Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 227 (22.1.1932)
- Date
- 1932-01-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 227 DIE NEUE WELT Seit« 9 Spanien und die spanjolfschen Juden Die Lockrufe für die „nationale Front" — Spanien kommt xu spät — 0os zionistische Ideal Von D. Pardo (Konstantinopel), Seit einigen Jahren sind wir Zeugen eines seltsamen Schauspiels. Die erste Figur in diesem Schauspiel war ein spanischer Jude, der unter literarischer Flagge sich als eine Art „Volkstribun" aufspielen wollte, ein Mensch, unbelastet von historischen Kenntnissen, mit der Prätention, unter den Intellektuellen Spaniens Aufmerksamkit au finden, ein Mann, dessen einzige Leistung in der Herausgabe einer „Studie" über die Sephardiin und Spanien besteht. Diese schäum schlägerische literarische Hochstapelei könnte als eine Aktion „außerhalb der nationalen Front" qualifiziert werden; aber in Wirklichkeit ist sie eine Aktion in den Grenzen der nationalen Front. Bei jeder Regierungsänderung, ja nach jedem Ministersturz konnte man die traditionelle Deklaration bezüglich Spaniens und der sephardischen (spaniolischen) Juden hören. Die schreienden Titel „Alphorns XIII. und die Sephurdim", „Primo de Rivcra und die Sephardim", „Die neue spanische Republik und die Sephardim" gaben sich ßo, als wäre das Problem der sephardischen Juden das w'i c h t i g s t e aller. Und jetzt beschäftigen sich sogar die Londoner „Times" mit uns. All diese Phantasten sehen in ihren Träumen nur das erhebende Bild von der Rückkehr der sephardischen Juden in ihr — Mutterland Spanien. Aber von der Phantasie zur Realität, der Weg ist lang, schwer und dornenreich. Es ist interessant, im Rahmen eines .historischen Ueberblicks zu konstatieren, daß die Frage der R epatriierung der spanischen Juden gleichzeitig mit dem Ausbruch der zionistischen Bewegung einsetzte. War dies ein zufälliges Zusammentreffen oder eine natürliche Reaktion auf die zionistische Bewegung? Das Auftreten Theodor H e r z 1 s auf der jüdisch-politischen Bühne bewirkte eine starke Bewegung unter den jüdischen. Massen, und die verschiedenen Regierungen setzten den Zionismus in ihre Bilanz ein, wobei für sie ein Guthaben in der Rechnung „Judenfrage" resultierte. Der einzige Staat, der unter dem Konto „Juden" ein Defizit aufwies, war Spanien, wo man von einer Rückkehr der Juden zu flüstern begann, nicht etwa um dem Zionismus Opposition zu machen, sondern wo man sich unter der Macht der Herzischen These „verpflichtet" fühlte, die Rechnung im Kapitel «Jude" zu revidieren. Daß man im Jahre 1904 bereits klar die Frage in Spanien stellte, ist das Verdienst des Senators Dr. Angel Pulido, der den Notschrei an die spanische Welt richtete, man möge für das Vaterland vor allem die Juden, die spaniolischen Juden heranziehen. Man erzählt, daß der Senator Dr. Pulido im Verlauf einer Reise durch Rumänien im Jahre 1903 eine überraschende und rührende Entdeckung gemacht habe. Auf einem kleinen Dampfer zwischen Rustschuk (bulgarischer Donauhafen) und Giurgevo (rumänischer Donauhafen) traf er eine Gruppe von Menschen, die sich in spanischer Sprache unterhielten: Es waren jüdische Kaufleute, die in dieser Gegend ihre Geschäfte albwickelten. Von diesem Augenblick an betrachtete Dr. Pulido die Transferierung dieser sephardischen Juden nach Spanien als sein Ideal, dem er in seinem ausgezeichneten Buche „Die Spall i o 1 e n ohne V a t e r 1 a n d" Ausdruck verlieh, Allmählich machte Pulido dieses Repatriierungsproblem zu einer Staatsfrage. Seit 25 Jahren gibt es in Spanien eine Organisation, die sich speziell mit dieser Frage beschäftgt. Welches Echo fand diese Bewegung bei den sephardischen Massen im Orient und worin besteht der wesentliche Punkt des ganzen Problems? Unleugbar entspringt die Idee Pulidos rein patriotischen und menschlichen Motiven, aber nach unserer Meinung kommt die Repatriierungsbewegung viel zu spät. Spanien hat die günstige Gelegenheit versäumt. Man darf