Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 228 (29.1.1932)
- Date
- 1932-01-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 228 Sehall platttn, auch Tausch ZaMungwIetoittrung „fiLPHORA" I., Dominlkanaibattal ii Eck» Kai) Tal. R-94-4-'f I Ch* N. Bialik spricht Sprache, Kultur, Volk Der große hebräische Dichter Ch. N. Bialik sprach Dienstag, den 26. Jänner, im Großen Konzerthaussaal vor einem Publikum, das die geistige Elite der Wiener Judenheit und die jüdische Jugend repräsientierte. Nach einleitenden Gesängen eines gemischten Chors, der Orgelintonation der Hatikwah und einem Boruch haba für den berühmten Gast stellte Dr. David R o t h b 1 u m in klangvollem Hebräisch Bialik der Festversammlung vor. Hierauf ergriff unter stürmischem Applaus der Dichter selbst das Wort, um in zweistündiger jiddischer Ansprache einen Querschnitt des Problems Volk, Sprache, Kultur zu geben. Es ist natürlich, daß der Träger der neuhebräischen Renaissance auf seiner Europareise, die dem Interesse des hebräischen Buches und der Erweckung der Seelen für die hebräische Kultur gilt, diese Probleme in propagandistisch-volkstümlicher Form darlegt, wobei seine Begabung, die Dinge mundgerecht vorzulegen, von einem seltenen Temperament unterstützt wird. Leidenschaftliches Pathos wird abgelöst von funkelnden Pointen, treffsicheren Aphorismen; schier verzweifelnde Skepsis von gläubigem Optimismus, der ein zukunftsfrohes Bild vorzuzaubern vermag. Der Lebensnerv eines Volkes ist seine Sprache, Desertion eines Individuums oder eines Volkskollektivismus von der eigenen in die fremde Sprache ist beider Tod — diese These stellt Bialik in den Mittelpunkt des ersten Abschnittes seiner Analyse und belegt sie an Hand der Geschichte des jüdischen Volkes, am Leitfaden des Schicksals der hebräischen Sprache, mit der für ihn das jüdische Volk steht und fällt. Sprache ist etwas Einmaliges, einmalig auch das Wort, das in sich den Mikrokosmos einer Volksseele schließt. Aus solcher Betrachtung erfließt zwangsläufig das Urteil über jene Volksteile im Weg des jüdischen Volkes, die aus der hebräischen Sprache zur Gänze emigriert sind. Die heiligsten Güter, das gewaltige ,Erbe des dreitausendjährigen jüdischen Volkes, sie konnten nur in der hebräischen Sprache bewahrt werden. Die jüdische Kultur Alexandriens ist verschollen und vergessen, soweit sie. nicht eingegangen ist in jüdisches Volksgut durch Transformation in feine hebräische Substanz. Das Emanzipationszeitalter in einer Spanne von j 150 Jahren mit seiner Losung von der Gleichberechtigung trägt das Merkmal fremdsprachiger Paraphrasen um das Judentum (Wissenschaft des Judentums) und bedeutet Erlöschen des Schöpferischen, nationale Auflösung. > Uebergehend auf das Problem, der Kultur im umfassendsten Sinn, zeigt Bialik das parasitäre Dasein der Galuthjudenheit, die Tragik, in eine vorhandene Kultur einzudringen, ohne sie geschaffen zu haben, und solches Kulturparasitentum kann auch noch nicht schöpferisch werden, wenn die bereits bestehenden fremden Kulturgüter mittätig ausgewertet werden. Der jüdische Künstler, der jüdische Arzt, der jüdische Techniker schaffen so an fremder Kunst, an fremder Wissenschaft, und wenn sie dem Judentum ihre Reverenz erweisen wollen, zwängen sie sich in das groteske Bindewort: Talmud und Medizin, Mann und Judengasse usw. Der jüdische Kulturbegriff muß wieder alle Teile des Lebens umfassen, das Physische und Metaphysische, die Materie und den Geist, den Boden, das Handwerk, das Auge, das Ohr, die Emotion. Wenn also die Sprache das Grundelement