittelbaren Problemen der Landentwicklung befassen wird, im Verlauf des Monats März zu erwarten ist. Beide Berichte würden dann der Exekutive der Jewish Agency und der arabischen Exekutive übergeben werden, damit diese Gelegenheit erhalten, ihre Bemerkungen zu den Vorschlägen zu machen, bevor die englische Regierung ihn zum Gegenstand einer Beschlußfassung macht. Diese Information, heißt es in dem Kommunique^ hat der .High Commissioner kürzlich der Exekutive der Jewish Agency und der arabischen Exekutive gegeben. Noch keine Wiedereröffnung der Schulen in Palästina Am 4. und am 5. Februar fanden in TelrAwiw neuerdings Beratungen zwischen Vertretern des hebräischen Lehr eryerban des, des Magistrats, der Kolonisten und der Jewish Agency statt, die das Ziel hatten, eine Einigung zwischen den streikenden hebräischen Lehrern und der Jewish Agency herbeizuführen, damit die infolge des Streiks seit Wochen geschlossenen hebräischen Schulen am Sonntag, den 7. Februar, wieder, eröffnet werden können,/ Eine Einigung ist noch nicht erzielt worden, da die Exekutive der Jewish Agency sich außerstande erklärt hat, die Garantie für prompte Zahlung der Gehälter, eine der Hauptforderungen der streikenden Lehrer, zu übernehmen. Die Bautätigkeit in Jerusalem Nicht nur in Tel-Awiw, sondern auch in Jerusalem hat in den letzten Monaten eine erhöhte Bautätigkeit eingesetzt. Diese Tätigkeit war der Gegenstand einer Untersuchung, die das Statistische Büro der Exekutive der Jewish Agency Mitte Jänner 1932 unternahm. Die folgende Aufstellung enthält die Ergebnisse der eingezogenen Informationen: ■ Jüd. Arab. Regier.- Zu- Bauten Bauten Bauten Chr. Inst, samraeh Zahl der Bauten 50 17 2 1 70 Fläche in m» , . 12.820 6620 '— — ' — ' Zahl der jüdischen Arbeiter 816 54 40 50 960 2rfäiil 'der äräbisehen Arbeiter 145 399 260 150 . 954 Die folgenden zwei Tabellen zeigen die Fluktuationen in der Zahl der im Baugewerbe in Jerusalem seit Dezember 1930 beschäftigten jüdischen und arabischen Arbeiter: Jüdische Arbeiter Jänner August März Dezember Jüdische Bauten « > * . 1932 816 1931 538 1931 1007 1930 748 Arabische Bauten .... 54 2 14 58 Regierungs- und Munizipal- 40 12 26 3# Christliche Institute . . . 50 89 84 55 Zusammen 960 641 1131 897 Arabische Arbeiter Jüdische Bauten . . , 145 44 34 58 Arabische Bauten . , . . 399 223 386 319 Regierungs- und Munizipalbauten ....... 260 145 91 » Christliche Institute . 150 241 169 toi Zusammen 954 653 680 478 Die Hauptzentren der Bautätigkeit in Jerusalem waren die jüdischen Vororte und Stadtviertel Geulah 9 Häuser, Rechawia 8 Häuser, Makor Baruch 8 Häuser und Nachlath Zadik 8 Häuser,