Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 228 (29.1.1932)
- Date
- 1932-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 228 DIE NEUE WELT Seife 9 daß 15 MillionenMenschendas Vertrauen In eine Nation, deren Name für jeden Juden bisher immer aufrichtigen moralischen Ernst bedeutete, verloren haben. (Sogar der Name des zaristischen Rußland wurde vom Juden nie mit einem derartigen Groll ausgesprochen wie er ihn nun für England hegt. Das zaristische Rußland hat wenigstens nie mit unserem letzten Schatz, unserer nationalen Hoffnung gespielt.) Auch die dementsprechende Stimmung des jüdischen Jischuw in Palästina macht eine tiefe Wandlung durch. Das Bewußtsein ist dort verschwunden, daß die palästinensische Judenheit gegenwärtig eine bloße Avantgarde des Weltjudentums ist und einen kleinen Kern einer großen jüdischen Zukunftssiedlung, nämlich des zu gründenden Judenstaates, -darstellt. Diese Ueberzeugung wurde zu einer Illusion. Die Konsequenzen: Es wurde auch in Palästina der Eindruck geschaffen, daß diese jüdische Siedlung den jüdischen Siedlungenin anderen Ländern in bezug auf Lage und Zukunftsaussichten gleich ist, „ein .Ding an und für sich"; und wenn dem so ist, so stellt der jüdische Jischuw Palästinas eine ganz berechtigte Frage, nämlich: „Brauchen wir denn überhaupt hier die Mandatarmacht? Können wir nicht bei der lokalen arabischen Mehrheit bedeutendere Konzessionen, als uns England gibt, erwirken? Selbstverständlich könnte das nur unter einer Bedingung geschehen, die die Araber uns dann stellen würden: daß Juden und Araber zusammen zum Völkerbünde gehen und von diesem verlangen, daß die Mandatannacht Palästina räumt. Und warum nicht, was können wirverlieren?" Solche Verzjchtstimmungen sind jetzt sogar in Kreisen verbreitet, die mit der „Brith-Schalom"-Gruppe nichts zu tun haben. Sie sind bloß das Ergebnis der Ueberzeugung, daß Englands Anwesenheit in Palästina für die jüdischen Aspirationen nicht nur vollständig nutzlos, sondern vollständig schädlich geworden ist. Dies gilt für die „gemäßigten" Kreise. In den mehr intensiv-zionistischen Kreisen Palästinas zeigt sich dagegen der Keim einer ganz verschiedenen Stirn-- mung. Mehr als hundert jüdische junge Leute sind für direkte Verweigerung bürgerlichen Gehorsams während der Volkszählung eingekerkert worden. Diese Erscheinung ist das Symptom einer Haltung, die ein immer größerer Teil des Jischuw sich bald gezwungen sehen wird einzunehmen. Im zaristischen Rußland wurde diese Haltung mit dem Worte „Kramola" bezeichnet, was eine dauernde und aktive Abneigung der Bevölkerunggegen das Regime bedeutet. Und alle diejenigen' unter uns, die in Rußland lebten und wissen, wie weit eine solche Situation führen kann, können nicht umhin, mit Befürchtung in die Zukunft zu sehen. Ich schaue diese Einkerkerungen nicht als eine Tragödie an. Hier hat uns unsere russische Erziehung wiederum gezeigt, daß manche anständige Leute manchmal ins Gefängnis wandern müssen. Man erzählt sogar, daß die Bolschewiken jeden, der um eine Stelle' nachsucht, ein Formular ausfüllen lassen, auf dem u. a. die Frage gestellt wird: Sind Sie unter dem' alten Regime im Gefängnis gewesen? Wenn nicht, warum nicht? (Gelächter.) Wir nähern uns einer Zeit, wo dieselbe Frage vielleicht in Palästina am Platze sein wird. Im Zionismus wird eine Form der Bewegung