Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 227 (22.1.1932)
- Date
- 1932-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 227 DIE NEUE WELT Seit» 5 Flucht, sondern um ein beabsichtigtes Massaker handelt, geht schon daraus hervor, daß fast sämtliche Schüsse Brustschüsse waren. Noch als die sechs jungen Leute auf dem Boden lagen, wurde auf sie geschossen, weil man verhindern wollte, daß etwa ein Ueberlebender noch Aussagen mache. Tzichinovski hielt, man für tot. sonst hätte man ihm auf der Stelle den Rest gegeben. Dmjüdischnationale Deputierte im rumänischen Parlament Landau, welcher in Soroca Erhebungen anstellt, war in der Lage, den Vertretern der Presse Dokumente vorzulegen, welche den Verdacht, daß an der Grenze Judenmord systematisch betrieben wird, erhärten. Unter den Dokumenten befindet sich die Erklärung eines Juden namens Moise Rusu aus Trifanesti, einer Gemeinde in der Nähe von Soroca. Die Erklärung lautet: Am 4t. Dezember kamen plötzlich 15 Grenzsoldaten zu mir, banden mir die Hände, erklärten mich für verhaftet und schleppten mich zum Dn j es t r. Auf dem Wege schlugen sie fortwährend mit den Waffen auf mich ein. Sic erklärten mir, daß ich dem Oberleutnant Canter, vor welchen ich geführt werde, sagen müsse, daß ich über den Dnjestr habe flüchten wollen. Als ich vor dem Oberleutnant stand, richtete dieser nicht an mich direkt irgend eine Frage, sondern er fragte die Soldaten. Die Soldaten erklärten ihm, sie hätten mich beim Versuch, den Dnjestr zu übersehreiten, gefangen. Ich protestierte und sagte, daß dies eine Lüge sei» Doch der Oberleutnant schlug mit einer Peitsche auf mich ein. Nachher wurde ich in den Kerker gesteckt, wo mich der Sergeant Instructor Munteann in Empfang nahm. Dieser Sergeant sagte mir, daß er von seinem Hauptmann den Auftrag habe, zehn Juden z nsammenzu treiben, die er im Walde er« sc hießen solle. Das Geld, das er bei ihnen finden sollte, müsse er dem Hauptmann abführen. Der Staat werde ihn dafür belohnen. „Wenn icli ihm diese Juden nicht bringe", erklärte der Sergeant weiter, „hat mir der Hauptmann gedroht, daß er mich erschießen werde. Denn eine Kugel kostet bloß 6 Lei. Du mußt mir irgend jemand bringen, den ich erschieße, wenn du leben willst.'* In der Erklärung des Moise Rusu heißt es zum Schlüsse, daß er nach vierzehn Tagen vor das Kriegsgericht von Jassy gestellt wurde, welches ihn freisprach und gegen den Sergeant Intsrnctor die Anklage erhob. •Ii Das Begräbnis der sechs Opier gestaltete sich zu einer erschütternden Trauerkundgebung der Judenschaft von Soroca und Umgebung. Zehn tausende schrittenhinter den Särgen. Während der Trauerfeier und der Bestattung wa r e n alle Geschäfte der Stadt geschlossen. Der Militärkommandant General Marco voci verlangte vom Ortsrabbiner von Soroca, Rabbi Sisscr, die Garantie dafür, daß während der Bestattung die Ruhe aufrechterhalten bleibt. Der Rabbiner lehnte eine solche Garantie ab. Es kam jedoch zu keinerlei Ruhestörunsr. Zum SMentenredi» an den österreichischen Hochschulen Um den „Judenpunkt" Nach unzähligen Krawallen auf akademischen Boden, nach heftigen Diskussionen, nach verschiedenartigsten Drohungen wurde nun die seit langem angekündigte .Gesetzesvorlage über eine Studentenordnung an den Hochschulen dem österreichischen