Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 229 (5.2.1932)
- Date
- 1932-02-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 229 Aus Deutschland Beilage der »Neuen Weif« für Deutschland Filialredaktion und Administration* Berlin/ Charlottenburcj % Joadifaisfafersfraße 3/* ZuniKapftel* «Deutfdier» Zionismus Eine Mahnung an die deutschen Zionisten Vor einigen Wochen meldete die reichsdeutsche Presse, daß die solide und fleißige Judenschaft einer kleinen Stadt in Mecklenburg durch Hakenkreuz-Terror genötigt wurde, ihre Wirtschaften aufzulösen und mit Ihrem Kapitalsrest auszuwandern — ohne Ziel, i n s Ungewisse, ins Elend. Ich warf damals in der „Neuen Welt" die Frage auf, ob eine zionistische Bewegung, die am Schicksal der schwer leidenden, deutschen Judenschaft vorbeigeht, angesichts dieser Leiden nichts zu sagen hat, ihren Zweck erfüllt. Die „Jüdische Rundschau", das Organ der in Deutschland und auch in manchen anderen Ländern heute noch maßgebenden zionistischen Tendenz, hat diese Frage keiner Entgegnung wert gefunden. Dafür aber hat sie in einer Briefkastennotiz, unter nicht zu verkennendem Hinweis auf den Artikel in der „Neuen Welt", aber ohne auch nur mit einem Worte auf seinen Inhalt einzugehen, von Unsinn, persönlicher Verunglimpfung und Gehässigkeit, welche den Zionismus ruiniert, provinziellem Niveau usw. gesprochen. Sie hat ihre Leser dadurch vor anstrengendem Nachdenken über eine bestimmte zionistische Sache, vor Verausgabung von Gehirnsubstanz fürsorglich bewahrt, dafür mit dem beruhigenden Gefühl erfüllt, daß weiter nichts geschehen ist. Irgend ein provinzieller Skribler hat Kotspritzer von sich gegeben, die natürlich zur Höhe des hauptstädtischen Berliner Zionismus nicht, heranreichen. Die Stelle in meinem Artikel, auf welchen die „Rundschau" so vernichtend hinweist, lautet: ... „Aber es. ist ja auch ein Zionismus in Deutsch- . land? Was gibt dieser Zionismus reichsdeutscher Prägung den jüdischen Elendsflüchtlingen? Nichts! Theodor Herzl hat mit prophetischem Blick die .Tragödie des jüdischen Mittelstandes vorausgesehen und eine Bewegung geschaffen, welche den jüdischen Bürger mit seinem Kapital in den Juden Staat überführen soll. Der von ihm geschaffene politischökonomische Zionismus will die r e a 1 e Erfassung jüdischer Menschen, wie sie gehen und , stehen, und ihre Versetzung ins Jüdische Nationalheim. Diesem Herzl-Zionismus hat der „deutsche" Zionismus den Krieg erklärt. JVon/ Deutschland ging die Propaganda für jenen „Zionismus" aus, der vom jüdischen Bürger, vom jüdischen Menschen nur Geld und Geld verlangt, für ein „g e i s t.i g e s Zentrum", für eine „Auslese" in Palästina, für die Schaffung einer neuen, besseren Gesellschaft, an der die ganze Welt lernen soll". Einen „Zionismus",. der für edel-kommunistische Experimente schwärmt, voll Verachtung auf die mittelständischen „Krämer und Wechsler" herabblickt. So haben sie einen Zionismus geschaffen, dem die vertriebenen, verzweifelten Mecklenburger Juden nichts bedeuten und der den Mecklenburger, Juden nichts bedeutet. Einen Zionismus, der an der wirklichen Judennot achtlos vorübergeht und damit aufhört, Zionismus zu sein." Wer kann da persönliche Gehässigkeit, Verunglimpfung, Provinzlerisches finden? Die gute „Rundschau" spricht daneben, absichtlich daneben. Aber ich wiederhole meine Worte nicht zum Zwecke, den Herren von der „Rundschau" eine Lektion in journalistischer Geradlinigkeit zu erteilen, jener Geradlinigkteit, die auch Zionisten-Revisionisten gegenüber eingehalten werden sollte. Ich bin den Herren