geschaffen, die das alles in Betracht ziehen wird. Das Ergebnis dieser Situation wird ohne Zweifel sein, daß es England ebenso unbequem werden wird, Palästina zu regieren, wie es den Juden unbequem ist, von England regiert zu werden. All rdies ist übeijius geeignet, unserem Volke viel Leiden-zu verursachen; aber ich fürchte, daß wir nicht die einzigen sein werden, die leiden werden. Die g a n x e W e 11 wird vielleicht für Englands Benehmen in Palästina zu zahlen haben.. Dieses Benehmen droht die jüdischen Massen und besonders die jüdische Jugend auf eine gefährliche Bahn zu führen. Die Jugend eines Volkes, das sich in einer so traurigen Lage befindet, kann nicht ohne einen gewissen Glauben leben: den Glauben an einen großen Aufbau oder den an eine große Zerstörung. England handelt, als ob es 15 Millionen Fackeln der Verzweiflung in allen Ecken der Welt anzünden wollte. Aber dies ist nicht das einzige Spiel der Brandstiftung, mit dem englische Agenten gegenwärtig beschäftigt zu sein scheinen. Es geht ein anderes Spiel vor sich: Ich meine die systematische Galvanisierung des pan-islamischen Fanatismus in seiner mittelalterlichsten und reaktionärsten Form. Ueberall, wo eine Revolte der reaktionären Elemente im Islam gegen jeglichen Versuch der aufgeklärten mohammedanischen Reformer, die Gemeinschaft der modernen Zivilisation näher zu bringen, stattfindet, fühlt man sofort die versteckte Hand dieser einflußreichen englischen Gruppe, die von Männern wie Lawrence, P h i 1 b y, R i c h m o n d inspiriert wird. Einige dieser Namen wurden in Verbindung mit der Revolte der Kurden gegen die fortgeschrittene Gesetz- SZOKE SZAKALL 1 in seinem besten Lustspielschlager jf mit Lude Englisch, Annie Markart, S>'nta Söneland, Hilde Hitdebrand, KurtVespermann,HansBrausewetter, Oscar Sima und vielen anderen Musik und Schfager: Willy Mcisel Regie: E.W» Emo Abheilte: SCHWEDEN-KINO, Ii BURG-KINO, I SASCHA* PALAST« III unromnnm Awn-ni«. wie», vn» nimimnnurt^ gebung Kemal Paschas und mit der Revolte des afghanischen Pöbels gegen Ammanullahs Bemühung, sein Land zu zivilisieren, genannt. Aber jetzt werden alle Anstrengungen gemacht, den Islam in eine Festung antieuropäischer Reaktion unter offener englischer Protektion umzugestalten. Jerusalem wird in ein Zentrum der Aufreizung verwandelt, die in ihrem Wesen mit derjenigen der moskowitischen Komintern wetteifert, ein Zentrum, von dem : aus ringsum unzählige Dynamitfunken aussprühen und nicht nur unseren jüdischen Siedler, in Palästina, sondern das ganze europäische Kolonialsystem bedrohen. Nicht uns Juden, sondern einigen der wichtigsten Nationen Europas wird England für das unter seiner Aegide geführte kurzsichtige und gefährliche Spiel mit der Sicherheit der Welt Rechenschaft ablegen müssen. Man wird uns sagen, daß die zentrale Regierung vielleicht nicht ganz genau weiß, was alles in ihrem Namen geschieht. Mag sein, so was kommt immer vor, wenn ein großes imperialistisches System seinem Ende entgegengeht. Es handeln Gruppen und 3imon*brot nodj immrt unerreicht ali Gefunftheifs» und ©elthatefjbrot Äri* an 9tä$ifa.jert unt> Bitamin it. ©twfitnt Bei StuMmfioirtung, SWaafntet&ftt unb ^utfrrti onfbeH. So« etile «rot in fUjaterifäfr 8et« patfnngr <Sti>v bequem: @mon*orot fit Sdid&eii «stamtfounjcfnng). 