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Die neue Welt · 1932-01-15 · Heft 226 (15.1.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 226 (15.1.1932)
Date
1932-01-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 226 DIE NEUE WELT Seite t herangezogen worden waren; demgemäß ist auch die Zahl der jüdischen Kriegstoten und Verwundeten eine perzentuell sehr hohe. Von den drei italienischen Universitätsprofessoren, die sich freiwillig zum Frontdienst gemeldet hatten und gefallen sind, sind zwei Juden. Im Alter von 48 Jahren starb in Triest der h e rvorragende italienische Maler Vittorio B o 1 a f f i o. Die italienische Presse widmet ihm große Nachrufe und hebt hervor, da£.,i>er, selbst eine große Begabung und Bereicherer def italienischen Kunst, sein beträchtliches väterliches Erbe zur Unterstützung notleidender Künstler verwendet hat Vittorio Bolaffio, der ein religiöser Jude war, wurde auf dem Jüdischen Friedhof seiner Geburtsstadt Gorizia (Görz) bestattet. Kieme Geschichten au§ Tunis Was Felix AUouche erzählt Seit vielen Jahrhunderten leben die nordafrikanischen Juden getrennt von ihren Brüdern in allen Weltteilen, losgelöst von der jüdischen Gemeinschaft, unter fremden, fanatisierten arabischen Stämmen, ein einsames, trostl'oses Dasein. Erst seit kürzerer Zeit beginnen wir etwas Näheres von diesen unseren Stammesgenossen zu hören, hauptsächlich durch Felix AUouche, den tapferen Zionisten-Revisionisten, der in seinem Organ PL e R e v e i 1 J u i f" unter seinen jüdischen Brüdern intensivste Aufklärungsarbeit leistet und sie mit der Weltjudenheit und der zionistischen Bewegung in Berührung zu bringen versucht „Die Neue Welt" hatte schon einigemal Gelegenheit, sich mit der Lage der Juden von Tunis, Algier und Marokko und mit dem Kampf zu beschäftigen, den der unerschrockene Herausgeber des „Reveil Juif" gegen den Aberglauben und die seelisch-geistige Trägheit der nordafrikanischen Juden führt. Zur Illustration der Lage seiner Stammesbrüder veröffentlichte Felix AUouche in einer der letzten •Nummern seiner Wochenschrift eine Reihe kleiner Gtsehichlen aus Tunis, die wir . im nachstehenden wiedergeben. Per Kaufmann an der Kette Es geschah diese Woche in Sfax, genau am 27. Dezember \ um 8 Uhr abends. Wir sind, wie man sieht, genau. Zwei jüdische Textilhändler auf der Sidi-Ali- Karrai-Straße unterhielten sich mit zwei älteren mohammedanischen Frauen über Qualität und Preis von Leinen. Nichts Außergewöhnliches; eine Szene, wie man sie jeden Tag zu jeder Stunde in allen Geschäftslokalen von Tunis sehen kann. Wie die ,iS,ache" begann, darüber wissen wir absolut nichts, nur das eine ist sicher, daß man, während die arabischen Frauen sich noch im Laden befanden, in der Straße sich einen Volkshaufen zusammenrotten sah, wobei der eine mehr als der andere schrie, die Juden hätten versucht, die muselmanischen Glaubensgenossinnen zu vergewaltigen... Die Straße hatte sich mit drohenden Gestalten gefüllt, man war sich nicht klar darüber, wie die Sache ausgehen werde. Rufe „Erschlagt die Juden!", der Ver- "such, die beiden zu lynchen und, glücklicherweise, Eingreifen seitens des Scheichs des Bezirks. Die beiden "Kaufleute wurden mehr tot als lebendig unter der Wut des Volkes , weggeführt und... eingeladen, im Arrest zu übernachten. Und am nächsten Morgen führt mau sie an derselben Kette, die sonst Diebe