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Die neue Welt · 1932-01-22 · Heft 227 (22.1.1932) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 227 (22.1.1932)
Date
1932-01-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nf. 22? Alis Deutschland Beilage der »Neuen Welt« Ifl* FeutsAlaml Tihahetfa\<tio» und ßtmivistraflom BerHn, Charlotferliutg 2, loadt/msfarersfraffe 311 Brüning über Anti* §emiti§mu§ und Judentum Bemerkungen zu Aussprüchen des Reichskanzlers. Berlin, 18. Jänner. „Mit Rathenau ist eine Persönlichkeit dahingegangen, die mit den besonderen Eigenschaften des Juden eine starke Sehnsucht verband, für Deutschlaad alles zu tun und vieles zu leiden und gewisse Begabungen seiner Hasse restlos in' den Dienst — wir sagen mit Ueberlegung — seines Vaterlandes Deutschland zu stellen. Von diesem Juden allein war zu hoffen, daß er nach einiger Zeit bei seinen völkischen Gegnern Achtung errungen hätte." Das sind Worte Heinrich B r ü n i n g s, geschrieben nach der Ermordung Walter Rathenaus. Bei dieser Gelegenheit präzisierte der damalige Generalsekretär der deutschen Zentrumsgewerkschaft und heutige Reichskanzler seine Stellung zur deutschen Judenfrage überhaupt. Wir sagen „zur deutschen", weil in der soeben erschienenen Schrift Dr. Alfons Nobels „Brüning" (R. Kittler Verlag, Leipzig) sich dieser ausschließlich mit den in Deutschland lebenden Juden beschäftigt und sich mit keinem Wort über die Weltjudenihedt und. die allgemeine-Judenfrage äußert. Die. These Brünings zur Judenfrage in Deutschland und die spezifische Rolle der Juden im Nachkriegsdeutschland zeigen den damaligen Brüning schon als einen Mann, der nach besten Kräften zu wägen und zu urteilen : sich bemüht.» Nichtsdestoweniger kann man sagen, daß seine Ansichten über die Juden eines gewissen Widerspruches nicht entbehren — bei aller sichtbaren Objektivität des Beurteilers. Brüning sagt in der weiteren Charakterisierung des Juden Rathenau: „Deshalb wäre er auch der Jude gewesen, der seinen Stammesgenossen den Weg zeigen und ein Vorbild hätte ' sein können, um das Judentum in der richtigen Weise in das Gesamtleben der deutschen Nation einzufügen und es erträglich und wertvoll zu machen; jener Rathenau, der ein ganzer Jude gewesen sei, feinnervig, schwankend, kultiviert, aristokratisch, ein Repräsentant der ersten Schicht des Judentums; der ein deutscher Jude gewesen sei, der in Krieg und Revolution den deutschen. Widerstand gewollt habe." Diese ~ Charakteristik Rathenaus durch Brüning stimmt im großen und ganzen, allerdings'beeinträchtigt durch den fundamentalen Irrtum, daß Rathenau ein ga:n«er J ude gewesen sei. Brüning hat die intuitive Erkenntnis, daß nur ganze Juden dem Volk, in dessen Mitte sie leben, echte Dienste ■ erweisen können. Er-übersieht. aber, daß die Tragik Rathenaus eben in dem. Mangel an der wirklichen Verbundenheit mit seinem jüdischen Erbe liegt und daß auf einer ganz anderen als einer personellen Ebene „den völkischen Ge.gnern" Achtung abgerungen werden kann. Rathenau konnte — entgegen der Hoffnung Brünings — aus diesem Grunde den Stammesgenossen kein Vorbild sein, auch hätte der von Brüning geforderte Einbau der Juden in das Gesamt leben der deutschen Nation durch seinen Rathenau zum Scheitern verurteilt sein müssen. Brüning beschäftigt sich auch mit der antisemitischen Propaganda, die ungeheure Fortschritte mache. Seine Erklärung, daß der Antisemitismus Nahrung bekomme durch, das Vordringen des Judentums, seine Bereicherung (Inflation!), durch die zunehmende. Macht des modernen Judentums überhaupt, ist zu vulgär, um im Rahmen sonst richtiger Erkenntnisse'Brünings gewertet werden zu können. Es sei nur festgestellt, daß Brüning den Satz niederschreibt: wDie Antisemiten glauben, eine sqharfe Waffe zu haben. In Wirklichkeit ist der Antisemitismus eine plumpe Keule, deren Schlägen ein geschmeidiger Gegner auszuweichen weiß." Eine ziemlich optimistische und die Wirkung des Antisemitismus unterschätzende Behauptungl Man kann diese Behauptung Brünings nicht als den Versuch einer Vertuschung der wahren Verhältnisse ansehen, zumal Brüning so etwas wie eine Korrumpierung des jüdischen Wesens durch die schlechten deutschen Eigenschaften statuiert. Die Juden paßten sich den Wirtsvölkern an, in Deutschland aber sähe es so aus, „als wollte das Judentum gerade die Eigenschaften des Deutschen nachahmen, die Deutschland mit fast tragischer Präzision nach zwei, drei Generationen wieder in das Nichts zurücksinken lassen", Diese schlechten deutschen, von den Juden Übernommenen Eigenschäften seien: ..Rechthaberei, Unfähigkeit, das eigene Ich freiwillig größeren Zielen unterzuordnen, Niehtgeltenlassen eines anderen Standpunktes, der Glaube, mit Theorien die Welt sohematisen gestalten zu können, Engherzigkeit, Unduldsamkeit, geistige Erstarrung, Intrigen, die, weil sie nicht schweigend, sondern mit Ruhmrederei durchgeführt werden, sofort zu durchschauen sind, der Wille, den Gegner nicht nur als Politiker kaltzustellen, sondern ihn mit allen Mitteln auch moralisch zu vernichten", . , ■: ■ , Brüning hat damit, wohl ohne es selbst zu ahnen, gerade jenen Typ charakterisiert, von dem er sich auf der anderen Seite das Gute versprach, nämlich den Repräsentanten der „ersten Schicht des Judentums". Er hat diesen Typ hellseherisch gezeichnet als den Niederreißer jeglicher Autorität mit widernatürlicher Scham vor der eigenen geschichtlichen Vergangenheit, mit der Sucht, aus Lastern sittliche Wertmäßstäbe zu schaffen, mit dem Aufrichten des goldenen Kalbes als einzigen Gott, was im Augenblick Deutschen und Juden sicherlich gemein sei. Dieser Typ kann auf jüdischer Seite niemand anderer sein als der deutsche Assimilationsjude, der intellektuelle Snob und der großbourgeoise Allerweltisraelit, kurz jene dünne Schicht, die den jüdischen Wald vor lauter Israelitenbäumen nicht sehen lassen will. Brüning gibt aber selbst zu, daß dieser Schlag es von den Deutschen gelernt hat, sich so zu geben, so daß es mehr als einseitig ist, wenn er, selbst in eine Art Antisemitismus verfallend, an die Juden den drohenden Appell richtet: „Wollt ihr es gestatten, daß eure Stammesgenossen alles niederreißen und mit Hohn und Ironie die große geistige Erbschaft eines Volkes zersetzen dürfen?" Von Zersetzung mag wohl die Rede sein, auch von Hohn und Ironie über eine große geistige Erbschaft — aber nicht von seiten weniger, einzelner Juden, die nach Brünings Zeugnis sich den schlechten deutschen Eigenschaften angebiedert haben, sondern von gewaltigen Teilen des großen deutschen Volkes, die mit Hohn und Ironie und Drohung und Totschlag die kleine jüdische Minderheit zersetzen. Brüning ist heute Leiter des Schicksals des großen deutschen Volkes. Brüning verhandelt als solcher mit Hitler. Seine Ansichten über die deutsche Judenheit sind wichtig. Wir vermerken sie mit sachlicher Ruhe, mit der Ruhe des guten Gewissens. Ein deu*§ fhskatkoKsdies Urteil über Juden und Bolschewismus Die nachstehenden1 .Ausführungen sind dem