Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 226 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 226 Aus De u Ischl an Beilage der »Neuen Welt« für Deutschland Filialredaklion und Administration: »Neue Welt«, Berlin €2, Bupgstraüie 29 IV, Nr. 67 'IIIIÜIIKIÜIIIII! Der reichste Jude ist gestorben Die deutsche Regierung kondoliert — Verkrüppelte Seelen In Chicago ist Julius Rosenwald, Abkömm« ling einer deutschen Judenfamilie, gestorben. Er galt als reichster Jude der Gegenwart. Jedenfalls muß das Ka» pital, welches dieser Mann in einigen Jahrzehnten er« werben hat, ganz enorm sein. Man kann sich eine Vor» Stellung von der Höhe dieses Riesenvermögens machen, wenn man erfährt, daß er allein für Spenden an Wohhätigkeitsanstalten und wissenschaftliche Institute mehr als 30 Millionen Dollars hergegeben und hinterlassen hat. Er gab einfach für alles. Für Negerschulen vier Millionen Dollars, für das M us s e u m und eine Universität in Chicago fünf Müs liönen, für das j ü d i s c h «bolschewistische Siedlungswerk in der Krim und Ukraine sechs Millionen. Er gab für Unterstützung der Studenten an den deutschen Universitäten. Er schenkte zuletzt der Stadt .B er Ii n für eine Zahnklinik eine Million Dollars. Das war auch der Grund, daß der deutsche Bundeskanzler B r ü n i n g der Familie eine Beileids* erklärung im Namen der: Deutschen Republik über« mittelt hat. : 3 : ' . 'Es .gab aber eine Sache, für. welche der Jude Rosenwald nichts übrig hatte: Das jüdische Auf' bauwerk in Palästina, das jüdische Natios nalheim, den werdenden Judenstaat. Da gab er,' n i c h t einen C.e n t . her. Er blieb kalt,. als die Balfour«Deklaration erlassen wurde, sah gleichmütig zu, wie eine jüdische Generation unter schwersten Opfern an Gesundheit und Leben in Palästina die Grundlagen für das Jüdische Nationälheim schuf, junge Juden und alte im Kampfe mit arabischen Horden für ihr Volk, für das 'Volk des Herrn Julius Rosenwald fielen, bei der Arbeit inden . Sümpfen dahinsiechten, um aus den Sümpfen .blühende.: Gärten .zu machen, jüdische Gärten. Alle Bemühungen, Rosenwald für dieses heroische Schau* »piel zu interessieren; blieben erfolglos. Auch in; seinem Testamente kommt das Wort Palästina, nicht vor. :. ' . . r . •....... . Der -Fälf- Rosenwald ist typisch für das A b n o r? m a 1 e - im. jüdischen Leben vojn, heute,.«.ejn Zeugnis, ,für, die V er k-r ü p p e lu n g der jüdischen - Seele. I st ei-n -F a 1 LR o s e n w a 1 d bei einem anderen Volke n\ö gl ich? Ist es möglich, daß-inmitten einer aus tiefster Erniedrigung in die Freiheit strebenden Nation ein Angehöriger dieser Nation teilnahmslos steht, Über - die Köpfe seiner kämpfenden Volksgenossen anderen Millionen zuwirft, für seine kämpfenden und opfernden rBruder aber nur ein abweisendes Achselzucken übrig hat? : •;;'. * Der Fall Rosenwald ist aber auch ein Beweis dafür, daß es die zionistische Bewegung bis heute nicht zuwege gebracht hat, eine Atmosphäre zu schaffen, in welcher der einzelne der Volkspflicht Rechnung tragen muß, weil ihn sonst diese Atmosphäre erdrückt. Der ZU onismus Hat bisher nicht den Begriff vom jüdischen Patriotismus zu schaffen vermocht. Auch das pol* nische und griechische Volk hat um sein Land und seine Freiheit gekämpft. Die Jungen und Armen voran. Aber kein Reicher, und wenn er noch so kaltherzig und knauserig war, durfte abseits stehen, Hilfe im Kampfe verweigern. Wenn er es doch wagte, war Aechtung sein Los. Die griechische und polnische