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Die neue Welt · 1932-01-29 · Heft 228 (29.1.1932) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 228 (29.1.1932)
Date
1932-01-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 228 DIE NEUE WELT Seite I das zulassen werden. Denn da« ist das Schrecklichste in diesem Lande: Es gibt keine I n- Tntellektuelle auf seiten der bedrohten Juden gekämpft heit und Gerechtigkeit annehmen wollten. Wenn es im zaristischen Rußland Pogrome gegeben hat, haben auf der anderen Seite Studenten und Intellektuelle auf Seiten der bedrohten Juden gekämpft und die Pogrome vor der Ocffentlichkeit gebrandmarkt. Hier aber gibt es keinen Menschen, der sich unserer Sache annehmen will. Auch die sogenannten Regierungsparteien blasen in das Horn der blutrünstigen Antisemiten. Allen voran die sogenannten „Liberalen", die auf der Judengasse von Fildermann und Genossen unterstützt werdend „B undesgenossen" der jüdischen Assimilanten sind. Die „demokratischeren" Nationalzaranisten schweigen vollkommen. Und Ministerpräsident Iorga, der im Auslande Vorträge hält, die nur so von „Menschhedtsideen" strotzen, macht sich über die Opfer lustig, und gibt amtliche Kommuniques mit „W i t z e n" heraus. Man lacht, wo alles weint. Man lacht in Rumänien, weil man fünf junge jüdische Menschen vorsätzlich und meuchelmörderisch in den Tod getrieben hat, man macht „Witze". Man tanzt und jubelt, wenn Eltern vor Verzweiflung vergehen. Wie war's vor ein paar Jahren, als der Oberleutnant Morarescu dabei betreten wurde, wie er hunderte Juden Nächte hindurch gezwungen hat, mit ihm zu tanzen, um sie dann im Morgengrauen mit dem Revolver in der Hand in die Fluten des Dnjestr, in den Tod zu treiben? Er wurde vom Kriegsgericht freigesprochen und ist jetzt Anwalt in Czernowitz, Wie war's, als Totu den jungen Fallik hingemordet hat? Er wurde freigesprochen und ist jetzt Beamter des Staates. Wie war's, als Codreanu den Präfekten von Jassy erschossen hat, weil dieser die Herren Studenten verhindern wollte, Juden zu schlagen? Er wurde freigesprochen und ist jetzt Abgeordneter des rumänischen Parlaments, gewählt mit Hilfe der Regierung Iorga und der Liberalen? Wie war's, als der alte C u z a im Parlament Mord und Tod gegen Juden predigte? Er wurde von der Regie- Lokalpatriotismus mit Magen-David im Knopfloch amt spricht der Zionistischen Exekutive aus dem Chaimsokn will in den jüdischen Dienst und Von unserem London Dr. H. R. London, am 25. Jänner. Anläßlich der durch die Warschauer revisionistische Konferenz verursachten patriotischen Gefühlsausbrüche der englischen Zionisten schreibt Herr Großmann in einem Brief an den „Jewish Chronicle" vom 15. d. M. u. a. folgendes: „Es ist überaus verwunderlich, daß gerade die Führer des englischen allgemeinen Zionismus und der britischen Sektion der gemischten Jewish Agency es als ihre Pflicht erachtet haben, einen ganz separaten Standpunkt in einer Angelegenheit einzunehmen, die mit dem britischen Zionismus als solchem nicht das geringste zu tun hat. Es ist bei uns ein Novum, daß eine allgemein gehaltene politische Diskussion mit der Mandatannacht Zionisten dazu bewegen soll, ihren spezifischen Gesichtspunkt öffentlich darzutun, nur weil sie zufälligerweise britische Staatsangehörige sind." Die Linie des zionistischen Lokalp atriot i s m u s zeigte sich in der Bewegung bereits vor Jahren, so daß sie höchstens noch ein halbes Novum ist. Schon vor sieben Jahren, nach dem Wiener Zionistenkongreß, haben sich manche Zionisten gefragt, wen eigentlich Dr. Weizmann vertritt. Die Juden oder die Engländer? Seine Reden wiesen ein so grenzenloses Verständnis für sämtliche antizionistische Entgleisungen Englands auf, sie atmeten so viel Bitterkeit gegen die damals bei den Zionisten aufgetauchten Zweifel bezüglich der eigenartigen Rolle der englischen Politik in Palästina, daß es auch nicht verwunderlich war, wenn sich manche Zionisten fragten, ob denn djteser Redner wirklich die zionistische Seite und nicht die des Kolonialamtes vertrete. Der Weg, den Dr. Weizmann und dessen Freunde seit damals gegangen sind, führte sie noch weiter vom jüdischen Lager weg und heute erleben wir das sonderbare Schauspiel, daß eine Gruppe von Juden mit zionistischem Magen-David im Knopfloch sich hierzulande von den „unverantwortlichen" Kritikern des britischen Wortbruches öffentlich distanziert und ihrer britischen Vaterlandstreue vor aller Welt