Zentralorgan der deutschen . Katholiken . (Zentrum), „Germania" vom 5.;,Jänner, entnommen Sie sind um eo interessanter, als: die; Id e n t i f i z i e r u n g von Bolschewismus und Judentum überall, aber ganz besonders in Deutschland zur Rechtfertigung des Antisemitismus herhalten muß, auch bei geistigen Führe»n, wie z. B. Graf 'Keyserling, welcher die „russischen Greuel" auf jüdische Urheberschaft zurückführt. Die „Germania" schreibt: „...Betrachtet man aber die Entwicklung, die die Geschichte der Juden in den UdSSR, seit dem Ausbruch der Oktoberrevolution, genommen hat, so kommt man zu dem Schluß, daß dieser Teil der russischen Bevölkerung eigentlich weder am' Anfang noch bei der Weiterentwicklung der Revolution von den A usn ah ms best immun gen losgekommen ist, denen die j ü d is c h e ,M ind er heit immer unterworfen war.,Es. ist. im allgemeinen z. B;;unbekannt, daß. in der roten Armee ein „Numerus Clausus" in bezug auf Besetzung der Kommandostellen durch Juden angewendet worden ist. Das Zentralkomitee der kommunistischen Partei hat ein Geheimdekret während der Bürgerkriege .herausgegeben, das in sich das Verbot enthielt, an die Spitze einer militärischen Einheit mehr wie einen Juden zu stellen. Auf diese Weine konnten an der Spitze. eines Bataillons oder Regiments nie. z. B. ein Kommissär und Kommandeur jüdischer Nationalität stehen. In die Flotte wurden Juden in der ersten Zeit auf Kommandostellen überhaupt nicht zugelassen. Es ist auch in der Oeffentlichkeit bisher wenig bekanntgeworden, daß z, B. die Niederlage der roten Armee in der Ukraine dem jüdischen Teil des Politischen Kommandeurkorps in die Schuhe geschoben wurde und jüdische politische Kommandeure massenhaft aus den ukrainischen Truppenteilen entfernt wurden, denn man mußte einen Sündenbock haben. D|e Beschränkungen in bezug auf das Niederlassungsrecht. wurden zwar aufgehoben, aber der größte Teil der jüdischen Bevölkerung der westlichen Gebiete hat in seiner Eigenschaft als kleiner Händler oder Handwerker, als „Kapitalist", schwere Tage durchzumachen. Nach den Stalinschen Dekreten gehört jeder selbständige Gewerbetreibende automatisch zum „nichtwerktätigen" Element. Dieses nichtwerktätige > Element fällt systematisch der Ausrottung a.nheim und wird mit untragbaren Steuern belegt, zahlt für die Wohnung Mietpreise, die willkürlich vom Hauskomitee festgesetzt werden; die Kinder werden in die Schulen nicht zugelassen, genießen „selbstverständlich" kein Wahlrecht usw. Jetzt noch einige Worte Uber „jüdische Kolonisierung". Es wurde ein „jüdischer K o l o n i s ationsfonds" ausgesondert und zur Verfügung gestellt. Der eine Teil davon lag zwar in der Krim, doch der Hauptteil in Sibirien, in Biro-Bidschan. Diese Gegend wurde der jüdischen Bevölkerung alf ein mit allen klimatischen und sonstigen Vorzügen ausgestattetes Gebiet geschildert. Doch als die Kolonisten an Ort und Stelle angekommen waren, erwartete sie dort nackte Wüste und weder Hilfe in bezug auf Baumaterial noch auf Wirtschaftsinventar. Verzweifelt, beinahe verhungert und vollkommen ruiniert zogen die Kolonisten bettelnd zurück. Die Sowjetpresse schilderte zum Teil offen tadelnd diese Kolonisation, schwenkte dann aber um und begann über die Kolonisten zu schimpfen, die „unfähig" wären, zu siedeln usw. Gerade die „jüdische Kolonisierung* in der Sowjetunion, die so oft als Beweis für eine Ausnahmestellung der Juden in der Union im Auslande vielfach angeführt worden ist, zeigt in aller Deutlichkeit die elende