wirklich nicht böse. Ich glaube, daß es ihnen weniger darum war, mir einen Hieb zu versetzen, daß es ihnen vielmehr darum zu tun war, meiner Frage aus dem Wege zu gehen. Ich wiederhole meine Worte, weil jeder Tag nachdrücklicher beweist, daß ein Zionismus, der dem leidenden, jüdischen Menschen nichts geben will und nichts zu geben hat, versagen m u ß. Ich will jene Zionisten in Deutschland und anderswo, welche in der Richtung der „Rundschau" — das heißt in der Richtung von Theodor Herzl weg — gehen, warnen. Die Juden Deutschlands befinden sich in einer fürchterlichen Lage. Die mächtige Hitler-Bewegung will ihnen die Ehre, das Leben, jede Möglichkeit einer menschenwürdigen Existenz rauben. Das Kritische der Lage findet nicht nur im ungeheuren Wachstum der Hakehkreuzorganisationen seinen Ausdruck. Es ist von fürchterlicher Bedeutsamkeit, daß Kreise, die vom politischen und wirtschaftlichen Programme Hitlers nichts wissen wollen, sein Judenprogramm nicht bekämpfen, teils d u 1 d e n, teils b i 11 i g e n. Die Juden Deutschlands spüren in allen Knochen, daß Verachtung und Bekämpfung der Juden zur alldeutschen Parole werden. Sie versuchen es, sich zur Wehr zu setzen. Man schreibt viel in der Presse, hält Vortrage, beruft Konferenzen ein, veranstaltet Massenversammlungen. Wer nimmt an diesen Aktionen, die doch der Ausdruck eines zu Tode geänstigten Volkes sind, führend und helfend teil? Wer führt das jüdische Volk Deutschlands in diesen schweren Tagen? und ein Wort an die «Jüdische Ruhdsdiau» Von einer zionistischen Führung, von . einer bestimmenden Einflußnahme der deutschen Zionisten auf diese Aktion ist nichts zu merken. Der „deutsche" Zionismus steht abseits. Die Führerrolle beim jüdischen Volk in schwerer Not haben der antizionistische, assimilatorische „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und die ihm verwandten Organisationen übernommen. Die Arbeit des Centraivereines wird trotz ihres Umfanges und des großen Kraftaufwandes wenig oder nichts erzielen, weil sie auf einer falschen Grundlage aufbaut, auf der assimilatorischen Ideologie. Daß aber der Centraiverein voll und ganz bemüht ist, seine Pflicht gegenüber der bedrohten Judenschaft zu erfüllen, daß er hiebei vor schwerer Arbeit nicht zurückschreckt und sich ehrlich anstrengt, das kann niemand leugnen. Der Centraiverein ist zur Stelle, in seiner Art. Was tun die Führer des deutschen Zionismus? Wo sind sie? Die „Rundschau" bringt wohl Artikel über die Lage und Kritik, berechtigte Kritik an den Aktionen, die von anderen geführt werden. Aber das kann doch nicht Sinn einer nationalen Freiheitsbewegung, des Zionismus, sein: Kritisierend abseits zu stehen, die Führung des Volkes in Not anderen zu überlassen. „Wir sind e i n Volk!" Das war die Parole, die Herzl ausgegeben hatte, und damit war die Verbundenheit des Zionismus mit dem jüdischen Volke gegeben, allerorten und zu allen Zeiten, vor allem in Zeiten der Not. Herzls Zionismus führt ins Volk. Der Zionismus, den die Kreise um die „Rundschau" pflegen, will was „Höheres" sein, über dem Volke und. seiner leidlichen Leiblichkeit schweben, \uslese ,'und Zuchtwahl treiben, in Palästina und in def ganzen Welt. An der gemarterten, jüdischen Kreatur g^htves. vorbei:. ..'" Was in, Deutschland geschieht, ist Preisgabe des Anrechtesdes Zionismus auf die Führerschaft im Judentume. Wer nicht in Zeiten . de*; Not führen, will, hat das Anrecht auf jede; Führerschaft verwirft.' Die notwendige Folge ist, daß der Kämpf der ',\deutschen- Juden wirkungslos bleiben ..