des Volksseins bedeutet, gilt es, aus der Zustimmung die Tat werden zu lassen, und hier ergeht der Ruf an die Zionisten. Drei Grundgedanken: Der Zug ins gelobte Land als Freiheitsdrang, der Kampf des prophetischen Monotheismus Jehova gegen Baal, der Messiasgedanke der Erlösung, sind bis jetzt die Merkmale jüdischer Kultur. Im heutigen jüdischen Volk dominiert der Messiasgedanke der Erlösung, der zionistische Wille nach eigenem Boden, nach eigener Sprache, nach eigener Kultur. Während die kleine Schar in Erez Israel in diesem Komplex schöpferischjüdisch wirkt, ist die Galuth starr, unfruchtbar, machtlos. S i e gilt es zu erwecken. Auch in seinem Kulturquerschnitt zeigt sich Bialik mehr Dichter denn propagatorischer Verfechter einer aktuellen Aufgabe. Sein Hingerissensein teilte sich auch dem Auditorium mit, das den zwei Stunden langen Ausführungen Bialiks gespannt lauschte und ihm zum Schluß eine stürmische Ovation bereitete. Mord! Gemeinster Mord! Zum Fall von Soroka (Von unserem Bukarester Spezialkorre sponäente»? Vor bald einem Jahrhundert hat Adolphe Cr 6m i e u x Leben und Freiheit für die rumänischen Juden, „die letzten Sklaven Europas", gefordert Drei Jahrzehnte später hat L u z a 11 i den Ruf wiederholt. Umsonst! Die Bojarenschhchta, die auch das Blut der leibeigenen Bauern ausgesaugt hat, hat es verstanden, in der Judenfrage ganz Europa an der Nase zu führen. Dann kam die Zeit von 1918 und 1919, in der endlich für diese letzten Sklaven Europas die Stunde der Freiheit geschlagen zu haben schien. Im Minderheitenschutzvertrag von St. - Germain wurde den rumänischen Juden nicht nur die bürgerliche Freiheit, sondern auch das Statut einer ethnischen Minderheit sichergestellt. Wer die rumänische Führerschicht nicht kennt, mochte glauben, daß sich ihr Wesen ändern werde und daß nun Leben und Freiheit unserer jüdischen Brüder gewährleistet seien. In dem Jahrzehnt nach dem Friedensvertrag von St.-Germain, der als rumänisches Verfassungsgesetz im Jahre 1920 kundgemacht wurde, haben sich ungezählte Pogrome ereignet. Leben, Eigentum und Freiheit der rumänischen Juden sind vogelfreies Gut geblieben, das täglich dem Angriffe eines mordlustigen Mobs ausgesetzt ist. Oradia-Mare, Borsch a, Balaceana, Targu-Frumos usw. sind bekannte Namen geworden. Dort hat man jahraus, jahrein Juden geschlagen und gemartert. Und jetzt der Fall von Soroka in Bessarabien, der auf der ganzen Welt einen Schrei der Empörung auslösen müßte. Fünf junge jüdische Menschen, drei Burschen und zwei Mädchen, alle im Alter von zirka zwanzig Jahren, wollten;'üi)er deti Dnjestr nach Rußland ziehen, um dort Arbeit'zu finden, weil sie auf der diesseitigen Dnjestrseite Hungers zu sterben verurteilt waren. Und werden ermordet! Auch nach rumänischem Strafgesetz ist ihr „Vergehen" so geringfügig, daß sie dafür eine kleine Geldstrafe hätten bekommen sollen, Das Strafgesetz gilt aber nur für andere. Bei Juden ist jeder Anlaß gut, um an ihnen in grausamster Weise die Todesstrafe'zu vollziehen. * Täglich gehen zahlreiche Menschen über den Dnjestr, mit Hilfe von „Bakschisch", der ja hier zur Verwaltungsmethode gehört. Zu diesem Auskunftsmittel griffen auch die fünf jungen Leute, um so ruhiger, als sich ihnen ein Grenzkorporal — für den Betrag von 4000 Lei — als Führer angeboten hatte. Er holte sie am Abend selbst ab, und führte sie — in die grausam vorbereitete Falle. Dort standen ein großer Trupp Soldaten, zahlreiche Offiziere mit „Jagdgewehren", mit Handgranaten usw., um die Opfer hinzumorden. Obwohl sie sich auf den Anruf sofort zu Boden