Lage der jüdischen Bevölkerung in Rußland. Auf jeden Fall muß mit aller Entschiedenheit gesagt werden, daß die Erzählungen über eine bevorzugte Stellung der Juden entweder grober Unwissenheit oder böswilliger Verbreitung falscher Tatsachen zuzuschreiben sind. Amtlich anerkannter Antisemitismus Die „Deutsche Studentenschaft" (D. St.) steht unter nationalsozialistischer Führung und ist dementsprechend in allen ihren Handlungen und Kundgebungen streng antisemitisch. Das Reichswehrministerium hat vor mehreren Jahren eine Liste der politischen Verbände angelegt, zu deren Veranstaltungen offizielle Abordnungen der Reichswehr nicht erscheinen dürfen. Auf dieser Liste war auch im Jahre 1927 trotz ihres Protestes die D. St. gesetzt worden. Seitdem kämpft die D. St. um Streichung von dieser Liste, ohne jedoch bisher einen Erfolg erzielt zu haben, da das Preußische Kultusministerium seine Zustimmung stet6 verweigert hatte. Jetzt ist diese Streichung ohne Befragen des Kultusministeriums erfolgt. Die D. St., die heute, mehr dehn je im nationalsozialistischen ^Fahrwasser segelt, kann also jetzt den von ihr von jeher erhobenen Anspruch auf Alleinvertretung aller Studierenden damit stützen, daß sie „unpolitisch" ist. Der Nationalsozialist Prinz Auwi und der jüdische Großkaufmann Berlin, 18. Jänner. Prinz August Wilhelm, Auwi genannt, und sein Sohn sind Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei. Bei einer der ersten nationalsozialistischen Kundgebungen nach Beendigung des Burgfriedens, im Schützenhaus zu Oranienburg, trat Prinz Auwi als Redner auf. Er klagte darüber, wie schlecht die deutsche Republik die Hohenzollern behandelt hat, die, „jahrelang verbannt, fast nur in neutralen Gesandtschaften und dergleichen ihres Lebens sicher" gewesen wären. „Wir waren", fuhr er fort, „verfemt, im eigenen Vater lande heimatlos. Jetzt, im nationalsozialistischen Deutschland und seines Führers Adolf Hitler habe ich mein Vaterland wiedergefunden." Dieser Auslassung des Prinzen gegenüber stellt das „Berliner Tageblatt" fest, daß Prinz August Wilhelm in den Tagen nach der Revolution nicht in neutralen Gesandtschaften, sondern in der Villa eines gastfreien jüdischen Großka.ufmannes in Wannsee bei Berlin Zuflucht ge> funden hat. Die Hitler-Propaganda in Amerika. In D e t r o i t hatten die Nationalsozialisten zu einer Versammlung eingeladen, in der der Führer der amerikanischen Nationalsozialisten, Lud ecke, eine . Rede halten sollte. Es hatten sich auch sehr viele Nichtnationalsozialisten eingefunden. Als dann Lüdecke das Programm der N. S. D. A. P. in Deutschland erläuterte und insbesondere die Reinigung der germanischen Rasse von Juden und der deutschen Nation von Katholiken betonte, wurde er von mehreren Versammlungsteilnehmern, die aber nicht Juden waren, unterbrochen. Es wurde ihm. augerufen, daß mau sich diese Art Hetze in den Vereinigten Staaten verbitten müsse. Es kam zu einem schweren Tumult und zu Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern' des Nationalsozialismus. Polizei mußte einschreiten. Die Versammlung wurde, aufgelöst Die Ortsgruppe der Nationalsozialisten in CJbik a g o veranstaltete eine Kundgebung! an der etwa SOOOjunge Deutsche teilnahmen. Theodor Gissibel aus New York, einer der Organisatoren des Nationalsozialismus in Amerika, der der Hauptredner war, hielt eine antisemitische Hetzrede und schloß mit der Ankündigung, daß die Nationalsozialisten demnäenst die

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