Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1932-02-05 · Heft 229 (5.2.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 229 (5.2.1932)
Date
1932-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2711843-2711850--2961-2716291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 229 DIE NEUE WELT Seite $ Ich stelle mit tiefstem Bedauern diese nicht zu leugnende Wahrheit fest. In England selbst gibt es viele, die wissen, mit welcher Hartnäckigkeit meine Freunde und ich sich an die letzten Möglichkeiten klammerten, indem sie versuchten, unserem Volk den sinkenden Glauben an England zu erhalten. Wir bemühten uns so, im Verlauf von Jahren — und sogar auf dem letzten Ziohistenkongrcß 1931 — unsere Masse» zu überzeugen, daß die Hauptschuld die Palästina-Bürokratie und die zionistische Leitung tragen. Wir gaben uns Mühe, sie zu überzeugen, daß uns noch das kollektive Gewissen Englands als unsere Appellationsinstanz bleibe und daß, bekämen wir nur Zugang zu diesem Gewissen, alles uns angetane Unrecht wieder gutgemacht wird. Ich würde mir wünschen, daß wir noch weiter dieselbe Lehre predigen könnten, denn unter dem gegenwärtigen beispiellosen Elend unseres Volkes wäre es durchaus kein Glück, einisehen zu müssen, daß ein Versprechen, das die Unterstützung einer nationalen Hoffnung mit so universaler Heiligkeit bedeutet, zum Spott wird. Es kommt aber ein Augenblick, da im Licht der grausamen Wirklichkeit diese oft wünschenswerte Illusion nicht mehr aufrechterhalten werden kann." Stellung der „Linken" zur Rede Jabotinskys In Palästina hat die Warschauer Rede Jabotinskys ganz besondere Aufmerksamkeit hervorgerufen. Das hebräische Tagblatt „H a a r e t z", das Grgnn der Weizmannschen, Politik und der Londoner Exekutive, hat — mau möchte sagen, selbstverständlich — die Rede als „verhetzend" und „verräterisch" bezeichnet. Zu diesen Auslassungen nimmt das Organ der palästinensischen Arbeiterpartei, „Dava r", Stellung. Diese Stellungnahme ist um so bemerkenswerter, als die organisierte f.inke und mit ihr „Davar" unerbittliche Feinde Jabotinskys und der Zionisten-Revisionisten sind. „Davar" schreibt mit Bezug auf den Brandartikel des „Haaretz": „Möge die Werbung des Zionismus mit England noch so nützlich, wertvoll, notwendig sein, sie darf doch aber nicht zum Heiligtum gemacht werden, das ein Zionist nicht antasten darf. Jabotinsky hat doch in jener nichts gegen den Zionismus und sein Wesen gesagt. Er sagte auch nichts, was als ein Angriff auf die Bewohner Palästinas und der Nachbarländer gedeutet werden könnte. Er hat nur das politische Verhältnis, welches jetzt zwischen uns Zionisten und der englischen Regierung herrscht, zum Ausdrucke gebracht. Es gibt viele Engländer, die offen sagen, dall ihnen Englands Bund mit uns nicht genehm ist. Wieviele Araber sind gegen die Herrschaft Englands in Palästina! Es ist daher ganz unverständlich, daß die von Jabotinsky wieder gegebenen Ansichten bei uns in Palästina einen Sturm hervorrufen sollten." In diesen Worten des „Davar" ist auch das Urteil über die von der Londoner Exekutive gegen Jabotinsky erlassenen, unwürdigen Proteste enthalten. Das ,/verjudeCe" Theater und die geteuften Mimen Von Ludwig Bnto Das verlogene Verhältnis der assimilationssüchtigen Juden zum Judentum kommt vor allem in der Beurteilung der Renegaten zum Ausdruck. Schwört