«muß. ^etl. ihm. ,;der n a t i o n a 1 e Impuls, den die Zionisten geben .müßten, fehlt. Die notwendige Folge ist, daß'das deutscne Bürgertum an dem Zionismus, der ihm in schwerer Stunde nichts sagt, jedes I n te r e s s e lbe r lie r t. 'Die notwendige Folge ist, daß die jüdische! Jugend Deutschlands von einem über den Fragen des ^wirklichen Lebens und des Tages schwebenden Zionismus wegläuft, umherirrt, um schließlich beim Bolschewismus zu landen oder in der Tanz bar.-So hat sichdas Verhältnis des Zionismus zum lebenden jüdischen Volke gestaltet, in Deutschland, und überall do-r|, wo der Herzische, nationale, volle Zionismus durch'jenen Zionismus verdrängt wurde, den die „Rundschau"' propagier^ und den man — nicht ich habe die Bezeichnung erfunden — „deutschen" Zionismus nennt. Dieser Zionismus kann wohl einem beschränkten, kleinen Kreis, eine liebe Beschäftigung sein. Aber er kann nicht neues Leben, und dem Volke Rettung bringen. Das ist Grund für mich, meine Worte, meine Frage, meine Warnung zu wiederholen. Robert Stricker. Richard Li'dtthei'm über die neue Linie der revisionistischen Politik« In einer von der Berliner revisionistischen Ortsgruppe einberufenen Versammlung; sprach Herr Lichtheim über die Stellungnahme des Revisionismus zu den letzten politischen Ereignissen. Wir entnehmen diesem Vortrag folgende Stellen: Unsere eigene politische Information leidet darunter, daß in London offenbar sehr wenig los ist. Es herrscht ein allgemeiner Stillstand in der zionistischen Politik. Es scheint, daß eine zionistische Exekutive gar nicht mehr vorhanden ist, denn man erfährt fast gar nichts von ihr, und durch sie. Berl Locker ist eine mythische Figur geworden. Seitdem er das O rganisations-D epartement ver waltet, also seit dem letzten Kongreß, haben die A.-C- Mitglieder höchstens zwei oder drei Rundschreiben von dort erhalten, die sehr wenig aufschlußreich sind. Es herrscht übrigens in allen zionistischen Kreisen Unzufriedenheit hierüber, was auch in einer Besprechung der hiesigen Aktionskomiteemitglleder zum Ausdruck kam, in welcher über die Einberufung des Aktionskomitees beraten wurde. Wir hatten schon vor einigen Mopaten beschlossen, die Aktionskomiteesitzung für. März einzuberufen, doch scheint es, als ob sie wieder verschoben werden soll. Wir revisionistischen Vertreter im Aktionskomitee haben die Einberufung auf alle Fälle gefordert. Da die zionistische Exekutive politisch nichts zu berichten hat, so versuchte sie, auf andere Art Lotbeeren zu erringen. Sie erließ gegen unsere in Calais gefaßten Beschlüsse ein Zirkular, in welchem sie an> teilt, daß sie sich noch weitere Schritte gegen u»i vorbehalte. Wir glauben nicht, daß die zionistische Welt sich so sehr für das formale Verhältnis interessiert, in welchem wir zur Zionistischen Weltorganisation stehen. Es ist ja bekannt, daß die überwiegende Mehrheit def Revisionisten für ein Verbleiben in der Zionistischen Organisation ist. Wir sind zu der Ansicht gekommen, daß wir uns als Sonderverband konstituieren wollen, um allen formalen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Herr Jabotinsky teilt diesen Standpunkt. Dem Aktionskomitee wird ein entsprechender Antrag vorgelegt werden, wonach ein Sonderverband der Zionisten- Revisionisten gegründet werden soll. Die schekelzahlenden Zionisten in Deutschland oder in einem anderen Lande sind dann Mitglieder einer Landesgruppe des Sonderverbandes. Die Union der Zionisten-Revisionisten mit Jabotinsky als Präsidenten wird dabei in ihrer jetzigen Form bestehen bleiben. Dies geht die Zionistische Organisation nichts an. Niemand