und Mörder fesselt, vors Gericht. Geraubt und geschändet Nun eine andere Sache. Vor drei Jahren wurde die •minderjährige Tochter eines Rabbiners, der heute nach in Sfax lebt, von einem gewissen Ben Aftouch geraubt, nach Tunis entführt Gott weiß, unter welchen Umständen, vom muselmanischen Religionsoberhaupt „mohammedanisiert", anschließend darau vom Räuber gefangengehalten und so lange terrorisiert, bis sie sich weigerte, zu ihren Eltern zurückzukehren. Sie war minderjährig — das ging aus den Akten hervor. Die Vernunft und das Gesetz verlangten die Rückkehr ins Elternhaus — ob willens oder nicht. Sie blieb bei Ben Attouch. Und die Ehre und Würde der Juden wurde in Tunis, ein Fall von vielen, mit Füßen getreten. Erzählte ich euch also die Geschichte des kleinen Mädchens aus Sfax? Das ist eine blühende, reiche Stadt, das Zentrum des tunesischen Südens, wo das Gericht „gerecht" ist, wo jeder seinen Mitbürger respektiert, eine von den Himmeln gesegnete Stadt —!' Sagte ich euch, daß das Mädchen entführt und von einem muselmanischen Kavalier geschändet wurde, und daß das . . . alles ist? Soll ich euch noch andere, auoh possierliche Geschichten erzählen? Die hundert Zeugen Nun wohlan! Eiue Geschichte von meinem alten und lieben Freund Victor Cohen, dem verehrten Ge- ©eifrige Arbeiter —> grauen, Kcrtrffe, gittert ante, QatMbiat rffm im «(jenen 3«f«tff* Milte) tu bmde <3imon*br0t. ft(id) an ft&ft'fafJt'tt unt> Si amtttta. 3n bannen GdWtten mit Satter «taf SMlflffffr. Sei* neaiifra: <s, enantottiäctcfieti (R Sandln 3n allen ftttei 8r in uuuanDlunfl n uib iö deteten e^utudi. 6imon$btotrabrttt SBieitsStagratt 11 . trigitjgr <poftuetfuit i - @tpoct V. meindemitglied von Sfax — ihr glaubt wohl, daß «ich das in unserer glücklichen, ruhigen Zeit nicht ereignen kann, in einer unserer reizenden Städte: Ein Muselman kaufte in der kleinen Werkstätte unseres jüdischen Goldarbeiters ein Schmuckstück. Die Sache war nicht leicht — und mit einem Schlag sah man den Beduinen wie einen Wolf den Juden anspringen und hörte ihn schreien, daß dieser Ungläubige gewagt habe, den Propheten zu beschimpfen. Unser Jude wurde nach Driba geschleppt, wo der Araber triumphierend ein „Dokument" mit hundert Unterschriften zeigte, die alle bestätigten, daß der „Jude" Allah und seinen Propheten geschmäht habe. Die Sache war klar. Nur derTod konnte dieses Verbrechen sühnen. Was konnte der Goldschmied dem entgegenstellen? Er verlangte seinen Abtransport zu den Seinen und — sagte ich euch bereits, daß der Mann sein Atelier in einem ganz engen Sacfcgäßchen hatte? — bat den Richter, mit den Zeugen konfrontiert zu werden. In dem winzigen Laden, wo kaum drei Personen nebeneinander Platz hatteu ... hundert Zeugen sollten in diesem kleinen Loch aufmarschieren . . .! Was mit dem Goldschmied geschab, weiß ich nicht. Vermutlich wurde er wieder freigelassen. Das ist eine eiufache Geschichte aus Tunis, wie all die anderen, die ich aus meinem Gedächtnis erzähle — eine kleine Komödie aus Sfax, die sich aber sehr leicht in eine Tragödie verwandeln könnte. Einfache Geschichten, die ich euch zum Nachdenken überantworte. Der amtlidte Lugenfeldzug vorbereitet Spezfalberidit der „Neuen Welt" aus Palästina So denkt der künftige Beherrscher des amtlichen' Pressedienstes. Er klammert sich an die haarsträubende Lüge vom Juden, der dem Araber in Palästina Luft and Boden