ergebenst Ausdruck verleiht. Die Pikanterie des Schauspiels besteht darin, daß diese farbenreiche vaterländische Magen-David-Gruppe nun an der Spitze der zionistischen Organisation steht. Wir möchten keine Worte wie „Verrat", „Dolchstoß" u. dergl. gebrauchen. Nicht das ist es schließlich, worum es sich hier handelt. Um was es uns geht, ist die geistige, Sklaverei der „Führer einer nationalen Befreiungsbewegung" — ein Paradoxon, das wahrscheinrungsmehrheit bejubelt und über Vorschlag des Ministerpräsident Iorga mit einem def höchsten Orden ausgezeichnet. Und so fdrtf Die Juden sind vogelfrei geblieben, an ihnen darf jeder Mordbube sein Mütchen kühlen. Und die rumänischen Intellektuellen? Sie'lachen und tanzen und spotten unserer Tränen. Gibt es kein europäisches Gewissen? Gibt es niemanden mehr, der sich unser annehmen will? Eine Million rumänischer Juden schreit um Hilfe. Höre es, Europa! Höret es, ihr jüdischenBrüder in der ganzen Welt! Man mordet und schändet uns, unsere Regierer lachen. Höret dieses Lachen, wenn ihr schon unser Weinen nicht vernehmet. Denn dieses Lachen ist grausiger als alles. T e 1 - A w i w. irtttttbttnet l SDtrPUtb nicht / 2lnb öocblfönntn&t* bafür «in« fZÖothe Utn$ Kathreiner juro ^rühfrüd? trittfen / Hl — Staatsmänner und Strohmänner — Das Kolonial- Herzen — Ein Britischer Nationsgenosse — Herr wird hiebei von offiziellen Zionisten unterstützt er Korrespondenten lieh in der Geschichte einzig dasteht — zu zeigen. Es wäre zu hegreifen, wenn manche Zionisten anderer Ansicht über die Nöten zionistischer Politik England gegegenüber gewesen wären, als es der Auffassung des Herrn Jabotinsky entspricht. Jedermann soll das Recht haben, die Judenschaft nach seiner Facon retten zu wollen. Bis daher gibt es bloß gute und schlechte Politik. Wenn aber Führer einer von England so brutal verstoßenen Nationalbewegung die erste telegraphische Meldung über eine nicht sehr englandfreundliche Rede aufgreifen, um die Redner sofort und öffentlich als bedeutungs- und verantwortungslose Personen zu brandmarken, ohne hiebei auch ein Wort darüber zu sagen, daß die Juden das englische Benehmen wirklich mit tiefer Sorge verfolgen. Ohne darauf Rücksicht zu nehmen, daß ein so bedingungsloses Brandmarken zionistischer Empörung logischerweise als eine Uebereinstimmung der Juden mit den Grundzügen der englischen Palästinapolitik gedeutet werden wird. Ohne auch mit einer Silbe der fast zur Gänze erfolgten Annullierung der Balfour-Deklaration Erwähnung zu tun. Ohne schließlich die erste kurz gefaßte telegraphische Meldung über die Warschauer Reden auf deren Richtigkeit überprüfen zu lassen. Wenn das der Fall ist, so kann keine Rede mehr von bloß „schlechter Politik" sein. Das ist ärger. Das Gesicht des Ghetto, das angeblich verschwundene Antlitz erschreckender jüdischer Würdelosigkeit blickt uns aus den Räumen von 77 Great Russell Str. entgegen. * Eine charakteristische Parallele: Brüning und C u r t i u s haben während ihres letzten Londoner Besuches nicht nur den deutschen Kommunismus, sondern auch die pogromlustige Hakenkreuzbewegung als Illustration zu Deutschlands finanzieller Ueberlastung und dessen berechtigter Auflehnung gegen die Reparationen erwähnt. Die Herren Brodetzky und D'Avigdor Goldsmith haben den Judenstaatszionismus, die letzte Rettung von Hunderttausenden zugrundegehenden jüdischen Existenzen, als unverantwortlichen Huliganismus hingestellt. Dort — Staatsmänner, hier — Strohmänner und politische Analphabeten. * Die letzte Ausgabe des offiziellen englischen „Near East and India" (vom 14. d. M.) zollt volle Anerkennung der hochachtungsvollen Kriecherei des patriotischen englischen Zionismus. Wir wollen gerne zugeben, schreibt das Organ des Kolonialamtes, daß die englischen Zionisten sich immer eine lobenswerte Mäßigung auferlegt hotten, in der richtigen Erkenntnis, daß der Zionismus ohne England keine Entwicklungsmöglichkeit habe. Die „auswärtigen" Zionisten scheinen jedoch viel radikalere Ansichten zu vertreten, wie dies der letzte Zionistenkongreß, welcher dem Herrn Dr. Weizmann eine so schwere Niederlage zugefügt hat, zur Genüge beweise. Wollen nun die engtischen Zionisten zeigen, führt die „Near East" weiter aus, daß ihre Ansichten wirklich diejenigen der gesamten Organisation sind, so müßten sie vor allem durchsetzen, daß die Revisionisten aus der Zionistischen Organisation ausgeschlossen werden.»