Nationalrat übermittelt. Es ist bekannt, daß durch dieses Gesetz die Rechtstellung der einzelnen. Studentenschaften nach Nationen statuiert werden soll. Wir haben mehr als einmal darauf hingewiesen, daß , eine Klärung der studentischen Verhältnisse ein Bedürfnis für alle akademischen Faktoren ist, und hiqbei betont, daß die seinerzeit projektierte, jetzt zur Gesetzesvorlage avancierte Studentenordnung von antisemitischer Seite stammt und lanciert wird. Wir waren aber sachlich genug, einzubekennen, daß unabhängig von seinem Ursprung und seinen Motiven das Gesetz die Grundlage bieten kann für die Gleichberechtigung der einzelnen nationalen Studentenschaften und die Möglichkeit der Ruhe und des akademischen Friedens. Wie in anderen Fällen hat sich auch hier wieder der „Judenpunkt" herauskristallisiert, der je nach politischer Einstellung verschiedenartig angepackt wird. Besonders die Wiener linke und „Judenpresse", die Vertretung der assimilatorisch-israelitischen Belange ist es, die nach wie vor gegen eine vernünftige Gesetzesvorlage Sturm läuft und von ihren publizistischen Anhängern sogar ins befreundete Ausland blasen läßt, daß es für die Kulturwelt eine „Ungeheuerlichkeit" bedeutet, wenn der Unterrichtsminister ein antisemitisches Studentenrecht vorlegt. Man spiegelt sogar der Welt das Studentenrecht als den „vorletzten Schritt zum Numerus clausus" vor, ohne zu bedenken, daß in Ländern ohne Studentenrecht der Numerus clausus ohne Scham praktiziert wird. Wir hatten schon früher Gelegenheit, von der schiefen Situation zu sprechen, in die unsere halb- und ganzgetauften Studenten durch ein Gesetz geraten, das die Bildung n a t i o n a l - ei n h c i 11 i c h e r Studentenschaften vorkehrt. Indem sie ihre Abstammung verleugnen, vertuschen, wollen sie sich in eine, in die deutsche Studentenschaft einschmuggeln, die ihnen nun auf Grund des Gesetzes die Tür vor der Nase zuschlagen wird. Solche „Härten"'' sind unvermeidlich. Denn das Studentenrecht hat nur dann einen Sinn, wenn tatsächlich eine Organisation erzielt wird, die jeder Nation in ihrem eigenen Rahmen selbsttätiges Leben verbürgt. Da nun aber das Gesetz nicht in der Lage ist, die wissenschaftliche Problematik des Volksbürgertums aufzurollen, sondern die Volkszugehörigkeit im wesentlichen nur nach Abstammu n g nachgewiesen werden kann, müssen wohl unsere Assimilanten und Täuflinge in den Apfel der „gemischten jtidcnnatioiicn" beißen. Das Regierungsorgan, die, katholische „Reichspost", gibt die zwangsläufig sich ergebende Härte zu, wenn sie schreibt: vy. ■ „Am meisten werden jene G e t a u f t e n getroffen, die durch ihre Taufe jede Beziehung zum jüdischen Volk abbrechen. Bei keinem andern Volk besteht eine so enge und wirklich untrennbare Verbindung zwischen Volkstum und religiösem Bekenntnis wie bei dem jüdischen. Seit es eine jüdische Geschichte gibt, galt immer Abfall von der mosaischen Religion zugleich als Verlassen des Volkstums. Es ist daher durchaus folgerichtig, daß die Z i o n i s t e n strikte erklären, getaufte Juden in ihre Studentenschaft nicht aufzunehmen. Gleichwohl erlangen diese aber auch in die Deutsche Studentenschaft keine Aufnahme. Denn nach Abs tain mu n g gehören sie dem deutschen Volk nicht an." Wie man sieht, denkt hier die klerikale „Reichspost" ganz vernünftig, wenn ihr auch ob des Schicksals des Getauften eine Träne über die Wange rollt. Für uns ist der Sinn des Gesetzes klar. Wir werden es auf die Essenz der Gleichberechtigung aller Nationen prüfen und uns von der Tatsache, daß es im Grunde einem antisemitischen Herd entspringt, die Vorteile für die jüdische Nation nicht ver- Emil Jannings in STÜRME der LEIDENSCHAFT mit ANNA STf N <$> Ein Emil-Jannings-Großfiim der Erich- Pommer-Produktion der Ufa von Robert Liebmann und Hans Müller Regle: Robert Siodmak Musik: Friedrich Holländer Uraufführung,ab heute: GARTENBAU-KINO, I. UFA-TON-KINO, II. STAFA-KINO, VII. KOLOSSEUM-KINO, IX, dunkeln lassen. Zusammenschluß der jüdisch-nationalen Studentenschaft Oesterreichs zu einem gemeinsamen Willen und zu einer gemeinsamen Tat — wenn das Gesetz dies bringt, dann wird es uns willkommen sein. o. r. Aus Ungarn Auf Einladung der ßudapester Schottischen Mission hielt der reformierte Bischof Doktor Ladislaus Ravasz einen Vortrag über die kulturelle Bcdcutu n g des Judentums. Er erklärte u. a.: „Der Charakter des Judentums ist tragisch, jede Tragödie fordert aber Achtung. Dieses Volk blieb immer außen, wo es doch immer vom Herzen gern innen gestanden hätte. Es hat keine Dörfer hinter, sich, sondern steht mit dem Asphalt in Verbindung. Selbst Theodor II e r z 1 betonte, die größte Gefahr, die dem Judentum droht: Die geistige P r o 1 e t a r i s i e r u n g. Der Geist, der im religiösen Loben der Menschheit am meisten bedeutete, wird jetzt zum kritischen, zum v e rucinenden Geiste. Das Volk, das in den Traditionen das Höchste geschaffen hat, tritt jetzt mit den i' u v c b, t b a r s t e n U e b e r r a s c h u n g e n im R e v o- 1 u t i o n i e r e n und Zerstören vor die Welt. Man muß dieses Volk wieder sich selbst zurückgeben, man muß es Christus zurückgeben. Wenn es ein Volk gibt, das außerhalb Christus die Welt verdirbt, so ist es das jüdische Volk. Es gibt eine Judenfragc. und deren einzige Lösung ist Christ u s." •'f Die Wiener Tagesblätter meiden aus B u d apest: Die Polizei hat eine Propagandastelle für die kommunistische Jugend aufgedeckt, die seit vier Jahren auf Veranlassung Moskaus . unter . den Schülern jüdischen Glaubens betrieben wird. Von den bisher festgestellten jugendlichen Propagandisten gehören neun Budapester Gymnasien und zwei der R a b b i n a t s c b u 1 e an. Leiter ist der Sohn des Generaldirektors einer Versicherungsgesellschaft und Schüler der achten Gymuasialklasse. Er hielt bei der Einvernahme den Polizeibeamten einen förmlichen Propagandavortrag. An den. von; ihm veranstalteten geheimen Versammlungen pflegten, zahlreiche Mittelschüler teilzunehmen. * Ein königliches Statut aus dem Jahre 1869 bestimmt, daß Prozesse der israelitischen Religionsgemeinden gegeneinander und gegen ihre „Beamten" iu die Kompetenz des Sondcrgerich t e s der Religionsgemeinden gehören. Als nun der ehemalige Das junge Paar blieb allein für ganze lange Tage. Erst jetzt dämmerte es Dvojre auf, daß sie nur deshalb dem Boruch Braut geworden war, weil er der vierte Bräutigam war, der ins Dorf kam, sie zu „beschauen". Ein jüdisches Mädchen rechnet sich das als Makel an, sei es, daß sie dem „Beschauer" oder der Beschauer ihr nicht gefällt. Schmul Hochmann, Boruchs