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Die neue Welt · 1932-02-05 · Heft 229 (5.2.1932) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 229 (5.2.1932)
Date
1932-02-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 229 DIE NEUE WELT Seife 9 Atmosphäre ist unheilvoll, der Pogrom lauert. Zwar haben Polizei und Regierung erklärt, daß sie Kaipaktschieff das Handwerk legen werden, aber die Rodna Saschtita besteht weiter. Das Judentum der ganzen Welt wartet auf die Antwort der demokratischen bulgarischen Regierung. Anm. d. Red. Wie wir aus verläßlicher Quelle erfahren, hat der Gauleiter der Wiener Nationalsozialisten (Hitler-Bewegung) Frauenfeld kürzlich in Sofia geweilt und mit den dortigen antisemitischen Organisationen Verhandlungen gepflogen. Die Propaganda für die Hitler-Bewegung auf dem Balkan wird zweifellos von den Wiener Hakenkreuzlern genährt Bialik und Herzl Politische „Manöver" und geistige Erneuerung Die Welle von Begeisterung, die Bialiks Auftreten in Wien umspülte, die suggestive Kraft seiner Persönlichkeit, der sich das vom hebräischen Geist eroberte und erst zu erobernde jüdische Wien beugte, diese beiden Komponenten vermochten wohl auch das Gefühl des Nichtbefriedigtseins, ja des Mißbehagens in den Hintergrund zu drangen — zum Teil auch der Respekt vor dem Dichter und der Wunsch, zu den Dingen erst Distanz zu gewinnen. Daß Kulturrepresäntanten und Männer im Priestergewand vom Podium oder von der Kanzel herab ihre Mission der "Volkserziehung auf ein Nebengeleise leiten, von wo aus sie, vor Zurückweisung geschützt, politische Angriffe betreiben, ist eine höchst mißliche Sache. Das muß jetzt gesagt werden. Als Bialik nach seiner Propagandareise für das „hebräische Buch" Polen verließ, vermachte er dort seiner großen Gemeinde ein Bekenntnis, ein politisches Bekenntnis, das er in folgende Formel preßte: „Die Erneuerung wird nicht in dem Sinne kommen, wie Herzl sich sie vorgestellt hat. Es wird nicht eine mechanische Erneuerung sein, die Herzl wollte. Herzl verstand überhaupt nicht das Problem der Erneuerung. Er verstand nur, das Problem vor das Forum der Welt zu bringen. Aber politische Manöver sind nur Dinge zehnten Grades. Die Hauptsache bleibt die geistige Erneuerung des Volkes, und die hat Herzl nicht begriffen." In Wien, der Stadt Herzls, im Kreise von Menschen, die ihre nationale Würde, ihr nationales Sein, ihr jüdisches Bewußtsein nur dem Herzischen Erneuerungsgedanken zu verdanken haben, wiederholte Bialik seine These. Er glaubte, sich wieder einmal, im Glanz seiner Mission für das hebräische Buch, ein politisches Extempore gestatten zu dürfen. Hier aber, in der Stadt Herzls, wurde ihm halt geboten; nicht vielleicht seitens eines jugendlichen Hitzkopfes, dem die Treue zu Herzl alle Dämme der Hochachtung und Courtoisie für einen berühmten jüdischen Gast niederriß, sondern gerade durch seinen intimen Anhänger und Weggenossen: Durch den Vorsitzenden des Bialik-Ehrenkomitees Dr. David Rothblum. Dieser gewiß vorsichtige, mit allen Tendenzen der nationalen Erneuerung vertraute Mann konnte es sich nicht versagen, angesichts der Festgesellschaft klar zu formulieren, was in Herzls Konzeption lag und auszusprechen, daß es ohne denselben Herzl, der das Problem der Erneuerung nicht verstanden und sich nur m& Dingen zehnten Grades beschäftigt habe, keinen — Bialik gäbe... Wir haben es unterlassen, während Bialiks wertvoller Arbeit in Wien seine „politischen Manöver" vor das Forum der Welt zu bringen. Jetzt, nach abgeschlossener Tätigkeit, möge er sich mit diesem Hinweis begnügen. Herzls Tat bedarf keiner Kommentierung, keiner Rechtfertigung. Jedenfalls aber kann Bialik gewiß sein, \ daß er ohne Herzl bestimmt nicht vor der großen jüdischen Gemeinschaft Wien, seine Mtssionsprobleme entwickelt, sondern höchstens einen Vortrag über das hebräische Schrifttum gehalten hätte — vor einem achtbaren, kleinen Verein für jüdische Geschichte, Literatur und Folklore. Hebräisch in Palästina Die Nichtannahme hebräisch geschriebener Telegramme durch die palästinensischen Telegraphenämter Die soeben veröffentlichten Protokolle über die Verhandlungen in der letzten Session der Mandats, kommission des Völkerbundes enthalten u. a. einen Bericht des Mitgliedes der Kommission Doktor Ruppel (Deutschland) über die Petition des palästinensischen Einwohners Jisrael Ami kam betreffend die Nichtannahme von in hebräischen Buchstaben aufgesetzten Telegrammen durch die palästinensischen Telegraphenämter. Amikam führte in seiner Petition aus, daß gemäß dem Mandat die h ebräische Sprache eine der offiziellen Sprachen Palästinas sei und daß darum die Nichtannahme hebräisch geschriebener Telegramme eine eklatante Ve r 1 e t z u n g des Mandats bedeute. Die Palästina-Regierung, die diese Petition au die Mandatskommission übersandte, begleitete dieselbe mit Bemerkungen, iu denen durgelegt wird, daß die Annahme von in hebräischen Buchstaben geschriebenen Telegrammen mit großen technischen Schwierigkeiten und großen Kosten verbunden wäre. Wohl müsse bei richtiger Interpretation der Mandatsbestimmungen die hebräische Sprache in gesetzgebenden Versammlungen, bei Gerichten, bei Eingaben an die Regierung u. ä. m. zugelassen werden, dies bedeute jedoch noch nicht, daß die Regierung bei einer kommerziellen Unternehmung, wie es die Post ist, verpflichtet sei, den Gebrauch von allerlei Buchstaben ohne Rücksicht auf den finanziellen Effekt zuzulassen. Das oberste palästinensische Gericht hatte bereits einmal entschieden, daß die Nichtannahme hebräisch geschriebener Telegramme dem Mandat nicht widerspricht. Telegramme in arabischen Buchstaben werden zur Beförderung angenommen, weil die arabischen Buchstaben im internationalen Telegrammverkehr zwischen arabischen Ländern anerkannt sind. In seinem Bericht an die Kommission bezweifelt Dr. Ruppel die Richtigkeit der von der Palästina-Regierung angeführten Entscheidung des palästinensischen Obersten Gerichtes; eine solche Entscheidung sei für die Mandatsinstanzen nicht maßgebend. Die Frage müsse vom Standpunkt der Gleichberechtigung aller offiziellen Landessprachen betrachtet werden. Ist es den Arabern erlaubt, in arabischen Buchstaben geschriebene Telegramme abzusenden, warum soll man den Juden verbieten, ihre Telegramme in hebräischen Buchstaben abzusenden? Die Tatsache, daß die arabischen Buchstaben im internationalen Verkehr zugelassen sind* ist vfäfutm. *%>ei$kidz $»^ JZuc&&l? Kathreiner braut!»«» J$ic nur einee! S>i* fparen doppelt-: Äa^<Ä^jra^^«h»^ für die Frage an sich nicht von Belang. Mehr ins Gewicht fällt die Tatsache, daß Palästina als die n atiönale Heimstätte für das jüdische Volk anerkannt ist und daß die Regierung gemäß dem Mandat verpflichtet ist,. die Schaffung einer jüdischen Heimstätte zu erleichtern. Dr. Ruppel erinnert an die prinzipielle Konklusion, die sich die Mandatskommission in ihrer 17. Session hinsichtlich des Palästina-Mandats zu eigen gemacht hat, nämlich daß man zwischen dem Endziel des Mandats und dessen unmittelbaren Aufgaben unterscheiden müsse, wobei für die Erreichung des Endzieles keine Frist festgesetzt werde, und behandelt dann die Sprachenfrage vom Gesichtspunkt dieser Konklusion. Die britische Regierung, führt er aus, weist auf praktische Schwierigkeiten hin. Es sei möglich, daß die Schwierigkeiten kleiner sind, als man glaubt. Es sei nicht zu verstellen, wie die Regierung glauben könne, daß man bei Annahme hebräisch geschriebener Telegramme die Angestelltenzahl bei den Telegraphenämtern verdoppeln müßte; sind denn nicht auch jüdische Telegraphenbeamte in entsprechender Zahl vorhanden? Wohl leben wir heute in einer Zeit der Krise, in der Sparen oberstes Gesetz ist, aber der Beschwerde der jüdischen Bevölkerung liegt ein ernstes Motiv zugrunde. Dr. Ruppel faßte seine Ausführungen in eine Konklusion zusammen, die von der Mandatskommission einstimmig angenommen und nun auch vom Völkerbundsrat bestätigt worden ist. Die hebräische Universität in Jerusalem nimmt die erste Promotion Vor Am Montag, den 25. Jänner, fanden au der H ebräischen Universität zu Jerusalem die ersten akademischen Gr ad nie rungen statt. Dreizehn Studierende, unter ihnen zwei Frauen, erhielten an der Fakultät für klassische Sprachen und Lituraturen den Magistergrad. Die Graduierung vollzog sich in einer feierlichen Zeremonie, der der High Commissioner General Sir Artur Wauchope, der Chef des Justizdepartements der Regierung, die Professoren- und Dozentenschaft der Universität, 50 Angehörige des Konsul a r k o r p s, Vertreter der akademischen