Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 229 (5.2.1932)
- Date
- 1932-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seht 4 Nr. 229 Safiallplattait, anel> Tameh j ZahningsarlttanUrung ELPMORA11 I., Dortkinlkantibsttti 2t Eckt KM) Tal. «-S4-4-18 j wie er es denn überhaupt versteht, sein Judesein mit einem undurchringlichen Mysterium zu umgeben. Wir wollen aber nicht ungerecht sein: Es gab und gibt heute noch dem Judentum treu gebliebene große Schauspieler und Regisseure. Wer denkt da nicht an Barnay, Sonnenthal und Schildkraut in der Vergangenheit und an lebende Größen der Bühne, die — um nur auf Geratewohl einige zu nennen — Ernst Deutsch, Leopold Jeßner, Fritzi Massary, Max Palenberg und viele andere. Die Taufseuche auf der deutschen Bühne wird erst ihr Ende nehmen, wenn ein seiner Würde bewußtes jüdisches Publikum die Theater besuchen wird. Aus Theodor Herzls Schul- und Umversitätszeit Den Freunden Theodor Herzls, Ingenieur Johann Kremenezky und Direktor M. Reichenfeld, in Verehrung gewidmet. Die bis heute vorliegenden Angaben Uber Herzls Schulzeit sind spärlich. „Ich kann nicht leugnen, daß ich in die Schule ging", sagt Herzl scherzend in.seiner Autobiographie. Ünd doch ist es wichtig und lehrreich, Theodor Herzl, den Volks schüler, Gymnasiasten und Hörer der Universität, kennenzulernen. Vielleicht helfen uns v e r 1 ä ß liehe und dokumentarisch belegte Mit teilungen au« jener Zeit, die geistige Entwicklung Herzls mit größerem Verständnis zu betrachten. Die erste Mitteilung über den Volksschulbesuch enthält die Autobiographie Herzls. Dort heißt es: „Erst wurde ich in eine jüdische Vorschule geschickt, wo ich ein gewisses Ansehen genoß, weil mein Vater ein wohlhabender Kaufmann war. Meine früheste Erinnerung an diese Schule besteht in Prügeln, welche ich erhielt, weil ich die Einzelheiten des Auszuges der Juden aus Aegypten nicht wußte." Diese Jugenderinnerung schien für Herzl besondere Bedeutung zu haben, da er im nächsten Satze mit der ihm eigenen feinen Ironie schreibt: „Gegenwärtig möchten mich viele Schulmeister prügeln, weil ich mich zuviel an jenen Auszug aus Aegypten e r i n n e r e." Die Volksschule, die Herzl besuchte, war die Pester israelitische Normal-Hauptschule, eine mit Oeffentlichkeitsrechten ausgestattete und von der Buadepester Kultusgemeinde geführte Anstalt. Hier verbrachte'Herzl vier Jahre. Ein bisher unbekann t gebliebenes Zeugnis aus jener Zeit sei hier zum ersten Male reproduziert. Von Dr. Tulo Nußenblatt Deutsche aus dem Leben, insbesondere der ungarischen Juden, zu verdrängen. Diesen Kampf hat Herzl schon in seiner frühesten Jugend mitgemacht und beobachtet. Den Kampf zwischen ungarischer und deutscher Assimilation im jüdischen Leben in Ungarn hat Herzl auch als Führer des Volkes in anderer Form beobachten können. Die ungarischen Juden setzten dem Zionismus ihren Stolz auf die liberale Regierung entgegen: „In Ungarn gibt es keine Judenfrage." Und am 4. August des Jahres 1895 schreibt Herzl in den Tagebüchern (Bd. I, S. 254): „Die liberale Regierung, die offenbar auf Wahlfiktionen und Kombinationen beruht, kann durch einen Handstreich hinweggeräumt werden, und dann hat Ungarn von einem Tag auf den anderen die schärfsten Formen des Antisemitismus." Ein zweites Zeugnis, aus dem nächsten Schuljahre, also aus der dritten Volksschulklasse derselben Anstalt, veröffentlicht Dr. Josef P a t a i in seiner jüngst in ungarischer Sprache erschienenen Herzl-Biographie (Budapest 1931, Pro Palästina- Verlag). Auch die dritte Vplksschulklasse beendete Tivadar (man rief ihn zu Hause D o r i) „erstklassig mit Auszeichnung". Mit zehn Jahren kam Herzl an die Realschule. Nach einem antisemitischen Erlebnis in dieser Schule tauschte er diese Anstalt gegen das (Im Besitz der Frau Cäcilie Koppel, Wien.) Es ist dies das Jahreszeugnis der zweiten Volksschulklasse. Tivadar, so lautet der Name Theodor in ungarischer Sprache, Herzl hat nach diesem Zeugnis folgende Noten aufzuweisen: Schulbesuch . . . sehr fleißig — Sitten . . . mustergültig — Aufmerksamkeit. . . gespannt — Fleiß . . . ausdauernd — Religionslehre ... gut — Hebräische Lehrgegenstände ... sehr gut —- Ungarisches Sprachfach... ausgezeichnet! — Deutsches Sprachfach . . . ausgezeichnet — Real Wissenschaften . , . ausgezeichnet — Rechnen . . . eebr gut — Schönschreiben . . . gut — Zeichnen . . . 