raubt. Wie ein roter Faden wird sich diese Lüge durch alle Kundgebungen ziehen und die Atmosphäre vergiften. Das Märchen vom bösen Juden, der dem armen Araber in Palästina den Boden und die Existenz streitig macht, ist Grundlage der Politik der Palästina- Regierung geworden. Diese Regierung, berufen, das Mandat zu hüten und den Aufbau des jüdischen Nationalheims zu fördern, organisiert einen förmlichen Lugenfeldzug gegen den jüdischen Arbeiter und Bodenkäufer. Typisch hiefür ist die jüngst erfolgte Betrauung des in Palästina wohlbekannten Herrn F e r o n mit der Bildung eines Pressebüros der Palästina-Regierung. Herr F e r o n, früher hoher Beamter im Regierungssekretariat, ist als A n t i z i o n i s t bekannt. Ein Gespräch, das er nach dem Erscheinen des Passfieldschen Weißbuches mit einem jüdischen Journalisten führte, und das dann den Weg in die Zeitungen fand, ist hier noch in frischer Erinnerung. Der Journalist sagte, daß das Weißbuch die Vernichtung der jüdischen Arbeit in Paläst in a bedeute. Darauf erwiderte Herr Feron: „Sehr richtig! Die Juden haben bisher wunderbare Arbeit im Lande geleistet. Aber nun stop! Nun müßt ihr aufhören!" Der Journalist entgegnete, daß die Juden n i e ihren Entschluß, nach Palästina zurückzukehren aufgeben werden, weil sie sonst in Diaspora zugrunde gehen müßten. Da sagte Herr Feron: „Wenn weiterhin Juden nach Palästina kommen, müssen die Araber hier zugrunde gehen. Wenn zwei Durstige in der Wüste der Gefahr des Verschmachtens ausgesetzt sind, und der eine hat noch ein Glas Wasser: Muß er dem anderen das Wasser geben, ihn retten und selbst zugrunde gehen?" Ein günstiger Zufall will es, das gerade jetzt ein Brief bekannt wird, der die Niederträcht der Feronschen Lüge kraß beleuchtet. Profeossr Dr. Elwood Mead, Nichtjude, Erster Sachverständiger der Regierung der Vereinigten Staaten in Landwirtschaftsangelegenheiten, hat vor einigen Jahren die agrarischen Verhältnisse in Palästina lang und gründlich studiert. Mit Bezug auf die letzte Sitzung der Mandatskommission de« Völkerbundes, vor welcher der britische Vertreter das Feronsche Lied vom verdrängten und verschmachtenden Araber sang, schreibt er an seinen Freund Professor Felix Frankfurter vom Haward College in Cambridge: „Ich habe die Lektüre des Berichts der Mandatskommission bezüglich Palästinas beendet und die Erklärungen und Einwände des Herrn Van Rees (Verteidiger des Zionismus) mit Genugtuung aufgenommen. England ist hoffnungslosem Unrecht, wenn et von einer schlechten Lage der Araber als Resultat der jüdischen Entwicklung spricht. Die englische Regierung versteht entweder nicht die Bedeutung der Landarbeit der Juden oder will sie absichtlich entstellen. Sie sagt nichts über das jüdische Sanierungswerk, Finger), baumelt eine Zigarette und bei jeder Bogenbewegung fällt Asche auf die Saiten. Ein junger Mann mit mächtigem Gesicht, der bei der Tür sitzt, überschüttet ihn darojb mit einem ganzen Eimer Hohn. Der Alte bemerkt das nicht, tut weiter seine Arbeit, geht nach dem Hochzeitsmotiv in eine Art Shimmy über, dann in ein Volksliedchen, um schließlich die Geige hinzulegen, einen Blechteller hervorzuziehen und abzusammeln. Nach dem Einstreifen der Münzen dankt « mit einem heiseren Marsch, den die andern mitsingen. Als es mit dem Dankmarsch zu Ende gegangen ist, er die Hand schon auf der Türklinke hat, hält ihn plötzlioh