jemand das. Judentum ab, kehrt er seinen Brüdern den Rücken, dann heiflt es in diesen Kreisen, daß hier lediglich eine „private Angeigenheit" vorliege, der nachzifschnüffein wahrhaftig nicht fair sei. Und überhaupt das ewige Konfessionelle! fügen diese Herrschaften etwas verärgert hinzu. Man lasse uns damit zufrieden! So sprechen die ganz Unvereingenommenen, die absolut Freisinnigen. Die Juden, die noch ein ganz wenig, vielleicht noch im Unterbewußtsein, durch einige Fäden an das angestammte Judentum gebunden sind, fügen indes noch begütigend und ein wenig vielleicht auch ihr Gewissen einlullend, hinzu: — Ganz im Vertrauen kann ich Ihnen sagen, daß der Mann, den Sie wegen seiner Taufe so scharf verurteilen, trotz allem ein guter Jude ist. — Ein guter Jude? Wie ist das möglich? Worin äußert sich sein gutes Judentum? — In seinem Innern hat er sich nicht gewandelt. Er fastet am Jomkippur.. Natürlich darf es seine Frau nicht erfahren. Und im Vorjahre, als er nach seinem Vater Jahrzeit hatte, besuche er sogar die Synagoge. Ja, diese nachsichtige, gcradzeu wohlwollende Behandlung der Getauften geht bei vielen Juden so weit, daß sie sich geehrt fühlen, wenn der Abgefallene der „Alte" bleibt und sie auch weiterhin so behandelt, wie wenn nichts geschehen wäre. Er ist doch ein feiner Kerl, pflegen da die jüdischen Bekannten mit einer gewissen Genugtuung zu bemerken. Denn die Taufe erscheint in ihren Augen wie eine Standeserhöhung. Und diese Milde der Juden gegenüber der Taufe machen sich viele Juden, die wohl von jüdischem Gclde leben, aber trotzdem nach dem anderen Ufer hinüberschielen, zunutze, indem sie dem Judentum Lebewohl sagen — in dem sicheren Bewußtsein, von ihren Stammesgenossen von nun an mehr denn je gefördert zu werden. Sic kennen nur zu gut ihre Pappenheimer, als daß sie auch nur einen Augenblick darüber im Zweifel wären, daß ihnen die Taufe durchaus nicht schaden werde. Das Leben, das viel groteskere Dinge zu schreiben versteht, als sie der genialste Autor zu ersinnen vermag, hat einmal folgende Situation geschaffen: Der berühmte ungarisch-jüdische Porträtmaler Philipp Laszlo trat seinerzeit aus dem Judentum aus, und es fand sich in der Budapester jüdischen Gesellschaft oder Presse wahrhaftig niemand, der ihm den Verrat zum Vorwurf gemacht hätte, den er, der freie, unabhäneige Künstler, ohne den geringsten äußeren Zwang am Judentum begangen hat. Er blieb auch weiterhin der Hahn im Korb. Dann kam der Weltkrieg und mit ihm die Nachricht, daß Laszlo, der sich bereits vor einigen Jahren in London niedergelassen hatte, sich zu England und zur Entente bekannt habe. Ein Sturm der Entrütsung ließ die jüdischen Herzen in Ungarn erbeben. Und plötzlich hieß es: R e n e g a t! Eine beschämende Folge der unangebrachten Duldsamkeit der Juden ist die Taufseuche unter den Künstler n der B r e t ,t e r„, die die Welt bedeuten. Der Umstand, daß in den Ländern deutscher Zunge das theaterbesuchende und bühnenerhaltende Publikum sich in erster Reihe aus Juden rekrutiert, hat viele, viele Künstler jüdischen Stammes durchaus nicht davon abgehalten, die Taufe zu nehmen. Und dies in der richtigen Erkenntnis, daß -ihr Renegatentum ihnen bei ihren Volksgenossen, von denen sie sich lossagten, in keiner Weise schaden würde. Im Gegenteil. Vor wenigen Tagen starb in Wien im Alter von fast