Körperschaften, wissenschaftlichen Gesellschaften und Kirchen und viele andere beiwohnten. Der Bürgermeister von Jerusalem, Ragheb Bey Nashashibi, der ebenfalls eingeladen war, erschien zur Zeremonie nicht. Die revisionistischen Studenten hatten am Tage Tieferschüttert geben wir die traurige Nachricht vom Ableben unseres heißgeliebten Gatten, bzw. Vaters, Bruders, Schwiegersohnes und Schwagers, des Herrn Jakob Rabinowif§di welcher nach kurzem, schwerem Leiden am Sonntag, den 31. Jänner 1. J., im 67. Lebensjahre verschied. Das Leichenbegängnis fand Sonntag, den 1. Februar, statt ' Dort Rablsowltsoh als Oattin Aicher Rabinowlteob «I« Bruder Dr. Ignaz Landau, Jakob Landau alt Schwager Judith, Mirjam, Bertha, Salomon als Kinder M. H. Landau als Schwiegervater Fanny Landau als Schwägerin Wien, Wysock, Kremenczug, New York vorher einen scharfen Protest gegen die Einladung Nashashibis veröffentlicht und erklärt, diese Einladung beweise einen Mangel an nationaler Selbstachtung seitens der Universitätsleitung, insbesondere im Hinblick darauf, daß Nashashibe Mitglied jener arabischen Delegation war, die in London die arabische Version über die palästinensischen Unruhen im Herbst 1929 darlegen sollte. Die arabische Exekutive fordert ein Palästina- Parlament Jerusalem, 30. Jänner. Der Präsident der arabischen Exekutive Muza Kazim Pascha und die Sekretäre der Exekutive Jamal Husseini und Auni Bey Abdul Hadi besuchten am 27. Jänner den High Comissioner General Sir Arthur Wauchope und unterbreiteten ihm die Forderungen der arabischen Exekutive hinsichtlich der zukünftigen Verfassung Palästinas und des Landentwicklungsplans. Auni Bey Abdul Hadi trat in der Besprechung leidenschaftlich für die Schaffung eines Parlaments in Palästana ein. Wie die J. T. A. erfährt, war die Antwort des High Commissioners auf diese Forderung vollkommen unverbindlich. Die hebräischen Schulen noch immer geschlossen Jerusalem, 30. Jänner. Das Zentralkomitee des hebräischen Lehrerverbandes (Merkas hamorim) hat beschlossen, den von der Stadtverwaltung in Tel-Awiw gemachten und von der Jewish Agency bereits akzeptierten Vorschlag zur Beilegung des Lohnkienflikts zwischen der Jewish-Agency-Exekutive und den Lehrern nicht anzunehmen; der Lehrerstreik dauert fort und die Schulen der Jewish Agency bleiben geschlossen. In der diesbezüglichen Erklärung des Lehrer-Zentralkomitees heißt es: Da die Exekutive, der Jewidh Agency nichts weiter tut, als nur ihren früheren Vorschlag zu wiederholen und ein weiteres Entgegenkon» men verweigert, sind wir nicht in der Lage, den Vorschlag anzunehmen. Die Arbeitseinstellun g i» den Schulen wird auf rechterhalten. Antisemitische Studentenunruhen auch in Preßburg und Prag An der Universität Preß bürg fanden am 30. Jänner Kundgebungen statt, die gegen die ausländischen jüdischen Studierenden gwichtet wären. An der medizinischen Fakultät unterbrachen die Studenten unter großem Lärm die Vorlesungen und forderten die Entfernung der polnisch-jüdischen Studenten. In einer Versammlung wurde eine Resolution gefaßt, in der erklärt wird, daß die polnischjüdischen Studenten nicht mehr in die Lehrsäle gelassen werden sollen und daß, wenn dies nicht möglich sein sollte, ein Studentenstreik proklamiert werden soll. Etwa 50 Studenten drangen später in ein Kaffeehaus ein, wo sie mehrere polnisch-jüdische Studenten aus dem Saal drängten, wobei es 211 Skandalszenen kam. * Am 29. Jänner demonstrierten die tschechischen Mediziner in Prag in zwej großen Versammlungen für einen Numerus clausus für Ausländer. Die Versammlungen arteten in judenfeindliche Kundgebungen aus, wobei jüdische Studenten, die sich der Ausländer annahmen, verprügelt wurden. Auch die Hörer der Technik, die für die Ausgestaltung ihrer Hochschule in der Starke von ungefähr 1000 Mann demonstrierten und zum Wenzelsplatz zogen, stießen fortwährend Rufe gegen die Ausländer und gegen die deutschen Hochschulen aus. Die Prager Universitäten veröffentlichen das Resultat der Inskriptionen, nach welchem am 1. Jänner 1932 an der tschechischen Karluniversität von 10.981 Hörern insgesamt 1257 Ausländer waren, an der Deutschen Universität von 5282 Hörern 924 Ausländer, insgesamt bei 33.872 Hörern 5210 Ausländer, das sind etwa 15 Prozent.

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