warfen, wurden sie, noch am Ufer, mit Gewehr- und Granatkugeln förmlich durchlöchert. Dann wurden sie entkleidet und bis zum Morgen im Schnee gelassen. Am nächsten Tage begann das eigentliche Spiel. Halbnackt wurden die entseelten Körper der fünf Juden auf einen Schlitten aufgeladen. Hoch oben auf die „Masse" setzte sich ein Soldat und jagte mit den Körpern durch alle Straßen des Städtchens, Haare, Köpfe und Füße buchstäblich nachschleifend. Die armen Bewohner des Städtchens warfen sich vor Weh und Schmerz zu Boden, weinten und rauften sich die Haare, sperrten ihre Geschäfte und Betriebe, saßen, zu Tode getroffen, weinend und schluchzend in ihren armen Stuben. Ganz Soroka, auch die gesamte christliche Bevölkerung, befand sich tagelang in einer unsagbaren Trauer und folgte dann, in Tränen aufgelöst ,dem Zuge zum Friedhofe. Und dann kamen die „Untersuchungen". Abgeordneter Landau, vom Jüdischen Parlamentsklub, hat ein Material zusammengetragen, das an das finsterste Mittelalter erinnert. Die Regierung erklärte im ersten Moment, daß sie die Schuldigen bestrafen werde. Ministerpräsident I o r g a erklärte, er sei „erschüttert". Die demokratische Presse veröffentlichte Dokumente, aus denen man den Eindruck gewinnen mußte, daß nur Sadisten und Irrsinnige sich so weit vergehen konnten. Man glaubte, daß diesmal wenigstens die Sühne nicht ausbleiben werde. Auch diesmal Enttäuschung! Die Regierung entsandte einen General, um die „U n s c h u 1 d" der Soldaten und Offiziere festzustellen. Und er befolgte diesen Befehl. In einem Kommunique^ das von Widersprüchen und offenkundigen Lügen strotzt, wird gesagt, daß es sich um „Kommunisten" gehandelt hat, von denen mau „annahm", daß sie wichtige „S t a a t s d o k u m e n t e" nach Rußland schaffen wollten; daß man das alles vorher gewußt habe. Um aber ein Exempel zu statuieren und „Ableugnungsversuche" unmöglich zu machen, habe man sie am Ufer erwartet; und da sie dem .„Anrufe" nicht folgten, mußten sie erschossen werden. Das Kommunique beantwortet auch die Frage, warum man sie ersohossen und nicht einfach gefangengenommen habe: Soldaten und Offiziere „fürchteten", daß die jungen Leute „Granaten" bei »ich haben, und wollten nicht „ihr Leben riskieren". Und in diesem Tone geht es weiter. Die nationalistische Presse bellt wie wahnsinnig, daß die Soldaten und Offiziere „Dank" verdienen. Und die demokratische Presse hat das Schweigen erlernt, damit ihr nicht von der fanatieierten rumänischen „Studentenjugend" die Scheiben eingeschlagen werden. Das Schweigen breitet sich über die Affäre, hie und da von den sadistischen Schreien der Nationalisten unterbrochen. Am 1. Feber beginnt die Parlamentstagung. Die Abgeordneten des Jüdischen Klubs werden versuchen, die Wahrheit hinauszuschreien. Wenn Cuza und Genossen —, und zu diesen Genossen gehören fast alle — rief er endlich fröhlich aus und* drehte das Köpfchen zur Seite, „Nein, dein Vater hat das ganze Geld der Mutter überlassen, nur damit du ihr bleibst. Wirst wohl schon dableiben. Wenn die Mutter Hochzeit hat, wirst du einen neuen Vater haben." Schlojmele blieb wie versteinert. Die ganze Rederei reimte sich ihm irgendwie nicht: Was soll das bedeuten ein anderer Vater, eine andere Mütter, neue Kinder? Nur das eine bekam er heraus, daß der Vater ihn an die Mutter verkauft habe. Das erstemal vernahm er, es gäbe einen Verkauf, wobei man noch Geld zulegt. Als die Mutter heimgekommen war, erkannte sie ihren Schlojmele nicht wieder. Der Knabe hat sich verändert. Mit einemmal ist er still geworden! Niemand kann sich mehr