Gesellschaft wandte sich voll Abscheu von ihm ab, sein Name war ges schändet, eingetragen in die Liste der Pflichtvergessenen. Bei den Juden wird er bewundert, ob seiner Frei« gebigkeit für andere, und man hofft auf eine günstige Aenderung seiner Laune. Vielleicht doch! * Wenn Julius Rosenwald einen Teil seines weg* gegebenen; Kapitals nicht etwa verschenkt, nein, in Palästina hätte arbeiten lassen, er hätte den Aufbau des jüdischen Nationalheimes gewaltig gefördert, hätte Tau? senden die Möglichkeit gegeben, der Schmach und dem Elend des Ghettos zu entrinnen. Im jüdischen Ehren' buche würde; sein Namen prangen, unvergänglich!; S;o . aber? , Morgen wird der heute kondolierende Reichskanzler ßrüning nicht mehr wissen, daß gestern ein Jude Rosen wald gelebt hat. An deutschen Hochs sqh.ulen holen sich Studenten Rosenwaldsches Geld und gehen dann ihre jüdischen Kollegen hinausprügeln. An den Berliner Zahnkliniken lassen sie sich die Zähne richten, um dann besser Juden auspfeifen zu können. < r. st. Ein jüdischer Kaufmann vermacht dem Metropolitan Museum eine Kunstsammlung i m Werte von zehn Millionen Dollar. New York, 8. Jänner. Das Metropolitan Museum oft Art in New York teilt mit, daß der am 7. April 1930 verstorbene jüdische Colone! Michael Friede am, Leiter des berühmten Altinan-VY^areiihiiusiM in New York, dem Museum eine Kunstsammlung im Werte von rund zehn Millionen Dollar testamentarisch vermacht hat, und dafl das Museum diese wertvolle Sammlung seinen Beständen einverleibt. Die Sammlung besteht aus 135 Gemälden und Skulpturen meist alter Meister und 200 anderen wertvollen Kunstgegenständen. Die Friedsam-Sammlung wird dem Wunsche des Verblichenen gemäß als Sondersammlung bestehen und im November 1932 zur öffentlichen Besichtigung freigegeben werden. Ruhe und Ordnung I Die „Leipziger Studentenschaft" teilt mit, daß sie u.. a. folgenden Beschluß gefaßt hat: „Zur Wahrung der Ruhe und Ordnung an der Leipziger Universität und innerhalb der Studentenschaft wird den einzeihen Aemtern.der Studentenschaft nahegelegt, zu Vorträgen keine Juden zu bitten." * Die „Leipziger Studentenschaft" ist eine von den akademischen Behörden anerkannte Vertreterschaft aller Studenten. Die jüdischen Studenten sind verpflichtet, an diese Studentenschaft Beiträge zu leisten. Jetzt kommt diese „akademische" Körperschaft zur Erkenntnis, daß sich ein deutscher Student nur dann anständig benehmen kann, wenn kein Jud e, in der Nähe ist. Hinauswurf der Juden als Erziehungsmittel auf deutschen Hodischulenr Die Juden unter politischem und wiräsdiaftlidiem Druck Staatsbürgerrecht der deutschen Juden — Hitler- Propaganda in Rumänien.' — Zur Boykottbekämpf ung — Gericht und Exzesse — Die C.-V.- Zeitung für jüdisch-deutsche Schicksalsgemeinsciiaft. Mit immer wütenderem Haß wird die deutsche fudenheit von den Nationalsozialisten unter Druck gestellt Es wimmelt in Wort und Schrift von Auslassungen über die künftige Stellung der Juden im Rahmen des „Dritten Reiches", als würde;es» morgen schon etabliert werden. Im Zusammenhang, damit schrieb in1 der* Vor-; woche der Müncheher Propägandachef Hitlers: „Wir können die Frage, pb der Jude in Deutschland weiterhin Staatsbürgerbleiben kann und darf, getrost mit einem . „N e i n4'; beantworten, wobei' wir nochmals ausdrücklich bemerken, daß wir unter „Jude" den Hebräer in und..außerhalb der Religionsgemeinschaft verstanden wissen wollen. In der Rasse liegt die Schweinerei, was übrigens sehr treffend, von