siebzig Jahren der bekannte Charakterdarsteller Josef Jarno, eine der prominentesten Gestalten der Wiener Bühne. Man kann allerdings nicht sagen, er habe sich zu seinen Vätern versammelt, denn er hatte zwischen sich und seinen Vorfahren einen dicken Strich gemacht, als er vom Judentum abfiel. So wurden denn auch seine irdischen Reste in der evangelischen Kirche in der Dorotheergasse aufgebahrt und von dort zu seine ersten Gefühle kehren wieder. Wieder zieht er sich in sich zurück, schwer wurde ihm das Schlafen im Zimmer der Mutter. Schlojmele war allein zurückgeblieben. Zum Glück kam in diesem schweren Augenblick ein neuer Gast ins Haus, zu dem sein Herz sich allmählich hingezogen fühlte. * ' Schmuls Kinder konnten nicht lange ohne Behelfer bleiben. Ein wenig waren sie ja schon herangewachsen, hatten schon einen richtigen Lehrer nötig. Nach Pessach kam ins Dorf Oscher Goldmann aus Radiwee. Das war ein Mann in mittleren Jahren, kinderlos, ein Jude, der unter dem selbstverständlichen Kaftan eine Dosis Aufklärersinn trug oder, wie es die Weiber sagten, als- „Lehrer" allzu gewitzt war. Für einen Melamed kannte er zuviel Gojisch, war auch zuviel im Talmud bewandert für einen Melamed ... In der Stadt wurde er von zwei Seiten bekämpft: von den Melamdim und den Lehrern. Aber sie traten nicht offen gegen ihn auf. Sie hatten zuviel Respekt vor seinen Kenntnissen iu allen Dingen -rwaren froh, daß er sie selbst in Ruhe lasse; ein wenig schämten sie sich gradeaus: sie pflegen manchmal in aller Eile bei ihm etwas zu borgen. Ein jüdisch Herz besaß Oscher, das mußte so mancher gestehen: er konnte den Notbedürftigen niemals absagen. Ihre Angriffe gegen ihn führten sie nur auf edle Weise; mehr noch, sie pflegten ihn in allen Gassen zu loben. — „Ein sehr anständiger Mensch Oscher", erzählt ein Melamed iu der Klaus. Von außerordentlicher Gastfreundschaft. Am Tische b'ow haben bei ihm fünf arme Leute gegessen." „Schreibt wunderbar," sagt ihm ein anderer Melamed nach. Da neulich nach Schabbes hat er ein „Gesuch" aufgesetzt, die Advokaten konnten es nicht genug loben." „Ist das ein Kopf, ein jüdischer Kopf", loben ihn die Lehrer. „Wenn er ein wenig Russisch verstünde, wäre er ein guter Lehrer." „Ein wundersamer Mensch das. Kann nicht Hand legen an ein Kind, nicht einmal es anschreien." Das gerade schadete Oscher mehr als alles. Denn bei „Vater-Mutter" war es der größte Nachteil für einen Melamed oder einen Lehrer, wenn er den Schüler nicht schlug. Obendrein war das wahrer als das andere, das über ihn erzählt wurde. Er lernte mit den Kindern ohne Prügel und Geschrei, Er liebte Kinder. Kinder lernten bei ihm mit Lust, mit Liebe. In Radiwce hatte er wenig Schüler. Aber er war sehr bescheiden und ein kranker Mensch. Die Doktoren rieten ihm an, für den Sommer aufs Dorf zu gehen. Die Stellung bei Schmul war ihm sehr erwünscht; Beschäftigung mäßig, Geld wieviel man eben braucht, und obendrein nicht weit vom Heiinatstädtchen entfernt. So ging er nun nach Werbke. (Fortsetzung folgt.) Du wirst lachen! Er wird lachen! Sie wird lachen! Mark Twains »Ein Yankee an sTonag Artus' Hof« wurde von der FOX in deutscher Sprache verfilmt und erscheint unter dem Titel Ein Radiotraum Ein Rück/lug um 1349 Jahre In der Hauptrolle Will Rogers Wir alle werden lachen! Grabe getragen. Er entstammte einer Budapostcr jüdischen