der Bursche mit dem großen Gesicht zurück. „Vetter", sagt er, „spielt Ihr alles aus dem Kopf, nicht nach Noten?" Der Musikant macht hastig kehrt und schreit wütend: „Nach Noten? Nein! Alles auswendig! Wer braucht Noten? Sie", brüllt der Alte ihn an, „kennen dooh bestimmt Noten! He?" Der Bursche hat es auf einmal sehr eilig, in seine Barschtsch- Schüssel zu starren. Alle lachen. „Wenn man selbst nichts kann, soll man den andern nicht frozzeln". sagt der Alte und greift mit der Hand in die Rocktasche, der er ein Paket Papiere entzieht. Stolz zeigt er es allen: »•Noten, Noten! Denn wenn man Noten haben will — Reb Chaskel kennt auch Noten. Ob ich Noten kenne!" Er entfaltet ein zerknittetes Blatt, legt es auf den Ti»ch des Burschen mit dem große» Geeicht and legt ein Konzert los, aber ein wirkliches Konzert, dessen Titel er ein wenig spät bekanntgibt: Conzerto B-wolI Marzini. Ein paar Stimmen schallen als Echo zurück: „Ah, ah, Marzini!" Und der alte Jude zeigt, was er kann, klettert hinauf wie eine Schnecke auf eineu Baum, trillert oben am Steg, um hinabzukriechen in ein leises Lied einer verwaisten jüdischen Braut, das halbe Zigarettchen immer noch zwischen den segengespreizten Fingern. Sicherlich behagte ihm jetzt der Beifall viel mehr als jenen, die in einem modischen Konzertsaal spielen, die Konzertisten. „Habt ihr's gehört, habt ihr's gehört?" ruft er voll Vergnügen und Genugtuung aus. „Gewiß, gewiß, gehört!" Und eine alte Frau seufzt: „Oj, oj!" Und eine andere fragt: „Habt Ihr schon eine Antwort au6 Russenland, Dvojrele?" „Ja, bekommen aus Russenland einen Brief, schreibt er...", aber die weiteren Worte Dvojreles ertrinken in plötzlich aufschmetternden Jazztönen, die aus einem der Kaffeehäuser beim Pere Lacbaiser Friedhof kommen. Und plötzlich ein Kreis von jungen Menschen vor diesem Cafe, Juden und Franzosen. Unweit vom jungen Volk bleiben auch die alten Frauen für eine Weile stehen, mit neugierigen Augen die Szene betrachtend, die so ganz anders ist als in der alten Heimat des Ostens. Die ewige Luge vom Ritualmord Was eine Zeitung im Jahre 1721 zu berichten weiß Wenn ein neues Ritualmordmärchen irgendwo auf» flattert, dann staunen die Juden darüber, daß „so etwas" noch ernstgenommen wird. Wen man aber in Betracht zieht, mit welch eiserner Konsequenz Jahrtausende hin* durch die Lüge vom Blutritual der Juden von den hoch« sten Stellen und von Seiten der „Intellektuellen" jeden Zeitalters durch Wort und Schrift verbreitet wurde, ver« lernt man das Staunen. Aus Anlaß ihres Jubiläums veröffentlicht die Ber» liner „Vossische Zeitung", eine der ältesten Europas und der ganzen Welt, Auszüge aus alten Jahrgängen. In der Nummer vom 30. August 1721 findet sich eine Ge» schichte über Ritualmord der Juden. Die Zeitung erschien damals in ganz kleinem Format und sehr dünn. Die Nachricht, die wir im Wortlaute des Originals wieder* geben, stellte also den wesentlichen Teil einer ganzen Nummer dar. Man kann sich unschwer ein Bild davon machen, wie stark die Wirkung auf den Leserkreis, dem ja damals eine „Zeitung" als Orakel erschien, gewesen sein muß. Die Nachricht lautet: Aus Italien, den 30. Aug. Zu Ferrara haben die Juden ihren vergeblich erwarteten M e ß i a m zu fin* den vermeinet, doch sind sie abermahl betrogen, weil sie den rechten nicht finden wollen.

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