dem Juden Kurt Münzer bestätigt wird. Aus seinem Bekenntnis kann man mit genügender Deutlichkeit entnehmen, daß auch mit dem Taufwasser hier nichts mehr zu wollen ist. Der Jude bleibt, wer er ist, genau wie der Hering, der zehn Stunden in der laufenden Wasserleitung gelagert, wird, sich dadurch nicht zum Backhcndl entwickeln kann. Es bleibt also nichts anderes übrig, als das Staatsbürger recht der Juden in Deutschland aufzuheben." Abei' die Hitler-Partei beschränkt sich nicht in ihrer Tätigkeit auf Deutschland; in letzter Zeit erweitert sie ihren Radius über , die deutschen Grenzim.! Nach verläßlichen Meldungen wurde anläßlich .der von! uns;"; bereits erwähnten Anwesenheit des Hitler-Delegierten Karl Motz in Bukarest zwischen diesem und führenden - Persönlichkeiten der rumänischen „Liga für n a t i o n a l - c h r i s t Ii eil e Verteidig un; g" eine feste Abmachung, betreffend eine enge Kooperation zwischen deutschen Nationalsozialisten und der Cuza- Partei, getroffen. Inzwischen gelit auch die W i r t s e h a f t s h e t z.e gegen die Juden. weiter. Die „Neue Nationalzeitung;"' in Augsburg brachte im Vorjahr 'an der Spitze ilü/es. Anzeigenteils ein .über die ganze Breite des Zeitungsbhitts gehendes auffälliges Inserat, in gesperrt gedruckten Lettern: mit folgendem Inhalt: „Parteigenossen und Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung, kauft nicht bei Juden! Unterstützt den deutschen Geschäftsmann in seinem schweren Ringen um seine* Existenz! — Haltet "•'' ' Disziplin!" Durch einstweilige Verfügung vom 25.0 Februar 1931, wurde der Zeitung die Wiederholung dieses Inserats., vom Landgericht Augsburg unter Strafandrohung verboten, und das Gericht bestätigte diese einstweilige Verfügung durch Urteil vom 7. Mai 1931. Gegen das Urteil war von der Zeitung Berufung eingelegt worden. Diese ist jetzt auch vom Oberlandesgericht Augsburg zurückgewiesen worden. In der Begründung befußt sich das Oberlandesgericht mit dem nationalsozialistischen Parteiprogramm und untersucht gründlich die sozialrechtliche Stelluug der deutschen Juden. Es wendet sich scharf gegen die von der nationalsozialistischen Presse und Partei gegen diese Stellung fortgesetzt unternommenen Angriffe und fährt dann fort: „Die Inhaber und Leiter der antragitcllehden Firmen sind Unbestrittenermafien deutsche Staatsangehörige. Nach Art. 109 der Reiehsvcrfassung sind nHe- Deutschen vor dem Gesetze gleich. Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei sieht ober. <vie Mi selbst zugibt, in einem grundsätzlichen Grjrensat/ rv <lt">r.n Verfassungsbestimmungen. Es widersprich? euch Ansicht des Gerichts den guten Sitten, dem Anstandsgefühl aller recht und billig Denkenden, die Juden deutscher Staatsangehörigkeit, die »ls solche ihre Pflichten gegen den Staat wie alle anderen Staatsangehörigen zu erfüllen haben, durch eine derartige Behandlung zu kränken." Damit hat das Gericht ein wesentliches Moment der Boykottbekämpfung herausgearbeitet, es ist aber fraglich, ob dies eine positive Wirkung haben wird. Nach wie vor gehören F r i e d h o f s s c h ä ridungen zur nationalsozialistischen Tagesordnung. Obwohl erst am 5. Jänner Schänder des jüdischen Friedhofs in Hamburg auf frischer Tat verhaftet und vom Schnellgericht zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt wurden, lagen bereits am 8. Jänner Nachrichten über zwei neue Synagogenschändungen vor. Die Synagoge in Oldenburg wurde von bisher unbekannten Tätern mit der Aufschrift: „Jude, Jesuit und. Freimaurer vergiften den Weltfrieden", beschmiert. Die Fenster der Synagoge in Inste r<burg wurden unlängst in der Nacht mii Steinen beworfen, dabei wurde auch der Almemor stark beschädigt. Es gelang bisher nicht, die Täter zu ermitteln. Nach und nach werden die Hintergründe der antijüdischen Rurfürstendainm-Exzesse vom Vorjahr gelichtet. Wie aais Berlin berichtet wird, ist die Kriminalpolizei eifrig bemüht, festzustellen, was hinter dem Aufruf des früheren S. A.