0 — Ge* sang ... sehr gut — Allgemeine Fortgangsklass« .., erstklassig mit Auszeichnung. Das Zeugnis ist nicht nur wegen der „sehr guten" Note in den hebräischen Lehrgegenständen bemerkenswert, sondern auch wegen der deutschen Sprache auf dem Formular. Deutsch war in jener Zeit in Ungarn noch vorhergehend, und die Magyarisierung begann erst damals, das .:;-!!?tfiV7 Gymnasium ein, und nach der Reifeprüfung kam Herzl, dessen Eltern nach dem Tode der einzigen Schwester Theodors, Pauline. nach Wien übersiedelten, an die Wiener Universität. „In Wien" — schreibt Herzl in der Autobiographie — „studierte ich die Rechte, nahm an allen Studententorheiten teil und trug die bunte Mütze einer Verbindung." (Waren es wirklich nur Torheiten?) „Ich habe ein Gefühl", schrieb Herzl in seinen Notizen zum „Judenstaat" (Tagebücher, L, 74), „wie einst im evangelischen Gymnasium in Pest in der achten Klasse: daß ich bald die Schule verlassen würde. Es kam ja dann durch den Tod meiner armen Schwester noch früher, als ich gedacht! So habe ich jetzt ein Vorgefühl, daß ich die Schule des Journalismus verlassen werde." Die „Schule des Journalismus" heißt das letzte Feuilleton, das Herzl vor seiner Abreise aus Pari« im Jahre 1895, als er mit seiner Idee des Judenstaates nach Wien siirückkehrte, in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte. Das Verlassen der Schule und der Uebergang zum freien Universitätsstudium bedeutete für den achtzehnjährigen Herzl Suche nach Arbeit und Zufriedenheit. Sein Tatendrang suchte irgend ein Feld. „Herzl war Jurist an der Wiener Universität, das heißt, er suchte Erholung und Anregung auf dem Korso, im Cafe, im Theater, am Kartentisch." (Leon Kellner, „Herzls Lehrjahre".) Herzl selbst schreibt über jene Zeit (Tagebücher, I., 76): „Ich selbst war als Jüngling ein Spieler — gleich Lessing und Laube und vielen anderen, die später doch ordentliche Männer geworden sind — aber ich war es nur, weil mein Tatendrang keinen Abfluß hatte." Es ist klar, daß die Worte Kellners nur eine Widerspiegelung der Selbstbekenntnisse Herzls sind. Aber die eigenen Worte Herzls sind nicht einfach als Feststellungen zu betrachten. Herzl schrieb sie nieder in der Hast der Arbeit an seinem „Judenstaat". Von ener Vision beseelt, war Herzl von der Angst beherrscht: ... er könnte über Nacht Hinfahren, ehe dieses Werk vollbracht, wie er in einem Briefe an Schnitzler schreibt. Ünfi§emi£fl§cbe Greueltaten in Bulgarien Brief an die Sofia, im Jänner 1932. Unheimlich rinnt eine antisemitische Welle durch die Stadt. Vor einigen Wochen wurde ein Geldwechsler in ein entlegenes Viertel verlockt. Dort wurde er überfallen, beraubt, mißhandelt, in Ketten gebunden und spätabends von zufälligen. Passanten auf der Straße gefunden. Die Polizei erschien .allsogleich, unternahm Hausdurchsuchungen, ging die Umgebung ab, fahndete — aber alles umsonst. Der Geldw echsler ist Jude. Die Missetat er wurden nicht gefunden. Einige Tage später wurde der Sohn eines hiesigen Industriellen in der eigenen Garage überfallen, im Zentrum der Stadt, hart neben dem Gebäude der Polizeidirektion. Er wurde nicht beraubt, sondern fast totr, geprügelt. Wieder erschien die Polizei, wieder wurde recherchiert, untersucht, gefahndet. Die Presse verschwieg , den Fall. Hingegen hieß es, daß einer der . Rowdies verhaftet und wieder freigelassen wurde. Man flüsterte sich zu, daß der „Held" Mitglied der antisemitischen faschistischen