8u Gaben in outen 8rtn!ofit)anD unoen unb SBSdenten. &{mon9oroif<ibrift 2Bieit' Aaaean 11 » in ■ a»flU*er V«»f»t»erfiinb-<8st»ott ' Cliquen auf ihre eigene Faust und das Zentrum läßt sie handeln. Aber für die Millionen von Derwischen, Beduinen und Fellachen bleibt es klar: da die Intrige aus Jerusalem stammt, heißt es ja offenbar, daß England dahinter steht. Der Islam ist eine erhabene Religion, aber wegen der Zurückgebliebenheit der islamischen Völker sind auf dem Boden dieser Religion manche faulen Gewächse des Fanatismus und Obskurantismus entstanden, die jetzt gerade von den englischen Agenten mit besonderer Intensität kultiviert werden. Wir haben aus der Geschichte bereits gelernt, was entsteht, wenn man auf dem Obskurantismus bauen will. Diese Rolle englischer Faktoren im Orient — die Rolle von Brandstiftern — müssen wir vor der ganzen Welt demaskieren. Dies ist die Situation. Es wäre zu früh, über alle eventuell daraus entstehenden Konsequenzen zu diskutieren. Es wäre insbesondere verfrüht, zu raten, „wer eventuell gewillt und fähig ist, England als Mandatar zu ersetzen". Eine Sache ist gewiß: die Aussichten einer Bewegung wie der unseren, einer Bewegung, die 2000 Jahre zählt, können nicht durch ein kurzes dreizehnjähriges Experiment mit mit einer einzelnen Macht zerstört werden. Es ist ferner klar, daß Palästina, das sich als eine wünschenswerte Akquisition für eine Großmacht erwies, auch in den Augen anderer Mächte begehrenswert er« scheint; ganz besonders, wenn in der ganzen Welt bekannt wird, daß diese Frage nicht mehr „geregelt" ist, sondern daß gerade im Gegenteil bald ein Ruf nach einer drastischen Revision erfolgen kann. Auch die ganze Orientsituation ist keine „geregelte"; Ueberraschungen, Konflikte, radikale Aenderungen scheinen nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich. Wir brauchen nicht zu verzweifeln; was 'wir einstweilen benötigen, ist Konsolidierung. Wir müssen das Wohlergehen des Jischuw sichern und' der beste Weg hierzu ist, die Märkte der Diaspora für die palästinensischen Produkte zu öffnen. Wir müssen unseren Anspruch auf freie Immigration befestigen. Endlich müssen wir unsere Verteidigungskräfte stärken: dies bedeutet die Entwicklung unserer Jugendorganisationen in der ganzen Welt. Karl UcMwIiz - Hanno LUhtwitz geb. empfehlen sich als Vermählte Wien, im Jänner 1932 Festvoretellung Am Mittwoch, den 10. Februar, veranstaltet die Union der Zionisten-Revisionisten in den Jüdischen Künstlerspielen, II., Praterstraße 34, eine Fest Vorstellung. Zur Aufführung gelangt „Schmates", vieraktiges Schauspiel von Leiwitz, mit Baratoff in der Hauptrolle und sonstiger erstklassiger Besetzung. Kartenbestellungen,* auch telephonisch, bei: Administration der „Neuen Welt", II., Untere Augartenstraße 38, Tel. A-45-6-54; D. Nebenzahl, III., Rasumofskygasse 1, Tel. U-12-2-16; Paula Stricker, IL, Hollandstraße 10, Tel. 48-1-89. — Normale Preise. Ein verwai§te§ Leben Von Jehuda Steinberg 2. (1. Fortsetzung.) Von Kindheit an war Awrohom Schlojniele daran gewöhnt worden, den . Vater nur als seltenen Gast zu sehen. Kam der Vater, so brachte er gewöhnlich ein Geschenk mit. Schlojmele kroch ihm auf die Schultern, griff nach seinem Bart, indem er ihn nach allen Richtungen zerkraute. Dem Vater machte das große Freude. Hier im Hause erlaubten ihm weder die Mutter noch Großvater noch Großmutter solchen Uebermut. Im Gegenteil: Allzu häufig