kann uns hindern, als Schekelzahler innerhalb der Zionistischen Organisation einen Sonderverband zu bilden und gleichzeitig einem anderen Verband anzugehören, in dem auch zionistische Nicht-Schekelzahler Mitglieder sind. Dif Frage der „doppelten Disziplin" ist eine. Frage der Praxi«,, nicht der Theorie. Wir werden als Sonderverband alfe, diesbezüglichen Rechte in Anspruch nehmen, in alUftzentralen Institutionen der Weltorganisation vertrete «ein usw. Zum Kongreß treten wir mit einer zionistisch-revisionistischen Liste auf. ■> Mehr und mehr gelangen wir zu der Erkenntnis, daß wir aogesichts der allgemein herrschenden Stagnation unsere Aufgaben selbständig werden erfüllen müssen., und zwar einerseits auf politisch«m, andererseits auf ökonomischem Gebiet. Es liegen sugeabUckr lieh swei Projekte vor: erstens Gründung einer Bank, der Totzeret-Haaretz-Bank in Paris, die den Export palästinensischer Produkt« nach Europa finanzieren und organisieren soll. Diese Gründung ist von der Frage der Geldaufbringung abhängig. Es sollen jedoch nicht unerhebliche Geldzusagcn in Paris bereits vorliegen. Das zweite Projekt ist dia Schaffung von Uebersiedlungskooperativen, Diese bilden den Versuch, durch ein Sparsystem kooperativer Gruppen die Uebersiedlung nach Palästina vorzubereiten. Ueber die Außenpolitik ist mitzuteilen, daÖ wir unsere alte revisionistische Formulierung zwar nicht aufgegeben, aber modifizieret haben. Diese Formulierung besagte, daß wir das Kolonisationsregime haben und in England durchsetzen müßten, von der Erkenntnis ausgehend, daß eine Kolonisationsarbeit in Palästina nur mit Hi 1 fe der Landesregierung möglich ist. Wir haben es für einen Fehler gehalten, daß der Zustand, wie er in Palästina seit Jahren herrscht, verschleiert wurde. Auch wir wußten, daß der Hauptfaktor zur Gewinnung Palästinas die Initiative der Juden selbst ist, wir betonten aber immer, daß die englische Regierung sich zu passiv, ja feindlich vc/ha1*/; und daß eine größere Entwicklung nur bei* fiiuer Wechselwirkung der beiden Partner, der Regierung una der Juden, vor sich gehen könne. Dies war die Grundthese, mit der wir uns von der allgemeinen zionistischen Auffassung distanziert hatten, die von den Juden alles, von England nichts verlangte. Jetzt hat sich endgültig herausgestellt, daß die von uns bekämpfte Weizr mannsche Politik verfehlt war. Bei diesem System der „Weisheit und Geduld" wurde die Situation immer schlimmer. Der Uebermut der Araber wuchs mit der Gleichgültigkeit der Regierung. Das passive Verhalten des Weizmannschen Regimes, das Verschweigen und Ableugnen der politischen Gefabren endete mit den Unruhen von 1929, der Shaw-Kommiss»^; dem Simpson-Bericht usw. Wir haben selbst eine politische Rekognoszierung in London vorgenommen. Herr Jabotinsky hat dort politische Besprechungen gehabt und es hat sich dabei gezeigt, daß die Hoffnung sehr gering ist, mit diesev Regierung und Verwaltung' zu irgend einer Besserung zu kommen. Das antizionistische Regime hat sich bereits zu tief in Palästina und London eingewurzelt und andererseits sind die Schwierigkeiten, mit denen England zur Zeit selbst zu ringen hat, zu große, daß die Durchsetzung eines radikalen Wandels unwahrscheinlich geworden ist. Inzwischen mehren sich die schlimmen Nachrichten. Als Beispiel nenne ich die Anelegenheit der Böden von Wadi Chawarith. Es ist dies ein Gebiet, das der Jüdische Nationalfonds vor längerer Zeit erworben hatte und das. ihm von den Beduinen strittig gemacht worden war. Auf einem Teil dieses Gebietes, das schon in Bearbeitung genommen