Liga sei, sogar führendes Mitglied. Der Fabrikantensohn ist Jude. Die Missetäter wurden nicht gefunden. Und so ging's in raschem Tempo weiter. Der Direktor eines Zuckerkonzerns .sollte in seiner Wohnung überfallen werden, aber der Anschlag mißlang. Der Direktor ist Jude. Ein Arzt sollte in eine Falle gelockt werden. DerArztistJude. Und nun verschwindet ein Trödler. Ein armer Teufel, dessen Hab und Gut ein paar Schilling wert ist; ein Luftmensch, wie man ihn überall findet. Man sucht, untersucht, ob es sich nicht etwa um einen Raubmord handelt. Man kann aber feststellen, daß der Trödler nur ein paar Schilling bei sich hatte. Ein politischer Mord? Der arme Trödler hatte nie etwas mit Politik zu tun. Ein Rachemord? Unmöglich, denn der stille, arbeitsame Mensch hatte keinen Feind — es sei denn die Armut. Die öffentliche Meinung und die Polizei standen ratlos da, denn die Tage vergingen und vom armen Trödler war keine Spur zu finden. Der Trödler istjude. Und da stieg der Gasse der Gedanke auf: Haben wir es hier nicht mit Antisemiten zu tun? Mit einer antisemitischen Organisation, die sich die Drangsalierung der Juden zum Ziel gesetzt hat und der man wehrlos ausgeliefert ist? Schwer lastet die - Besorgnis auf allen Gemütern. Wer kommt morgen dran? Eines Morgens wird ein Aratt zu einem Kranken Neue Well" von Argus gerufen, der in einem Vorort der Hauptstadt wohnt. Obwohl ihm die Frau aus einer Unheilsahnung heraus abriet, tat er doch seinen Dienst, seine Pflicht. Der Tag verging, ohne daß der Arzt zurückkam. Die Polizei wurde alarmiert, aber der Arzt — Jude — nicht zu finden, bis endlich der Polizei gemeldet wurde, daß draußen am Ende der Stadt aus einem einsän\en Haus ein Mensch um Hilfe schreie. Man fand den Arzt auf und er erzählte: Nachdem man ihn an Händen und Füßen, gebunden, in schwere eiserne Ketten geschlagen und ihm Mund' und Ohren vollgestopft hatte, wurde er an die Wand festgenagelt. So geschehen in Bulgarien, in der Hauptstadt Sofia. Als tagsdarauf das Haus durchsucht wurde, fand man im Kelltjr einen lebendig begrabenen Menschenleib. Drei Tage und drei Nächte war dieser Leib im Kejlert begraben. Als dieser Leib noch ein Mensch war, hatte man ihn in dieses Haus hineingelockt — es war der Trödler. Zuerst hatte man ihn ausgeraubt, dann gefragt, ob er Z i o n i s t sei, ob er wisse, wo die Juden Waffen versteckt hielten und wo die Führer der bulgarischen Juden wohnen. Dann begann die Inquisition. Er wurde gemartert, gefoltert, bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen, an Händen und Füßen mit schweren Ketten gefesselt, Mund und Ohren verstopft, Augen verbunden und in das im Keller gegrabene Loch geworfen. So war er drei Tage und drei Nächte gelegen, bis ein Zufall ihn rettete. Allmählich wurden diese Tatsachen unter den Juden Sofias bekannt. Es wurde klar, daß eine organisierte Bande die Vollführerin dieser Greueltaten und daß Antisemitismus der Beweggrund sei. Beweise waren noch nicht vorhanden — bis die Polizei öffentlich erklärte, daß sie den bestialischen Gewalttäter kenne. Als man die Photographie dieses Gesellen den Opfern vorzeigte, erkannten sie alle den von der Polizei angegebenen Mann. Er ist seit Jahren führendes Mitglied der Rodna Saschtita, der faschistischen Heimwehr. Am gleichen Tage erklärte der Vorsitzende der Rodna Saschtita, ein General a. D., daß Kalpaktschieff — so heißt der Held des Tages — bereits vor Monaten aus der Organisation ausgewiesen worden sei. Das ist das beste Zeichen für das Schuldbewußtsein der Rodna Saschtita. Ob Kalpaktschieff heute noch Mitglied der anti- ' semitischen Organisation ist, hat keinerlei Bedeutung. Tatsache ist, daß er deren Mitglied war und von dort sein antisemitisches Rüstzeug bezogen hat; daß er die Lehren der Meister ununterbrochen betätigt. Wir haben heute einen Kalpaktschieff, wir können morgen mehrere haben. Es wird weiter gehetzt. Die