nicht vergessen, daß die Aktivität Fr a nk r eich s im Orient im Verein mit der Tätigkeit der ATliance Isra61ite Universelle die jüdischen Elemente kulturell beeinflußt hat und fast beherrscht, während Spanien die Bedeutung des Besitzes so wichtiger Positionen im Orien nicht erfaßt hat. Dieser politische Fehler ist nicht wieder gutzumachen. Seit 25 Jahren schenken die sephardischen Juden dem Ruf nach Repatriierung kein Gehör; dies vor allem deshalb, weil sie einen gesunden Instinkt haben für die Möglichkeiten einer Existenz in jenen Ländern, deren Staatsbürger sie nun sind, hauptsächlich in den Balkanländern, wo sie sich in Bulgarien, Jugoslawien usw. dem kulturellen und staatlichen Leben ein¬ Levante-Messe Tel-Awiw und Gesellschaftsreise nach Palästina. Anläßlich der in Tel-Awiw stattfindenden Levarite-Messe wird vom Messe-Komitee eine Gesellschaftsreise nach Palästina in der Zeit vom 15. März bis zum 19. April 1932 veranstaltet. Für den Aufenthalt im Lande sind 24 Tage vorgesehen, während welcher Zeit auch die M a k k a b i a h stattfindet. Pauschalpreis von Wien bis Wien zirka S 1000. Auskünfte bei: Berta Taubes, IL, Böcklinstraße 92, Tel. R-45-905, von 12 bis 14 Uhr, und C a r o & J e 11 i n e k, I., Deutschmeisterplate 4, Tel A-18-5-80 Serie, von 14.30 bis 16.30 Uhr. gegliedert haben. Die spanischen Lockrufe können aber auch den Geruch der Scheiterhaufen aus dem Zeitalter der Inquisition nicht vergessen machen. Nichtsdestoweniger ist es notwendig-, daß die in der Türkei lebenden sephardischen Juden, wenn sie sich im Rahmen der neuen Türkei, der stark pulsierenden neutürkischen Kultur behaupten sollen, zunächst die Landessprache, das Türkische, in Wort und Schrift erlernen. Dies ist um so aktueller, als man der jetzigen Umgangssprache der sephardischen Juden, dem Spaniolischen, keine Zukunft zuspricht. Wenn die spaniolischen Juden aufgerufen werden, in ihr „Heimatland" zurückzukehren, so kann es keinesfalls «Spanien sein. Denn im tiefsten Herzen, ob Sepharde oder nicht, ruht die Sehnsucht nach Zion, und hier allein kann der Ruf Widerhall finden. Herzls Idee der Einigung der Judenhcit kann auch für die Spaniolen nur den einen Sinn haben: A n t e i 1 an der jüdischen Renaissance und Zusammenarbeit mit den jüdischen Brüdern der ganzen Welt für den Wiederaufbau Erez Israels — gute Staatsbürger ihrer Länder und aktiv wirkendes jüdisches Solidaritätsgefühl. ~*sß titie $ut£i$*3t0(ttttlfe rammen *fctr *tn* lattgtSgUd) jum JriiljJHit? Kathreiner tritt&tt? <&$Voftetbti$fe]ht! Vortrag Chaim Nachmann Bialik im Großen Konzerthaussaal Am 26. Jänner 1932 bricht Chaim Nachmann B x.al;ik im Größen Konzerthaüssaal. Das ist der einzige allgemein zugängliche Vortrag, den Bialik während seines Aufenthaltes in Wien halten wird. Vor und nach dem Vortrag Chorgesänge, darunter die Erstaufführung der Bialjk-Dichtung „AI Haschechita", komponiert von Professor Artur Wolf. Die Eröffnungsrede hält Dr. Dawid Rothblum, Präsident der Histadruth Iwrith. In den Tagen zwischen dem 23. und 30. Jänner wird in Oesterreich eine Bialik-Woche des hebräischen, Buches proklamiert, in der eine intensive, alle jüdischen Kreise umfassende Aktion zugunsten des hebräischen Buches im allgemeinen und zugunsten der jüdischen kulturellen Arbeit in Oesterreich durchgeführt wird. _ Palästina ein Handelszentrum für ganz Asien Paris, 17. Jänner. Baron Edmond de Rothschild, der „Vater der Palästina-Kolonisation", empfing den Misrachi-Führer und früheren Deputierten des polnischen Sejm H. Farbstein, Mitglied der Zionistischen Exekutive, und gab im Verlaufe der Unterhaltung ihm gegenüber die folgende Erklärung ab: Ich glaube, daß Palästina das Handelszentrum für ganz Asien werden wird. Entwicklung von Handel und Industrie hat für Palästina, die gleiche Bedeutung wie die der Landwirtschaft, vor allem aber müssen wir darauf sehen, daß genug für den lokalen Verbrauch produziert wird. Ich freue mich darüber, daß der Misrachi die Mittelstandseinwanderung