-Führers Fritz Günther steckt, der darin dem Grafen Helldorf und Goebbels unverhohlen den Vorwurf macht, sie hätten die S. A.-Leute auf den Kurfürstendamm befohlen, um sie hinterher im Stich zu lassen. Das Ergebnis der Untersuchung steht noch aus. Im Prozeß gegen Helldorf und Genossen in Moabit erklärten die Kommissare, die!die Ermittinngen geleitet haben, der .Vertrauensmann, der Polizei habe mit aller Bestimmtheit bekundet, daß unmittelbar vor dem jüdischen Neujahrsfest z w ißchen H e 11 d 0 r f und Goeibhels eine Vereinbarung stattgefunden hatte, am 14. September am Kurfürstendamm die S. A. demonstrieren zu lasseh. Die nationalsozialistische Presse beschimpft ihrer Einstellung gemäß die deutschen .Gerichte, welche genügend „Zeit und Geld" haben, Zeugengelder zu zahlen und wochenlang wegen einiger Isidore und Ignaze zu verhandeln. Aber die Herren vom Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bemühen sich nach wie vor, den Deutschen, allen Deutschen, die G e m e in s a m k c i i ihros Sc h i c k s a ls mit dem jüdischen zu beweisen, wenn schon nicht im Glück — dann im Unglück, im Augenblick gemeinsamer Beschimpfung. Die in Alleustein (Ostpreußen) erscheinende Zeitschrift „Deutsche Heimat*' berichtet über die bekannten antisemitischen Ausschreitungen iu Posen und teilt mit, daß die randalierenden antisemitischen 'Studenten auch -deutschfeindliche Rul'e ausstießen und daß auch deutsche Konditoreien «ich veranlaßt'gesehen haben, vorzeitig zu schließen. Es kommt vor, daß bei antijüdischejj Exzessen in den deutschen Grenzgebieten bisweilen auch ein paar antideutsche Worte, fallen. Sie fallen untc den Tisch, und die Deutschen denken natürlich nicht daran, eine Schicksalsähnlichkeit mit den Juden .herzustellen. Anders die „C.-V.-Zeitung". Sie springt den Deutschen in ihrem Schmerz bei, stellt sich hinter ihren Rücken, indem sie zu den Allensteiner Exzessen schreibt: „Es sind also die gleichen Elemente, die' in Posen gegen Juden und Deutsche vorgehen, womit . wieder einmal bewiesen ist. daß der Juden- und Deutschenhaß den gleichen Quellen entspringt, ja im Auslände sogar vielfach die gleichen Elemente zu seinen Trägern zählt". Also merke dir, Deutscher, auch du bleibst nicht vom Haß anderer verschont. Wenn du dem Antisemitismus nicht wehrst, wird er dich selbst verschlingen. Berliner Nachrichten. Stummtisc h. Die Revisionisten Berlins treffen sich jeden Dienstag ab 8 Uhr abends im Cafe Telschow (1. Etage), Haidenbergfitraße, direkt am Bahnhof Zoo. Auch die von auswärts in Berlin eintreffenden Revisionisten werden auf diese Zusammenkünfte aufmerksam gemacht. — U r i Z w i Gr ü n b e r g in Berlin. Der bekannte hebräische. Dichter Uri Zwi Grünberg, welcher der revisionistischen Organisation Palästinas angehört und diese als Delegierter in Basel vertrat, hält .«ich augenblicklich in Berlin auf. Er begibt sich in den nächsten Tagen nach Polen, wo er in einigen größereu Zentren Vorträge halten wird, -» Predigten in de 11 G e-