« Soll ma,i nun die im bekannten antirevisionistischen Statement der Exekutive enthaltenen Ankündigungen bezüglich der Maßregelung der Revisionisten als Zuvorkommenheit des „vaterländischen" Zionismus dem Kolonialamt gegenüber auffassen? Wenn man die Denkart der Kiesigen (jüdischnationalen Führerschaft" kennt, ist man auf jede Eventualität gefaßt. Ein hier seit langem ansässiger älterer Jude erzählte mir, daß eine bekannte Londoner zionistische Familie vor kurzem Palästina besucht habe und daß ihr erster Besuch dem berüchtigten Herrn Chaimsohn galt.;. Ueber den Grund dieser auffallenden Höflichkeit befragt, antworteten die Besucher, daß Chaimsohn vor allen Dingen „ein Britischer", also gewissermaßen ihr engerer Nationsgenosse sei und daß seine erfolgreiche Betätigung als S t ö r e r der jüdischen Immigration sie nur in zweiter Linie angehe. Daß die Mentalität der erwähnten englisch-zionistischen Besucher des Heiligen Landes keineswegs vereinzelt ist, zeigt der ungeheure Skandal, der sich jetzt im Londoner Board of Deputies, dem repräsentativen Organ des englischen Judentums, abspielt. Die Leitung des Board, die gegenwärtig damit beschäftigt ist, den vakant gewordenen Posten des Generalsekretärs dieser Organisation neu zu besetzen (der bisherige Sekretär Mr. Rieh : ist zum Redakteur des „Jewish Chronicle" avanciert), geht nun daran, diesen Posten mit Herrn Chaimsohn zu besetzenI... Herr Chaimsohn, der trotz seiner ganz hervorragenden Verdienste um den Grand Mufti und dessen hochgestellte Gönner der palästinensischen Administration unbequem zu werden scheint (immerhin ist er —* jüdischer Abstammung), hatte nämlich beim Board um den freigewordenen Sekretärposten angesucht. Die Angelegenheit wurde bereits — unter strenger Diskretion — vom leitenden Or,gan des Board behandelt und da« Gesuch des Herrn Chaimsohn wurde positiv erledigt. Zwei kleine Details: Präsident dieses leitenden Organs des Board ist Herr D'Avigdor Goldsmith", Vorsitzender der englischen Sektion der Jewish Agency, Hauptbefürworter der Kandidatur Chaimsohns ist — sicheren Informationen gemäß — Herr Leonard Stein, ehemaliger politischer Sekretär der Weizmann-Exekutive und jetzt — Vize-Präsident der English Zionist Föderation. Zufällig ist diese Angelegenheit in die Oeffentlichkeit gekommen, was „Herrn Chaimsohn bedauerlicherweise einige Unannehmlichkeiten bereitet hatte", wie es Lionel Cahn, der Vorsitzende des Parlamentär^ Committee des Board, so schon zum Ausdruck brachte; Das Plenum des Board wird nunmehr sein Wort über den Beschluß seines leitenden Organs zu sprechen haben. Wie der Schluß dieser Affäre auch ausfällen mag — der „Zionismus" der englischen Herren wird dadurch kaum in ein besseres Licht gerückt. * * Die Dinge haben sich indessen so weit entwickelt, daß es im Krematorium des englisch-jüdischen öffentlichen Lebens sogar manchem „treuen" Zionisten zu heiß wurde. Herr Morris Mayer, Redakteur der hiesigen „Zeit" und traditioneller Weizmann-Verehrer, ist sicher* lieh kein sehr revolutionärer Geist. Wenn er sich nun gezwungen sieht, aus der Leitung der Englisa Zionist Federation auszutreten und die Wahl Weizmanns zum Präsidenten der Federation als unter den gegebenen Umständen unerwünscht zu bezeichnen, so ist es für die herrschenden Verhältnisse charakteristisch. Auch ist es hier bekannt geworden, daß am Tage, als der Brodetzky-Protest gegen Jabotinskys Warschauer Rede in der „Times" erschienen ist, mehrere Londoner Allgemeinzionisten ihrerseits scharfe Proteste bei Brodetzky gegen dessen politischen Leichtsinn eingelegt halben. Diese Proteste dürften dem Herrn Brodetzky bei manchen seiner Exekutivkollegen, die der Ansicht der zionistischen Protestanten sind, einige Verlegenheit bereitet haben, denn trotz des Dementis des Herrn Brodetzky war es mir möglich, zu erfahren, daß innerhalb der Exekutive tiefgehende prinzipielle und persönliche Kämpfe ausgetragen werden. Es hat hier allgemeine Heiterkeit hervorgerufen, daß, nachdem der Warschauer „Moment" (vom 30, Dezember) über den schweren Kampf Farbsteins gegen das defaitistische Trio Brodetzky-Loker-Arlosoroff berichtete, es ausgerechnet Brodetzky war, der den Bericht des „Moment" zu dementieren versuchte, während Farbstein selbst in einem Überaus bedeutsamen Schweigen verharrte. Das sind schwere Zeiten, wenn ea togar in der „vaterländischen" Exekutive zu solchen inneren Kämpfen kommt, Der „vaf erländisdie" Zionismus am Werk

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