über ihn beklagen: „Ein Stein im Weg." Oftmals muß man ihn suchen, bis man ihn irgendwo unter einer Bank oder auf dem Hof unter einem Baum schlafen findet. Vergißt man einen ganzen Tag daran, ihm Essen zu geben, zeigt er sich bloß in der Küche an der Tür und wartet, bis man sich seiner erinnert. Die Dienstmädchen blicken einander ringsum an und geben eineu Seufzer von sich. Bei jedem solchen Seufzer läßt Schlojmele den Kopf herab und schaut wegzukommen. Zu keinem im Haus ist er zutraulich. Es scheint, als wäre Schlojmele ein Kind für sich. Wenige Kinder seinesgleichen gab es im Dorf, aber ihm gingen sie nicht ab. Kleine Vttgelchen liebte er aus den Nestern herauszunehmen und behutsam flügge zu machen, auch kleine verlassene Hündchen pflegte er gerne su füttern. Schon nach kurzer Zeit war er umgeben von verwaisten Vögelchen, die ihm auf die Schulter sprangen und von seinem Mund aßen, und von verlassenen Hündchen, deren Mütter im Teich ertränkt worden waren. Eine Ausnahme machte sein „Behelfer", dem er sehr zugetan war. Der Behelfer hielt seinerseits viel auf ihn: Fleißig ist das Kind geworden in jüngster Zeit, es hat das Lernen liebgewonnen. Rasch verlor Schlojmele auch den Behelfer. Mitten in der Lernzeit fuhr er heim, um nicht wieder zurückzukommen. Man sagte Schlojmele, daß der Behelfer im Dorf nicht mehr bleiben könne: Er sei eine Waise nach seinem Vater geblieben, müsse Kaddisch sagen in der Stadt, wo eine Klaus' für Juden da sei. Schlojmele kommt es wunderlich vor: Weshalb heißt ihn niemand Kaddisch sagen? Hat doch auch er schon keinen Vater mehr! Er hätte wohl gemeinsam mit dem Behelfer in die Stadt hineinfahren können. Dvojre mochte wohl zeitweilig vergessen, daß sie irgend ein Kind habe, wären nicht die Schadchonim gewesen, die sie allemal daran erinnerten. Schadchonim kommen gefahren, reden, lobpreisen ihre Ware, feilschen um eine Erhöhung der Mitgift. Jedesmal weiseu sie Dvojre mit dem Finger auf Schlojmele hin. „Da heißt es schon nicht eine Witwe ohne Kinder", geben sie zu verstehen, ohne Rücksicht auf den kleinen Jungen. Dvojre braust manchmal darüber auf, eilt zu sich ins Zimmer, fällt mit dem Kopf aufs Kissem und weint. Ein Bräutigam soll angefahren kommen. Schon drei Tage vorher wird er erwartet. Das Haus wird geputzt, Dvojre kleidet sich festlich. Schlojmele sieht immer noch schweigend zu und müht sich in seinem Köpfchen um ein Verstehen hiefür. Der Bräutigam kommt gefahren, plaudert, spricht, um zum Schluß vom Alten schriftlich zu verlangen, dies und jenes gehöre ihm — man geht mit nichts auseinander. Es scheint so, als ob Schlojmele nichts hörte, nicht wüßte, was hier vorgehe. Doch nein. Er stiehlt sich mit dem Ohr Worte ab, aus denen er dann schließt, daß diese alle, die dahergefahren kommen, wieder wegfahren, weil sie ihn, das Kind, nicht haben wollen. Warum? Was haben sie an mir auszusetzen? Was kann ich ihnen schaden? Warum hat mich jener neue Vater ausgeschlagen? ' Das kleine Köpfchen arbeitete viel an dieser Frage und beantwortete sie damit, daß er wahrscheinlich ein solches Kind sei, das alle Väter hassen müssen. Sein kindliches „Ich" war darob höchst beleidigt. Verleichterte sich's damit, daß er sich schwört, sie alle zu hasseu, noch mehr als sie ihn. Wenn sie ihn auch als Kind haben wollten, so beschließt er, würde er seinerseits sie nicht als Väter haben wollen. Er wird Haß mit Haß bezahlen. Er begann nicht nur die herausgeputzten Gäste, die die Mutter ohne ihn zu nehmen kamen, zu hassen, sondern auch das Hausgesinde; alle und jeden haßte er. (Fortsetzung folgt).