wußte er nicht, wohin mit sich. Wohin er sich auch stellte, wohin er sich auch setzte, wurde er angeschrien: „Ein Stein am Weg, was er anfaßt, zerbricht." Ueberall war er überflüssig, ein Schadenmacher. Es schien ihm, daß ihn hier niemand mag. Und auch er liebt die anderen nicht. Nur den Vater hat er lieb. Anscheinend gehört er sonst niemand außer dem Vater. Der Vater bringt einen ganz anderen Hauch mit. Auch das gefiel ihm, daß der Vater ihn Awrejmele nannte. Es war ihm zuwider geworden das ewige Schlojmele, Schlojmele. Warum nicht einmal anders? Awrejmele klang schöner» Der Vater küßte ihn immer, nur schade, daß er hier nicht lange bleibt. Kommt er dahergefahren und bleibt einige Tage, so beginnt man im Haus laut zu sprechen und zu schreien ... Er erschrickt darob. Auf den Vater wird anscheinend geschrien, der Vater steht ja auch auf und fährt ab. Der Junge sehnte sich dann sehr nach dem Vater, verstand nicht, warum der so herumfahre, hörte auch manchmal, daß die Mutter den Vater anschrie, und es packt ihn Aerger, Einmal brach er nach solchem Geschimpf in ein Weinen los, er verhustete sich und konnte schwer Atem fangen. Einige Tage lang nachher wollte er die Mutter nicht um Essen angehen. Er versteckte sich vor ihr; in der Küche unter den Dienstmädchen war er immer zu finden. Die Mutter meinte: Das Kind ist vor irgend etwas erschrocken, hat ein bös' Auge gefangen. Und sie ließ es ihm einen ganzen Monat lang „absprechen". Die verrückten Gebärden, die die Absprecherin machte, indem sie, in der Hand ein Glas Wasser, das sie an zwei schwarzen Töpfen rieb, nicht 2u murmeln aufhörte, flößten dem Kind Angst ein. Wer weiß, was man ihm da antun will! Nachher, als der Vater kam, stürzte Schlojmele in seine Arme, wandte das Gesichtchen den Augen des Vaters zu: „Vater", begann er kindlich weich, „darfst mich hier nicht mehr zurücklassen. Nimm mich auch mit dir mit." Dem Vater griff es ans Herz. Zwei große Tränen rollten aus den Augen auf Awrejmeles Gesiebtehen herab. Das Kind erschrak. Es hatte noch niemals Erwachsene weinen sehen. Angst sdilich sich in sein Herzchen, Aber eine geraume Zeit vergeht und der Vater kommt nicht. Schlojmele sehnt sich, wird gereizt, böse. Er erkrankt, spricht im Fieber, „Feuer und Wasser", schimpft und segnet, nicht zu erkennen, über wenn er schimpft und wen er segnet. Wer hört schon zu, was ein krankes Kind im Fieber plappert! Doch die Jugend nahm, was ihr Teil ist: Schlojmele krankte und krankte und erfuhr so die erste Prüfung seines Lebens. Alles hub dann wieder wie früher an. Wieder wurde er jedem ein „Stein im Weg", Wo er sich nur hinrührte, richtete er Schaden an; da zerbrach er, dort zerriß er etwas. „Ein Unglück ist das Kind im Haus", beklagen sich die Dienstboten. Plötzlich sieht er — die Mutter macht sich auf und fährt weg. Joske, der kleine Vetter, ein Junge, um ein paar Jahre älter als er, erzählt ihm: „Die Mutter ist gefahren sich vom Vater scheiden." „Was heißt scheiden?" fragt er. „Was es heißt? Scheiden heißt scheiden. Dein Vater wird eine andere Mutter nehmen, wird andere Kinder haben. Deine Mutter wird einen anderen Vater nehmen und wird auch andere Kinder haben." Der kleine Schlojmele machte sich schwere Gedanken. Die Augen spannten sich an, das kindliche Herzchen wurde glühend heiß vor dem „Neuen". „Nun, wird also der Vater mich zu sich nehmen?.''