Familie und führte in seiner Jugend den einfachen, aber ehrsamen Namen K o h n. Die Taufe fügte ihm bei den Juden wahrhaftig keinen Schaden zu. Nur im letzten Jahrzehnt ließ ihn das Glück im. Stich. Bezeichnend ist, wie Jarno seine jüdische Abstammung vergessen machen wollte. In seinen Memoiren schildert er, wie er in seiner Budapester Heimat als blutjunger Bankbeamter bei einem deutschen Schauspieler in der Theaterkunst Unterricht nahm. Und da rief ihm einmal während der Stunde — so erzählt er — sein Lehrer zu: „Jarno, setzen Sie sich!" Er sagt das mit einer Selbstverständlichkeit, wie wenn er immer Jarno geheißen hätte. Vor einem Jahre starb die Schauspielerin Mimi Kött. Auch sie wurde auf dem evangelischen Friedhof bestattet, wiewohl sie die Tochter eines jüdischen Kantors aus Budapest war. Und vor zwei Jahren verschied, ebenfalls in Wien, die Tragödin Maria Orska, die mit ihrem bügrerlichen Namen Bindermann hieß und einer jüdischen Familie aus Südrußland entstammte. Ihre Bestattung nahm, gleichfalls von der evangelischen Kirche — wieviele jüdische Leichen sahen schon diese ehrwürdigen Mauern — ihren Ausgang.. , . , Und diese Reihe kann bis zum Ermüden fortgesetzt werden. Aber während Jarno ein alter . Mann war, der in der Aera des siegreichen Liberalismus zum Christentum überging, waren die zwei Schauspielerinnen junge Menschen, die erst vor wenigen Jahren von dem Judentum abfielen, von dem es immer wieder heißt, daß es jetzt im Zeichen seiner Renaissance stehe. Aber nicht nur an dem Beispiel von Dahingeschiedenen, nein, an lebenden und wirkenden Künstlern kann nachgewiesen werden, daß das Judentum des Westens noch immer nicht zum Selbstbewußtsein erwacht ist. Da ist zum Beispiel der souveräne Herrscher des deutschen Theaters, ein Fürst im Reiche der Bühne: Max Reinhardt. Es ist nidit unbekannt, daß er das Licht der Welt als Jude erblickte und früher Goldmann hieß. Weniger bekannt dürfte es sein, daß dieser Mann des Geistes, von dem man wohl annehmen dürfte, daß er sich bei seinen Handlungen nur von Kunst und Ethik leiten lasse, ebenfalls die Taufe nahm und sich im Jahre 1913 im Scheidungsprozeß gegen seine Gattin Elsa Heim vor dem Preßburger Gericht wahrheitsgetreu zum evangelischen Glauben bekannte. Es ist kaum anzunehmen, daß in dieser Hinsicht in den letzten zwei Jahrzehnten eine Aenderung eingetreten ist. Allerdings, als er vor fünf Jahren nach Amerika ging und sein dortiges Gastspiel ein ausgesprochener Mißerfolg zu werden drohte, da besann er sich plötzlich seines jüdischen Ursprunges und ließ durch seinen Impresario die jüdische Note anschlagen, um das jüdische Publikum, das für getaufte Jude scheinbar weniger übrig hat als hierzulande, für sich zu gewinnen. Und wenn er von Zeit zu Zeit in jüdischen Blättern als eine Zierde des Judentums gefeiert wird, so schickt er den Redaktionen kein Dementi ins Haus, Cilli Ederer Leo Genser empfehlen sich als Verlobte Wien, im 5692 Pension ,Austria' Kinderheim Vöslau OLGA KAOI8CH) ifigormayerstraB* 15 - Telephon Nr. 141 Für Dauer* und Erholungsaufenthalt Jedei Unterricht im Hause, auch Nachhilfe tüi öffentliche Schulen besuchende Kinder. * PäslagelHh einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin. - Erstklassige Verköstigung. - Mütterliche P/lege. - MflQlge Preiie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.