fördert. Dr. Isaak Alkalay, Großrabbiner von Jugoslawien« zum Senator ernannt Belgrad, 18. Jänner. Durch einen königlichen Uka^s vom 9. Jänner wurde Dr. Isaak (ben Abraham) A1 k alay, Großrabbiner von Jugoslawien, zum Mitglied (Virilisten) des neuen jugoslawischen Senates ernannt. Dr, Isaak Alkalay ist der einzige jüdische Vertreter im jugoslawischen Parlament. Er ist einer der Begründer des jugoslawischen Rabbinerverbandes, der einmal im Jahre in Belgrad tagt und ein Jahrbuch „Jevreiski Almanach" mit wissenschaftlichen Beiträgen herausgibt. Ein Terrorakt der „Eisernen Garde" in Sighet Signet, 18. Jänner. Die seit Wochen mit besonderer Intensität, in der Provinz Marmarosch betriebene antisemitische Hetze gipfelte in einem ernsteren Exzeß der. Mitglieder der „Eisernen Garde" in der Marmaroscher Hauptstadt Sighet. Unter dem Kommando des niMmirillnuiinuiwiMiiiinimm.iiniiimnniniiimimrwiimimiiritrmnmmintiiittinmTTTirT nimtinrmtmiiiiiiiiiliiiMiilwiiiiiuiimiii SIEGM. KORNMEHL GROSSFLSISCHHAUEREI || I] Zentrale: IX., Berggaase 19. Te'. A-17-3-9V u. A-16-9-34 j| Lieferant tür Heilanstalten l| Abteilungen für «^^-Fleisch (I jmmmmmmammmmmmmtmmmmimmmmmmwmm ig unter Autsicht des Ehrwürdigen Kabbinats der Isr. Kulj| i"| tusgemeinde Wien f| I Autozustellung kostenlos Ii I IX., Berggaue IS / XVIII., Währingerstr. 97 1} jmmimiliimn >fnmunnmmiiumiuiimiiuitminiiiinumtiiMitiiiiiuHinuiiiiiutiitnmitimMririMiniiiitttii bekannten A n t i s c m i t e n f ü h r e r s Pfarrer Ton D u m i t r i e s c u, einem der Hauptschuldigen an den seinerzeitigen Exzessen in Borscha, drangen zehn Mitglieder der Sighetcr „Eisernen Garde" in das Sägewerk Awrum Frieds ein, mißhandelten den Besitzer schwer und erzwangen unter terroristischen Drohungen gegen die Arbeiter die Einstellung des Betriebes. Als Gendarmerie am Tatorte eintraf, hatten die Exzcdentcn den Betrieb bereits verlassen. Die Behörden haben eine strenge Untersuchung des Falles eingeleitet. 150 jüdische Familien in der Marmarosch wollen nach Palästina auswandern Sighet, 18. Jänner. (J. T. A.) Das HIAS-Büro in Sighet, der Hauptstadt des Distriktes Marmarosch, hat vom Pariser Hauptbüro der Auswanderungsorganisation HIAS-JCA-Emigdirect die Weisung erhalten, mit den Vorbercitungsarbeiten zur Ermöglichung der Auswanderung einer größeren Anzahl jüdischer Familien aus dem Marmarosch-Distrikt nach Palästina zu beginnen. Bisher haben sich 150 Familien gemeldet, die zur sofortigen Auswanderung nach Palästina bereit sind. Auch das Palästina-Amt in Timisoara hat von der Jewish Agency die Weisung erhalten, die notwendigen Vorbereitungen für eine größere Auswanderung tr'anssylvanischer Juden nach Palästina zu treffen. Diese Weisungen der Jewish Agency und des HJCEM sind auf die Interventionen zurückzuführen, die Oberrabbiner Isaaksohn aus Havasmezö bei der PJCA in Paris für Kolonisierung orthodoxer Juden aus Transsylvanieh unternommen hat. Die Leitung der PJCA hat daraufhin diesbezügliche Verhandlungen mit der Exekutive ' der Jewish Agency und der Leitung von HJCEM eingeleitet. Jüdisches Elend in Riga. Riga, 16. Jänner. Die Not unter den jüdischen Massen in Riga nimmt infolge der Wirtschaftskrise zu. Vor einigen Tagen drangen etwa 500 jüdische Erwerbslose in das Gebäude der Jüdischen Gemeinde in Riga, ein, riefen „Wir hungern!" und forderten Brot, Sejmdeputierter Rabbiner Dubin, Führer der Agüdas Jisroel in Lettland, würde von der erregten Menge bedroht. Polizei zerstreute die Demonstranten. Arbeitslosigkeit unter den Diamantenschleifern Amsterdams. Amsterdam, 15. Jänner. Die Arbeitslosigkeit unter deii Amsterdamer jüdischenDiamantarb eitern ist immer noch im Ansteigen. Augenblicklich sind etwa 3500 jüdische Diamantenschleifer ohne Beschäftigung. ECKSTEIN'S iliüiiiiiiüHiülliiii::::! FAMILIEN-PENSION Restauration, Kaifeehaus / Täglich 5-Uhr-Tee SEMMEKING Ha^K«?"-* Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12.— aufwärts. 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