Schwiegervater, hatte es wirklich auch gleich nach dem angefertigten Heiratskontrakt stark mit der Reue bekommen. Hatte man ihm da doch über den Bräutigam so etwas „zugetragen", wessen böse Zungen eben fähig sind. Er war sogar zum Rabbi gefahren, um Rats zu erbitten, und der hatte ihm einen Käfer ins Ohr gesetzt: „Lieber Pergament schneiden als Papier reißen.!". : In die Kinderausgebersprache übersetzt heißt das: Lieber später Scheidung als eine Partie von vornherein auslassen. Leichter bekommt eine junge Geschiedene den zweiten Zugedachten als ein Mädchen den zweiten Bräutigam. Dvojre kommt es manchmal vor, daß sie zu Boruch keine Liebe habe; manchmal scheint es ihr, daß sie ihn einfach verabscheue. Sie gab ihm dann und wann versteckt anzuhören» er möge ein wenig nach Hause fahren. Boruch fuhr auch und kehrte wieder. Dann gab ihm die Schwiegermutter versteckt vom Nachhausefahren zu hören. Auch hier tat er es. Boruch fuhr für einen Monat nach Hause, kam zurück und fuhr wieder für einen Monat und kam wieder zurück. Beide Eltern gingen zum Rabbi. Der Rabbi verschob es immer wieder. „Habt noch Geduld!" So im Fahren und so im Wiederkommen wurde Boruch mit Glück Vater. Dvojre hatte ihm einen schönen jungen geschenkt. Wie es scheint, hatte das der Rabbi gemeint. Einen kleinen Disput gab's zwischen dem jungen Paar. Er wollte dem Kind den Namen Awrohom, nach einem Großvater, sie Schlojme geben, einen umgearbeiteten Namen nach ihrer Tante Schlime. Beide kamen zu ihrem Recht. Der Chasen rief aus: „Wujikro schemo b'Jisroel Awrohom Schlojme." (Und sein Name wird genannt in Israel Awrohom Schlojme.) Erst beim Briss (Beschneidungsfeier) zerstritten sich die beiden Eltern richtig. Die beiden Elternmütter kargten nicht mit Vorwürfen auf Rechnung von Geschenken, Kleidern, HocUzeitsgaben, Herkunft, „Zugetragenem und Wiedererzähltem", und es schloß damit, daß Chaim Feldniann seinen Sohn mit sich nahm, um ihn nicht wieder zurückzuschicken. Sieben Jahre währte der Krieg zwischen den beiden Elternpaaren. Bald bestand der eine Teil auf Scheidung und der andere lehnte ab. Jeder fürchtete, dem andern den Kopf freizumachen, bis ma» endlich sich auf ein Hin oder Her einigte. Man überließ es Boruch, zu wählen. Er nehme entweder das Kind und die ganze Mitgift oder er überlasse ihr das Geld und das Kind. Boruch wählte das Letzte. „Ein junger Mann", drang die Mutter in ihn, „wenn er frei und ohne Kind, ist selbst schon Geld. Uoberlafi ihr dae gute Geschäft." Die Scheidung kam zustande. Dvojre war die Fesseln los, warf die Perücke ab, ließ die eigenen Locken wieder über die Stirn fallen und konnte wieder mit Kamm und Spiegel hantieren. Die einzige Tochter Ist sie bei ihren Eltern, hat nur zwei Brüderchen, das dritte möge ihr Schlojmele sein. (So nannte sie ihr Kind, dem geschiedenen Gatten zu Trotz, der pflegte ihn uur Awromel zu rufen.) Bald war sie ja erst alles in allem vierundzwanzig Jahre. Das Leben beginnt erst. Aber was, sagen die Nachbarinnen, wenn sie Dvojre, das Nicht-mehr-Mädchen, sehen. Bevor zwei weinen, ist's schon besser, daß vier sich freuen. Die guten Nachbarinnen vergaßen nur, daß außer den vieren, die sich freuen sollen, noch ein fünfter da ist. Ob sich Awrohom Schlojmele freut oder ob er weint, danach fragte ihn niemand. (Fortsetzung folgt.)